»Dann wird die Mauer fallen«
SPIEGEL: Herr Bahr, wie bewerten Sie die Erklärung des SED-Politbüros - als wichtigen Schritt in Richtung Dialog wie der Kirchenmann Manfred Stolpe oder als ein nur verbales Einlenken wie die Oppositionspolitikerin Bärbel Bohley?
BAHR: Nach meiner Auffassung ist das die entscheidende Weichenstellung, nämlich weg von der bisherigen Verweigerung des Dialogs. Der erste Knoten ist aufgelöst. Damit beginnt ein Prozeß, für den man der DDR Ruhe lassen sollte. Selbstverständlich ist der Beschluß des Politbüros ein Kompromiß, weil er die Grenzen deutlich machen soll, bis zu denen der Dialog geht. Das wird nicht funktionieren, denn ich kann das Ergebnis des Dialogs nicht vorwegnehmen.
SPIEGEL: Glauben Sie denn, daß die diskreditierte SED-Führung einen solchen gesellschaftlichen Dialog überhaupt noch führen kann? In der DDR schon vom Ende der Ära Honecker die Rede.
BAHR: Die DDR hat jetzt eigentlich zum erstenmal die Chance, ihre Identität zu gewinnen, das heißt einen Zustand zu schaffen, in dem die Regierung von der Bevölkerung akzeptiert wird. Nur mit Schönheitsreparaturen wird sich die Bevölkerung nicht mehr zufriedengeben. Niemand hier ist mit der gegenwärtigen Führung verheiratet. Es ist das Ergebnis der SPD-Kontakte, daß wir eine denkbare nächste Führung auch schon gut kennen.
SPIEGEL: Können Sie uns einige Namen nennen?
BAHR: Nein.
SPIEGEL: Aber eine SED-Führung wird es sein?
BAHR: Aber ja. Daß der ganze Prozeß mit der SED passieren muß, ist unbezweifelbar. Wir stehen doch nicht vor der Übernahme der DDR durch die heutige Opposition.
SPIEGEL: Der Bundeskanzler hat für den Fall, daß in der DDR Reformen in Gang kommen, wirtschaftliche Hilfe und Kooperation angeboten. Ist das der richtige Weg, Einfluß auf die Entwicklung im anderen Deutschland zu nehmen?
BAHR: Die einfache Formel »Geld gegen Reformen« funktioniert nicht. Die Deutsche Demokratische Republik ist nicht käuflich, sonst hätten wir sie sicher längst gekauft. Ich denke in den Kategorien des Helsinki-Prozesses, und ich denke unter der Prämisse, daß die Bundesrepublik eine Mitverantwortung dafür hat, daß die Menschen in der DDR einen Sinn darin sehen, in ihrem Lande zu bleiben. Dazu gehört dreierlei: als erstes die Informationsfreiheit, zweitens die Reisefreiheit und drittens die begründete Aussicht, den Abstand im Lebensstandard zwischen der Bundesrepublik und der DDR zu verringern. In diesem Dreiklang hat die Bundesrepublik Deutschland meiner Auffassung nach eine Verpflichtung zur wirtschaftlichen Hilfe, und zwar ziemlich massiv.
SPIEGEL: Noch vor kurzem haben Sie gesagt: kein Geld in ein Faß ohne Boden.
BAHR: Der Auffassung bin ich nach wie vor. Deshalb geht es auch nicht darum, einfach Geld zu überweisen oder Kredite a la Strauß zu gewähren, sondern sich in Verhandlungen mit der Regierung der DDR auf gemeinsame Programme zu verständigen. Der SPD-Parteivorsitzende Hans-Jochen Vogel hat beispielsweise darauf aufmerksam gemacht, daß große Teile der Altbausubstanz in der DDR in einem bejammernswerten Zustand sind. Das wäre eine Aufgabe für Jahrzehnte.
SPIEGEL: Stadtsanierung kann doch nicht alles sein.
BAHR: Natürlich nicht. Wir müssen weg von der kurzatmigen Tagesaktualität. Ich unterstelle einmal einen Prozeß, an dessen Ende wir eine andere, vom überwiegenden Willen der eigenen Bevölkerung getragene DDR haben werden. Ich unterstelle weiter, daß wir bis zum Ende dieses Jahrtausends in Europa eine Situation erreichen, in der Krieg wirklich unmöglich geworden sein wird. Und dann frage ich, welche Funktion Bundesrepublik und DDR in dieser Phase haben könnten. Meine Antwort: Die beiden deutschen Staaten könnten im Interesse ihrer Nachbarn Beispiele für das Miteinander in einem »Europäischen Haus« setzen. Ich nenne vorbildliche Kooperation auf den Gebieten Umwelt, Sicherheit, Energie, Verkehr, Kultur.
SPIEGEL: Das meiste davon ist doch schon im deutsch-deutschen Grundlagenvertrag angelegt, den Sie mit Ost-Berlin ausgehandelt haben.
BAHR: Richtig, und deshalb plädiere ich jetzt dafür, mit der DDR über ein Protokoll zum Grundlagenvertrag zu verhandeln. »Protokoll« heißt in diesem Fall: die förmliche Vereinbarung der besonderen Nähe und der besonderen Art von Zusammenarbeit der beiden deutschen Staaten in der von mir beschriebenen Phase. Wir würden am Ende dieser Phase die Reisefreiheit, die Informationsfreiheit, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Annäherung im Lebensstandard erreichen. Dazu werden wir einzelne Vereinbarungen zu schließen haben. Dann übrigens werden die Menschen in der DDR glauben, daß es Sinn macht, dort zu bleiben. Und daran haben wir ja Interesse. Wenn wir diese europäische Verbindungsfunktion der beiden Staaten erreichen, wird auch die Mauer fallen.
SPIEGEL: Ihre Visionen in allen Ehren, aber wie wollen Sie das mit einem SED-Regime erreichen, das meilenweit hinter den Reformern in der Sowjetunion, in Polen und Ungarn zurückhängt?
BAHR: Ich würde solche Verhandlungen in diesem Augenblick in der Tat nicht beginnen. Ich finde, daß die Bundesrepublik sich selbst erst überlegen muß, was sie vorschlägt und wie sie das finanzieren würde. Aber klar ist, wirtschaftliche Kooperation allein reicht nicht, der Reformdialog in der DDR selbst muß hinzukommen. Dafür müssen wir der DDR ein bißchen Luft und Zeit lassen. Es kommt doch nicht auf ein oder zwei Monate an.
SPIEGEL: In solch kurzen Zeitkategorien denken Sie schon?
BAHR: Selbstverständlich. Und wenn nicht in ein, zwei Monaten, dann vielleicht in einem halben Jahr.
SPIEGEL: Und mit wem rechnen Sie dann als Verhandlungspartner?
BAHR: Ich bin ganz gespannt darauf, wie sich die Führung in der DDR in einem halben Jahr darstellen wird. Ich glaube, daß die sogenannten Blockparteien schon angefangen haben, sich ein Mitspracherecht praktisch zu nehmen. Ich sehe, daß die SED die stabilisierende Rolle der Kirche zu akzeptieren beginnt. Ich sehe, daß das Neue Forum als Gesprächspartner zunehmend ernst genommen wird. Am Ende wird nach meiner Auffassung eine SED-Führung, die sich monolithisch mit dem Staat DDR gleichsetzt, nicht mehr dasein.
SPIEGEL: Etwa eine SED, die die Macht teilt?
BAHR: Entweder die SED ändert sich so, daß sie von den Menschen akzeptiert wird, oder sie muß die Macht teilen. Ich bin überzeugt, daß am Ende dieses Prozesses parteipolitischer Pluralismus steht. Denn die DDR ist ein Stück Mitteleuropa.
SPIEGEL: Und wann wäre die neue Identität der DDR nach Meinung Egon Bahrs erreicht?
BAHR: Wenn die evangelische Kirche, das Neue Forum und andere Gruppen sagen : Ja, so können wir leben.