Das Erbe Eurer Väter - DER SPIEGEL
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LOKAL-PATRIOTISMUS Das Erbe Eurer Väter

• aus DER SPIEGEL 33/1952
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Ehepaar Weber, das sich in dem Luftkurort Ebersteinburg, ein paar Kilometer nordöstlich Baden-Baden, vor knapp zwei Jahren eine Villa erbaut hatte, war nach dem drückend heißen 7. Juli 1952, einem Montag, noch nicht sehr lange zu Bett gegangen, da trieb gegen 23 Uhr eine krachende Explosion die Vorhänge ins Zimmer.

Weder Dr. Burghardt Weber, Chefarzt der Röntgenabteilung im Baden-Badener Krankenhaus, noch seine Gattin Dolly, die gleich ihm der Ruhe pflog, dachte daran, daß dieser Knall etwas mit ihnen zu tun

haben könnte. Die Ehegatten tippten vielmehr auf die in der Nähe stationierten französischen Besatzungstruppen.

Erst am nächsten Morgen sahen sie die Bescherung: Die Explosion hatte ein tiefes Loch in den Garten nach der Talseite ihres Hauses gerissen, und von den Fensterscheiben hingen nur noch Splitter in den Holzrahmen.

Dieser Anschlag ereignete sich am gleichen Tage, an dem im »Badischen Tagblatt« in einem langen Artikel unter der Ueberschrift »Die medizinische Seite« zu lesen war: »Eine Wasseruntersuchung der Antoniusquelle (die einen Teil der Ebersteinburger Wasserversorgung bildet) ... spricht von einem ungünstigen bakteriologischen Befund. Bei erhöhter Keimzahl wären Colibazillen in atypischer Form vorhanden.« Der Bericht sprach von der »Notwendigkeit einer Korrektur der Wasserversorgung von Ebersteinburg«.

Prompt erhielten die Tagblatt-Redakteure den Besuch eines anonymen Ebersteinburgers, der gegen diesen Bericht wetterte und dabei Drohungen aussprach, die, wären sie wahr gemacht worden, sehr stark dem Attentat geähnelt hätten, das man auf Dr. Weber und Gattin Dolly versuchte.

Alle Voraussetzungen waren vorhanden, um in dem kleinen Dörfchen Ebersteinburg (850 Einwohner) ein Ibsendrama à la »Der Volksfeind« abrollen zu lassen. Was bei Ibsen die Einwohner einer Küstenstadt im südlichen Norwegen sind, die einen Badearzt aus dem Ort treiben, nur weil er feststellte, daß die Kurquellen verseucht sind, sind hier die eingesessenen Ebersteinburger, die gegen die zugezogenen »Neulinge« sind, »zehn bis zwanzig der höheren Schicht angehörende Personen«, die die Ebersteinburger Wasserquellen für ungenügend halten und den Anschluß an Baden-Baden und sein Wassernetz möchten.

Die Ebersteinburger nehmen von jeher eine Sonderstellung im badischen Land ein. Alte Geschichtsbücher wollen wissen, daß sie von den Türken abstammen, die irgendein historischer Zufall nach Baden gebracht hatte. Das rollende »r« der »Ebrrsteinbrrger« ist Gegenstand zahlreicher Witze, und die Sonntagsfeuilletons berichten von ihren Schildbürgerstreichen.

Wasser war stets Mangelware auf den Höhen des Schwarzwaldes, und Ebersteinburg kann als Musterbeispiel badischer Feuchtigkeitsarmut gelten. Im Jahre 1905 entschloß sich der Gemeinderat darum zum Bau einer vierzehn Kilometer langen Wasserleitung nach dem Schmalbachtal. 1951 aber waren die neun Zentimeter dicken Rohre vom Schmalbachtal nach Ebersteinburg so verkrustet, daß das Wasser nur noch als spärliches Rinnsal nach der 450 Meter hoch liegenden Ortschaft gelangte. Es half wenig, daß man das Ortsnetz erneuerte und so die Sickerstellen bekämpfte.

Bürgermeister Wilhelm Moßmann, der an der Merkurquelle noch ungenützte Schürfrechte besaß, sah sich darum nach anderen Feuchtigkeitsquellen um und ließ sich von einer Stuttgarter Firma schleunigst einen Kostenvoranschlag machen. Ergebnis bei vorsichtiger Berechnung: 150 000 DM für die elf Kilometer lange Leitung.

Allerdings kannte Bürgermeister Moßmann aus Erfahrung die Schönfärberei der Kostenvoranschläge und wandte sich einmal unverbindlich an Direktor Fritz Wurz von den Baden-Badener Stadtwerken, obgleich das weiter entfernte Rastatt die zuständige Kreisstadt gewesen wäre.

Wurz machte den Ebersteinburgern durchaus einleuchtende Vorschläge. Voraussetzung allerdings: Umgemeindung nach

Baden-Baden. Rastatts Landrat Dr. Cuno hatte sich schon einverstanden erklärt: »Dann bin ich das Sorgenkind los.«

Baden-Baden versprach:

* Uebernahme der Wasserversorgung von Ebersteinburg,

* Garantierter Steuer - status - quo auf fünfzehn Jahre,

* Anschluß an die Baden-Badener Gasleitung.

Da gab es jedoch in Ebersteinburg den Gärtnermeister Hans Lang. Der beobachtete mit gesteigertem Mißtrauen den leisen Vormarsch des landhungrigen Baden-Badens, das auf der nebelfreien und sonnigen Höhe gerne Dependancen seiner Hotels und Sanatorien errichtet hätte. Er dachte auch an die bis jetzt übliche Ebersteinburger Wasserpauschale, die größten Verbrauchsspielraum ließ und bei einer Eingemeindung nach Baden-Baden sicher genau registrierenden Wasserzählern weichen würde.

Gärtner Lang war der erste, der sich der eilends gegründeten Ebersteinburger Bürgervereinigung als Vorsitzender zur Verfügung stellte. Schon Tage vor einer Urabstimmung über den Anschluß an Baden-Baden hatten seine Männer an alle Scheunentore gekreidet: »Schützt das Erbe Eurer Väter! Verteidigt den Heimatboden!«

Das Ergebnis war entsprechend. Am 4. November 1951 lehnten die Ebersteinburger mit 320 gegen 154 Stimmen einen Anschluß ihrer Gemeinde an Baden-Baden und damit einen Anschluß an die städtische Wasser- und Gasversorgung ab.

Nun war aber in diesen dörflichen Entschluß der heiße, regenarme Sommer 1952 nicht einkalkuliert. Die spärlichen Quellen und die verkrusteten Leitungen machten die Wasserhähne in den Ebersteinburger Haushaltungen zu Attrappen, und im Bergsanatorium putzten sich die Patienten die Zähne mit Sprudel.

Um sich einigermaßen zu helfen, stauten die Ebersteinburger den Ruhbach durch

einen primitiven Damm und leiteten das Wasser ungefiltert in ihre Leitung. Die Baden-Badener kamen dahinter, als die Fische einer Zuchtanstalt auf dem Trockenen japsten.

»Wir brauchen das Wasser zum Spülen«, entschuldigten sich die Ebersteinburger offiziell. Sie hatten die Rohre ihrer Wasserleitungen reinigen lassen, um ja auch alles Wasser in ihr Ortsnetz zu bringen. Aber der Erfolg blieb ihnen versagt. Ein Kratzer, mit dem die Rohre durchgescheuert werden sollten, blieb in einem Rohrstück hängen, und damit war auch der letzte Tropfen abgedreht.

Direktor Wurz von den Baden-Badener Stadtwerken mußte für die dürstenden Ebersteinburger einspringen. Seine Wasserreserven sind durch das Grundwasser-Werk Sandweiher nahezu unbegrenzt. Er schickte in Lastwagen Wasser für Ebersteinburg.

Aber alle diese Rückschläge lassen die Dörfler nicht weich werden: »Und wenn mir gar kei Wasser mehr han, na schleck i halt mei Frau ab, wenn se sich wasche will.« Sie wollen sich nicht nach Baden-Baden eingemeinden lassen.

Doch die Leute unten im Tal haben die Hoffnung auf den neuen Vorort immer noch nicht aufgegeben. Nun herrscht Kleinkrieg in dem sonnigen Ebersteinburg. Leidtragende sind vor allem die »Neubürger«, darunter Mannheims Oberbürgermeister Dr. Heimerich, Direktor Richter von der Baden-Badener Mercedes-Benz-Niederlassung und das Ehepaar Dr. Weber, vor dessen Haus der gut verdämmte Sprengstoff explodierte.

Diese drei Familien waren unter der bürgermeisterlichen Versicherung nach Ebersteinburg gezogen, Wasser sei ausreichend vorhanden, und sie waren nicht vor massiven Vorwürfen an Moßmanns Adresse zurückgeschreckt, als die Hähne immer spärlicher plätscherten.

Aber: »Traurig wäre es, wenn man von 800 Einwohnern verlangen würde, daß sie nach der Musik von zehn oder zwanzig der höheren Schicht angehörenden Personen tanzten«, schrieb ein Ebersteinburger am 3. Juli empört an das Baden-Badener Tagblatt, das in einem Bericht auf die Wassernotlage des Höhenortes hingewiesen und wiederum den Anschluß an Baden-Badens Leitungen erörtert hatte.

»Man muß sich eben ein wenig einschränken, auch wenn man nicht jeden Tag den Garten bespritzen oder täglich einige Bäder nehmen kann«, wies der Briefschreiber auf die wasservergeudenden Allüren der zugezogenen Prominenz hin, »die bei den höheren Instanzen gewaltigen Einfluß hat« und offenbar nicht willens war, sich bei Wassermangel und Reinigungsbedürfnis gegenseitig abzuschlecken.

Als dazu noch am 7. Juli der medizinische Bericht im Tagblatt erschienen war, fühlte sich das Arztehepaar Weber in Ebersteinburg von eisiger Verachtung umgeben, obwohl der Röntgenarzt nie anders als in eigener Sache mit dem schlechten Wasser befaßt war. Nur der Täter weiß, welche Imponderabilien noch hinzu kamen, um gerade die Webers, als Repräsentanten der »höheren Schicht«, zum Ziel des Sprengstoff-Anschlags werden zu lassen.

Nach der offiziellen Lesart der Gendarmerie Gernsbach war es ein Dummer-Jungen-Streich. Sie hat sich damit die Version des Bürgervereinsvorsitzenden Lang zu eigen gemacht, der Fragen dieser Art schon deswegen besonders sachkundig beurteilen kann, weil er früher einmal selbst Sprengmeister war.

Den Attentäter, das steht fast fest, werden die müden polizeilichen Ermittlungen kaum ans Licht bringen.

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