RUSSLAND »Danke, Söhnchen«
Wäre Wladimir Putin nicht Herr, sondern Knecht, nicht Oberhaupt, sondern russischer Durchschnittsuntertan, beispielsweise im Gebiet Jaroslawl 250 Kilometer nordöstlich von Moskau, so könnte der heute 48-jährige Staatschef gerade noch auf gut zehn Lebensjahre rechnen: Männer dieser Region, sagt die Bevölkerungsstatistik, haben eine mittlere Lebenserwartung von 58,7 Jahren - eine der niedrigsten in Europa.
Abseits der Metropole, wo Spezialkrankenhäuser, Leibärzte, Regierungssanatorien und regelmäßige Durchsichten leitender Kader-Körper so selten vorkommen wie privilegierte Patienten, gibt es Prophylaxe und Heilung vornehmlich aus dem Blechnapf: manchmal das Notwendigste, manchmal nicht einmal das.
In Sarafonowo, eine halbe Autostunde von der Bezirkshauptstadt Jaroslawl entfernt, heilt Alexej Besnisko, 26. Als er pünktlich um neun Uhr sein Ambulatorium aufschließt, eine stolz als »kommunale Einrichtung des Gesundheitswesens« ausgewiesene Steinbaracke, haben sich im Unkraut jenseits der Dorfstraße lediglich drei Fälle zusammengefunden, freilich für eine andere Fakultät: zwei magersüchtige Kälber und ein lahmender, von Flöhen malträtierter Hund.
Dennoch kein Indiz für einen leichten Tag. Gestern waren es 30 Patienten und danach noch fünf Hausbesuche, sagt Besnisko. Und während er den weißen Kittel überstreift, schlurfen bereits die ersten Gummigaloschen über den Flur, fragen erste zaghafte Stimmen, ob Alexej Alexejewitsch wohl schon empfange.
Wenige Dörfler freilich wissen, dass sie gemeinsam mit ihrem Doktor an einem Experiment teilnehmen, welches von oben wie von außen aufmerksam verfolgt wird. Denn Besnisko, seit einem Jahr ordiniert und im Dienst, gehört zur in Russland noch raren Spezies der Familienärzte. Und die, hoffen aufgeschlossene Gesundheitsbürokraten und ausländische Berater, könnten einen Ausweg weisen aus Russlands malader medizinischer Versorgung.
Jedes zehnte Krankenhaus des Landes ist selbst ein Notfall und verfügt nicht einmal über Wasseranschluss. Jedes siebte ist ohne Kanalisation, mehr als ein Drittel ohne warmes Wasser. Die hygienischen Zustände sind oft katastrophal, die Pflegebedingungen nicht besser. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation über die medizinische Versorgung in 191 Mitgliedsländern verwies Russland hinsichtlich der Leistungsfähigkeit auf Platz 131, unter dem Aspekt sozialer Gerechtigkeit der Kostenverteilung sogar nur auf Position 185.
»Wer in Russland krank wird, muss bei guter Gesundheit sein und starke Nerven haben«, schrieb unlängst ein Hauptstadt-Blatt. Selbst in der Glitzerstadt Moskau verbringen die kleinen Leute bis zu sieben Stunden auf Korridoren von Polikliniken, bevor ihnen - vielleicht - der Puls gefühlt wird. Wer die Zeit zum Zuhören nutzt, kann eine Gruselgeschichte des russischen Gesundheits-Gulag schreiben:
Über betrunkene Ärzte, die während des Studiums der Krankenakte einnicken. Über Provinzkliniken mit null Pflegepersonal, wo Angehörige alle Mahlzeiten anschleppen, ihre Lieben waschen und dann auch noch die Fußböden putzen. Über Spezialisten, die nur gegen Handgeld in Dollar empfangen. Über Landambulatorien, wo Patienten vom Verbandmaterial bis zum Röntgenfilm alles selbst kaufen und mitbringen müssen. Über Kommunalbehörden, die ihren Ärzten immer wieder Bezahlung in Naturalien aufnötigen - von Kartoffeln, Brennholz, einem Schwein bis, wie jüngst im Gebiet Nischni Nowgorod, zu ein paar Fuhren Dung für den Doktoren-Acker.
Daran gemessen geht es den Leuten von Sarafonowo noch gold. »Ein guter Mann, unser neuer Arzt«, lobt eine der wenigen jungen Patientinnen. Vorigen Winter habe er sich sogar im Dorf einquartiert, weil er wegen des vielen Schnees im Ernstfall vielleicht nicht rechtzeitig herübergekommen wäre: »Er tut, was er kann, aber wie lange wird er denn bleiben? Die Volksgesundheit ist denen da oben doch nur noch Kopeken wert.«
Besnisko kommt mit einer 15-prozentigen Provinzzulage und ein paar Extras auf 1800 Rubel im Monat, umgerechnet knapp 130 Mark. Ihm helfen ein Kinder- und ein Zahnarzt, ein Feldscher, zwei Krankenschwestern und zwei Pflegerinnen - alle für noch kläglicheren Lohn.
Diese medizinische Streitmacht samt ihrer Vermunitionierung, von Gehältern über Medikamente bis zum Stromverbrauch, lässt sich der Dorfsowjet im laufenden Jahr 403 500 Rubel kosten, das entspricht 29 000 Mark - nicht einmal 15 Mark für jeden der 2000 Einwohner in Besniskos Sprengel mit 56 Ortschaften. Öffentliche Armut gestattet keine bessere Alimentierung: Auf jeden Durchschnittslohn zahlen russische Arbeitgeber und erhalten regionale Einrichtungen der obligatorischen staatlichen Krankenversicherung den Gegenwert von knapp 50 Mark.
Heute erreichen die öffentlichen Ausgaben für die Bürgergesundheit gerade noch drei Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts (Deutschland: 8,3 Prozent). Medizinisches Gerät ist deshalb im schmalen Budget des Dorfarztes Besnisko so wenig vorgesehen wie fachlicher Erfahrungsaustausch via Internet. Die Gebühren dafür muss er selbst zahlen, sein Computer samt Modem stammt wie das EKG-Gerät, die Laborausstattung, der Brillenkasten und manches andere Praxis-Inventar aus einer 14 000 Mark werten Spende der deutschen Johanniter, die auch für Medikamentennachschub aus Bundeswehr-Beständen sorgen.
Den Kontakt organisierte Dr. Martin Friedrichs, einst Arzt an der Deutschen Botschaft in Moskau und heute ihr Berater in Medizin-Angelegenheiten. Er fand Dorf und Doktor am Rande eines ambitionierten Tacis-Projekts der EU, welches über zwei Jahre lang dem Medizin-Management im Jaroslawler Gebiet und einer weiteren russischen Provinz aufzuhelfen suchte.
Bis April dieses Jahres durften leitende Werktätige des Gesundheitswesens weiterbildende Reisen nach England und Italien machen, sich auf Seminaren effektivere Verwaltungsmethoden antrainieren lassen und für ihre Behörden 61 Computer, 23 Drucker, 7 Kopierer und weiteres Bürogerät vereinnahmen. Gesamtkosten von »Edrus 9702« (EU Tacis Russia Health Care Management Project): zweieinhalb Millionen Euro.
Die Bettlägerigen in Besniskos Dörfern wissen nicht, was sich der reiche Westen den Nachhilfeunterricht für die postsozialistische Leitungstätigkeit hat kosten lassen. Sie ahnen nicht, dass diese Summe für vielleicht 500 Besniskos und deren elementares Handwerkszeug gereicht hätte.
Aber alle spüren, dass ihr Familiendoktor etwas anderes will, etwas Neues: nicht nur Leiden kurieren, sondern vor allem Gesundheit erhalten. So überredet der Pilzkenner schon mal einen hartnäckigen Wodka-Spezi, an dem bereits alle staatlichen Entzugsprogramme abgeprallt sind, es mit gebratenem Nawosnik (Mistschwamm aus der Gattung der Tintlinge) zu versuchen. Der verursache bei Schnapsgenuss eine sehr verlässliche, lang anhaltende und bekömmliche Übelkeit.
»Ohne Alexej Alexejewitsch wäre ich längst tot«, sagt die Rentnerin Anja Sabotina, 76, im Dorf Smena, die seit einem Schlaganfall fast gelähmt in ihrer Kate liegt: »Er kommt jede Woche vorbei, bringt Arznei mit, hilft im Umgang mit Behörden und hat sogar Zeit für einen Schwatz - so etwas kannten wir hier früher nicht.« Eine andere, 94 Jahre alt, im Nachbarort Sjablizi, formuliert es schlichter: »Danke, Söhnchen, wie war doch gleich Ihr Name?«
Auch Professor Klaus Thielmann, Leiter der inzwischen ausgelaufenen Tacis-Unternehmung, ist »sehr dafür, mehr Inseln wie Sarafonowo zu schaffen«. Er weiß freilich um die Widerstände innerhalb der russischen Ärzteschaft und unter Gesundheitsbürokraten, wo »gut ausgebildete Allgemeinmediziner oft noch erheblich geringer bewertet werden als Spezialisten«.
Ein anständiger Doktor beginnt in Russland erst beim Facharzt, für welchen Körperteil auch immer. Praktische Ärzte, vor allem auf dem flachen Lande, gelten dem Medizin-Kartell dagegen als Rückschritt in die vormoderne und vorrevolutionäre Vergangenheit des Landes, wo der »Semstwo«-Doktor des Landkreises oft über Hunderte von Quadratkilometern der einzige Heilkundige war.
Zwar will das Gesundheitsministerium noch 40 Landarztstellen nach dem Vorbild von Sarafonowo einrichten - Musterpraxen, für die bislang Mittel fehlen. Und wohl auch die Jungmediziner, die eine solche Aufgabe »nicht als Lückenbüßerei für elementare Bedürfnisse der medizinischen Betreuung« (Thielmann) missverstehen.
In Sarafonowo »haben wir Glück gehabt«, urteilt Berater Thielmann. Besnisko verstehe sich bereits als »Vertreter eines leistungsfähigeren Betreuungsprinzips«; nun müsse alles getan werden, seine »Motivation aufrechtzuerhalten«.
Das freilich ist die einfache Sache, die in Russland so schwer zu machen ist: Die Gemeinde hat ihrem Medikus zwar ein Grundstück geschenkt, doch bauen soll er darauf selbst - bei seinen Einkünften unmöglich. Beweglich soll er sein und immer vor Ort, aber ein eigenes Auto oder ein Mobiltelefon stehen nicht zur Verfügung.
Aus seinem Studienjahrgang, sagt Besnisko, haben fünf den Beruf gewechselt »und nicht die schlechtesten«. Sie gehen dahin, wo man genug verdient, um die Familie durchzubringen. »Wir werden erbärmlich bezahlt«, die Ex-Kollegen würden »ebenso gute Geschäftsleute«.
Besnisko hat keinen Albert-Schweitzer-Komplex. Er wollte seit seiner Kindheit »einfach wissen, wie der menschliche Körper funktioniert«. Davon sieht er nun viele, vom harten russischen Landleben gequälte Exemplare. Er ist wohl, wie sein deutscher Kollege und Sponsor Friedrichs sagt, »ein intelligenter, tüchtiger Arzt, der seine verantwortungsvolle Aufgabe kennt«.
Jedenfalls kümmert ihn die Geringschätzung der Kollegenschaft wenig, solange er den Respekt seiner Patienten verspürt. »Und der wächst umso mehr«, hat er in seinem ersten Jahr Fronteinsatz gelernt, »je schlechter es den Menschen geht.« JÖRG R. METTKE