»Das geht so gehoben zu« - DER SPIEGEL
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»Das geht so gehoben zu«

Sie residieren in den Etagen citynaher Patrizierhäuser, in Luxusvillen der Prominenten-Vororte, aber auch in swimmingpool-bestückten Bungalows auf dem flachen Lande: Die neuen Salons der käuflichen Liebe in Westdeutschland zählen mittlerweile nach Hunderten. Ihr geschäftlicher Erfolg markiert zugleich das Scheitern einer sexuellen Revolution: Der Versuch, Sex und Liebe in der modernen Ehe zu integrieren, scheint mißlungen.
• aus DER SPIEGEL 14/1976
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Dirnen bedarf man in dieser glücklichen Zeit gar nicht, weil man soviel Willfährigkeit bei anständigen Frauen findet«, schrieb Giacomo Casanova in den Tagen, die in den Sittengeschichten als die erotomane »galante Epoche« des 18. Jahrhunderts figurieren. Wenn es so war, wie es der Frauenheld erlebte, hätte da die Prostitution jener Zeit nicht durch die Schleuder-Konkurrenz der »anständigen Frauen« und schrumpfende Nachfrage in eine tiefe Rezession geraten müssen?

Das Gegenteil geschah. Nicht nur die Amateur-Amour, sondern auch (und erst recht) der professionelle Liebesdienst nahm einen so kühnen und üppigen Aufschwung wie nie zuvor im christlichen Europa. »Dirnen fuhren in Equipagen und Dirnen zu Pferde auf den Promenaden und Avenuen der Hauptstädte ... Dekolletagen bis zur völligen Entblößung des Busens führten zu Verkehrsstockungen am Palais Royal in Paris, an der Vauxhall zu London«, berichtet atemlos der Sittenschilderer Eduard Fuchs. Im Amsterdamer Luxusbordell »De Fountein« spielten die Mädchen nackt Billard, während sie von prospektiven Freiem gemustert wurden. Der Londoner »Temple Aurora« war berühmt für sein stets frisches Angebot lupenreiner Jungfrauen.

Sogar im Berliner Tiergarten tat sich nach dem Tod des Alten Fritz ein wahres Lustschloß auf, der Salon der Madame Schuwitz, die es kraft ihrer hübschen und manierlichen Mädchen und der phantasievollen Redouten, die sie zu veranstalten pflegte, zu internationalem Ruf brachte. »Höchste kirchliche und weltliche Würdenträger«, vermeldet Fuchs nach zeitgenössischen Quellen, »drückten der berühmten Kuppelmutter jeden Abend dankbar und verehrungsvoll die Hand.«

So weit ist es noch nicht wieder. Aber was auf der bundesdeutschen Sex-Szene vor sich geht, hat zumindest Ähnlichkeit mit den Paradoxien der galanten Zeit. Denn trotz einer sexuellen Zugänglichkeit der Normalfrau, von der selbst Casanova nur träumen konnte, trotz der vollständigsten Umwälzung der Geschlechtsmoral seit dem Einzug des Christentums, trotz Pille, Penicillin und Beate Uhse zeigt sich die Mietlust-Branche keineswegs beeinträchtigt, sondern deutlich und beständig expansiv -- mit bemerkenswerten Unterschieden freilich.

Nicht auf dem überkommen-ordinären Strich nämlich, nicht in den kahlen Kontakthöfen und tristen Vollzugs-Kammern von »Eros-Centres« und Dirnen-Wohnheimen spielt der Boom sich ab, sondern in Villen mit Park und Swimming-pool, in Etagenwohnungen mit bester Adresse, in Landhäusern weit draußen in ruhiger Lage rings um die großen Städte. Die »eklatante Entwicklung«, von der Düsseldorfs Sitten-Kommissar Klaus Hennicke spricht, konzentriert sich auf das, was die Beamten »Salon-Prostitution« nennen.

Mit den »Massage-Salons« begann es vor Jahren noch sehr banal und geradezu -- und nach wie vor wird in einem Großteil dieser Institute ohne Schnörkel eine Arbeit verrichtet, die man im mittelalterlichen Deutschland schlicht als »glidenvetzerey« bezeichnete. Doch immer stärker breiten sich Prostitutionsformen aus, die auch von der Polizei als »gehoben« definiert werden und kaum noch etwas gemein haben mit der sexuellen Nothilfe auf Autositzen und in Koitus-Kasernen.

»Dezentes Licht, weiche Fauteuils, sanfte (mitunter sogar klassische) Musik, frische Blumen auf den Tischen, wohlsortierte Bar, angenehme Sauna ... Mädchen in Abendkleidern, die zu plaudern verstehen und nicht animieren«, berichten überraschte Besucher von »Klubs« und »Privatsalons«, die sich in vornehmer Umgebung diskret etabliert haben: am Grunewald in Berlin ("Petit Chalet"), in Hamburg an der Elbchaussee 503 ("Freizeit-Club Hamburg-Blankenese") und in Winterhude ("Rondeel-Club"), in der Kölner Heinsbergstraße 18 ("Club privé -- for members only")« in München-Obermenzing ("Sauna für den anspruchsv. Herrn"), an den Hängen des Taunus, wo sich neben anderen eine »International European Asia Peace Union« in einer geräumigen Villa in Schmitten der interkontinentalen Kontaktpflege widmet ("Hostessen aus Asien und Europa geben unserem Club die internationale fernöstlich-europäische Note").

Sex-Zwang besteht an diesen Orten nicht. »Hier ist der Mann nicht Freier, sondern Gast«, sagt der Chef des Köl-

* »Le serail Parisien«, Kupferstich von Blanchard.

ner »Club privé«. Gegen ein Eintrittsgeld von selten mehr als 50 Mark (das oft als »Mitgliedsbeitrag« für den Klub gewertet wird) und zivile Gebühren kann der Kunde das tote Inventar nutzen (vom Swimming-pool bis zur Pornofilm-Projektion)

und dem lebenden Inventar zuschauen. Denn auch in zahlreichen »Freizeit«- und »Liveshow-Clubs« geringerer Preisklasse präsentiert sich das Personal heute zunächst mit Darbietungen, die vom Schmieren-Strip bis zur »cabaret"nahen Show in den besten Häusern reichen. Die Besitzersfrau in einem Etagen-Etablissement mittlerer Güte an der Berliner Kantstraße (mit Stereo-Anlage und Lichtorgel) meint zu den Auftritten, bei denen sie selbst mitstrippt: »Alles andere auf dem Strich frustriert doch die Männer. Die wollen was sehen, die wollen sich anwärmen.«

Gäste, denen sich genügend Hitze mitgeteilt hat, können sich mit Mädchen ihrer Wahl zurückziehen zu Rencontres von 30 Minuten bis über zwei Stunden und zu Preisen, die von 50 Mark für die Kurzfassung in Discount-Lokalitäten bis zu 150 Mark und mehr in den exklusiveren Gelegenheiten reichen. »Da wird niemand gehetzt«, sagt die Spitzenkraft eines Hamburger Klubs. »Da kann der Gast auch hinterher mit seiner Partnerin oder seinen Partnerinnen noch in Ruhe einen Drink nehmen. Wir wollen ja, daß die Leute wiederkommen.«

Auffallend ist der Trend der Salon-Prostitution, sich ins Grüne zu begeben. Bahnhofsnähe ist für sie uninteressant, Autobahnnähe wichtig. Da gibt es ein »Haus Straßburg« an der »BAR Frankfurt -- Köln, Abfahrt Diez"« den Klub »Lug ins Land« ("BAB-Abfahrt Siegen -- Eiserfeld« 5241 Brachbach, a. d. B. 62. Büdenholzer Straße 36"), ein Hotel mit Sauna namens »Märchenwald« ("7 km außerhalb von Mönchengladbach").

Im Dirnensperrgebiet ein »exklusives Badehaus«.

Am Ortsrand von Babenhausen, 25 Kilometer südöstlich von Frankfurt, betreibt der Sex-Gastronom Wolfgang Sehr einen ganzen Komplex moderner Land-Refugien. Auf der täglichen Vergnügungsseite der »Abendpost/Nachtausgabe« ist er gleich viermal vertreten: Wand an Wand mit dem Nightclub »Broadway-Bar« steht das Hotel »Je t'aime« ("14 charmante Hostessen, Kontaktbar, Hotel rund um die Uhr"), unmittelbar neben dem »Schwimmbad-Sauna-Club d'Amour« leuchtet aus dem Wald an der Straße nach Aschaffenburg die blaue Neonschrift des »Nightclub d'Amour« ("Hotel, Restaurant, internationales Film- sowie abendfüllendes Sex-Life-Programm").

Sehrs Häuser heißen sogar anwärmwillige Pärchen willkommen und haben damit offenbar eine Marktlücke erschlossen. Wolfgang Sehr: »Das hat es früher nicht gegeben, und das ist auch heute noch der größte Fehler der meisten Barbesitzer -- bei ihnen sind Frauen als Gäste verpönt, und dann wundern sie sich über schlechte Geschäfte. Ich habe meinen Leuten eingeimpft« daß sie zu den Damen in Herrenbegleitung ganz besonders freundlich sind.«

»Der Drang nach Lust hat sich offensichtlich ganz allgemein verstärkt. Die Menschen sind gegen früher freier geworden« kommentiert der Frankfurter Ordnungsamts-Chef Torsten Schiller den Prostitutionsboom.

Dem unbedarften Bürger enthüllt sich die Expansion vor allem in den immer länger werdenden Vergnügungsspalten der Boulevard-Presse« in denen sich »Modelle« in allen Farben und Formen offerieren. 400 »Traummodelle«, »Mannequins« und »Top-Hostessen« annoncierten während der letzten Frankfurter Automobilausstellung an einem einzigen Tag in der »Abendpost/ Nachtausgabe« ("AN").

Das ist keine Getto-Prostitution mehr. Noch nicht ein Drittel der »AN«-Inserenten wohnt in den altbekannten Quartieren der Innenstadt. Der Rest grüßt vorwiegend aus den Neubauvierteln am Stadtrand. Die Nachfolgerinnen der (1957 ermordeten) Luxus-Dirne Rosemarie Nitribitt bieten dort, einzeln oder zu mehreren, ihren Service unauffällig zum Teil in angezahlten Eigentumswohnungen, die sie auf diese Art zu erwerben hoffen.

Auch die Kunden wissen die Anonymität der Wohnblock-Etagen zu schätzen. Und zu den Leuten, die über diese Entwicklung nicht unglücklich sind, gehören nicht zuletzt Frankfurts Kriminale. Oberrat Knappik: »Freier mit Geschlechtskrankheiten wissen hinterher, wo sie waren. Der Straßenstrich wird eingedämmt, und die Kriminalität, etwa der Beischlaf-Diebstahl, läßt nach. Die klauen nicht, weil sie wissen: Wir stehen in der Zeitung.«

Nicht nur der »Telephon-Strich«, auch die Salons und »Intim-Saunas« werden in den Großstädten von der Polizei toleriert, wenn sie die Umwelt nicht belästigen und sich von Kriminellen freihalten. So darf in einem von dem Frankfurter Metzgermeister Erwin Schneider für zwei Millionen Mark im Dirnen-Sperrgebiet erbauten »exklusiven Badehaus«, Tucholskystraße 16, ohne weiteres für 150 Mark mit »charmanten Badehostessen« kopuliert werden. Die mit rotem Frottee umgürteten Nymphen haben über der Badehaus-Bar zwei komplette Etagen als »Wohngemeinschaft« angemietet.

»Nach dem Gesetz« erklärt Torsten Schiller vom Ordnungsamt, »könnten wir das unterbinden.« Denn das Gesetz sagt zwar nichts mehr gegen den käuflichen Geschlechtsverkehr an sich und auch nicht gegen die bloße Zimmervermietung an Dirnen, wohl aber gegen die dehnbare »Förderung der Prostitution«, etwa die Unterhaltung eines bordellartigen »Gesamtbetriebs"« der vollen Service bietet. »Aber«, so erläutert Schiller sein Stillhalten, »das geht so gehoben zu dort, da kommen keine Gröler, da spielt sich nichts auf der Straße ab, und es gibt keine sittliche Gefährdung von Kindern.«

Allerorten wird von den Beamten ein Strukturwandel auch beim Personal registriert. In Berlin findet Kriminalhauptkommissar Helmut Starke, daß die Mädchen heute »gesellschaftlich querbeet« kommen. Die gelockerte Sexualmoral habe bei vielen Mädchen auch die Sperre gegen die Käuflichkeit aufgehoben -- besonders bei denen, die erfahren haben, daß die Liberalisierung von den Männern oft nur als eine Chance betrachtet wird, Frauen umsonst auszunutzen.

Was sich früher aus den Tiefen des Volkes rekrutierte, sei heute oft Studentin oder Ex-Stewardeß. Starke: »Die Neuen sind fast durchweg bürgerliche Mädchen, die alle paar Jahre nicht nur den Salon, sondern auch die Stadt wechseln.« Eine rasch wachsende Zahl junger Ausländerinnen, Thai-Mädchen ebenso wie blonde Tschechinnen, hebt die körperliche Qualität des Angebots beträchtlich -- und oft auch den erotischen Reiz. In einem Kölner Klub etwa entdeckte ein entzückter Besucher »die zauberhaft radebrechende Laurence aus dem südfranzösischen Perpignan: groß, schlank. dunkel, Tangahöschen, Plateauschuhe, schwarze Wollstrümpfe bis übers Knie

Einzeln und mit Partnerinnen arbeitende Callgirls bemühen sich denn auch, der Zuhälterei alten Stils zu entgehen. »Die haben ihren Freund aus Liebe, aus Schutzbedürfnis, aus Prestigedenken«, sagt Kripo-Mann Starke. »Sie sind stolz auf den gutaussehenden Freund, der mit einem Ford-Mustang durch die Gegend fährt.« Auch viele Salons, meint Starke, haben »ein anderes Milieu« als das herkömmliche Dirnenwesen: »Dort gibt es durchaus auch Zuhälter beiderlei Geschlechts. Das ist aber ein anderer Typ, der nicht in den einschlägigen Kreisen verkehrt, eher ein Geschäftsmann.«

»Der Drang zum Dirnenhaften ein Fluch der Kulturentwicklung«.

All dies heißt freilich nicht, daß eine neue galante Zeit ausgebrochen sei und die gehobenen Hurenquartiere sich unversehens in lauter Tempel erotischer Hochkultur verwandelt hätten wie einst die Hetärenhäuser im alten Griechenland. Die Verfemung und die davon geprägten miserablen Züge des Gewerbes dauern fort.

Zuhälter. die potentielle Pferdchen in zivilere Zonen davontraben sehen, versuchen mit Schikane und Gewalt, ihre Herrschaft und ihren Anteil am Geschäft zu behaupten. In mehreren Städten werden Salons und einzeln lebende Dirnen von Ganoven um »Schutzgelder« erpreßt mit Drohungen. die von aufgesprühten Enthüllungsparolen an Häusern und Wohnblocks der Opfer ("Hier wohnt die Hure Gaby S.!") bis zur Körperverletzung reichen -- und oft genug auch wahrgemacht werden.

Auch von der anderen Seite, auf der die Staatsanwälte stehen, droht noch immer Gefahr: Trotz wachsender Toleranz nämlich gibt es noch genug Herren von Justiz und Polizei, die auf den altgewohnten Spaß, ab und an einen Puff zu razzen, nicht verzichten mögen.

Doch es gibt auch schon Justizpersonen, die die Prostitution endlich mit gelassener Vernunft zu betrachten beginnen -- als ein Gewerbe wie andere auch. So verwarf der Frankfurter Amtsrichter Hans Kunkel 1974 die Räumungsklage einer Hausbesitzerin gegen zwei finnische Mieterinnen, die in ihrer Dreizimmerwohnung einen Massage-Salon eröffnet hatten.

In seiner Begründung meinte Richter Kunkel: »Die allgemeine Auffassung darüber, was gegen die guten Sitten verstößt ... ist als sittliche Bewertung durch die Gesellschaft Wandlungen unterworfen, die insbesondere im Sexualbereich in den letzten zwei Jahrzehnten zu frappierenden Anschauungsänderungen geführt haben. Dieser Wandel ... hat sich auch der Prostitution bemächtigt, die keineswegs immer und bei allen Völkern im Geruch des niederen oder gar unsittlichen Gewerbes stand beziehungsweise steht ...«

Richter Kunkel mag eine frühe Schwalbe sein. Doch der Wandel, den er anspricht, hat fraglos auch in der Ausdehnung, Eigenart und Einschätzung der Miet-Lust Tendenzen mit sich gebracht, die vor einem Dutzend Jahren noch sowenig denkbar waren wie die »Geschichte der 0« im Kino an der Ecke.

»Die Reihen der Prostitution lichten sich«, behauptete das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time« Anfang 1964, als die unaufhaltsam schwellende Woge sexueller Liberalisierung drauf und dran schien, alle Relikte der bösen alten Doppelmoral hinwegzuschwemmen. Das Dirnenwesen, so hofften die Verfechter des Sittenwandeis, werde schwinden, zusammen mit den Bedingungen, aus denen es entstanden sei als da waren:

* die christlich-bürgerliche Prüderie, die von den Bräuten Jungfräulichkeit, von den Ehefrauen schamhaftlustloses Duldertum im verdunkelten Schlafgemach forderte und den Gatten die Begattung nur zu Arterhaltungszwecken gestattete;

* die soziale Not, die in der Unterklasse ein Reservoir erniedrigter und schutzloser Frauen schuf, an denen Väter und Söhne aus dem Bürgertum ihre im eigenen Milieu verbotenen Gelüste kühlen konnten.

Tatsächlich stützte sich die Kritik an der überkommenen Gesellschaft und ihrer prostitutiven Kehrseite von Anfang an auf diese beiden Hauptargumente.

»Von der auf dem Privateigentum aufgebauten Monogamie, wo eheliche Liebe viel häufiger objektive Pflicht als subjektive Neigung ist, von dieser Eheform ist die Prostitution untrennbar; sie ist ihr unvermeidliches Korrelat«, donnerte Eduard Fuchs wie vor ihm schon Marx und Engels und Fourier und Rousseau -- bis zurück zum antiken Lukian ("Hetärengespräche").

Und noch 1955 formulierte Helmut Schelsky in seiner »Soziologie der Sexualität": »Die Prostitution ist nun zweifellos eine solche speziell auf die absolute patriarchalische Monogamie ausgerichtete institutionelle Ventilsitte.«

Dieser Diagnose gemäß erwartete Schelsky denn auch, »die Lockerung der sexualmoralischen Rigorosität der Ehe und der vorehelichen Virginitätsansprüche« könnten den »Bestand (der Prostitution) reduzieren und gefährden«. In schlichtem Deutsch war diese Ansicht schon von den meisten Sittenforschern in den 20er Jahren vertreten worden.

Ein Dr. Herbert Lewandowski überlegte, 1927, in seinem Werk »Das Sexualproblem in der modernen Literatur und Kunst« hoffnungsvoll: »Wenn sich mehr Frauen aus Liebe hingeben, werden sich vielleicht weniger um Geld verkaufen müssen.« Und der Kulturhistoriker Curt Moreck sah 1929 schon eine »Dirnen-Dämmerung« kommen durch die weibliche Emanzipation, durch die »aus sexuellem Selbstbestimmungsrecht fließende Hingabe der modernen Frau, die den Zwang der Konventionen überwindet durch die Naturmacht ihres Gefühls«.

In dem eifernden Disput zu Kaisers Zeiten meldeten sich freilich bereits Zweifler zu Wort, die weder von der Diagnose noch von den Heilungserwartungen der Moralreformer überzeugt waren. Iwan Bloch alias Eugen Dühren, ein damals vielgelesener Berliner Sexualforscher und Arzt, ein minderer, aber darum nicht uninteressanter Zeitgenosse Sigmund Freuds« wagte zu bestreiten, daß die Prostitution allein von Monogamie und Prüderie der offiziellen Kultur herrühre.

Er fand gerade in »hochgebildeten Männern« einen nicht von außen aufgezwungenen, sondern tief innen sitzenden »Drang«, von Zeit zu Zeit »in die Tiefen der rohen, brutalen Geschlechtslust und der Selbstentäußerung ... hinabzutauchen«. Dieser »Zug zum Dirnenhaften«, meinte der Berliner, sei »eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der Psyche des modernen Kulturmenschen, es ist der Fluch der Kulturentwicklung«.

Noch fatalistischer war Sigmund Freud in Wien, der die Zerrissenheit des »Kulturmenschen« zwischen höherer und niederer, idealischer und animalischer Liebe so gründlich wie kein anderer durchdachte. Er kam zu dem Schluß, daß diese »Spaltung in zärtliche und sinnliche Strömungen« letztlich nicht von der Gesellschaft verursacht, sondern »in der Natur des Sexualtriebes selbst« und dessen verschlungener Entwicklung angelegt sei. »Wer sein Eheweib zu feurig liebt, der bricht die Ehe.«

Der Bruch trete unabwendbar ein. wenn die Liebe des Knaben zu seiner Mutter auf die »Inzestschranke« treffe, wenn er also unbewußt begreife, daß Mutter und Schwestern sexuell (auch nur in der Phantasie) für ihn tabu sind. In diesem Augenblick zerfällt das weibliche Geschlecht für ihn in eine unantastbare familiäre Innengruppe, der seine (sublimierte) Zärtlichkeit und sein Respekt gelten, und die feminine Außenwelt, auf die sich sein sinnliches Verlangen richtet.

Aus dem tiefverwurzelten Gefühlszusammenhang zwischen Respekt und Sexualtabu entwickle sich aber die unglückliche Konsequenz, daß der Mann eine Frau desto ungehemmter begehren kann, je weniger er sie zu achten braucht, und daß er sich Frauen, die er achtet, nur um so gebremster (wenn überhaupt) zu nahen wagt. Da Männer nun meist Frauen der eigenen Gesellschaftsschicht heiraten, die sie schätzen und verehren, ist die eheliche Misere vorprogrammiert.

Freud: »Fast immer fühlt sich der Mann in seiner sexuellen Betätigung durch den Respekt vor dem Weibe beengt und entwickelt seine volle Potenz erst, wenn er ein erniedrigtes Sexualobjekt vor sich hat, was wiederum durch den Umstand mitbegründet ist, daß in seine Sexualziele perverse Komponenten eingehen, die er am geachteten Weibe zu befriedigen sich nicht getraut.«

Inzestscheu und die daraus entspringenden Tabus aber gibt es schon auf dem Steinzeit-Niveau der australischen Ureinwohner, sind also vorhanden schon vor der Monogamie und erst recht vor der christlichen Verteufelung des Fleisches. Selbst dieser hysterische Ekel vor dem animalischen Unterleib, so meinte Freud, sei zwar eine krankhafte Übersteigerung, aber eben doch nur eine Übersteigerung und nicht die Ursache der Schizophrenie, die in alle Menschen gleich welcher Kultur eingebaut ist. Auch der scheinbar schamfreieste Heide werde in seinem Menschenstolz dadurch zutiefst irritiert, daß er just in

seinen Geschlechts- und Ausscheidungsorganen den Tieren am meisten ähnelt.

»Das Exkrementelle ist allzu innig und untrennbar mit dem Sexuellen verwachsen«, seufzte Freud in seinem Essay »Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens«. Nur in ungezügelter Erregung schlage solcher Widerwille in Lustgewinn um und mache dann »beträchtliche sexuelle Leistungen möglich«, die freilich mit sublimierter Liebe und Achtung wenig gemein hätten.

Schon die antiken Eros-Poeten Ovid und Catull machten sich Sorgen darüber, daß verehrende Liebe ihr sexuelles Vergnügen beeinträchtigen könnte. Und unbestritten ist mindestens seit jener Zeit, daß auch Frauen sich in den Armen eines Fremden eher gehenlassen als bei ihrem Ehemann. Der amerikanische Freudianer Ernest van den Haag ging in einem 1964 erschienenen Buch sogar so weit zu behaupten: »Die Verbindung von Liebe und Sex ist nicht natürlicher als ihre Trennung.« Doch gerade diese Verbindung, die Vereinigung von Liebe und Sex, ist ja das leuchtende Ziel, zu dem die Bewohner der Industriestaaten millionenfach aufgebrochen sind, ermuntert von Moralreformern, angefeuert von Sexualaufklärern und Freud-Jüngern, die den Meister ein wenig zu oberflächlich verstanden.

Keine Trennung sollte es mehr geben zwischen innerehelicher Pflicht (und Neigung) und außerehelichem Vergnügen, zwischen Gattin und Mätresse, zwischen Ehemann und Liebhaber. Jedes Reihenhaus sollte sich des Nachts in ein trauliches Privatbordell verwandeln, in welchem Vati und Mutti einander die verwegensten Wünsche und Phantasien erfüllen -- und dadurch ihre menschliche Beziehung erst recht vertiefen und festigen. Dieser europäisch-ameri-

* Die Tauben des Venustempels -- Holzschnitt nach einem Gemälde von Motte.

kanische Großversuch, das uralte Schisma zwischen Agape und Eros, zwischen reiner und sinnlicher Liebe zu überwinden, ist ohne Frage einer der fesselndsten Vorgänge der Kulturgeschichte -- schon deshalb, weil er den Kulturmenschen der Vergangenheit so gänzlich vermessen und absurd erschienen wäre, nicht nur dem heiligen Hieronymus, der da sprach: »Wer sein Eheweib zu feurig liebt, der bricht die Ehe.«

Ohne Frage haben Aufklärung und Ermutigung zur Lust mit den ärgsten Ängsten, Schuldkomplexen und Tabus von einst aufgeräumt. Doch der Boom der Salon-Prostitution ist nicht das einzige Indiz dafür, daß man sich vielleicht doch mehr vorgenommen hat, als sich ohne weiteres unter eine Bettdecke bringen läßt.

Salonbesucher wollen Sex pur.

Zu jäh für zu viele kam der Sprung vom Keuschheitszwang zum Orgasmus-Kult. Zu kühn waren die vom Sex-Zirkus der Massenmedien aufgeputschten Erwartungen, zu unbescheiden die Forderungen, die die Partner ausgesprochen und vor allem unausgesprochen aneinander zu stellen begannen.

Tapfer haben sie neue Methoden erprobt, die früher als pervers galten -- und dennoch statt des versprochenen Lustgewinns nur vages Mißbehagen empfunden. Auf der Strecke blieben verwirrte Bürgersöhne und mehr noch Bürgertöchter, die zwar (laut einer Umfrage des Hamburger Instituts für Sexualforschung vom vergangenen Jahr) zu 40 Prozent schon mit 16 zu koitieren beginnen, aber auch nach langjähriger Praxis ihren Großmüttern nur zwei orale Techniken voraushaben -- die Einnahme der Pille und den trotzigen Gebrauch vulgärer Ausdrücke.

Selbst dies und ein bißchen mehr von dem, was man früher »dirnenhaftes Betragen« nannte. verursacht ihnen Schuldgefühle, die wiederum zusätzliche Schuldgefühle hervorrufen deshalb, weil man ja nach der neuen Sex-Ethik eigentlich gar keine Schuldgefühle mehr haben soll.

Noch vor zwölf Jahren war nicht nur »Time«-Magazine so optimistisch, von der neuen Sex-Moral zu erhoffen, daß sich »der lange währende Kalte Krieg zwischen Männern und Frauen ... einer Entspannung nähert«. Heute hat es eher den Anschein, als habe sich das Geschlechterschlachtfeld nur um eine besonders gefährliche Nahkampf-Zone erweitert -- aus der die männlichen Kombattanten immer zahlreicher in die Salons retirieren, um sich gegen Bezahlung ihre Wunden kühlen zu lassen.

»Sie sind sauer, weil sie nicht mehr die Herren und Meister in ihren eigenen Betten sind. Deshalb kommen sie her, um sich vorzumachen, daß sie es bei uns sind. Ich habe nichts dagegen, solange der Kunde genug bezahlt. Dabei habe ich einen echten Vorteil gegenüber seiner Frau -- ich will nur sein Geld, nicht seine Liebe. Ich weiß, mein einziger Job ist, dafür zu sorgen, daß er sich wohl fühlt. Seine arme Frau glaubt, er sei dafür da, daß sie sich wohl fühlt! Ich glaube nicht, daß Männer dafür geschaffen sind.«

Diesen Kommentar einer Luxusdirne zitieren die Autoren John Murtagh und Sara Harns in einem Report über die amerikanische Edelprostitution. Durchaus ähnlich äußern sich auch deutsche Salon-Schaffende: Man müsse dem Kunden das Gefühl geben, daß er der Größte sei, man müsse seine »Hänger« behutsam erkunden und mit einigem Feinempfinden darauf eingehen.

Solche Kunden kommen vom 35. Lebensjahr an -- oft als verschreckte Zauberlehrlinge der Sex-Revolution, die den multi-orgasmischen Ansprüchen ihrer aktivierten Gattinnen nicht (mehr) nachkommen können.

Nicht minder häufig aber sind sie Opfer der entgegengesetzten Reaktion von Ehefrauen, die gegen die Zumutung zu protestieren begannen, für ihre Bürohengste von Ehemännern das »Sexobjekt« zu spielen -- zumal viele Frauen psychisch an der Doppelrolle scheitern, bei Tag eine kühle Emanzipierte zu sein und bei Nacht eine schnurrende Bettkatze.

Die Damen im Hamburger »Rondeel-Club« sind jedenfalls überzeugt, daß auch der Feminismus als moderne Form, den Männern guten Gewissens die Süßigkeiten zu verweigern, beiträgt zu dem Zuspruch, den ihre käufliche Bereitschaft findet·. »Diese Emanzen treiben uns die Gäste förmlich zu.«

Aber auch die bestfunktionierende Ehe wird erotisch ausgehöhlt nicht nur von dem, was Sigmund Freud »laues Behagen« nannte, von Gewohnheit, Geld- und Kindersorgen. Sie wird überflügelt vom Reiz geheimer und veröffentlichter Phantasien, die sich von der bloß körperlichen Befriedigung lösen und ein gespenstisch-unersättliches Eigenleben gewinnen.

»Man braucht sich nur den Welterfolg der Fellationierungskünste der Linda Lovelace (in dem Pornofilm »Deep Throat") vor Augen zu halten oder die Tatsache, daß die »Geschichte der 0« ein solcher Kassenschlager ist, um zu ahnen, wie groß der Abstand zwischen Wirklichkeit und Traum in der Sexualität noch immer sein muß, ja, daß er eher noch größer zu werden scheint als kleiner«, mutmaßt Kritiker John Simon im »Esquire«.

Was dabei am Ende herauskommt, ist das Verlangen gereifter Männer nach schnuckliger Schamlosigkeit, die sie bei ihren Ehefrauen mit zunehmendem Alter weder bekommen können noch ertragen könnten, wenn sie sie bekämen: »Seine Inzestfurcht«, schreibt Psychologe Morton Hunt, »macht (den Mann) unfähig, bei einer gereiften Frau ein Betragen zu tolerieren, das verführerisch, sexuell verspielt und leidenschaftlich ist.«

Gespräche mit Kunden der gehobenen Prostitution ergeben, daß »Hostessen« und »Modelle« mehr und mehr auch da einspringen, wo Männer die ersehnte Belebung früher vorzugsweise bei ihren Sekretärinnen suchten -- wie auch manche Sekretärinnen in dieser zynischer gewordenen Zeit den Beruf wechseln, um gegen Geld zu tun, was sie vordem aufgrund verlogener Versprechung wohlfeil geboten haben.

* Billard-Salon im Amsterdamer »De Fountein«.

Salon-Besucher bekennen, daß sie Büro-Affären als zu kompliziert, kompromittierend und bindend aufgegeben hätten. Sie wollen ihren Sex jetzt pur, ohne sich neue Verpflichtungen, Rücksichten und Gewissensbisse einzuhandeln, die das Vergnügen binnen kurzem vergällen. Sie wollen ihre alten Ehen erhalten (getreu dem Papstwort, daß die Ehe »auch dann weiterleben muß, wenn die Liebe stirbt"), statt unter drückenden Kosten und Kümmernissen eine neue anzufangen, mit der sie nach einiger Zeit wieder am gleichen Punkt wären.

»Ein Mädchen, das bezahlt wird, klammert nicht«, ist eine oft verkündete Weisheit. Und nicht wenige dieser Kunden haben für sich -- und zu ihrer eigenen Überraschung -- die über Freud bis ins alte Rom zurückreichende Erkenntnis neu entdeckt, daß gerade die bindungslose, verpflichtungsfreie und unpersonalisierte Sexualität Potenz und Lust spürbar heben kann.

Selbst in Amerika, dem Land der seriellen Vielehe mit ihren ruinösen Folgen für Emotionen und Finanzen, beginnt man sich zu fragen, ob es nicht vernünftiger wäre, wieder monogam zu werden und die Suche nach dem erotischen Abenteuer wieder dahin zu verlegen, wo sie von alters her hingehört -- in die außereheliche Sphäre.

Der Analytiker Bruno Bettelheim hält den Amerikanern die lateinischen Regionen Europas vor, »wo sich die erotischen Traditionen der Antike in abgewandelter Form erhalten haben: Die Ehe ist eine Sache, Liebe und Sex eine andere und Freundschaft wieder etwas Verschiedenes. Weder der Mann noch die Frau erwarten alle diese Dinge zugleich voneinander«.

Warum also sollten Männer und Frauen sich gegenseitig aufreiben in dem auf längere Sicht vergeblichen Bemühen, einander alles zu sein und zu geben? Warum muß eine ansonsten gute und vertrauensvolle Ehebeziehung zerstört werden, nur weil man sich im Bett miteinander langweilt?

Aber genau das geschieht, meint Bettelheim, wenn man Wert und Bestand einer Ehe ausgerechnet von ihrem vergänglichsten und am wenigsten von gutem Willen beeinflußbaren Element abhängig macht -- von ihrer erotischen Spannung.

Am Ende der christlichen Geschlechtsmoral bleibt zwar als Ideal die allumfassende Liebe. Faktisch aber scheint die Entwicklung auf eine Rückkehr zum vorchristlichen Realismus hinauszulaufen, der die zwiespältigen Begierden von Männern und von Frauen nicht verfemt und unterdrückt, sondern als Lebensphänomene schlicht anerkennt und toleriert -- »Unzucht« inbegriffen, käuflich oder nicht. Die Männer fürchten

das anerkannte Hetärentum.

»Wir sind Bürgerinnen wie alle anderen, doch man behandelt uns wie Sträflinge. Sobald unsere Arbeit getan ist, wollen wir ein normales Leben führen.« Mit solchen Parolen verbarrikadierten sich französische Dirnen letzten Sommer in Kirchen und veranstalteten in Paris Diskussionen unter Vorsitz des blonden Straßenmädchens »Ulla«, um ihre rechtliche Gleichstellung mit anderen Berufen zu fordern.

Solche Entwicklungen wiederum ermunterten den Saarbrücker Assistenz-Professor der Jurisprudenz Hans-Heiner Kühne, in der »Zeitschrift für Rechtspolitik« ein unorthodoxes und geistreiches Plädoyer zu halten zu der Frage »Prostitution als bürgerlicher Beruf?«

Man müsse sich doch eigentlich wundern, meint Kühne, warum Frauen, die freiwillig der Prostitution nachgehen, »nicht wie andere berufsausübende Personen auch gewürdigt werden, handelt es sich doch um eine Dienstleistung, die gut bezahlt wird, deren Ausübung von der Rechtsordnung toleriert wird und für die überdies ein größerer und -- wie man aus mehreren tausend Jahren Geschichte schließen kann -- wohl auch beständig anhaltender Bedarf besteht«.

Daß eine kommerzialisierte, durch und durch auf den Austausch von Geld und Ware gegründete Gesellschaft ausgerechnet den Handel mit der ältesten aller Waren weiterhin diskriminiere, habe mit Logik nichts zu tun, sondern nur mit willkürlichen Vorurteilen, für die in einer objektiven Rechtsordnung kein Platz sein dürfe.

»Verwerflich ist, was der Jurist für verwerflich hält«, konstatiert Kühne und folgert sarkastisch: »Die Rechtswissenschaft verkauft damit ihre Ideale vom objektiven Recht ebenso ungeniert -- aber vielleicht weniger bewußt -~ wie die Prostituierte ihren Körper.

Gerade dadurch, daß man die Transaktion zwischen Dirne und Freier als »sittenwidrig« brandmarke, dränge das Recht die Prostitution aus der Rechtsordnung hinaus in die Hände von Zuhältern und Ganoven, zwinge es die Dirnen zur »Selbsthilfe« mit potentiell illegalen Mitteln. Der Höhepunkt der Heuchelei aber sei erreicht, wenn der Staat nach der heutigen Rechtslage zugleich ermächtigt werde, an dem »sittenwidrigen Geschäft« per Besteuerung zu partizipieren.

Deshalb sei es an der Zeit, reinen Tisch zu machen und auch die Freudenmädchen prinzipiell unter den Schutz des Artikels 1 Absatz 1 des Grundgesetzes zu stellen, der jedem die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit im Namen der Menschenwürde garantiert.

Man könnte zwar, meint Kühne, »je nach persönlichen Anschauungen möglicherweise den Verkauf des eigenen Körpers zu geschlechtlichen Zwecken als dem Wesen und der Würde des Menschen entgegenstehend beurteilen ... Da aber diese Lebensform von den Betroffenen selbst gewählt wurde und der Begriff der Menschenwürde u. a. auch insbesondere jedem Individuum garantiert, sein Leben in freier Selbstbestimmung zu führen, darf hier eine Verletzung der Menschenwürde nicht subsumiert werden«, zumal von einer echten Notprostitution heute keine Rede mehr sein könne.

Hinter dem Widerwillen, die Prostitution zu entdiskriminieren, wie hinter ihrer ursprünglichen Verfemung steckt freilich die dumpfe männliche Furcht, ein höher entwickeltes und anerkanntes Hetärentum könnte auch die eigenen Frauen und Töchter unwiderstehlich anziehen.

Tief sitzt noch immer der Argwohn gegen das, was die Sex-Chauvinisten der Jahrhundertwende als die »angeborene Dirnennatur des Weibes« bezeichneten. Nur die rüdeste Ächtung der Prostitution kann nach dieser Ansicht verhindern, daß auch die anständigen Frauen alle Hemmungen abschütteln, um sich wie einst Messalina den Maultiertreibern hinzuwerfen.

Doch auch Rechtsprofessor Kühne glaubt, seine Geschlechtsgenossen und Mitjuristen in diesem Punkt beruhigen zu können: »Die Tätigkeit (der Prostituierten) wird weiterhin für die meisten Frauen hinreichend Probleme aufwerfen, die zu einer anderen Berufswahl trotz geringerer Verdienstmöglichkeiten motivieren.«

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