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TV-SERIEN Das Gesetz der Serie

Sie galt als »Souterrain des Niveaus« und nicht überlebensfähig. Doch auch nach der 2500. Folge ist die Seriensucht ungebrochen: Die Soap »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« ist die Geldmaschine von RTL.
• aus DER SPIEGEL 26/2002
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Manchmal bekommt Mandy noch Zitterkrämpfe, wenn Felix aus dem Studio kommt. Sie kann dann vor Aufregung kaum die kleine Kamera halten, auf die sie pausenlos drückt: Felix vor den grauen Studiohallen in Potsdam-Babelsberg - 160 verwackelte Bilder hat die 17-Jährige in den vergangenen acht Wochen von dem Seriendarsteller gemacht.

Ihre Freundin Nicole, 15, hat die Phase der Zitterkrämpfe schon hinter sich. Seit sie ihr Idol Tokessa Möller-Martinius bei einer Autogrammstunde »näher kennen lernte«, sei ihre Nervosität »leicht zurückgegangen«.

Mandy und Nicole sind Fans von »Gute Zeiten, schlechte Zeiten«, der erfolgreichsten Fließbandserie im deutschen Fernsehen. 100 Folgen der so genannten Soap-Opera hatte RTL im Mai 1992 nur geplant, nun sind 2500 daraus geworden, und auch nach zehn Jahren ist kein Ende in Sicht. Dabei sah es anfangs gar nicht gut aus: Kritiker wähnten sich im »Souterrain des Niveaus« ("Tagesspiegel"), und die Zuschauer offenbar auch: Die Quote war so mager, dass der RTL-Beirat vom damaligen Senderchef Helmut Thoma die Absetzung verlangte.

Thoma hatte die Serie aus Australien importiert. Doch die altersschwache Vorlage, eine hausbackene Endlosgeschichte über flotte Jugendliche, die nie arbeiten und teure Cabrios fahren, interessierte hier kaum jemanden. Das Format war so prüde, dass Mädchen und Jungen nur in Ausnahmefällen abends zusammen weggehen durften - das Wort »Scheiße« war verboten.

Dennoch wirkte die Serie auf die australischen Jugendlichen wie ein Sog, und auf diese Abhängigkeit spekulierte Thoma auch hier: »Wir müssen das Känguru durch den deutschen Schäferhund ersetzen«, glaubte Thoma, und komischerweise behielt er Recht. Nachdem die Charaktere entstaubt worden waren und mehr Raum für Beziehungsprobleme der Jugendlichen da war ("Ich glaub, ich hab mich verliebt.« - »Ich denke, ihr wolltet nur Freunde sein?"), setzte so etwas wie das Gesetz der Serie ein - ein zehn Jahre dauernder Erfolgsschub, für den kein kausaler Zusammenhang erkennbar war. Außer dem Mut zur erbarmungslosen Wiederholung der ewig gleichen Probleme vielleicht.

Schon bald wurde die Serie zur Geldmaschine des Senders. Die Produktionskosten sind gering, die Werbeeinnahmen immens - »GZSZ« trug im vergangenen Jahr geschätzte 80 Millionen Euro zum 361-Millionen-Vorsteuergewinn der RTL-Group bei. Hinzu kommen Millionenerlöse für Serien-Nippes wie »GZSZ«-Becher, -Kuscheltiere und -Tischfeuerwerk.

Bereits Anfang jedes Jahres ist ein Großteil der Werbezeiten ausgebucht. »Niemand schaut intensiver zu und leidet mehr mit als 10- bis 19-jährige Mädchen«, sagt Maya Götz, Medienwissenschaftlerin und Autorin des Buches »Alles Seifenblasen?«, in dem die Bedeutung von »Daily Soaps« im Alltag von Kindern und Jugendlichen untersucht wird. Rund 50 Prozent Marktanteil hat die Serie in dieser Altersgruppe.

Was Götz »Definitionsmacht« und »Stildiktat« nennt, das umschreiben Marketingstrategen geschmeidig mit »optimalem Werbedruck": Nirgendwo kann man etwa einem Deo- oder Slipeinlagenproduzenten höhere Aufmerksamkeit garantieren als in der Zielgruppe von Mandy und Nicole.

Die beiden Mädchen haben in der Serie Menschen sterben, untergehen und durchdrehen sehen. Nach einer Vergewaltigung sind ihnen die Tränen gekommen. Sie haben gespürt, wie Erfolg zerrinnt und Trends vergehen - ihr halbes Leben lang. Mit sieben Jahren begann Nicole zuzuschauen. Mit neun Jahren saß sie erstmals auf der bekritzelten Holzbank vor dem Studio und wartete auf einen kurzen Gruß ihrer Idole. Dort feierte sie auch ihren zehnten Geburtstag - allein mit ihrer Schwester. Gratuliert habe keiner, aber es sei »schöner gewesen als zu Hause«, sagt Nicole.

Die Serie hat sich in ihren Alltag gegraben: Als Grundschülerin war die Sendung ihre Gutenachtgeschichte, heute räumt sie sich dafür den Abend frei - wenn sie sich nicht wie an diesem Nachmittag mit ihren Freundinnen in Potsdam-Babelsberg trifft. Die Folgen, die sie dann verpasst, nimmt sie auf Video auf.

In einer Vitrine im Studioflur hängen zwei Sätze aus dem Drehbuch: »Andy kommt gleich. Ich spüre das.« Über Lautsprecher ruft der Regisseur zur nächsten Szene. 20 Minuten Zeit hat er dafür, gedreht wird im Akkord.

Frank-Thomas Mende hält diesen Takt seit zehn Jahren durch. Er ist einer der beiden Schauspieler, die durchkamen, deren Rollen 2500 Folgen überlebten. Am 11. Mai 1992 trat er als Clemens Richter mit den Worten »Was ist denn?« an, das deutsche Fernsehen zu verändern. Mende sagte die Worte zu Lisa Riecken, die damals seine Frau spielte, vor einer Telefonzelle stand und kein Kleingeld dabei hatte.

Zwischen Studenten und Fotomodels waren die beiden anfangs die einzigen Berufsschauspieler: Riecken, ebenfalls seit Beginn im Einsatz und eine Art Betriebsrätin, die bei der Produktionsfirma Grundy Ufa bezahlten Urlaub für die Angestellten durchsetzte - und Mende, der bisher nur einmal eine längere Auszeit von vier Monaten brauchte. »Da konnte ich nicht mehr«, sagt er.

Mende verschwand nach Hawaii, und kurz vor seinem Wiedereinstieg griff ihn abends in Berlin eine alte Frau am Arm und sagte: »Herr Richter, Sie müssen sofort zurück, Ihre Frau hat eine Affäre mit einem anderen Mann.« Mende grinst und sagt: »Wir sind eben Volkseigentum.« Er hat mit der Serie graues Haar bekommen, aber ist ein Perfektionist geblieben: Selbst die Szenen, in denen er kein Wort spricht (wie an diesem Tag, wo er nur zum Zuprosten bei einem Polterabend gebraucht wird), überprüft er abends vor dem Videorecorder. Neulich hat er wieder Ermüdungserscheinungen beobachtet, »schreckliche Ticks«, wie Mende findet. Er habe »ständig die linke Schulter hochgezogen«, und eine Kollegin musste er darauf hinweisen, dass sie neuerdings, »immer nervös ihre Haare zurückwirft«.

Mit noch größeren Problemen hatte der erste Producer Hans-Henning Borgelt zu kämpfen. Die australischen Co-Produzenten hätten ihm »einfach Leute von der Straße geschickt«, sagt Borgelt - die meisten aus Ost-Berlin, um die Kosten zu drücken. »Here is a good face«, hätten die gemeint und etwa den Kfz-Schlosser Andreas Elsholz »reingeschoben« - wenig später der erste Soap-Star im deutschen Fernsehen. Borgelt, Grimme-Preisträger und bis dahin Spezialist für anspruchsvolles Kinderfernsehen, habe gesagt: »Der kann doch gar nicht spielen.« Darauf hätten die Australier geantwortet: »Nach 50 Folgen kann er das.«

Weil anfangs nichts klappte, musste Borgelt in der Dekoration schlafen. Er stellte Schauspiellehrer ein, die noch in den Drehpausen mit den Laiendarstellern die Dialoge probten - was bis heute nötig ist. Borgelt strich Worte wie »Todesstrafe« aus der australischen Vorlage und verzweifelte an den kitschigen Dialogen, die das Adolf-Grimme-Institut »zu den trostlosesten Diskursen dieses Jahrzehnts« zählte. Nichts wurde angedeutet, alles musste verquasselt werden, es gab kein Ahnen, nur endlosen Redezwang. »Wir waren Maßstab für schlechtes Fernsehen«, sagt Borgelt. Was ihn dennoch reizte, war »die lange Strecke«. Man wolle das »mindestens ein halbes Jahr laufen lassen«, hatten ihm die Produzenten versprochen.

Nach dem stotternden Anfang zog die Quote an und hörte lange nicht mehr auf zu steigen. Längst waren realitätsnähere Soaps wie »Marienhof« und »Verbotene Liebe« auf Sendung, längst warnten Wissenschaftler davor, dass die Seriensucht bei Kindern Alpträume auslösen und das Vorbild zwanghaft schlanker Darstellerinnen zu Magersucht führen könne - doch bei keiner Soap war die emotionale Resonanz höher, das Identifikationspotenzial breiter.

Bis RTL II vor zwei Jahren mit »Big Brother« den Voyeurismus im Zuschauer weckte. Das Format zeigte nicht viel anderes als erbärmliche Beziehungsdramen - nur diesmal eingesperrt und live.

Die »GZSZ«-Kurve sackte nachhaltig ab, und Michael Ammann wurde verpflichtet, für bessere Zeiten zu sorgen. Der Producer sammelte die Storyliner um sich und spitzte das Drehbuch zu. »Wir mussten wieder Schulhofgespräch werden«, sagt Ammann. Er ließ Rollen herausschreiben, etwa die der Charlotte Bohlstädt: Von einer Erblindung geheilt, hatte sie mit einem Erpresser geschlafen, um die Karriere ihres Geliebten zu retten. Anschließend fand sie, dass ihre Brust zu klein war und ließ sich operieren - eigentlich ein ganz normales Seifenopernleben. Ammann fand ihre Geschichte »auserzählt«, außerdem vermochte die Brust-OP nicht für Quote zu sorgen.

Die Darstellerin Stefanie Julia Möller wehrte sich gegen ihre Kündigung und bekam vor dem Arbeitsgericht Potsdam Recht. Zwar sah ihr Standardvertrag eine kurzfristige Kündigung vor, wenn »die Rolle des Darstellers nicht mehr in der Serie enthalten ist« - doch diese Klausel der Billigproduzenten schien den Richtern zu willkürlich. Die Produktionsfirma Grundy Ufa, die bei längerfristiger Beschäftigungsgarantie eine Kostenexplosion fürchtet, ging in Berufung, und Ammann strich weiter: Zum Jubiläum an diesem Montag wird die Bar »Daniel's« in die Luft fliegen und ein paar Darsteller begraben. »Die Deko da drin hatte sich überlebt«, sagt Ammann.

Aus seinem Fenster sieht Ammann auf die mit Herzen übersäte Holzbank vor dem Studio. Peter und Sarah sind gekommen, Freunde von Mandy und Nicole. »Bei uns passiert das nie, dass wir mal Krebs haben, geheilt werden, uns trennen, sterben, und dann irgendwie doch nicht tot sind«, sagt Peter. »So ein Leben wie unseres wär eben total langweilig«, sagt Sarah.

Ammann schaut auf die vier Jugendlichen. »Wenn man es gut macht«, sagt er, »kann eine Soap ewig laufen.«

NILS KLAWITTER

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