»Das ist der Durchbruch!« - DER SPIEGEL
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»Das ist der Durchbruch!«

• aus DER SPIEGEL 39/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mitternacht in Moskau. Wie ist dem deutschen Bundeskanzler zumute wenige Stunden vor der entscheidenden Begegnung mit Michail Gorbatschow, die Deutschlands Einigung in voller Souveränität sicherstellen kann - oder auch nicht? »Er ist bester Laune und vertilgt in großen Mengen Speck und Kaviar.«

Helmut Kohl, wie er leibt und lebt - beobachtet und beschrieben von einem, der an diesem Abend und auch sonst stets dabei war, wenn der Pfälzer die deutsche Einheit vorantrieb. Horst Teltschik, 51, zwei Jahrzehnte lang Kohls Redenschreiber, außenpolitischer Intimus und erster Ratgeber, hält die Moskauer Szene in einem Buch fest, das Anfang Oktober erscheint: »329 Tage«.

Der Titel umgreift die unerhört ereignisdichte Zeitspanne vom 9. November 1989, dem Tag, an dem die Mauer aufging, bis zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. »Kohls Kissinger«, wie der Leiter der Abteilung 2 des Bonner Kanzleramts in angelsächsischen Ländern gelegentlich apostrophiert wurde, protokolliert Tag für Tag den Fortgang der deutschen Sache: in umfänglichen Notizen über Konferenzen, Telefonate und Zwiegespräche, mit zitierten Briefwechseln, internen Lageeinschätzungen und gelegentlichen Personenbeschreibungen - sowie fortwährenden Seitenhieben auf das Auswärtige Amt ("Voller Zorn schreibt der Kanzler einen Brief an Genscher").

Zum Verdruß von Außenminister Genscher machte Teltschik, der schon zu Mainzer Zeiten zu Kohls Gefolge zählte, eine Art Kanzleramtsaußenpolitik. Er war es, der Kohl zum Zehn-Punkte-Plan inspirierte. Teltschik war es, der in geheimer Mission mit den Chefs der beiden größten deutschen Banken, Kopper und Röller, nach Moskau flog, um in Gesprächen mit der Regierung und mit Gorbatschow die deutsch-sowjetische Annäherung zu befördern: Milliardenkredite als Katalysator.

Es ist eine Erfolgsstory, die Teltschik zu erzählen hat, und damit das auch jeder merkt, schmückt er sie mit Sätzen wie »Das ist der Durchbruch!« oder »Es ist geschafft!« Da bleibt kaum Raum für die Protokollierung von Peinlichkeiten. Drei Zeilen verwendet Teltschik darauf, daß es im »Vorfeld« des Polen-Besuchs von Kohl 1989 »Mißverständnisse« bei einem ursprünglich in Erwägung gezogenen »Gottesdienst auf dem Annaberg« gegeben habe - als wenn diese Erwägung je etwas anderes für Polen hätte sein können als eine schiere Provokation.

Anstoß zu erregen hat den streitbaren Politologen nie gestört. Teltschik legte sich gelegentlich auch mit Kohl an, blieb aber stets loyal - auch in seinem Buch, das er nach dem Ausscheiden aus dem Kanzleramt schrieb (er ist seit Jahresanfang Geschäftsführer der Bertelsmann-Stiftung).

Was seine Aufzeichnungen wichtig macht, ist nicht die Hymne auf den Kanzler, »der in einem historischen Moment zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen traf«. Es ist der Innenbericht, quasi die Registratur, einer dramatisch verdichteten historischen Entwicklung, in der alles eine Rolle spielte, was Rang und Namen hat: Bush, Mitterrand, Thatcher »und immer wieder in den entscheidenden Momenten: Michail Gorbatschow«. Der SPIEGEL druckt aus den Teltschik-Notizen speziell diejenigen Passagen vorab, die sich mit dem deutschsowjetischen Verhältnis befassen.

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