DANN KAM HITLER - DER SPIEGEL
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DIE NACHT DER LANGEN MESSER ... DANN KAM HITLER

• aus DER SPIEGEL 22/1949
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Kontinuität der parlamentarischen Verhältnisse im Staate Preußen unter der zielbewußten Führung der Regierung Braun-Severing stand bis zum Jahre 1932 als ein Hort demokratischer Autorität im schroffen Gegensatz zu den haltlosen Zuständen im übrigen Reich. Erst die Wahl zum preußischen Landtag am 24. April 1932 machte das Ueberhandnehmen des Radikalismus auch in Preußen augenfällig. Die Gewöhnung an die preußische Stabilität ließ die berühmte Aktion der Reichsregierung, durch die das preußische Kabinett am 20. Juli 1932 durch einen »Reichskommissar« ersetzt wurde, als einen undemokratischen Akt, ja als Komplott gegen die Demokratie selbst erscheinen.

Bei den Reichstagswahlen im November 1932 verlor die NSDAP über zwei Millionen Stimmen, blieb aber mit ihren 196 Mandaten im Reichstag immer noch die beherrschende Partei, ohne die eine Mehrheitsbildung nicht möglich war. Auf Grund dieser Lage trat das Kabinett Papen zurück, um den Weg für eine neue Regierungsbildung freizumachen.

Ohne Neuwahlen. Die nun von den Parteien, besonders dem Zentrum, eingeleiteten Verhandlungen zur Bildung einer Mehrheitsregierung unter Hitler blieben erfolglos, weil Hitler eine solche Mehrheitsregierung ablehnte. In dieser Situation schlug Papen dem Reichspräsidenten vor, den Reichstag aufzulösen und die Neuwahl für eine bestimmte Zeit auszusetzen. In diesem Zeitraum wollte man die schon seit Jahren geforderte Wahlrechts- und Reichsreform vorbereiten und einer Nationalversammlung zur Entscheidung vorlegen. Außerdem sollte in der Zwischenzeit die vielberufene wirtschaftliche Besserung im Reich der geschwächten NSDAP weiteres Wasser abgraben. Hindenburg stimmte diesem Vorschlag zunächst zu (am 1. Dezember 1932) und beauftragte Papen mit der Neubildung einer Regierung mit diesem Programm.

Am 2. Dezember 1932 erklärte der Reichswehrminister von Schleicher, daß Reichswehr und Polizei einem sich aus dieser Situation ergebenden Staatsnotstand nicht gewachsen seien. Er erklärte, daß es ihm durch die Spaltung der NSDAP und die Abzweigung des sogenannten Strasserflügels möglich sein werde, eine Regierungsmehrheit im Reichstag zu finden. Daraufhin wurde er am 2. Dezember 1932 zum Reichskanzler ernannt.

Aber im Laufe des Januar wurde es offensichtlich, daß eine Spaltung der NSDAP nicht mehr zu erwarten war. Gregor Strasser wurde aus der Partei ausgeschlossen, ohne daß sein Anhang sich von Hitler trennte. Es war vorauszusehen, daß das Kabinett Schleicher in der für den 30. Januar 1933 vorgesehenen Reichstagssitzung keine Mehrheit erhalten würde. Es war ebenso sicher, daß bei einem Scheitern der Regierung Schleicher als einzige Lösung nur noch die Betrauung Hitlers mit der Reichskanzlerschaft in Frage käme. Trotz dieser klaren Erkenntnis beschloß der Aeltestenrat des Reichstages am 24. Januar gegen die Warnungen des Staatssekretärs Plank, den Zusammentritt des Reichstages endgültig für den 30. Januar festzusetzen, d. h. mit kurzen Worten, daß die Weimarer Parteien, die im Aeltestenrat die Mehrheit hatten, bewußt den Termin für den Regierungsantritt Hitlers auf den 30. Januar 1933 festsetzten.

Unter keinen Umständen. Sie hatten dem »Bürgergeneral« Schleicher keine Chance geben wollen, obwohl er das Wort erneuert hatte, daß man auf den Spitzen der Bajonette nicht regieren könne, und obwohl er sich um die Rückendeckung der Gewerkschaften werbend bemüht hatte.

Der erfahrene und bedächtige sozialdemokratische Gewerkschaftsführer Leipart hätte ihm ebensowenig die Hilfe versagt wie Männer vom Schlage des aufrechten Noske, der noch die Erfahrungen in sich trug, die er bei der tapferen Bändigung der chaotischen Kräfte 14 Jahre früher gesammelt hatte. Man kann sich auch nicht denken, daß sich Männer wie Severing diesem Ausweg versagt hätten, obwohl Severings Resignation gerade durch einen Zweifel an Schleichers Loyalität - ich fürchte durch ein tragisches Mißverstehen des Listenreichen - ausgelöst war. Durch Noske haben wir erfahren, daß der Fraktionsführer der Sozialdemokraten, Dr. Rudolf Breitscheid, unter keinen Umständen die Tolerierung Schleichers gestatten wollte. Der verhängnisvolle Entschluß stellt alle jene Irrtümer in den Schatten, denen der gemeine Mann in der Folgezeit verfiel.

»Schleicher hatte den Führer der Gewerkschaften, Leipart, zu einer Aussprache über eine Zusammenarbeit mit den Vertretern der organisierten Arbeiterschaft gebeten. Im Vorstand der Sozialdemokratitischen Partei hatte man davon gehört. Leipart wurde aufgefordert, vor dem Gespräch mit Schleicher in das Parteibüro zu kommen. Dort wurde ihm von Breitscheid eröffnet, daß die Parteileitung jede Zusammenarbeit mit dem Reaktionär Schleicher ablehne und dieselbe Haltung von ihm erwarte. Leipart, der mir diese Unterhaltung geschildert hat, fügte sich dem Parteigebot. General Schleicher war gewiß nicht das Ideal eines Staatsmannes. An seiner Entschlossenheit, unter einem Ermächtigungsgesetz den Nationalsozialisten Halt zu gebieten, hege ich nach dem Gespräch, das ich in jenen Tagen mit ihm hatte, keinen Zweifel. Er mußte als Reichskanzler abtreten. Dann kam Hitler!« (Aus dem Buch von Gustav Noske: »Erlebtes aus Aufstieg und Niedergang einer Demokratie«.)

Halunken. Spannung und Angst lagen an jenem Wintertag des 30. Januar über dem Ministerium des Innern Unter den Linden. Die Atmosphäre ist so wenig rekonstruierbar wie die Nebel über dem Teltow-Kanal in jenen trüben Tagen; aber sie wog schwerer als alles, was geschah und was geredet wurde. Sie hatte sich schnell über die Stadt und das ganze Land gebreitet. Am späten Nachmittag fuhr der ehemalige Hauptmann und nunmehrige Minister Göring mit seinem Adjutanten Körner vor dem Hause Unter den Linden Nr. 76 vor. Die Ministerialbeamten waren über die Dienststunden hinaus im Hause geblieben. Göring konnte noch nicht lange sein Ministerzimmer betreten haben, als ich durch Körner gerufen wurde; er hatte sich nach meinem Zimmer durchgefragt. Der Herr Minister wolle mich sprechen. Der Empfang war reichlich unministeriell:

»Ich will mit den Halunken, die hier im Hause sitzen, nichts zu tun haben. Gibt es überhaupt anständige Menschen hier?« das war seine Anrede. Dann eröffnete er mir, daß er sich über die wichtigsten Personalien unterhalten wolle. Ich erwiderte, daß ich ihm beim besten Willen keine Ratschläge geben könne; der Staatssekretär von Bismarck (der Nachfolger des Staatssekretärs Abbegg) sei sein Vertreter. Er warte meines Wissens darauf, von ihm gerufen zu werden.

»Dieser Kerl soll sich ja nicht vor mir blicken lassen, der wird als erster nach Hause geschickt«, war seine Antwort.

»Dann empfehle ich Ihnen, mit dem Ministerialdirektor Schütze, dem Chef der Personalabteilung und der politischen Gruppe, zu sprechen.« Ich lobte, so gut ich mich dem neuen Jargon angleichen konnte, die Beamtentugenden meines unmittelbaren Vorgesetzten Schütze. Als er sich entschloß, Schütze kommen zu lassen, war die erste Bresche in die revolutionären Entschlüsse des Herrn Hauptmanns geschlagen. Ich war sicher, daß sie sich bald erweitern würde. Ich kannte die Geschicklichkeit der oberen Beamten des Hauses.

Elefant im Porzellanladen. Doch mehr als Geschicklichkeit bewirkte eine tapfere und überlegene Geste, die Göring überzeugte und entwaffnete. An einem dieser Tage ließ er mich kommen, um vor mir ein erstes Exempel seines Wohlwollens und seiner Fähigkeit zu einer besseren Einsicht und beginnender Regierungsweisheit zu statuieren:

»Ich möchte natürlich nicht wie der Elefant im Porzellanladen wirken. Wer von den Beamten zur Disposition gestellt wird, soll Gelegenheit haben, sich vor mir auszusprechen. Ich habe einen sehr guten Eindruck von dem Ministerialdirigenten Gräser bekommen, den ich schon entlassen hatte. Ich habe ihn aber noch einmal empfangen und angehört. Das ist ja ein ganz vortrefflicher Mann. So einer muß natürlich im Dienst bleiben.« Der »alte« Herr Gräser war in der Tat eine untadelige Beamtengestalt.

Göring ließ mich in jenen Tagen nicht mehr von seiner Seite weichen. Meine Kollegen fanden keine Erklärung für Görings Vorliebe für meine Person. Das mußte von langer Hand von mir vorbereitet gewesen sein. In Wirklichkeit lag die Sache so, daß Göring mich als einzigen aus der verruchten Gesellschaft um Severing schon vor dem 30. Januar kennengelernt hatte.

Das hatte sich auf folgende Weise zugetragen: Im Herbst 1932 hatte mich der »Reichskommissar« Bracht, der nach der Reichsexekution vom 20. Juni als Regierungschef in Preußen fungierte und alles tat, die Nationalsozialisten nicht zu reizen, gebeten, den »Hauptmann« Göring aufzusuchen. Göring habe sich, erklärte mir Bracht, mündlich bei ihm über das Verhalten der Berliner Polizei bei dem großen Berliner Straßenbahnerstreik beschwert. Ich solle nun die polizeilichen Maßnahmen rechtfertigen und versuchen, Göring zu beschwichtigen.

Das ist der Mann. Ich hatte an jenem bedeutungsvollen Tag von meinem Büro Unter den Linden aus die Entwicklung des Streiks verfolgt. Die Kommunisten hatten ihn begonnen. Es war eine kommunistische Kraftprobe. Sie ließ sich lahm an. Die polizeilichen Meldungen, die aus allen Teilen der Stadt einliefen, ließen zunächst nur unklar die Tendenz und den Umfang des Streiks erkennen. Wenn sich die Nationalsozialisten beteiligten, konnte er sich unter dem vereinigten Terror der Radikalen zu dem lange schon von der Regierung befürchteten Generalstreik auswirken. In der Umgebung Schleichers war man sich klar geworden, daß Polizei und Reichswehr einem allgemeinen Generalstreik nicht gewachsen seien. Es stand an diesem Tage zu erwarten, daß unter der Bürgerkriegsdrohung schon jetzt eine politische Entscheidung zugunsten Hitlers erzwungen werden könne. Am Vormittag gab es noch Prügel zwischen demonstrierenden Nationalsozialisten und Kommunisten. Nachmittags gegen 5 Uhr teilte mir der Polizeipräsident von Berlin mit, daß die Nationalsozialisten auf die Seite der Streikenden übergegangen seien. Sie brachten gemeinsam Straßenbahnwagen zum Entgleisen, demolierten die Wagen und schlugen ihre Fensterscheiben ein. Litfaßsäulen wurden umgestürzt, zerschlagen und in Brand gesteckt und Polizeibeamte malträtiert und entwaffnet.

Ich eilte zum Reichskommissar Bracht, um ihn zu unterrichten. An diesem Tag war es entschieden, daß Hitler dem Kabinett Papen-Schleicher keine Konzessionen mehr machen würde. Meine Unterredung mit Göring, die im Reichstag stattfand, hatte den gewünschten Erfolg. Der erste Eindruck, der mich bei seinem Anblick ergriffen hatte, war ein angenehmer gewesen. So mußte ein Mann sein, der alles Zeug zur Volkstümlichkeit mitbringt. Alle Behaglichkeit und Umgänglichkeit schien er in seinem Embonpoint zu beherbergen. Damals hatte gerade ein deutschfranzösisches Fußballänderspiel stattgefunden, bei dem Göring als Gast und Zuschauer begeistert begrüßt worden war, und der französische Botschafter hatte, auf ihn deutend, zu Papen geäußert: »Das ist der Mann, den Deutschland heute braucht.«

Versöhnungsagent. Es ergab sich noch einmal ein Anlaß, den inzwischen zum Reichstagspräsidenten avancierten Hauptmann als bewährter Versöhnungsagent zu besuchen. Unmittelbar nach der Auflösung des Reichstags im Dezember 1932 hatten Nationalsozialisten und Kommunisten den Eindruck erweckt, als ob sie als Rumpfparlament den Auflösungsakt ignorieren und weitertagen wollten. Bracht hatte mich an jenem Tag beauftragt, Vorbereitungen zu treffen, um durch Kriminalbeamte der Abteilung IA die opponierenden Abgeordneten gewaltsam aus dem Sitzungssaal entfernen zu lassen.

Schleicher, der Reichskanzler geworden war, und Bracht unternahmen damals alles, um die seltsame kommunistisch-nationalsozialistische Brüderschaft zu trennen. Doch alle gegen die Kommunisten angewandte Schärfe hatte bisher den Nationalsozialisten nicht imponieren können. An diesem Tage tauchte die Idee auf, den Nationalsozialisten, wenn man ihnen schon weh tun mußte, durch einen Schlag gegen den kommunistischen »Staatsfeind« zu gefallen. Nachdem schon einmal der Entschluß gefaßt war, in den Reichstag einzudringen, sollten im unmittelbaren Anschluß an die Räumung des Sitzungssaales die Fraktionsräume der Kommunisten durchsucht werden. Es wäre in einem hin gegangen. Wegen der rechtlichen Bedenken konnte ein Urteil des Reichsgerichts beruhigen, das in diesen Tagen zum ersten Male klar entschieden hatte, daß unter bestimmten Voraussetzungen kommunistische Betätigung Hochverrat sei.

Bei der politischen Polizei galten drei Orte als die Ausgangspunkte und Befehlsstellen der illegalen und terroristischen Akte der Kommunisten: die russische Handelsdelegation, das Karl-Liebknecht-Haus und die Räume der kommunistischen Reichstagsfraktion. Nun sollte der Bruch der Immunität des Hauses dadurch gerechtfertigt und bei den Nationalsozialisten in das rechte Licht gerückt werden, daß hochverräterisches Material aus der Zentrale der KPD herausgeholt wurde. Völlig neu war ein solcher Schlag gegen den Reichstag nicht. Einige Monate vorher war bereits der Polizei-Vizepräsident Weiß an der Spitze eines Polizeikordons in den Reichstag eingedrungen, um die nationalsozialistische Fraktion mit Brachialgewalt aus dem Sitzungssaal zu entfernen und ihren Radauszenen ein Ende zu machen.

(Fortsetzung folgt)

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