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Indien Das Ende

Nach fünf reichen Ernten glaubte Indien, den Hunger aus eigener Kraft besiegt zu haben. Ein trockener Sommer machte die Hoffnung zunichte.
• aus DER SPIEGEL 50/1972
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Zuviel Sonne brachte es an den Tag: Indiens Regierung gab fünf Jahre lang metereologisches Glück als Leistung aus.

Fünf Jahre lang war der sommerliche Monsun, der große ernte- und lebenswichtige Regen, pünktlich und in optimaler Menge auf den übervölkerten Kontinent gefallen. Indiens Landvolk, 70 Prozent der 560-Millionen-Bevölkerung, konnte Jahr für Jahr Rekordernten einbringen. Bis Ende vergangenen Jahres horteten Bundes- und Landesregierungen 9,5 Millionen Tonnen Überschuß-Getreide für Hungerzeiten.

Indira Gandhi schwärmte voriges Jahr: »Wir stehen an der Schwelle zur Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln.« Amtliche Druckschriften jubelten: »Wie die erste Mondlandung ein »Riesensprung für die Menschheit«, so war die »Grüne Revolution' ein Riesenschritt für das uralte Indien.«

Doch im Sommer 1972 kam der Monsun zu spät und dann zu schwach. Die Sonne verbrannte die Saat und fegte den Glauben an den Erfolg der Grünen Revolution aus dem Land.

Vierzehn Teilstaaten der indischen Union mit zusammen 480 Millionen Menschen leiden seit Juli unter der Dürre. Die geschädigte Ernte wird in diesem Jahr nur etwa 101 Millionen Tonnen Getreide, Reis und Hülsenfrüchte bringen, fast sieben Millionen Tonnen weniger als im Vorjahr. Und sie muß 13 Millionen Inder

mehr ernähren als die Vorjahresernte. Vier Millionen Tonnen aus den gelagerten Vorräten sind schon verbraucht.

Außer der Nahrung für die Menschen geht auch das Futter für das Vieh zur Neige. In den am schlimmsten betroffenen Staaten Maharaschtra und Gudscharat im Westen sowie Mysore im Süden fliehen bereits Hunderttausende von »Bauern mit Familie und Vieh von der verdorrten Scholle.

Finanzminister Tschawan kündigte im Parlament Gesetze an, die in Notstandsgebieten erzwingen sollen, daß Wasser nur noch zum Trinken, nicht mehr zum Bewässern der sterbenden Ernte verwendet wird.

Tschawan bereitete das Parlament auch darauf vor, daß Indien, im Vorjahr noch stolz auf die Unabhängigkeit von fremder Hilfe, bald wieder Reis und Weizen einführen muß -- nachdem der arme Staat seit vorigen Sommer 900 Millionen Mark für zehn Millionen bengalische Flüchtlinge, 650 Millionen Mark für den Dezember-Krieg gegen Pakistan und seither jeden Monat fünf Millionen Mark für den Unterhalt von 91 000 Kriegsgefangenen ausgegeben hat.

Es rächte sich nun, daß es die Schwärmer von der »Grünen Revolution« in den fünf fetten Jahren unterlassen hatten, durch Bewässerungssysteme die Landwirtschaft wetterfest zu machen und den Wasserüberfluß der Monsunperiode für trockene Zeiten zu speichern. Die wenigen neuen Brunnen, die gebohrt wurden, bekamen elektrische Pumpen -- doch bei Wassermangel wird stets auch der Strom knapp.

Was die Planer und Entwickler wirklich änderten, war meist falsch und oft sogar schädlich. Durch neuartiges Saatgut stieg die Weizenernte zwar von 12 auf 27 Millionen Tonnen im Jahr. Doch nur die wenigsten Inder leben von Brot. Hauptnahrungsmittel sind Reis und Hülsenfrüchte, deren Produktion aber stieg kaum.

Die Landreform, die den armen Massen eigenen Boden gibt, hemmt die Modernisierung. Denn fünfköpfige Familien dürfen nicht mehr als vier bis sieben Hektar guten Bodens besitzen. Für diese kleinen Flächen aber lohnt sich die Anschaffung teurer Traktoren und Maschinen nicht. So blieben Indiens Bauern bei Holzpflug und Ochsen.

Die wenigen, die sich durch Schein-Aufteilung ihres Besitzes auf Onkel und Tanten, Vettern und Basen oder gar -- wie im landwirtschaftlich hochentwickelten Nordindien -- durch Schein-Scheidung von ihren Frauen größeren Besitz ermogelt haben, wurden durch eine Erhöhung der Benzinsteuer gestraft. Die Landwirtschaft blieb archaisch und damit wetterabhängig wie seit Tausenden von Jahren.

Der trockene Sommer 1972 reduzierte die Stromerzeugung von 18 auf 16 Millionen Kilowatt und damit die Produktion der Industrie. In der Hauptstadt Neu-Delhi wurden die Fabriken angewiesen, ihren Stromverbrauch um zehn Prozent zu senken.

Schlimmer betroffen sind die beiden am weitesten entwickelten Staaten des Subkontinents: Pandschab und Harjana. Im Pandschab werden die Fabriken nur noch zwei Stunden am Tag mit Strom beliefert, in Harjana wurde der Industrieverbrauch um die Hälfte gekürzt. Nach Berechnungen des zuständigen Ministers Rao werden diese Einschränkungen bis Mitte nächsten Jahres notwendig sein. Die Unternehmer bereiten sich deshalb bereits darauf vor, Arbeiter zu entlassen, die das Heer der 50 bis 100 Millionen Arbeitslosen noch verstärken würden.

In früheren Jahren hatten die Inder derartige Schicksalsschläge apathisch hingenommen -- bis Indira Gandhi und ihre Mannschaft kamen und beim Volk in Wahlkämpfen das Bewußtsein für das Elend weckten. Großzügig versprach Indira, nur sie könne alles verbessern: mehr Nahrung, mehr Lohn, mehr Jobs. Die Inder glaubten der Regierungschefin und bescherten ihr bei Bundeswahlen im März 1971 eine Zwei-Drittel-Mehrheit.

Jetzt, da es ihnen nach einem Krieg und einer Dürre schlechter geht als zuvor, fordern sie auf der Straße mit Gewalt, was ihnen die Regierung als ihr gutes Recht geschildert hatte.

Im Südstaat Mysore legten sie durch Streiks mehrere große Firmen still. In Westbengalen gingen 400 000 Industriearbeiter auf die Straße. In Neu-Delhi zogen 3000 Bauarbeiter durchs Regierungsviertel, weil sie künftig 2,10 statt 1,60 Mark am Tag verdienen wollen.

Sie brauchen die höheren Löhne dringend. Denn die in der Dürre dieses Sommers geschrumpfte Produktion in Landwirtschaft und Industrie trieb die Preise vor allem der Grundnahrungsmittel in die Höhe: Zucker ist fast doppelt so teuer wie noch im Vorjahr, Gemüse und Früchte wurden um 40 bis 80 Prozent teurer, Hülsenfrüchte stiegen um 20 bis 25 Prozent, Weizen und Reis um 15 bis 20 Prozent.

Steigende Lebenskosten und sinkende Chancen, in der kranken Industrie einst Stellungen zu finden, trieben schließlich auch Indiens Studenten auf die Straße und dort in Kämpfe mit der Polizei. In Uttar Pradesch demonstrierten 200 000 Jung-Akademiker, in Radschasthan 150 000, in Bihar 300 000.

Angriffsziele waren staatliche Institutionen, wie Polizeistationen, Postämter und öffentliche Transportmittel. Allein in Neu-Delhi entführten, verbrannten oder zerschlugen die Studenten über 100 Busse. In der ehrwürdigen Delhi-University verwüsteten Demonstranten die Amtsräume des Uni-Vizekanzlers, die Universität wurde vorübergehend geschlossen.

Indira Gandhi vor Parteigenossen: »Das nächste Jahr wird seht schwer für uns werden.«

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