ZUM STURM AUF BERLIN überquerten Mitte April 1945 mehr als zweieinhalb Millionen sowjetischer Soldaten Oder und Neiße. Damit ging die schrecklichste Epoche der deutschen Geschichte zu Ende. Hitlers düstere Vision - »Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen« - war zur grausigen Realität geworden: Millionen Menschenleben waren ausgelöscht, ganze Städte vernichtet, halb Europa lag in Trümmern. Der Publizist und Hitler-Biograf Joachim Fest, 75, beschreibt in seinem neuen Buch »Der Untergang« die Agonie einer zerstörerischen Diktatur, die weder Zukunftsversprechen noch zivilisatorische Idee enthielt, nur auf Rassenkrieg und Landnahme hingearbeitet hatte. Bevor die Rote Armee am Nachmittag des 2. Mai 1945 die Ruine der Reichskanzlei erreichte, hatte sich dort, zehn Meter tief im Führerbunker, das personifizierte Ende des Dritten Reichs vollzogen. Endzeitstimmung grassierte neben aberwitzigen Überlebenshoffnungen, grausame Kampfbefehle ergingen bis zuletzt. Mit dem Selbstmord Hitlers am 30. April und dem Exodus seiner letzten Handlanger schließt das blutige Kapitel - eine Geschichte »voll von Widerspruch, Verblendung und Drama«, wie Fest bilanziert. Der SPIEGEL veröffentlicht Auszüge seines Buchs.
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Am Abend des 30. April, nachdem die Leichen verbrannt und die Aschenreste verscharrt waren, kam die Runde der führerlos Verbliebenen zu einer ausgedehnten Beratung zusammen. Nach einigem Hin und Her schlug Parteikanzleichef Bormann einen kriegsmäßigen Massenausbruch mit Hilfe der einigen hundert Angehörigen der »Leibstandarte« vor, die zum Schutz der Reichskanzlei kommandiert waren. Doch Waffen-SS-General Mohnke wies die Versammelten darauf hin, dass ein solches Vorhaben aussichtslos und geradezu absurd sei. Schließlich einigte man sich, zunächst Verhandlungen mit dem sowjetischen Oberkommando aufzunehmen und General Krebs zu Befehlshaber Tschuikow nach Tempelhof zu entsenden.
Gegen zwei Uhr nachts brach Krebs auf und war rund anderthalb Stunden später am Schulenburgring, wo Tschuikow in einer Privatwohnung Quartier genommen hatte. Überrascht, wie der sowjetische Kommandeur von dem unvermittelten Gesprächsangebot war, hatte er keine Zeit gefunden, seinen Stab zusammenzurufen und deshalb beschlossen, die zwei Schriftsteller, mit denen er sich gerade zu Tisch setzen wollte, sowie seinen Adjutanten und einige untere Chargen als seinen engsten »Kriegsrat« auszugeben.
Unter den Gästen befand sich auch der Komponist Matwej I. Blanter, der von Stalin beaufragt worden war, eine Sinfonie über die Eroberung Berlins zu verfassen. Als sich aber herausstellte, dass Blanter keine Uniform besaß und daher nicht als Offizier der Roten Armee vorgestellt werden konnte, hatte der rabiate General ihn kurzerhand in den Schrank des Sitzungszimmers gesperrt und ihm befohlen, nicht den geringsten Laut von sich zu geben.
Krebs kam nach einigen Vorreden zur Sache. Als erstem Ausländer, begann er die Unterredung, teile er dem General vertraulich mit, dass Hitler am Vortag, zusammen mit der ihm kurz zuvor angetrauten Frau, im Bunker unter der Reichskanzlei Selbstmord begangen habe. Doch Tschuikow, der bis dahin weder von der Existenz eines Bunkers auf dem Reichskanzleigelände noch von Eva Braun die geringste Kenntnis gehabt hatte und schon gar nicht über Hitlers Selbstmord unterrichtet war, gab sich unbeeindruckt und behauptete, das sei ihm bereits bekannt. Dann las ihm Krebs ein von Goebbels aufgesetztes Schreiben vor. Es meldete die von Hitler getroffene Nachfolgeregelung und regte anschließend »Friedensverhandlungen zwischen den zwei Staaten« an, »die die größten Kriegsverluste zu verzeichnen« hätten.
Tschuikow zögerte keinen Augenblick. Ohne viele Worte verwarf er den allzu durchsichtigen und allzu verspäteten Versuch, die Alliierten durch eine Sonderabmachung doch noch auseinander zu bringen. Dann gab es Hinhaltungen. Denn zunächst musste Marschall Schukow in Strausberg benachrichtigt werden, der wiederum Stalin aus dem Schlaf holen ließ, und der eine wie der andere lehnten ebenfalls alle zweiseitigen Verhandlungen ab. Auch der Vorschlag einer einstweiligen Waffenruhe wurde zurückgewiesen, man könne, meinte Tschuikow, nur die bedingungslose Kapitulation, sei es Berlins, sei es des Reiches insgesamt erörtern.
Wie in jeder Tragödie, fehlte auch in dieser der komödienhafte Einschuss nicht. Denn nach einigen Stunden fiel zu aller Überraschung der vergessene Blanter, der starr und wie angenagelt in seinem Versteck ausgeharrt hatte, polternd aus dem Schrank und der Länge nach in den Sitzungsraum. Nachdem man den Ohnmächtigen versorgt und in einen der Nebenräume geschafft hatte, ging die Verhandlung ohne jede Erklärung zu dem Zwischenfall weiter.
Ein längerer Streit erhob sich, als Krebs darauf verwies, dass er ohne Rücksprache mit Goebbels oder Dönitz der Kapitulationsforderung nicht nachkommen könne. Am Ende erhielt er ein aus fünf Sätzen bestehendes Papier mit den sowjetischen Bedingungen: »1. Berlin kapituliert. 2. Alle Kapitulierenden haben die Waffen niederzulegen. 3. Allen Soldaten und Offizieren wird das Leben garantiert. 4. Den Verwundeten wird Hilfe geleistet. 5. Es wird die Möglichkeit für Verhandlungen mit den Alliierten über Funk geschaffen.«
Würden diese Forderungen nicht erfüllt, erklärte Tschuikow dazu, werde die Kampftätigkeit augenblicklich und mit allen Kräften wieder aufgenommen. Nach nahezu zwölf Stunden machte Krebs sich auf den Rückweg in die Reichskanzlei.
Goebbels war empört. Er habe, sagte er, Berlin vor Jahren gegen die Roten erobert und werde die Stadt »bis zum letzten Atemzug gegen die Roten verteidigen. Die wenigen Stunden«, fügte er hinzu, »die ich noch als deutscher Reichskanzler zu leben habe, werde ich nicht dazu benutzen, meine Unterschrift unter eine Kapitulationsurkunde zu setzen«.
Angesichts der verstörten, aufgeregt durcheinander redenden Runde, die sich nur darüber einig war, alle Verhandlungen abzubrechen und keine weiteren Schritte zu unternehmen, entschloss sich Hans Fritzsche, einer der höheren Beamten des Goebbels-Ministeriums und ein bekannter Rundfunkkommentator, zu einem Kapitulationsangebot auf eigene Faust.
Er ging in sein Büro am Wilhelmplatz hinüber und formulierte ein Schreiben an Marschall Schukow. Noch ehe es fertig gestellt war, stürmte plötzlich der betrunkene General Wilhelm Burgdorf, Hitlers Chefadjutant, in den Raum und fragte zornbebend, ob Fritzsche tatsächlich die Absicht habe, den Russen die Stadt zu übergeben. Als Fritzsche bejahte, schrie Burgdorf, dann müsse er ihn erschießen, da der Führerbefehl, der jede Kapitulation verbiete, noch immer gültig und Fritzsche überdies als Zivilist ohne jede Verhandlungsbefugnis sei.
Mit unsicherer Hand hob er seine Pistole, doch der Rundfunktechniker, der ihn zu Fritzsche geführt und in der Tür gewartet hatte, schlug dem General im letzten Augenblick die Waffe aus der Hand, so dass der Schuss in die Zimmerdecke ging.
Unmittelbar darauf schickte Fritzsche zwei seiner Beamten über die Linien auf die sowjetische Seite hinüber und folgte kurz danach selbst. Weniges macht die verworrene Lage in der Stadt, in der die Kämpfe zumindest stellenweise mit unverminderter Heftigkeit weitergingen, deutlicher als die Vereinbarung, die er binnen kurzer Zeit mit dem sowjetischen Oberkommando traf.
Danach sollte er im Namen, wenn auch ohne jede Ermächtigung der deutschen Regierung, über den Rundfunk bekannt geben, dass die sowjetische Seite die Kapitulation angenommen habe. Darüber hinaus werde er den »Befehl« erteilen, die Kämpfe einzustellen und die Truppen samt Waffen und Ausrüstung in Gefangenschaft zu übergeben.
Inzwischen hatte sich jedoch auch der Stadtkommandant von Berlin, General Weidling, entschlossen, das längst sinnlos gewordene Blutvergießen zu beenden. Um keinen Widerspruch herauszufordern, hatte er im Bunker nur wenige Personen seines Vertrauens von seiner Absicht unterrichtet. Die Auffassung von Goebbels war ihm ohnehin bekannt, und General Krebs war beim
Abschied mit der Bemerkung zu ihm hingetreten: »Es gibt nur verzweifelte Männer, keine verzweifelten Lagen.«
Am Abend des 1. Mai forderte Weidling seine Truppen auf, die Kampfhandlungen zu beenden. Einige Minuten nach Mitternacht ließ er fünfmal hintereinander einen offenen Funkspruch über die gegnerischen Linien senden: »Hier LVI. deutsches Panzerkorps! Hier LVI. deutsches Panzerkorps! Wir bitten, das Feuer einzustellen! Um 2.50 Uhr Berliner Zeit entsenden wir Parlamentäre auf die Potsdamer Brücke. Erkennungszeichen weiße Flagge vor rotem Licht. Wir bitten um Antwort! Wir warten!«
Kurz darauf meldete sich die andere Seite: »Verstanden! Verstanden! Übermitteln Ihre Bitte an Chef des Stabes!« Wiederum wenig später ließ Tschuikow sein Einverständnis funken, und zur angegebenen Zeit traf Weidling in Begleitung dreier Stabsoffiziere am Schulenburgring ein. Tschuikow bat ihn, einen Kapitulationsbefehl zu verfassen, doch Weidling lehnte ab. Aus der Gefangenschaft, erklärte er, könne er keine Befehle erteilen. Als der Streit sich hinzog, erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Schließlich einigte man sich auf einen Aufruf, der mit Lautsprechern an sämtlichen noch umkämpften Plätzen verkündet werden sollte. Weidling schrieb:
»Berlin, den 2. Mai 1945. Am 30. April 1945 hat der Führer Selbstmord begangen und damit alle, die ihm die Treue geschworen hatten, im Stich gelassen. Getreu dem Befehl des Führers wart ihr, deutsche Soldaten, bereit, den Kampf um Berlin fortzusetzen, obwohl eure Munition zur Neige ging und die Gesamtlage den weiteren Widerstand sinnlos machte. Ich ordne die sofortige Einstellung jeglichen Widerstandes an. Jede Stunde, die ihr weiterkämpft, verlängert die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung Berlins und unserer Verwundeten. Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen fordere ich euch auf, sofort den Kampf einzustellen. Weidling, ehemaliger Befehlshaber des Verteidigungsbereiches von Berlin.«
Erst damit bekam der konfuse, gleichsam nach Freikorpsart fortgesetzte Widerstand das Zeichen zur Aufgabe. Am Vortag hatten Goebbels und Bormann endlich auch den Marinebefehlshaber Karl Dönitz vom Tod Hitlers unterrichtet. Fälschlicherweise war ihm am Abend des 30. April einzig mitgeteilt worden, dass er an Stelle des abgesetzten Reichsmarschalls zum Führernachfolger ernannt sei. In Wahrheit hatte Hitler dem Großadmiral lediglich das Amt des Reichspräsidenten sowie das des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht übertragen, nicht hingegen das des Kanzlers.
Die Absicht, die Goebbels und Bormann leitete, war nicht nur, Hitlers Tod so lange wie möglich geheim zu halten. Vielmehr setzten sie mit ihrer Irreführung auch die gewohnten Machtraufereien fort. Denn beide befürchteten, der nach Schleswig-Holstein ausgewichene Himmler könnte sich die Tatsache, dass Goebbels in Berlin so gut wie handlungsunfähig war, zunutze machen und darauf dringen, von Dönitz zum Kanzler ernannt zu werden. Der Großadmiral würde aber, so rechneten sie, das Amt nicht hergeben, solange er sich selbst für den von Hitler eingesetzten Kanzler hielt.
Am Abend ging Magda Goebbels zu ihrer Wohnung im Vorbunker hinüber. Mehrfach bereits war sie mit Hitlers Begleitarzt Dr. Stumpfegger und dem Adjutanten der SS-Sanitätsverwaltung Dr. Kunz zusammengetroffen, um in Erfahrung zu bringen, wie ihre Kinder rasch und schmerzlos getötet werden könnten. Auch hatte sie der prominenten Pilotin Hanna Reitsch ein Schreiben an ihren Sohn aus erster Ehe, Harald Quandt, mitgegeben, das ihre Entscheidung zu begründen versuchte. Sie habe sich entschlossen, schrieb sie, ihrem nationalsozialistischen Leben »den einzig möglichen, ehrenvollen Abschluss« zu geben. »Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht wert, darin zu leben, und deshalb habe ich die Kinder hierher mitgenommen. Sie sind zu schade für das nach uns kommende Leben, und ein gnädiger Gott wird mich verstehen, wenn ich selbst ihnen die Erlösung geben werde.« Am Abend des 1. Mai brachte Magda Goebbels ihre Kinder mit einem Schlaftrunk zu Bett, ließ ihnen womöglich noch eine Morphiumspritze geben und träufelte ihnen anschließend, im Beisein von Dr. Stumpfegger, Blausäure in die aufgehaltenen Münder. Nur die älteste Tochter Helga, die schon in den zurückliegenden Tagen unruhig gefragt hatte, was mit ihnen allen geschehen werde, scheint sich gewehrt zu haben, jedenfalls deuten die Prellungen, die der Körper des zwölf Jahre alten Mädchens aufwies, darauf hin, dass ihm das Gift nicht ohne Anwendung von Gewalt eingeflößt worden war. Grau im Gesicht und mit den Worten »Es ist vollbracht!« kam Magda Goebbels in den Tiefbunker, wo ihr Mann sie erwartete, ging mit ihm in seinen Wohnraum und legte weinend eine Patience.
Später fanden sich auch Bormann und Artur Axmann ein, und Magda Goebbels forderte sie zum Bleiben auf: »Wir wollen noch einmal so zusammensitzen«, sagte sie, »wie es in der Kampfzeit üblich war.« Eine Zeit lang saßen sie um den Tisch und tauschten Erinnerungen an die Jahre aus, als sie es noch mit schwachen Gegnern und großen Hoffnungen zu tun gehabt hatten. Gegen halb neun Uhr erhob Goebbels sich unvermittelt und ging zur Garderobe hinüber. Er setzte seine Mütze auf, zog die Handschuhe an und begab sich schweigend, zusammen mit seiner Frau, vorbei an ein paar Herumstehenden, zum Bunkeraufgang. Magda Goebbels hatte Hitlers Goldenes Parteiabzeichen angelegt, das ihr drei Tage zuvor von diesem überreicht worden war. Halb schon im Abgehen fügte er hinzu: »Les jeux sont faits.« Oben am Ausgang angekommen, verhielt das Paar einen unmerklichen Augenblick und trat dann im Feuerschein der ringsum lodernden Brände ins Freie. Als Goebbels'' Adjutant, der SS-Hauptsturmführer Schwägermann, vom Treppenhaus her einen Schuss zu hören glaubte, gab er den bereitstehenden SS-Männern ein Zeichen, und gemeinsam trugen sie mehrere Benzinkanister die Stufen hinauf. Da Goebbels verlangt hatte, vor der Verbrennung sicherzustellen, dass er und seine Frau tatsächlich tot seien, ließ Schwägermann einen Wachposten kommen, der ein oder zwei Schüsse gegen die dicht am Ausgang liegenden Leichen richtete. Dann kamen einige Ordonnanzen hinzu, übergossen die Toten mit Benzin und steckten sie in Brand.
Um die Räume, die während der vergangenen Monate nicht nur die Befehlszentrale des Reiches, sondern auch Hitlers private Behausung gewesen waren, dem Feind nicht unversehrt in die Hände fallen zu lassen, gab Mohnke den Befehl, den Führerbunker in Brand zu setzen. Schwägermann und einige SS-Dienstgrade schafften daraufhin noch einmal Benzin herbei, gossen es im Arbeitsraum Hitlers aus und zündeten es an. Da sie aber beim Verlassen des Bunkers die abgedichtete Stahltür verschlossen hatten und die Ventilation abgeschaltet war,
konnte sich das Feuer nicht ausbreiten und hinterließ nur einige geschwärzte Möbel sowie zahlreiche Brandflecken.
Unterdessen teilte Mohnke den zusammengerufenen Kommandeuren der im Regierungsviertel stationierten Einheiten die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Stunden mit. Anschließend schickte er die bestürzte Offiziersrunde, die von diesen Vorkommnissen allenfalls gerüchteweise gehört hatte, mit dem Bemerken zu ihren Einheiten zurück, dass der Stadtkommandant General Weidling verfügt habe, die Kämpfe eine Stunde vor Mitternacht einzustellen. Jeder Verband, setzte er hinzu, solle versuchen, sich nach Norden durchzuschlagen, um, wenn möglich, den Befehlsraum der Regierung Dönitz zu erreichen.
Kurz vor elf Uhr begann der Auszug der Bunkerbewohner. Krebs und Burgdorf blieben zurück. Mohnke hatte zehn Gruppen zu jeweils 20 oder mehr Personen gebildet. Im Abstand von wenigen Minuten kamen sie aus dem Kellerfenster unterhalb des Führerbalkons an der Reichskanzlei hervorgekrochen, überquerten den verwüsteten, von Bränden taghell erleuchteten Wilhelmplatz und verschwanden dann, rutschend und stolpernd, im schuttüberhäuften Eingang zum U-Bahnhof »Kaiserhof«. An den Gleisen entlang machten sie sich gleichsam unter den russischen Linien auf den Weg zur Station »Friedrichstraße« und von dort, so war es geplant, im U-Bahn-Tunnel unter der Spree zum Stettiner Bahnhof. Der blasse Schein der Taschenlampen fiel auf Tote, Verwundete oder Schutzsuchende, die dicht zusammengedrängt an den Schachtwänden oder auf den Schwellen kauerten, überall lagen Uniformteile, Gasmasken, Munitionskästen und Unrathaufen herum.
Die erste Gruppe führte Mohnke selbst, die zweite Hitlers oberster Leibwächter Rattenhuber, und der dritten Gruppe, die Goebbels'' Staatssekretär Naumann übernommen hatte, gehörten Hitlers Pilot Baur und der in der Uniform eines SS-Generals erschienene Martin Bormann an, der noch am Morgen Dönitz in einem Funktelegramm mitgeteilt hatte, dass er »so schnell wie möglich« zu ihm kommen werde. Hitlers Fahrer Erich Kempka führte eine Gruppe,
die überwiegend aus Mannschaftsgraden und dem Personal der Reichskanzlei bestand und an die hundert Personen umfasste.
Schon unmittelbar nach dem Einstieg in den U-Bahn-Schacht riss der Zusammenhalt ab, und wenig später fielen in der lichtlosen Tunnelwelt auch die einzelnen Gruppen auseinander. Einige der Ausgebrochenen lösten sich aus ihrem Verband und versuchten an einem der Stationsaufgänge ins Freie zu kommen, wurden aber vom fortdauernden Beschuss und den Steinschauern überall in die Schächte zurückgetrieben. Der Plan, durch die russischen Linien hindurchzusickern und sich im Norden der Stadt einer vermeintlich weiterkämpfenden Einheit anzuschließen, erwies sich angesichts der Umstände als vollkommen widersinnig.
Im Herumirren stießen einige der am Ausbruch Beteiligten irgendwo wieder aufeinander. Andere schlugen sich auf Trampelpfaden, durch Kellerfluchten und über Hinterhöfe zu der Schultheißbrauerei an der Schönhauser Allee durch, die als einer der vorläufigen Sammelpunkte bezeichnet worden war. Viele kamen in den noch immer anhaltenden, oftmals Panzer gegen Panzer geführten Straßenschlachten oder Häuserkämpfen um. Walter Hewel, Verbindungsmann des Auswärtigen Amtes in der Reichskanzlei, verübte - womöglich auf Grund eines ihm von Hitler abverlangten Versprechens - in der Weddinger Brauerei Selbstmord. Eine größere Gruppe, zu der Mohnke mitsamt seinem Stab sowie der SS-Adjutant Günsche, Baur, Hitlers Kammerdiener Linge, Rattenhuber und andere gehörten, geriet im Lauf des folgenden Tages in sowjetische Gefangenschaft, wieder anderen wie Reichsjugendführer Axmann oder den Sekretärinnen des Bunkers gelang es, sich nach Westen durchzuschlagen.
Als die Russen die Reichskanzlei besetzten, stießen sie im Tiefbunker auf die Generale Burgdorf und Krebs, die, eine Vielzahl halbgeleerter Flaschen vor sich, tot am Kartentisch saßen.
Martin Bormann galt lange als verschollen. Doch schon bald nach dem Krieg gingen Hinweise um, dass er zusammen mit dem SS-Arzt Dr. Stumpfegger in der Nähe des Lehrter Bahnhofs Selbstmord begangen habe. Zu Beginn der siebziger Jahre bestätigte ein Skelettfund die Aussage. Später wurden die inzwischen eingeäscherten Überreste über der Ostsee verstreut.
Trotz der »Aufforderung« Weidlings, den Widerstand einzustellen, gingen an einigen Punkten der Stadt die Kämpfe während des ganzen 2. Mai weiter und endeten auch am darauf folgenden Tag noch nicht.
Einige verlorene, im Ganzen immerhin nach ein paar Tausenden zählende Haufen betrachteten alle Verhandlungen als »Verrat« und waren zum Weiterkämpfen entschlossen. Noch am 2. Mai sprengte eine dieser Einheiten den Tunnel unter dem Landwehrkanal, in den sich ungezählte Verwundete und Schutz suchende Zivilisten geflüchtet hatten. Doch die große Katastrophe blieb aus, weil die Wassermassen sich rasch verliefen: Selbst die Natur sei des ewigen Mordens müde, sagten die Leute.
Gespenstischerweise waren eines Morgens, kurz vor der Einnahme des Regierungsviertels durch die Sowjettruppen, alle Gebäude und Mauerreste im Umkreis der Reichskanzlei mit Hakenkreuzfahnen behängt. Der zuständige Abschnittskommandant, der 27 Jahre alte, hochdekorierte Oberst Erich Bärenfänger, hatte ein Lager mit Fahnen entdeckt und beschlossen, sie dem Gegner als eine Geste der Todesbereitschaft entgegenzuhalten. »Wir haben in guten Zeiten unter dieser Flagge gekämpft«, erklärte der junge Offizier, und er wisse nicht, warum er sich »schämen sollte, sie jetzt, wo es uns dreckig geht, zu zeigen«.
Zu den verbissensten Verteidigern der Stadt zählten die Reste der französischen SS-Division »Charlemagne«, die vor allem im Bereich des Luftfahrtministeriums erbarmungslosen Widerstand leisteten. Aber auch niederländische und skandinavische SS-Verbände sowie ein inzwischen kaum hundert Mann starkes lettisches Korps setzten sich schon deshalb bis nahe an die Selbstvernichtung zur Wehr, weil sie nie Gefangene gemacht hatten und jetzt nichts anderes als ihr eigenes Schicksal erwarteten.
Die Nächte der zerschlagenen Stadt waren erfüllt von beängstigenden Geräuschen: dem fernen, von gewitterähnlichen Blitzen begleiteten Grollen der Geschütze, unvermittelt hochjagendem Motorenlärm, vereinzelten Feuerstößen und, nahebei, den Schreien der Frauen. Gefallene Soldaten und Zivilisten lagen zu Hunderten in den Trümmern, doch kümmerte sich niemand darum. Patrouillierende Rotarmisten in erdbraunen Kitteln zogen durch die Straßen, vorbei an ausgeglühten oder im Schwelbrand rauchenden Trümmern, dessen Schwaden noch tagelang ganze Stadtteile verdunkelten. Auf vielen Plätzen lagerten biwakierende Truppen, häufig auch weibliche Soldaten darunter, die sich zwischen verbranntem oder umgestürztem Kriegsgerät zum Erinnerungsfoto aufstellten und ihre Lederpeitschen über das Pflaster knallen ließen.
Andernorts warteten Gefangene in langen Reihen auf ihr Verhör, während aus einiger Entfernung noch das Aufblitzen der Mündungsfeuer kam. Auf ihrem Vormarsch hatten die sowjetischen Einheiten ganze Kuhherden requiriert,
die nun irgendwo herumstanden, bis die Tiere eins ums andere geschlachtet und von tanzenden oder singenden Mannschaften über offenen Feuern gebraten wurden. Und überall, gezogen von zottigen Steppenpferden, die kleinen Panjewagen, behängt mit billigem Beutegut: mit Töpfen und Kleidungsstücken, Gießkannen, Akkordeons, Puppen oder was sonst alles mitgegangen war. Manchmal auch Hundegespanne. An jeder größeren Straßenkreuzung waren Schilder in kyrillischer Schrift aufgestellt.
Gleichzeitig strömten an ausgewiesenen Sammelplätzen Tag und Nacht die Gefangenen zusammen. Heruntergekommen und übermüdet, oftmals mit weißen Armbinden, kamen sie aus Kellern, Erdlöchern oder Kanalisationsschächten hervor, viele alte Volkssturmmänner darunter, 15-jährige Flakhelfer sowie Verwundete auf Krücken oder mit Blut durchtränkten Verbänden. Stumm reihten sie sich irgendwo ein und zogen dann, getrieben und eskortiert von siegesstolzen, vielfach bereits ordensgeschmückten Sowjetsoldaten, in riesigen, grauen Heerhaufen ab.
Allein die Schlacht um Berlin hatte die Rote Armee 300 000 Tote gekostet. Auf deutscher Seite waren an die 40 000 Soldaten gefallen. Keine verlässliche Zahl nennt die zivilen Opfer. Fast eine halbe Million zog in die Gefangenschaft.
Kurz vor Mitternacht donnerten in Moskau 24 Artilleriesalven aus über 300 Geschützen in den Nachthimmel, gefolgt von einem pompösen Feuerwerk. Die Stadt feierte die »historische Eroberung Berlins«. Der Lärm hielt tagelang an. Er war bis in die Zellen des Butyrka-Gefängnisses zu hören, in das Weidling, zwei seiner Stabsoffiziere und einige ehemalige Bunkerinsassen eines ersten Gefangenentransports eingeliefert worden waren. Auch ein Gefreiter des Volkssturms war unter den Häftlingen. Zu seinem Unglück hatte er den Verdacht der Sowjets erregt, weil er, ähnlich dem neuen amerikanischen Präsidenten, Trumann hieß. Er war aber ein Zigarrenhändler aus Potsdam.
Am frühen Nachmittag des 2. Mai, kurz nach drei Uhr, hatte die Rote Armee, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, die Reichskanzlei besetzt. Anders als die zahlreichen, bis in die Memoirenliteratur reichenden Darstellungen angeben, ist sie nicht im Sturm genommen worden.
Morgens gegen neun Uhr hatte der zurückgebliebene Cheftechniker des Tiefbunkers, Johannes Hentschel, vom Verbindungstunnel her weibliche Stimmen vernommen. Beim Heraustreten aus dem Schalterraum sah er sich zu seiner Überraschung etwa zwölf uniformierten Russinnen gegenüber, die, wie sich alsbald herausstellte, einem Sanitätskorps der Roten Armee angehörten.
Ihr aufgeregt übermütiges Durcheinanderreden machte Hentschel klar, dass er nichts von ihnen zu befürchten hatte. Bei seinem Erscheinen wandte sich eine der Frauen, die offenbar die Anführerin der Gruppe war und fließend Deutsch sprach, an ihn und wollte wissen, wo Hitler sei. Doch schon die folgende Frage nach »Hitlers Frau« deutete an, was sie hergeführt hatte. Denn kaum hatte Hentschel ihr die erbetene Auskunft gegeben und sie, wie verlangt, in den Ankleideraum Eva Brauns geführt, rissen sie den Schrank sowie die große Kommode auf und stopften, was immer ihnen brauchbar schien, in mitgeführte Taschen und Beutel. »Mit einem Freudengeheul«, so hat der Ingenieur berichtet, kamen die Frauen wenig später zurück, schwenkten »mindestens ein Dutzend Büstenhalter« sowie andere spitzenbesetzte Wäschestücke durch die Luft und zogen schließlich ausgelassen von dannen.
Auf ihrem Weg aus dem Bunker begegneten sie zwei inzwischen eingetroffenen sowjetischen Offizieren, die aber keine Notiz von ihnen nahmen. Auch sie fragten Hentschel nach dem Verbleib Hitlers und hörten seinem Bericht von der Hochzeit des Führers, dem Selbstmord und der Verbrennung der Leichen ebenso gespannt wie verblüfft zu. Anschließend ließen sie sich die Räume der Familie Goebbels zeigen und schlugen nach einem kurzen Blick auf die toten Kinder entsetzt die Tür wieder zu. Später stellte sich heraus, dass sie, aller begründeten Vermutung nach, den Verbänden Marschall Konjews angehörten, die Stalin Tage zuvor angehalten hatte, weil Berlin Schukow gehören sollte. Aber das eine Vorkommnis verriet zu viel menschliche Schwäche, das andere zu viel Eigenmächtigkeit für die »Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges«. Beide tauchen daher bis heute in keiner der sowjetischen Darstellungen über die Schlacht um Berlin auf.
In der Nähe des Bunkerausgangs hatten die Eroberer, neben zahllosen Toten im weiteren Bereich des Gartengeländes, annähernd 15 meist verbrannte oder verstümmelte mensch-
liche Überreste gefunden. Eine vergleichsweise wohl erhaltene Leiche präparierten sie, womöglich mit Hilfe eines Maskenbildners, zum toten Hitler. Sie legten den Körper dekorativ zwischen die Trümmerbrocken und boten ihn am 4. Mai der Weltöffentlichkeit als spektakuläre Trophäe dar.
Bald darauf widerriefen sie die selbst verfertigte Sensation, sprachen zunächst von einem »Double« des Führers und schließlich von einer »Fälschung«. Eine Zeit lang wurde offenbar erwogen, einen weiteren Toten als Körper des deutschen Diktators zu präsentieren, doch fiel einem der hinzugezogenen Experten rechtzeitig auf, dass der Mann gestopfte Socken trug, was denn doch Zweifel an der Identität der Leiche hätte wecken müssen. Ende April 1946 erschien am Gartenausgang des Führerbunkers eine Kommission der Roten Armee, um nach den durchsichtigen, allmählich auch die eigene Seite verwirrenden Farcen die unzweideutigen Tatbestände festzustellen. In ihrer Begleitung befanden sich einige Überlebende aus dem Bunker, die während der Eroberung der Stadt aufgegriffen worden waren.
Filmkameras wurden aufgebaut und die Szene von der Verbrennung Adolf Hitlers und seiner Lebensgefährtin noch einmal in den Einzelheiten nachgestellt. Doch das Material verschwand ebenso wie die in endlosen Verhören von Günsche, Linge, Rattenhuber und anderen erlangten Auskünfte ungenutzt in irgendwelchen geheimen Archiven.
Die angeblichen Überreste Hitlers, Eva Brauns und einiger weiterer Bunkerinsassen hatte man Ende Mai 1945 zunächst am Dienstsitz der Abteilung Gegenaufklärung im Raum Berlin-Buch verscharrt. Mit der Einheit zogen die Holzkisten, in denen sie verwahrt wurden, zunächst nach Finow, von dort nach Rathenow und schließlich nach Magdeburg. Auf eine Anfrage hin entschied im März 1970 das Politbüro der KPdSU, die Überbleibsel »streng konspirativ« auszugraben und »durch Verbrennung endgültig zu vernichten«. In dem Abschlussbericht über die »Operation Archiv« heißt es: »In der Nacht zum 5. April 1970« wurden »die Überreste vollständig verbrannt, dann zusammen mit Kohlestücken zu Aschepulver zerstampft, anschließend in den Fluss geworfen.«
* Auszeichnung von Hitlerjungen am 20. März 1945; links:Reichsjugendführer Artur Axmann. © Alexander Fest Verlag, Berlin.Joachim Fest: »Der Untergang. Hitler und das Ende des DrittenReiches«. 208 Seiten; 17,90 Euro. Erscheint am 22. März.* Links: vor Verhandlungen im sowjetischen Hauptgefechtsstand;rechts: bei Verlassen seines Kommandobunkers.* Mit Adjutant Julius Schaub Ende April 1945.* Josef Goebbels (l.), Magda Goebbels (M.), Stiefsohn HaraldQuandt (r.).* Kriminaltechnisch identifizierte Knochenteile aus einemSkelettfund in West-Berlin (1972).* Sowjetische Inszenierung mit einem präparierten Toten imGarten der Reichskanzlei.