ONLINE-AUKTIONEN Das Geld sitzt locker
Bis vor ein paar Jahren waren Auktionen eine exklusive Sache. Unter den Holzhammer der Versteigerer kamen vorwiegend Edles und Antikes. Das Publikum im Saal buhlte mit geheimen Gesten wie einem unauffälligen Kopfkratzen um Millionenzuschläge.
Heute sind Internet-Auktionen zentraler Motor des E-Commerce: Allein in Deutschland kletterte der Umsatz 1999 gegenüber dem Vorjahr um 1670 Prozent auf 318 Millionen Mark. Angeboten wird alles, was irgendwie zu Geld zu machen ist - vom Fußballsammelbildchen über gebrauchte Mähdrescher (Mindestgebot: 202 000 Mark) bis zum gut erhaltenen Skelett eines Tyrannosaurus Rex (Mindestgebot: knapp sechs Millionen Dollar).
Der internationale Marktführer eBay (ebay.com) hat inzwischen mehr als zehn Millionen registrierte Mitglieder, die aus 4,5 Millionen parallel laufenden Online-Auktionen auswählen können; auch bei der deutschen Dependance (ebay.de) sind es schon rund eine Million. Weltweit ersteigerten die eBay-Nutzer 1999 Waren und Dienstleistungen im Wert von 2,8 Milliarden Dollar und bescherten dem Unternehmen damit 225 Millionen Dollar Umsatz und 11 Millionen Dollar Gewinn.
Der Boom lockt auch Branchenfremde: So startete Bertelsmann im vergangenen Sommer andsold.de, der Axel-Springer-Verlag zog mit goon.de nach, und Discount-Broker Consors übernahm die Mehrheit an offerto.de. Auch beim Online-Buchhändler amazon.de kann seit einigen Monaten geboten und gesteigert werden. Allein die Spezial-Suchmaschine auktionsindex.de listet mehr als hundert deutschsprachige Auktionsanbieter auf.
Das Prinzip der Online-Auktionen ist denkbar einfach: Jeder, der über einen Internet-Zugang verfügt, kann sich auf den Auktionsseiten kostenlos , die aktuellen Angebote durchforsten und Gebote abgeben. Ist die Laufzeit einer Auktion verstrichen, erteilt die Software des Online-Auktionators automatisch dem Meistbietenden den Zuschlag, Käufer und Verkäufer werden per E-Mail benachrichtigt.
Zu unterscheiden sind so genannte Business-to-private-Anbieter wie ricardo.de und qxl.de, die vor allem Neuwaren und Restposten verhökern, und reine »private to private«-Auktionsadressen wie ebay.com oder auxion.de, die nach dem Flohmarkt-Prinzip funktionieren und das Gros der Online-Versteigerer ausmachen. Bezahlung und Versand müssen Käufer und Verkäufer selbst regeln, eine Haftung für die Waren wird nicht übernommen.
Waren die Online-Auktionshäuser bisher meist Generalisten, die vom Auto-Wackel-Dackel bis zum Zippo-Feuerzeug alle nur denkbaren Nippes im Angebot hatten, entstehen seit kurzem immer mehr Versteigerer, die sich auf einzelne Themen und Artikel spezialisieren. So kommen bei vinoveritas.de Weine und Champagner unter den Hammer, bei modell-auktion.de werden Matchbox-Autos versteigert, bei guitarjail.de Musikinstrumente und unter erotikauktion.de Dildos und Strapse.
Auch Ausgesuchtes und Teures ist online zu haben: Neben Sotheby''s ist mittlerweile auch das Traditionshaus Christie''s im Internet aktiv, ein Berliner Immobilienhändler versteigert auf seiner Web-Seite Eigentumswohnungen (duske.de), und bei freebid.de hat man sich auf hochwertige Antiquitäten und Sammlerobjekte spezialisiert. Dort ist beispielsweise ein »Aderlassschnäpper mit zwei Schröpfgläsern« zum Einstiegspreis von 750 Mark im Angebot, eine »Knochensäge um 1800« startet bei 150 Mark.
Einige Auktionshäuser müssen sich schon mit Klagen enttäuschter Kunden herumschlagen, die von Verkäufern online übers Ohr gehauen wurden. Bisher übersteigt bei den hunderten Handelsplattformen, die auf bietfreudige Besucher warten, das Angebot an Ersteigerbarem die Nachfrage erheblich. Als lukratives Wachstumsfeld gilt daher vor allem der »business to business«-Bereich ("B2B"), der Handel zwischen Unternehmen.
So hat der Autohersteller Ford einen Teil seines Beschaffungswesens schon umgestellt und besorgt sich die notwendigen Teile statt bei festen Zulieferern nun über das Netz - dort, wo sie gerade am günstigsten sind.
Mit ricardoBiz.com will das Hamburger Netzauktionshaus Ricardo B2B-Versteigerungen seit Januar nun auch in Deutschland populär machen. Bei der Konkurrenz von ebay.de, deren Wirtschaftsplattform ebayPro.de schon seit November online ist, hat man derweil schon die ersten Erfolgsmeldungen parat: Kurz vor Weihnachten ging eine Stendaler Baufirma mit fünf Beschäftigten weg - für 250 000 Mark; derzeit verhökert die Veba dort eine komplette Kohle-Öl-Raffinerie, die bisher in Bottrop stand. Das Volumen dieser Auktion, die aus 10 000 Einzelpositionen besteht, schätzt man bei eBay auf 90 bis 100 Millionen Mark.
Ricardo-Chef Stefan Glänzer sieht die virtuellen Versteigerungen immer noch am Anfang ihrer Entwicklung. Er spricht neuerdings nicht mehr von Auktionen, sondern lieber von »dynamischen Preisfindungsmechanismen«. Seinen Unternehmenskunden will er künftig eine Reihe neuer Möglichkeiten bieten: Online-Ausschreibungen etwa und so genannte umgekehrte Auktionen (reverse auctions), bei denen die Abnehmer ihre Preisvorstellungen nennen und die Anbieter sich gegenseitig unterbieten, um den Auftrag zu bekommen. Auch »Holländische Auktionen«, mit denen der Auto-Verleiher Sixt derzeit schon seine ausgemusterten Mietwagen versteigert, bietet das Netz: Dabei fällt der Preis in regelmäßigen Abständen, bis schließlich ein Interessent zuschlägt.
Was mit der Versteigerung von Überraschungseiern und ähnlichem Tand begann, wird nach Meinung von Stefan Glänzer alte Glaubenssätze des Welthandels ins Wanken bringen.
»Das System der festen Preise«, orakelt der Ricardo-Chef, »bekommt bald ernsthafte Konkurrenz.« MARCEL ROSENBACH
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