Das alte Gehirn und die neuen Probleme
Die Merkwürdigkeiten der persischen Innenpolitik hätten vor hundert Jahren kaum jemanden mehr interessieren müssen als irgendeine Jahrmarktskuriosität. Heute müssen sie genau beachtet und analysiert werden.
Der Wasserverbrauch der Einwohner der Stadt Frankfurt am Main hätte die Bewohner des Hohen Vogelsberges vor fünfzig Jahren noch sehr kalt gelassen. Heute betrifft das Kaffeekochen und Abwaschen in Frankfurt unmittelbar den Grundwasserspiegel des Hohen Vogelsberges und damit die dortige Landwirtschaft und die Lebenshaltung.
Wo früher relativ viele Subsysteme mit geringen Wechselwirkungen nebeneinander existierten, gibt es heute ein den Globus umspannendes System enger Wechselwirkungen ökologischer, ökonomischer, politischer und sogar ideologischer und klimatologischer Variablen.
An denjenigen, der sich innerhalb eines solchen Systems ein Bild von dem machen möchte, was sich wo warum ereignet, an denjenigen, der Entwicklungstendenzen richtig abschätzen möchte, an denjenigen, der zum Beispiel durch politische Stellungnahme, durch ökonomisches Handeln in dieses System eingreifen möchte, ist die Anforderung gestellt, mit einem komplexen dynamischen, zum Teil intransparenten Wirkungsgefüge umgehen zu können. Diese Anforderung ist relativ neu in der Menschheitsgeschichte.
Wie untersucht man menschlichen Umgang mit komplexen, dynamischen und intransparenten Wirkungsgefügen?
Man kann politisch-ökonomisch-soziale Systeme, wie zum Beispiel eine Kleinstadt, durch einen Computer simulieren lassen. Der entsprechend programmierte Rechner ist ein Abbild der ursprünglichen Realität, allerdings oft ein grobes, holzschnittartiges Abbild.
Wir haben eine ganze Reihe solcher »Computerabbilder« entwickelt. Zum Beispiel haben wir ein System »Tanaland«, das eine afrikanische Steppen- und Waldlandschaft simuliert, mit vielen Tier- und Pflanzenarten und einem Ackerbau treibenden und einem nomadisch lebenden Eingeborenenstamm. Wir haben das Computerabbild der kleinen mitteleuropäischen Industriestadt »Lohhausen« S.68 und das Computerabbild einer kleinen Textilmanufaktur »Taylorshop« und noch andere mehr.
Man kann nun Personen oder Personengruppen in solchen »Als-ob-Realitäten« agieren lassen, zu »Bürgermeistern« von Lohhausen ernennen und sie die simulierte Stadt zehn Jahre lang regieren lassen, wobei sie Steuern neu festsetzen, Wohnungsbau- und Gesundheitspolitik betreiben, die Produktions- und Absatzpolitik einer städtischen Fabrik ändern oder Löhne neu festsetzen können.
Diese Maßnahmen werden der Computerrealität der Kleinstadt tatsächlich zugeführt und haben entsprechende Auswirkungen. Die »Bevölkerung« ist mehr oder minder »zufrieden« mit ihrem Bürgermeister, bestimmte Berufsgruppen können ihre Unzufriedenheit in Streiks äußern, oder die Abwanderungstendenz verstärkt sich.
Eine solche »Bürgermeistersituation« stellt an die Denk-, Planungs- und Entscheidungsfähigkeiten der Versuchspersonen weitgehend die oben genannten Anforderungen. Die Versuchspersonen müssen mit einem sehr komplexen, also merkmals- und beziehungsreichen System umgehen, welches sich aufgrund eigener Gesetzmäßigkeiten fortentwickelt, »dynamisch« ist. Dieses System ist ihnen teilweise unbekannt und nicht bezüglich aller Merkmale durchsichtig.
Es gibt eine Reihe von Fehlern, die fast alle Versuchspersonen machen, wenn sie mit einem komplexen Wirkungsgefüge umgehen sollen.
Dazu gehört »lineares« Denken in Ursache-Wirkungsketten statt -netzen. Versuchspersonen berücksichtigen generell zunächst nicht, daß Maßnahmen in S.72 Wirkungsgefügen nicht nur die angestrebte Hauptwirkung haben, sondern auch Neben- und Fernwirkungen. Sie sehen nur den Haupteffekt.
Dies hat zur Folge, daß Maßnahmen zwar das eine Übel beseitigen, dafür aber zwei neue schaffen. Für die Existenz »linearen Denkens« außerhalb unserer Experimente gibt es genügend Belege. Wer dachte schon an DDT in der Muttermilch, als er dieses Mittel zur Ungezieferbekämpfung einsetzte.
Psychologische Ursache und Stütze dieses linearen Denkens ist wohl die »Überwertigkeit des aktuellen Motivs«. Das, was im Moment quält, muß geändert werden, wobei die mit der Beseitigung verknüpften neuen Übel nicht beachtet oder geringgeschätzt werden.
Grobe Fehler machen Personen meist, wenn sie Trends zu schätzen versuchen, besonders bei exponentiell verlaufenden Entwicklungen. Diese sind in ökonomischen und ökologischen Systemen ("Zinseszinskurve«, »Wachstumskurve") eher die Regel als die Ausnahme.
In einem Experiment sollten 40 Versuchspersonen ein Wachstum von sechs Prozent über 100 Jahre prognostizieren. Dabei wurde sichergestellt, daß die Versuchspersonen wußten, was eine Exponentialfunktion ist. Dennoch unterschätzten sie offensichtlich das tatsächliche Wachstum völlig und mit anwachsender Zeit immer mehr.
Die Ursache dafür ist, daß die Personen meist eine lineare Erstabschätzung machen, die sie durch eine Art von »Wachstumszuschlag« korrigieren: »Wenn 1000 Mark jährlich um sechs Prozent wachsen, also im ersten Jahr um 60 Mark, so wachsen sie in zwanzig Jahren um 1200 Mark, und dann kommt noch ein bißchen was dazu, weil es ja immer ein wenig mehr wird - sagen wir: noch mal 200 Mark. Also hat man nach 20 Jahren ungefähr 2400 Mark.« (In Wirklichkeit hätte man 3207 Mark.)
Die Tatsache der Fehleinschätzung exponentieller Entwicklungen führt dazu, daß Personen oft völlig fassungslos der Geschwindigkeit, der Beschleunigung und dem Umkippen von Entwicklungen gegenüberstehen und bezweifeln, daß »alles mit rechten Dingen zugeht«.
Wir möchten aufgrund unserer Ergebnisse auch bezweifeln, daß selbst der gebildete Zeitungsleser versteht, was er liest, wenn ihm mitgeteilt wird, daß ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent »über längere Zeit möglich« sei.
Das menschliche Gedächtnis ist ein schlechtes Instrument für den Umgang mit Zeitreihen. Die starke Gewichtung des jeweils zuletzt wahrgenommenen Inhalts, das bevorzugte Vergessen neutraler Inhalte (vor emotional negativ und positiv gefärbten), die Veränderung von Gedächtnisinhalten gemäß der »Tendenz zur guten Gestalt« machen das menschliche Gedächtnis zu einer sehr schlechten Basis für den Umgang mit nicht stationären zeitlichen Abläufen.
Offenbar bestand im Laufe der Evolution der Menschheit im Gegensatz zu den heutigen Umständen kein großer Bedarf nach einem gut funktionierenden Zeitreihen-Trend-Analysator, da die Lebensumstände sich im Laufe eines Lebens nur wenig wandelten.
»Lineares Denken« und die geringe Neigung und Fähigkeit zur Analyse von Zeitreihen sind Fehler, die fast alle Versuchspersonen zunächst machen. Manche verbessern sich und kommen dann mit komplexen Systemen ganz gut zurecht, andere aber schaffen dies nicht.
Interessant ist die offensichtlich geringe Bedeutung von Einstellungen und Überzeugungen für das tatsächliche Verhalten. Eine Klassifizierung von Studenten nach ihren politischen Grundüberzeugungen (wie sie von ihnen selbst angegeben wurden) zeigte keinen Zusammenhang mit Verhaltensmerkmalen.
In dem Lohhausen-Versuch etwa war es den »Bürgermeistern« möglich, in relativ starkem Maß als größter Arbeitgeber Löhne und Gehälter zu bestimmen. Sie taten dies auch mit dem Effekt, daß die Gehälter der sowieso schon gut verdienenden Gruppe absolut und prozentual stärker stiegen als die Löhne der relativ schlechter verdienenden Fabrikarbeiter. Diese Effekte waren keineswegs S.75 aufgrund der Struktur des Systems erforderlich.
Das Ergebnis der aktiven Maßnahmen der Versuchspersonen steht in deutlichem Widerspruch zu der von unseren Studenten meist bekundeten »linksliberalen« politischen Grundauffassung, die eher mit einer Angleichung von Gehaltsunterschieden als mit einer Vergrößerung der Unterschiede konkordant sind. Dieses Ergebnis ist ein weiterer Beleg für die Hypothese, daß die Beziehung zwischen »Einstellung« und »Verhalten« nicht unbedingt sehr eng sein muß.
Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale aber scheinen in deutlicher Beziehung zum Verhalten der Versuchspersonen zu stehen: Wißbegier scheint eine Rolle zu spielen und Selbstsicherheit.
Derjenige, der gut mit Unbestimmtheit und Komplexität umgehen kann, hat einen breiten Wissensbestand. Er verfügt über viele und allgemein anwendbare Strukturierungsprinzipien für Sachverhalte. Er kennt Ordnungsprinzipien für Sachverhalte und kann auf diese Weise neue Sachverhalte leicht strukturieren.
Die Fähigkeit, alles mit allem in Verbindung bringen zu können, bewirkt, daß solche Personen neuartigen Situationen nie hilflos gegenüberstehen, sondern leicht Strukturen finden können. Die Voraussetzung für eine solche Bereitschaft, sich ständig Neuem auszusetzen, liegt in einer bestimmten Form der Selbstsicherheit, in einer hohen Einschätzung der eigenen Fähigkeit zur Bewältigung unklarer und unkontrollierter Bedingungen, die bei den meisten Menschen Angst auslösen.
Mit der Angst entwickeln Menschen Fluchttendenzen, sie versuchen der Situation möglichst aus dem Wege zu gehen. Dies wiederum führt dazu, daß natürlich auch keine Fähigkeiten zur Bewältigung solcher Situationen erworben werden, was zu Mißerfolgserlebnissen führt, die die eigene Einschätzung der Fähigkeit zur Bewältigung noch weiter herabsetzen.
Solche Fluchttendenzen lassen sich bei den »schlechten« Versuchspersonen unserer Experimente sehr deutlich nachweisen.
Manche Personen verkapseln sich in Kleindetails, kümmern sich beispielsweise nur noch um die Programm-Einzelheiten zu organisierender Pop-Festivals oder um die Kachelfarben bei der Schwimmbadrenovierung oder um die mühselige Errechnung der durchschnittlichen Wegelängen zum nächsten öffentlichen Telephonautomaten.
Andere dagegen behandeln zwar alle Themen, aber nur noch obenhin auf allergröbste Weise, um danach festzustellen, daß eigentlich gar keine Probleme vorhanden sind. Wieder andere »delegieren« ihre Verantwortlichkeit und stellen nach langer mühseliger Erörterung des Wohnungsproblems in Lohhausen fest: »Ach, da soll sich doch der Chef des Wohnungsbauressorts drum kümmern!«, um sich sodann aufatmend weniger frustrierenden Themen zuzuwenden.
Ein anderer Effekt der Hilflosigkeit in komplexen Situationen ist eine Form des Handelns, die wir »Notfallreaktion« nennen. Diese besteht darin, daß das Individuum sich kaum mehr selbst kontrolliert und ohne genügende Analyse der Bedingungen und Folgen sehr grobschlächtige und rabiate Entscheidungen trifft.
Das gesamte restliche Stadtkapital in einer Krisensituation des Lohhausen-Versuchs wird in eine überdimensionale Werbekampagne für Fremdenverkehr und in den Ausbau von Hotels gesteckt, ohne daß vorher geprüft wird, ob dafür überhaupt Nachfrage besteht.
Solche Maßnahmen haben wohl zwei Zwecke: Einmal dienen sie als eine Art »deus ex machina«; man erhofft sich von ihnen die große Wende. Zum anderen bestätigt sich der Handelnde mit solchen Entscheidungen selbst seine eigene Macht und Kompetenz und verschleiert vor sich die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht.
Die Selbstbestätigung eigener Kompetenz wird überdeutlich, wenn sich eine Versuchsperson entschließt, wegen unbedeutender Produktionsrückgänge in der städtischen Fabrik das gesamte Management zu »feuern«, oder wenn eine andere Überlegungen darüber anstellt, daß man die Verschleißrate der Maschinen wohl wesentlich senken könnte, wenn man »mal einige Arbeiter wegen Sabotage« erschießt. Man mag solche Überlegungen in unseren Spielsituationen noch für makabre Scherze halten; angesichts der offensichtlichen Parallelen solcher Überlegungen zu Entscheidungen in Ernstsituationen empfiehlt sich wohl ein sorgfältiges Studium der psychologischen Bedingungen für die Auslösung solcher Notfallreaktionen.
Der Mechanismus der Auslösung von Fluchttendenzen und Notfallreaktionen durch die Erfahrung der eigenen Hilflosigkeit angesichts von Unbestimmtheit und Komplexität hat auch einen moralischen Aspekt.
Woher »Gut« und »Böse« kommen, darüber hat man viel philosophiert. Jenseits aller philosophischen Betrachtungen darf man aber wohl davon ausgehen, daß von Individuen, die zum einen aufgrund der bei ihnen erzeugten Fluchttendenzen dazu neigen, ihre eigene Verantwortlichkeit für den Mißerfolg ihrer Handlungen abzuschieben, und die zum anderen eine Tendenz zu rabiaten, unkalkulierten Notfallreaktionen haben, viel Gutes nicht zu erwarten ist.
Inkompetenz kann auch ein Grund für »Bösartigkeit« sein, selbst bei den besten Absichten. Eine Ausbildung in der intellektuellen Bewältigung von Unbestimmtheit und Komplexität könnte mithelfen, eine Quelle schädlicher Verhaltenstendenzen zu verschütten.
S.66In Hessen.*S.75In Düsseldorf.*