KATASTROPHEN »Das ist das Jüngste Gericht«
Das Grollen hörte sich an, als donnerten Flugzeuge heran. Doch dann sagte einer der Söhne von Rafaela García aus der Gemeinde Santa Narcisa am Fuß des Vulkans Casitas: »Schau doch, Mami, da kommt der Berg runter.«
Die Bäuerin ist eine der wenigen Dorfbewohner, die sich aus einer alles zermalmenden Schlamm- und Steinlawine retten konnten. Tagelang hatten sintflutartige Regenfälle den Krater des Vulkans im Norden Nicaraguas gefüllt. Urplötzlich brach der gigantische See, der sich im Innern gebildet hatte, durch die Flanke des Bergkegels. Die Flut ergoß sich auf fünf Dörfer mit 2000 Menschen.
Nur wenige Überlebende wurden geborgen. Vier Tage steckten die Familien im Modder, ernährten sich von vorbeitreibenden Tierkadavern, bevor sie ein Militärhubschrauber in Sicherheit brachte.
Sie haben alles verloren: Angehörige, ihre bescheidenen Hütten, die Mais- und Bohnenfelder, ihr Vieh. »Ich watete einen Tag durch den Sumpf, um mich herum sah ich nur Leichen, und es hörte nicht auf zu gießen«, erzählt weinend eine Frau, die ihre Verwandten nicht mehr finden konnte. »Ich dachte, das ist das Jüngste Gericht.«
Mittelamerika erlebte den schlimmsten Wirbelsturm seit über 200 Jahren. Binnen weniger Tage fiel soviel Regen wie in Hamburg in einem halben Jahr. Die schrecklichsten Verwüstungen richtete der Hurrikan »Mitch« in Honduras und im Nordwesten von Nicaragua an.
Verzweifelte Eltern banden ihre Kleinkinder in Baumwipfeln fest, während sie selbst gegen die Fluten kämpften. Vorigen Donnerstag suchte honduranisches Militär mit Hubschraubern die aus dem Wasser ragenden Kronen ab, um diejenigen, die tagelangen Hunger und Durst ausgehalten hatten, »einzeln zu pflücken«, wie der Leiter des Einsatzkommandos sagte. Nicaraguas Verteidigungsminister Pedro Joaquín Chamorro schlug vor, die Gegend um den Casitas abzusperren und zum »nationalen Friedhof« zu erklären.
Bis Ende der Woche hatte »Mitch« auf seinem Vernichtungszug durch die ohnehin von Bürgerkriegen zerrüttete und von Armut geplagte Region mindestens 11 000 Menschen getötet, 7000 starben allein in Honduras, Tausende werden noch vermißt, und an die zwei Millionen sind obdachlos.
Straßen, Stromnetz, Telefon, Kanalisation und Trinkwasserleitungen wurden in Honduras und Nord-Nicaragua fast vollständig zerstört. Die Regierungen der beiden Länder konnten sich keinen genauen Überblick über das Ausmaß der Schäden verschaffen, weil viele Gebiete von der Umwelt abgeschnitten wurden. »Honduras gibt es nicht mehr«, klagte Präsident Carlos Flores, »nur noch Inseln inmitten von Wasser«, das Land sei »tödlich verwundet«, der Wiederaufbau werde Generationen dauern.
»Ich trage dich ins Trockene«, bietet ein stämmiger Mann in einem Vorort der Hauptstadt Tegucigalpa seine Dienste an - gegen einen Obolus von einem Dollar. Wer auf den Schultern des Trägers, dem die Brühe bis über die Knie reicht, auf der anderen Seite der Riesenpfütze ankommt, kann sich gegen einen weiteren Greenback von einem kleinen Mädchen die Schuhe säubern lassen.
Andere verkaufen Krüge voll Trinkwasser, vermieten ein Pferd, ein Maultier oder einen ausgehöhlten Baumstamm als Kanu: der neue Broterwerb in den Zeiten nach der Katastrophe, die den meisten die Existenzgrundlage genommen hat. Honduras sei in seiner Entwicklung um drei Jahrzehnte zurückgeworfen worden, bilanzierte der hilfeheischende Botschafter bei der Uno in New York.
Die Bergung Überlebender, ihre Versorgung mit Nahrungsmitteln ist schwierig, weil alle wichtigen Brücken zerstört wurden. Auch in Nicaragua ist das Unglücksgebiet - ein Viertel des Landes - nur aus der Luft zu erreichen. Weil die eigene Luftflotte nur aus wenigen alten sowjetischen Maschinen besteht, hat Mexiko 12 Militärflugzeuge und 28 Hubschrauber abgestellt, um in den kommenden Wochen 1260 Tonnen Lebensmittel und Medikamente in die Region einzufliegen. Das US-Pentagon entsandte 500 Soldaten, Helikopter und Schlauchboote.
Die geschwächten Menschen fürchten Hunger und Seuchen wie Cholera, Typhus, Dengue und Malaria. Mückenschwärme surren über Leichen. Kinder leiden an Pilzbefall, Fieber und Augenentzündungen. Die Krankenhäuser sind überfüllt, vielerorts fehlen saubere Wäsche, Verbandszeug, Desinfektionsmittel und Medikamente.
Jedes Jahr wird die Region um diese Jahreszeit von Hurrikanen heimgesucht. Warum aber kam es gerade jetzt zum GAU?
In Honduras glaubte man, daß nur die vorgelagerten Inseln in Mitleidenschaft gezogen würden. Die Behörden hätten die Menschen von dort ohnehin nicht aufs Festland bringen können. Als »Mitch« seinen vorherberechneten Kurs änderte und fünf Tage lang über dem Landesinneren kreiste, gab es kein Entkommen.
Obwohl in den Nachbarländern Nicaragua und El Salvador bekannt war, was in Honduras passierte, sahen die Regierungen tatenlos zu, bis die Sintflut auch über sie hereinbrach. Radio und Fernsehen warnten niedrig gelegene Regionen lediglich vor »regenreichen Sturmböen«. Noch nicht einmal Notunterkünfte wurden eingerichtet.
El Salvador hätte nach Ansicht von Experten nur halb so viele Tote, Verletzte und Geschädigte zu beklagen, wenn die Siedler im Tal des Lempa-Flusses, unterhalb des großen Stausees Cerrón Grande, in Sicherheit gebracht worden wären. Das Elektrizitätswerk öffnete unangekündigt die Schleusen, um den Damm vor dem Bersten zu bewahren. Innerhalb von Minuten riß eine Wasserwalze Menschen und Tiere ins Verderben.
Die getroffene Region mußte schon in der Vergangenheit bitter leiden, unter Militärdiktatur und Bürgerkrieg. Die zivilen Behörden sind schwach, deshalb fehlen Katastrophenschutz und Notfallpläne. Die schlechtausgebildete Polizei hat wenig Fahrzeuge. Vielerorts behindern auch alte politische Fehden die Rettungsarbeiten: So wies der neoliberale Präsident Nicaraguas, Arnoldo Alemán, die Hilfe kubanischer Ärzte zurück; er weigert sich auch, Bürgermeister von der sandinistischen Opposition beim Verteilen der Hilfsgüter einzusetzen; das soll die Kirche tun.
Eine seit »Generationen andauernde Armut«, so James Gustave Speth vom Uno-Entwicklungsprogramm, habe die Tragödie mit verursacht. Jährlich gehen in Mittelamerika Tausende Hektar Wald verloren: Die Landbevölkerung kocht und heizt mit Holz, die Bauern haben die Gewohnheit ihrer Vorfahren beibehalten, Ackerland durch Feuerrodung zu gewinnen.
Honduras exportiert überdies große Mengen Tropenholz, ohne daß Pläne zur Wiederaufforstung befolgt werden. Deshalb sind die Böden schutzlos der Erosion ausgesetzt, die dünne Erdkrume wird schnell vom Regen weggespült.
Während die indianischen Ureinwohner weit von der Küste entfernt auf Anhöhen siedelten, um Sicherheit vor den tropischen Stürmen zu haben, leben heute gerade die Armen Zentralamerikas in dem am meisten gefährdeten Tiefland. Die Oberschicht von Tegucigalpa und San Salvador baute ihre Bungalows auf felsigem Untergrund in der Oberstadt. Die Campesinos, von Krieg und Not in die Städte getrieben, mußten sich am Flußufer niederlassen. Sie besetzten auch die Küsten und die Steilhänge der Berge, wo Slums mit schäbigen Hütten aus Holz und Plastikplanen entstanden.
Die Landwirtschaft, das ökonomische Rückgrat der Region, wurde auf einen Schlag lahmgelegt. 70 Prozent der Kaffeeplantagen, der Bananenstauden, der Zitrusfrüchte und des Zuckerrohrs in Honduras wurden vernichtet. Konzerne wie die Standard Fruit Company aus den USA kündigten schon an, daß sie erst im Jahr 2000 wieder Bananen aus Zentralamerika verkaufen könnten. Ihre Arbeiter müssen sie zum Großteil entlassen.
Die Kaffeeproduzenten erleben ein schwarzes Jahr. Wo nicht die gesamte Ernte zerstört ist, fehlen die Transportmöglichkeiten, um die Ware zu den Abnehmern zu schaffen. Die wichtigsten Ausfuhrhäfen am Atlantik sind unbrauchbar geworden. Sofort stiegen an der Wall Street die Kaffeenotierungen.
Rettung kann nur aus dem Ausland kommen. Die USA haben Hilfe im Wert von insgesamt 70 Millionen Dollar zugesagt, die EU will Güter für 8 Millionen spenden. Aber allein Honduras, so das Rote Kreuz, benötigt 2 Milliarden Dollar, um zerstörte Häuser, Straßen und Infrastruktur wiederherzustellen - das entspricht der Hälfte seiner Wirtschaftsleistung jährlich.
In Nicaragua haben die Menschen wenig Vertrauen, daß die Regierung ihnen die versprochenen Spenden tatsächlich aushändigt. Als Präsident Alemán zur Besichtigung der Schäden durchs Land reiste, bewarfen ihn empörte Menschen mit Steinen und Beuteln voller Exkremente.
Hungeraufstände drohen: Sollte es nicht gelingen, schnell die Not zu mildern, so fürchtet der nicaraguanische Soziologe Oscar René Vargas, »werden die Leute eigene Initiativen ergreifen, die der Regierung gefährlich werden könnten«.
HELENE ZUBER