»Dann wird alles anders« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 6 / 101

»Dann wird alles anders«

• aus DER SPIEGEL 5/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwischen Flugblättern, Anti-Kriegs-Aufrufen und Berichten von der Flughafenblockade hängt am Schwarzen Brett der Gesamtschule Hamburg-Horn ein Gedicht. Matthias Claudius hat es verfaßt, der mit den Kirchenliedern: »'s ist leider Krieg - und ich begehre, nicht schuld daran zu sein.«

Der Mann mag ein verstaubter Typ sein und seit 175 Jahren tot, aber er hat recht, findet Sandra, die 18jährige Aktivistin mit dem kirschrot gefärbten Haar. Sandra ist Schulsprecherin, reichlich übermüdet und seit gut einer Woche am Organisieren, und jetzt, am sechsten Tag des Golfkriegs, ist der Zeitpunkt für drastische Maßnahmen da: Um 12.15 Uhr am Dienstag mittag erklärt Sandra die Schule für besetzt. Um 12.20 Uhr aber sind die meisten Schüler schon daheim; nur ein versprengtes Grüppchen sitzt herum und wartet vergebens auf ein wenig Action.

So also geht es nicht. Die Jugendlichen, die sich in den Tagen nach dem Kriegsbeginn auf den Straßen drängeln, Kreuzungen oder Brücken blockieren, haben eines gründlich satt: daß sie »vollgelabert«, »eingeseift«, »über den Tisch gezogen« werden - daß sie keiner nach ihrer Meinung fragt. Eine Meinung haben sie nämlich, eine eigene sogar.

Merkwürdig viele, staunt Diana, 17, sind das da plötzlich, die demonstrieren. Daß sie selbst hier vor dem Hamburger US-Generalkonsulat an der Alster herumsteht, findet sie selbstverständlich, schon aus Prinzip. Diana, die sich mit schwarzer Lederjacke und Schnürstiefeln als geübte Demonstrantin ausweist, blickt hinunter auf ihren rechten Schuh. Darauf hat sie eine Kerze montiert, und fasziniert verfolgt sie, wie das rote Wachs über den schwarzen Treter rinnt. Sinnig sei das: »Wie Blut.«

Demo-Profi Diana findet sich und ihresgleichen in der Minderheit. Auf dem Rasenstück, 50 Meter von der Hamburger US-Vertretung entfernt, vor der rotweißen Polizei-Barriere wärmen sich Leute am Lagerfeuer, die Benetton- oder Hertie-Kleider tragen, gern mit amerikanischen Buchstaben auf der Brust. Ihre Kerzen halten sie brav in der Hand, und manche haben sich weiße Friedensbinden über die Stirn gestreift. Auf Demos, sagt Diana, hat sie diese Leute noch nie gesehen.

Diese Leute: Das sind die »Normalos«, die nicht nur Aktivisten wie Diana, sondern Pädagogen, Eltern, Politiker längst abgeschrieben hatten - als abgeklärt, anpasserisch, aufstiegsorientiert, als karrieregeil und maßlos verwöhnt. Diese Reihe, sagt die Benetton-Trägerin Katrin, 16, könnte sie noch beliebig weiterführen: Sie kennt die Klischees und hat sie satt. »Wir«, sagt sie, »das sind die, für die Selbstverwirklichung irgendwo zwischen Armani und Adidas liegt - in den Augen der Erwachsenen.« Aber vielleicht hat sie es auch selber geglaubt, vielleicht erklärt das den stolzen Blick in dem runden Kindergesicht, wenn sie an die Spontan-Kundgebungen vom ersten Kriegstag zurückdenkt: »Wir, die Laschis, waren als erste auf den Beinen.«

Von Pädagogen verführt, auf die Straße geschickt? Lachhaft, findet Katrin. Daß von den Lehrern wenig zu erwarten war, galt den Schülern als abgemacht; die 68er sind »ausgelutscht und abgelascht«, die noch älteren indiskutabel. Eher spärlich war das Unterrichtspersonal auf den Straßen vertreten, die meisten blieben zurück und wunderten sich: Was sind das für Kinder?

Was sind das für Fünftkläßler, die vor versammelter Schülerschaft nach dem Mikrofon greifen, ein Kurzreferat über die Entstehung der Golfkrise halten und damit schließen, sie fänden Krieg »überhaupt nicht gut«? Was sind das für Teenager, die, redegewandt und selbstbewußt, Lehrer, Eltern und Reporter belehren, daß die »diplomatischen Wege und Möglichkeiten« in Nahost »noch lange nicht ausgeschöpft« seien? Was sind das für Elfjährige, die in München aus dem Schulfenster steigen, weil der Rektor die Türen abschließen läßt, damit keiner demonstrieren geht?

»Hochinformiert« jedenfalls und »sehr ernst« sind seine Schüler, wie Dietrich Budack, Chef des Barmbeker Margaretha-Rothe-Gymnasiums, erfahren hat. Tag für Tag und zunehmend zermürbender hatten die Kleinen jenen furchtbaren 15. Januar herannahen sehen: »Da konnte man dann nur noch verstummen oder schreien. Und die Kinder haben geschrien.«

Keine Chance mehr für Eltern und Pädagogen, die Fassade einer sicheren Welt zu konstruieren. Bilder vom Kampf, vom Tod hat fast jeder Zehnjährige schon gesehen - im Fernsehen und auf Video. Und deshalb nützt es nichts, daß in diesem Krieg bisher kaum Tote oder Verstümmelte gezeigt worden sind: Die Bilder sind abrufbar in den Köpfen der Kinder, sie illustrieren die Begriffe, die derzeit die Debatten prägen - »Kampf« und »Tod«.

Nur darüber zu reden ist ihnen zuwenig, Nichtstun scheint unerträglich. Jan, neun Jahre alt, fährt auf seinem Fahrrad durch die Grünanlagen an der Alster. Alle 200 Meter hält er an und zieht eine Klarsichthülle vom Gepäckträger, in der ein selbstgemaltes Miniplakat steckt: Bomben explodieren darauf in Rot und Gelb, Panzer rattern. »Krieg ist kein Scherz«, hat der Junge dazu geschrieben, und solche Zettel will er in der ganzen Stadt verteilen: »Damit die Leute was denken.«

Sie tragen die Angst und die Wut auf die Straße, die aufgewühlten Gefühle müssen in Aktionen umgesetzt werden, irgendwie - in einem Maße, daß es kühleren Köpfen wie dem 17jährigen Niels bereits »ein bißchen mulmig« wird. Niels ist Sprecher der Hamburger SchülerInnenkammer, sitzt zur Zeit meistens am Telefon in dem mit Flugblättern vollgestopften Büro und nimmt Informationen über Demos wie Wasserstandsmeldungen entgegen: 10 000 Schüler in Kassel, 15 000 in Stuttgart, 20 000 in Berlin.

Wenn es sich um ältere, reifere Jugendliche handelt, freut ihn das, aber bei Massenaufmärschen von aufgewühlten Kindern beschleicht Niels, den Realisten, der Gedanke, »daß man da ein bißchen bremsen sollte«. Für gefährlich hält er die unerschütterliche Hoffnung vieler Kleiner: »Wenn wir 100 000 auf der Straße sind, glauben die, wenn wir eine Million Briefe an Saddam und Bush schicken, ist sofort der Krieg vorbei - wie naiv das ist, wissen die nicht.«

Frustrierende Erfahrungen sieht auch der Frankfurter Jugendtherapeut Jörg Bopp voraus: Schwer zu verkraften sei es für die Kids, sich auf der eindeutig richtigen Seite zu wissen und dann festzustellen, daß weder die Mächtigen noch die Mehrheit der Bevölkerung diesen Einsatz honorieren, daß die Erwachsenenwelt mit einer »penetranten Dickfelligkeit« auf die Proteste reagiert.

»Moralische Unbedingtheit« nennt Bopp die Haltung, mit der sich Jugendliche gegen die Logik der Älteren zur Wehr setzen - hartnäckig friedensliebend, wo die sogenannte Vernunft der Erwachsenen den Krieg verlangt. Daß die Proteste so plötzlich, so »eruptiv« entstanden sind, führt der Therapeut auf eine »große Enttäuschung« der Heranwachsenden zurück: Noch im vergangenen Jahr war in der Politik fast ausschließlich von Entspannung, von Verständigung, von einer friedlichen Zukunft die Rede - und viele haben es geglaubt.

Katja, die 14jährige, die blaß, mit vor Müdigkeit kleinen Augen vor dem US-Konsulat an der rot-weißen Polizeibarriere lehnt, hat noch nie bei »was Politischem« mitgemacht. Aber jetzt - jetzt muß sie, weil sonst überhaupt nichts mehr stimmt in ihrer Welt. Im Kindergarten, sagt sie, hat sie gelernt, »daß man nicht prügeln soll«, in der Kirche, daß Sanftmut Pflicht sei, und in Gemeinschaftskunde, daß Politiker für den Frieden kämpfen - »und jetzt hörst du, so ist das doch alles nicht gemeint, und die setzten auch noch unsere Umwelt aufs Spiel«. Davor, »daß der Saddam die Ölfelder abfackelt«, hat sie am meisten Angst, »weil, das betrifft ja uns«.

»Der Konsens ist: Die Politik hat versagt«, weiß Niels, der Schülersprecher. Auf einem Flugblatt haben er und seine Freunde formuliert, was sie von »denen da oben« verlangen: »Lieber 20 Jahre verhandeln als 20 Tage Krieg!«

Sie haben nicht, wie vor fast 25 Jahren die Demonstranten gegen den Vietnamkrieg, ein fertiges Konzept, eine politische Analyse in der Tasche, wenn sie marschieren. Und reichlich perplex reagieren altgediente Demonstranten wie Lizzy, 33, wenn die Steppkes auf der Straße sie nach Sinn und Zweck der Aktionen befragen und die entwaffnend schlichte Antwort erhalten: »Quatsch nicht lang, sei solidarisch.«

Ein Stück weit realistischer, illusionsloser als in den ersten Tagen des Protests sind viele schon geworden. Katja, die an der Alster Mahnwache schiebt, wundert sich nicht mehr, daß »die im Radio« nicht zur Demo aufrufen oder doch wenigstens die Termine durchgeben, und sie rennt auch abends nicht mehr so eilig heim zur Tagesschau, um zu gucken, ob sie dort vorkommt. Das müsse so sein, hatte sie anfangs gedacht, denn »in der DDR haben die ja auch jedes kleine Grüppchen mit Kerzen vor der Kirche gezeigt«.

Und so wie in der DDR hatte Katja, hatten viele sich das ursprünglich vorgestellt: »Erst sind's ein paar Leute, dann ist ein ganzes Volk in Aktion. Und dann wird alles anders.« Daran glaubt sie nicht mehr. Oder nur noch manchmal.

Zur Ausgabe
Artikel 6 / 101