Das Beste
(Nr. 1/1984, Andropows Krankheit, Nr. 7/1984, Andropow-Titel, Nr. 8/1984, Tschernenko-Titel) *
So schmerzlich es auch für Sie sein mag - ich lese nicht immer jeden Artikel im SPIEGEL sogleich nach Erscheinen. So kam ich erst in meinem Urlaub dazu, die drei Artikel im SPIEGEL zu lesen, die sich im Januar und im Februar mit dem Ende der Andropow-Ära beschäftigen. Ich habe sie mir eingehend vorgenommen und meine, sie sind das Beste, was zu diesem Thema gegenwärtig in irgendeiner Zeitschrift erschienen ist. Wahrscheinlich werde ich diesen Brief bedauern, wenn ich lese, was Sie meinem Artikel im »Time«-Magazin antun. _(Siehe SPIEGEL 10/1984. )
Washington HENRY A. KISSINGER
BRIEFE
Moralische Gefahr
(Nr. 10/1984, SPIEGEL-Titel: Versicherungsbetrug: »Gräber ohne Leichen") *
Mir kommen bei diesem Artikel vor Mitleid fast die Tränen. Meine Erfahrung ist, daß die Bürger so lange schlechte Erfahrungen mit den Versicherungsgesellschaften machten, bis ihnen das Unrechtsbewußtsein abhanden kam. Die Klauseln sind doch meist so, daß der Versicherte leer ausgeht, weil immer gerade für den eingetretenen Schadensfall der Versicherer nicht aufkommen muß. Kein Wunder, daß der Schadensfall dann entsprechend dem Kleingedruckten dargestellt wird.
Im übrigen tragen ja auch den durch die nun eingetretene Unehrlichkeit der Bürger entstandenen Schaden die Versicherungen wieder nicht selbst, wie der Vertreter der Colonia-Versicherung laut Ihrem Bericht sagt. Sie verlagern das Risiko wieder auf die Versicherungsnehmer, indem sie die Beiträge erhöhen. Mich wundert nicht, daß die Bürger in großer Zahl unredlich werden.
Langen (Hessen) RENATE HERBST
»Versicherungsbetrug« kann nicht nur als Betrug an der Versicherung verstanden werden, sondern auch als Betrug durch die Versicherung. Daß dies ebenfalls in nicht unerheblichem Maße vorkommt, erlebe ich täglich in meiner Praxis als einer der ganz wenigen gerichtlich zugelassenen Rechtsbeistände (Versicherungsberater) in der Bundesrepublik Deutschland. Vor dem Hintergrund - mindestens zweifelhafter - Praktiken der Gesellschaften drängt sich ein gewisses Verständnis für Maßnahmen auf, die gewissermaßen als Notwehr zu verstehen sind.
Frankfurt KNUT PILZ
Auch in mir wächst die Wut über die horrenden Versicherungsbeiträge! Seit eineinhalb Jahren stolze Besitzerin einer Vespa P 80X, blieb die Freude doch nur sechs Monate ungetrübt, denn dann wurde der Beitrag um nicht weniger als 100 Prozent erhöht, angeblich wegen vermehrter Unfälle. Kaum hatte ich mich zähneknirschend mit dem Unabänderlichen abgefunden, traf mich vor zwei Monaten mit derselben Begründung eine erneute 50prozentige Steigerung, die ich nun wirklich nicht mehr originell fand. Bei dieser kontinuierlichen Geldschneiderei der Versicherungen (der man sich wegen der gesetzlichen Versicherungspflicht nicht entziehen kann) bringe ich viel Verständnis für all diejenigen auf, die sich »hintenrum« die Leistung für ihr Geld holen!
Stuttgart KATHARINA GEORGI
Was die Versicherungen hier beklagen, haben sie doch eigentlich selbst mitgezüchtet. War es denn nicht die private Versicherungswirtschaft, die sich vom Staat hat drängen lassen, ihren Service auszubauen und immer perfektere Versicherungen - und auch Überversicherungen - anzubieten? Heute müssen sie sich mit den Folgen ihrer totalen Versicherung als moralische Gefahr herumschlagen. Das Ziel staatlicher und privatwirtschaftlicher Versicherungen, alles umzulenken, umzulegen, auszugleichen und zu nivellieren und die wahren Kosten und Risiken zu kollektivieren, führt zwangsläufig zur Desensibilisierung und damit zur »moralischen Gefahr« des Wohlfahrtsstaates.
Beckum (Nrdrh.-Westf.) JOACHIM KRÖLL
Der »Versicherungsbetrug« fängt spätestens bei der Prämie an. Wie anders wäre es möglich, daß deutsche Versicherungsgesellschaften seit 1945 ... zig Milliarden Mark Vermögen angesammelt haben,
das niemals zur Deckung von Schadensfällen benötigt wird. Warum untersuchen Sie nicht einmal, welche echten Gewinne unter Berücksichtigung sogenannter technischer Verluste bei der Versicherungsbranche hängenbleiben. Leider greift hier weder das Versicherungsaufsichtsamt noch die Legislative ein. Der Versicherungsnehmer, der ja darauf angewiesen ist, ist seit 30 Jahren regelrecht ausgeplündert worden.
Hannover ERNST GÜNTHER
Ich habe es öfter erlebt in meinem Bekanntenkreis, daß biedere Hausfrauen, der verzwickten Formulare und spitzfindigen Verträge nicht mächtig, den echten Schaden nicht ersetzt oder stark reduziert ersetzt bekommen haben. Auch scheuen sie sich im Streitfall, von ihrem Küchentisch aus einen Feldzug mit Einspruch durch alle Instanzen zu führen, vielleicht wegen 600 Mark?
Kelsterbach (Hessen) S. MAGNAGHI
Das betrügerische Spiel beginnt mit dem Augenzwinkern der Versicherungen. Jüngster regionaler Werbespot: Bei Wasser in der Wohnung »No net aufrege! D''Versicherung zahlt ja Dein Krempl.« Kann man mit dieser Tonlage seriöse Partner gewinnen?
Sindelfingen (Bad.-Württ.) WERNER LÖBERT
Kein Wort darüber, mit welchen Tricks die Versicherungen Zahlungen verzögern und Neukunden einwerben; keine Frage, wo die hohen Gewinne der Konzerne wohl herkommen. Der SPIEGEL ist diesmal den Öffentlichkeitsarbeitern der Versicherungswirtschaft auf den Leim gekrochen. Die nächste Gebührenerhöhung kann kommen.
Düsseldorf PETER STIPPEL
Daß ich, fast mit einem Monatsgehalt an Versicherungsbeiträgen im Jahr, deren Vermögensberg nicht endlos vergrößern will und auch ihre Hochhäuser in der Landschaft nicht schätze, werden die Versicherungsmanager wohl nicht eher einsehen, bis ihre eigenen Jobs durch die »Gegenwehr der Versicherten« gefährdet sind.
Westerland (Schlesw.-Holst.) J. WALTER
»Antennen stiehlt kein Mensch« zitieren Sie den Huk-Verbandssprecher, der sich damit über den Mißbrauch bei Teilkaskoschäden empört. Da muß ja nun wirklich die Gegenfrage erlaubt sein: Warum versichern die Gesellschaften dann solche imaginären Schäden und verlangen immer teurere Beiträge dafür?
Stuttgart WALTER REBSTOCK
Wie wär''s einmal mit einem SPIEGEL-Report unter dem Titel »Versicherungssport Volksbetrug«?
Bischofsheim (Hessen) HELMUT HELM
BRIEFE
Mit langem Finger
(Nr. 8/1984, SPIEGEL-Essay von Björn Engholm: »Der diskrete Charme der Elite") *
Von Japan aus betrachtet ist die deutsche Elite-Diskussion schon ein wenig merkwürdig. Ob Genscher, Wilms oder Engholm - alle zeigen sie mit langem Finger auf dieses Buhmann-Land, das sie nun doch imitieren wollen, einmal weil es ihrer Meinung nach Elitehochschulen hat, einmal weil nicht.
Der springende Punkt ist aber, daß japanische Hochschulen, ob staatlich oder privat, im Normalstudiengang Massenausbildung betreiben, im Graduiertenbereich aber oft hochspezialisierte Forschungsmöglichkeiten anbieten. Japan hat es eben nach dem Kriege geschafft, sich von dem früheren deutschen Eliteideal zu lösen und den Wunsch nach höherer und längerer Ausbildung in das Bewußtsein der gesamten Bevölkerung einzupflanzen.
Das »japanische Vorbild« würde den deutschen Hochschulen vor allem eine Demokratisierung des Zugangs und eine klare Gliederung des Studiums (in ein berufsqualifizierendes kürzeres Hauptstudium und abgegrenzte Forschungskurse) nahelegen. Der Elitebegriff spielt in Japan eine wesentlich kleinere Rolle, als man es sich im Westen vorstellt.
Tokio DIERK STUCKENSCHMIDT Leiter des Büros Tokio des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD)
Mit Björn Engholms Analyse bin ich ja völlig d''accord - bis auf einen Punkt: Man sollte Charles Darwin nicht für etwas verantwortlich machen, wofür er nicht verantwortlich zu machen ist. Er nämlich war mitnichten der Begründer des dann nach ihm benannten »Sozial-Darwinismus«. Nirgendwo hatte er seine Selektionstheorie so rüde auf die Verhältnisse innerhalb der Spezies Homo sapiens übertragen, wie das dann später durch die Rassisten aller Couleur geschah.
Eine Entlastung Darwins findet sich übrigens in der gleichen SPIEGEL-Nummer, in der ja von den schlimmsten Auswüchsen des sogenannten »Sozial-Darwinismus« im Dritten Reich die Rede ist.
Hannover PROF. DR. JOHANN JÜRGEN ROHDE Medizinische Hochschule Hannover
BRIEFE
Fehlende Einstellung
(Nr. 9/1984, Frankreich: Fernfahrer blockierten Pässe und Straßen) *
Was fällt den Lkw-Fahrern ein, derartige Krawallmethoden anzuwenden? So wie ein (zu) hoher Prozentsatz von ihnen fährt, so benimmt er sich jetzt: brutal, rücksichtslos, egozentrisch. Ich habe als Steuerzahler nicht jahrzehntelang dazu beigetragen, daß diese Leute auf einem komfortablen Straßennetz unter Zurückdrängung des Staatsbetriebes Bundesbahn ihr Gewerbe ausüben können, um nun von ihnen brutal vorsätzlich behindert zu werden.
Hamburg EWALD HORN
Die angeblich »problemlose« Einstufung der Lkw-Blockade an Rhone und Brenner »strafrechtlich als Nötigung« ist höchstens die halbe Wahrheit. Sie läßt das höherrangige EG-Recht mit dem seit über 25 Jahren bestehenden durchsetzbaren Anspruch auf Freizügigkeit innerhalb der Gemeinschaft im EWG-Vertrag außer acht. Zudem war ich am 24. Februar 1984 am Brenner an Ort und Stelle bei den Fernfahrern und Transportunternehmern auf beiden Seiten des Passes. Ihnen fehlte es auch an jeglicher subjektiver Einstellung, die ihr Tun als »verwerflich« zu werten gestattete.
Bochum DIETER ROGALLA SPD-Mitglied des Europäischen Parlaments
Wenn die Polizei Demonstranten mit milder Gewalt entfernt, die die Zufahrt zu Kernkraftwerken oder militärischen Installationen blockieren, dann darf sie auch nicht zulassen, daß Tausende friedlicher und steuerzahlender Bürger von demonstrierenden Lkw-Fahrern behindert, ja genötigt werden. Entweder darf jeder demonstrative Blockaden errichten oder niemand. Irgendwo habe ich was von Rechtsgleichheit gelesen, oder?
Bad Honnef R. D. GILBERT
BRIEFE
Kriegsbeute nach England
(Nr. 10/1984, Technik) *
Mit größtem Erstaunen las ich in dem obengenannten Artikel, daß die Trägheitsnavigation (INS) eine Erfindung des Amerikaners Charles Draper sein soll und ihre Entwicklung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann. In Wahrheit aber begann diese ganze Entwicklung bereits im Jahre 1940 im Luftfahrtgerätewerk Hakenfelde, Tochterfirma von Siemens. Und sämtliche dort in den Jahren von 1941 bis 1944 angemeldeten Grundlagen-Patente zu dieser Technik tragen den Erfindernamen Siegfried Reisch. Unsere gesamten technischen Unterlagen gelangten - zusammen mit mir und einigen Siemens-Mitarbeitern - nach Kriegsende als »Kriegsbeute« nach England, wo wir bis 1949 an der Weiterentwicklung arbeiteten. In dieser Zeit kamen die Unterlagen auf verschiedenen Wegen auch nach den USA, wo dann mit großer Intensität, vor allem unter der Leitung von Dr. Draper vom »Massachusetts Institute of Technology« und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Firmen, die Produktionsreife erarbeitet wurde. Insbesondere ist die Verrechnung der Beschleunigungen in keinem Fall Herrn Dr. Draper zuzuschreiben.
Herrsching (Bayern) PROF. DR.-ING. HABIL. SIEGFRIED REISCH
BRIEFE
Alte Lehrernase
(Nr. 9/1984, Prozesse: BMW läßt Scherz-Aufkleber verbieten) *
Ihr Artikel ist bumsvoll von Gebumse, das ausschließlich mit »mm« geschrieben wird. Das ließ mich nicht über den bumsfidelen Inhalt, sondern über die Falschschreibung die alte Lehrernase rümpfen. Die Aufkleber-Erfinder sollten mal wieder den Duden (der Bums, das Bumsen, bumsen - bumste - gebumst, das Bumslokal etc.) benutzen.
Berlin MARGARETE DÖBLER
BRIEFE
Geld und Karriere
(Nr. 9/1984, Marlene Dietrichs Film-Gespräch mit Maximilian Schell) *
Lieber Maximilian Schell, Marlene Dietrich erhielt 1930 einen Hollywood-Vertrag, mit dem wahrscheinlich auch Herr und Frau Göring, bestimmt aber zum Beispiel Ernst Udet und Gründgens freiwillige Hitler-Emigranten geworden wären. Sozial bewußte Künstler sollten nicht hartnäckig die Wichtigkeit von Geld und Karriere verdrängen. Ihre 1937 ohne Hollywood-Vertrag emigrierte
München KADIDJA WEDEKING
BRIEFE
Vertrauen erschüttert
(Nr. 8/1984, Ärzte: Manipulierte Krankenscheine wurden von der AOK Dortmund ausgemacht) *
Für mich gibt es keinen Zweifel, daß Betrüger nach den Gesetzen unserer Gesellschaft bestraft werden müssen. Das trifft ganz sicher im besonderen Maß für Ärzte zu, da sich das ärztliche Handeln im wesentlichen auf Vertrauen aufbaut. Betrug ist aber ein eklatanter Vertrauensbruch.
Der Arzt, der betrügt, schadet dem gesamten Berufsstand. Nach meiner Meinung trägt aber auch die Krankenkasse Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern. Diese Verantwortung mißbraucht eine Krankenkasse, wenn sie von 500 Kassenärzten 400 des Betrugs verdächtigt und dann später auf einen sogenannten harten Kern von 30 Ärzten einschränkt. Das ist die systematische Zerstörung des Vertrauens, denn daß 80 Prozent einer Berufsgruppe Betrüger sein sollen, kann selbst der dem Menschen gegenüber am negativsten Eingestellte sicher nicht mehr für bare Münze halten.
Das zeigt sich zum Beispiel auch in den Äußerungen des Herrn Vogelsänger, die Sie in Ihrem Artikel wörtlich wie folgt wiedergeben: »Die (Diagnosen) gehen uns als Kasse überhaupt nichts an, die gehören ausschließlich in den privaten Bereich unserer Versicherten.« Daß diese Aussage nicht stimmt, zeigt sich einmal daran, daß eine Überprüfung der ärztlichen Leistungen ohne Berücksichtigung der Diagnosen verständlicherweise nicht möglich ist, und zum anderen machen Sie es auch in Ihrem Artikel deutlich, der einige Diagnosebeispiele und die sich daraus ergebenden Behandlungen wörtlich nennt.
Wäre ich Versicherter bei der AOK Dortmund, hätte ich ein doppelt schlechtes Gefühl. Einmal wäre mein Vertrauen zu Ärzten in Dortmund erheblich gestört, andererseits hätte ich aber auch Sorge, daß meine intimsten Gesundheitsdaten nicht sicher aufgehoben wären bei einer AOK, die mich in einer Datenverarbeitungsanlage gläsern speichert. Wie leicht solche EDV-Anlagen zu knacken sind, zeigen Beispiele sicherlich besser geschützter Anlagen in Amerika. Nach meinem persönlichen Empfinden hat die Bevölkerung bei dem Volkszählungsvorhaben im letzten Jahr mit Recht sensibel reagiert. Um so mehr wundert es mich, daß sie die Speicherung ihrer empfindlichsten und persönlichen Daten, wie es nun mal die Gesundheitsdaten sind, so gelassen auf sich nimmt.
Erwitte (Nrdrh.-Westf.) DR. MED. HANS-J. THOMAS
Siehe SPIEGEL 10/1984.