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PRESSE »Das ist eine Existenzfrage«

»Krone«-Herausgeber Hans Dichand über seinen Streit mit der Essener WAZ-Gruppe und den Machtkampf um Österreichs auflagenstärkste Zeitung
Von Jürgen Kremb und Marcel Rosenbach
• aus DER SPIEGEL 40/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Nach monatelangem Hickhack eskaliert der Machtkampf um die »Kronen-Zeitung«. Die WAZ forderte letzte Woche offen ihre Abberufung als Hauptgeschäftsführer.

Dichand: Es ist nicht die WAZ-Gruppe, die das will, sondern es ist der WAZ-Miteigentümer Erich Schumann. Und eigentlich ist es nicht an ihm, irgendwelche Forderungen zu stellen. Herr Schumann hält sich nicht an unsere Verträge und will plötzlich in die Redaktion der »Kronen-Zeitung« hineinregieren.

SPIEGEL: Das müssten Sie uns erklären.

Dichand: Im Gesellschaftervertrag ist geregelt, dass uns die WAZ in redaktionelle Dinge nicht hineinreden darf. Sie ist nur für die Druckerei zuständig. Das ist eh schon eine Menge. Nun kommt der Schumann mit seinen 72 Jahren und sagt, er will redaktionell mitbestimmen. Die Entscheidung vom Januar, meinen Sohn zum Chefredakteur zu machen, will er partout nicht akzeptieren.

SPIEGEL: Herr Schumann sagt, Ihr Sohn Christoph sei ein Nichtjournalist und habe vom Blattmachen keine blasse Ahnung.

Dichand: Das ist grotesk und nur ein Vorwand. Mein Sohn kann das, er hat ordentlich studiert, ist ein talentierter Bursche und manchmal gescheiter als ich. Überdies gibt es bindende Verträge, in denen festgehalten ist, dass er mein Nachfolger als Chefredakteur wird.

SPIEGEL: Die WAZ kam Ihnen doch 1987 zur Hilfe, als Sie den »Krone«-Mitgründer Kurt Falk loswerden wollten. Sind Sie etwa ein typischer Wiener Prozesshansel, mit dem man eh nicht klarkommen kann?

Dichand: Sicher nicht. Mit Falk habe ich mich auf einer Parkbank in der Fußgängerzone geeinigt, kurz bevor wir den entscheidenden Anwaltstermin hatten. Natürlich hätte ich seinen Anteil damals gern selbst übernommen. Aber der ehemalige Kanzler Bruno Kreisky wollte das nicht. Er sagte: »Wenn Sie 100 Prozent besitzen und vor dem Wahltag mal schlecht schlafen, wird das zu gefährlich.« Und mit der WAZ lief es ja lange ganz harmonisch.

SPIEGEL: Wann begann es zu kriseln?

Dichand: Herr Schumann fing plötzlich an, sich in den Vertrieb einzumischen. Plötzlich gab es in meinem Urlaubsort am Attersee keine »Kronen-Zeitung« mehr in den Verkaufsständen, angeblich aus Einsparungsgründen. Profitiert haben davon natürlich die anderen. Da hat es richtig zu krachen angefangen.

SPIEGEL: Mit Verlaub: Es entsteht der Eindruck, hier handelt es sich um das letzte eitle Kräftemessen zweier alter Männer ...

Dichand: ... Herr Schumann ist eitel, nicht ich. Ihn stört es, dass die Leute auf dem Salzburger Flughafen mich erkennen, aber ihn nicht. Er will Mister »Krone« werden.

SPIEGEL: Jetzt holte Ihr Sohn Michael, der offiziell nicht bei der »Krone« beschäftigt ist, zum Tiefschlag gegen die WAZ aus und warf den Essenern vor, gemeinsame Sache mit der Balkan-Mafia zu machen. Stecken Sie hinter den Anwürfen?

Dichand: Ich habe davon nichts gewusst.

SPIEGEL: Schwer zu glauben. Ihr Sohn recherchiert seit Januar. Und in der Woche vor seinem Angriff orakelten Sie: Da kommt noch was ...

Dichand: Ich sage auch jetzt, da kommt noch was, aber von mir. Wir werden zurückschießen.

SPIEGEL: Also waren Sie damit einverstanden.

Dichand: Ich wusste nichts davon.

SPIEGEL: Die WAZ hat Sie aufgefordert, sich klar zu distanzieren, und hat Ihnen eine Frist gesetzt. Die haben Sie verstreichen lassen, auch deshalb fordert Schumann jetzt Ihre Abberufung. Warum distanzieren Sie sich nicht?

Dichand: Wir müssen jetzt erst einmal Michaels Unterlagen prüfen.

SPIEGEL: Eigentlich schien im Januar ja schon ein Kompromiss gefunden. Neben Ihrem Sohn Christoph wurde auf Betreiben der WAZ der »Krone«-Sportchef Michael Kuhn zum Chefredakteur bestimmt.

Dichand: Ich bin mit ihm zufrieden, er macht eine gute Zeitung.

SPIEGEL: Ihr Sohn hat sich im Zeitungmachen bisher nicht besonders erfolgreich gezeigt.

Dichand: Seine Arbeit macht er gut. Aber ich bin ja noch da, und es wird ja nicht verboten sein, wenn wir miteinander reden.

SPIEGEL: Laut WAZ lässt Ihr Sohn im Blatt für Firmen werben, an denen er beteiligt ist.

Dichand: Ein Witz. Bis heute gibt es ganze zwei Artikel, die ihm da vorgeworfen werden. Das Auktionshaus Dorotheum, eine dieser Firmen, ist eine Wiener Institution, daran kommt die »Krone« doch nicht vorbei.

SPIEGEL: Die Lösung wäre doch ganz einfach: Ihr Sohn lässt die Beteiligungen ruhen oder zieht sich ganz daraus zurück.

Dichand: Na, woher denn? Kommt nicht in Frage. Im Übrigen kann die WAZ dagegen gar nichts haben: Sie war es nämlich, die darauf bestanden hat, dass beiden Gesellschaftern jährlich 50 »Krone«-Seiten für kostenlose Inserate zur Verfügung stehen - ich wäre gar nicht auf diese Idee gekommen. Mein Sohn nutzt das jetzt, so wie es die WAZ seit 1987 tut.

SPIEGEL: Führende Redakteure beschweren sich, das Blatt sei als Folge des Streits führungslos und schlingere in die Krise.

Dichand: Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Aber das wird vor allem von Leuten gestreut, die sich selbst Chancen ausrechnen. Die meisten verstehen, dass wir hier in einem Interregnum sind, und dafür läuft es eigentlich ganz gut.

SPIEGEL: Die WAZ wirft Ihnen vor, Sie hätten das hochprofitable Unternehmen heruntergewirtschaftet.

Dichand: Das ist nun wirklich Quatsch. Alle Zeitungen leiden in der momentanen Wirtschaftskrise, nur wir sind eine Ausnahme. In diesem Jahr machen wir mehr als 30 Millionen Euro Gewinn. Gut, es gab auch schon Zeiten, da hatten wir knapp 60 Millionen. Aber die Auflage ist besonders in Wien stabil geblieben. Auch aus Solidarität: Die Leute fühlen, dass die Zeitung bedroht ist.

SPIEGEL: Weil Sie die Sache auf Ihrer Titelseite zum nationalen Konflikt zwischen Deutschland und Österreich aufgeblasen haben.

Dichand: Das waren nicht wir. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl hat gesagt, die »Krone« müsse in österreichischer Hand bleiben. Zugegeben, wir haben das natürlich gern gedruckt.

SPIEGEL: Wie geht es nun weiter? Werden Sie den Machtkampf jetzt vor Gerichten auf die Spitze treiben?

Dichand: Das hat die WAZ mit dieser unverschämten Abberufungsdrohung ja jetzt angekündigt. Ich kann da nur sagen: Viel Spaß. Wir schießen in Kürze eine Breitseite zurück.

SPIEGEL: Wie sollen wir das verstehen?

Dichand: Ich habe Herrn Schumann gesagt: Das hier kann wie ein Shakespeare-Drama enden, letztlich liegen nur noch Leichen auf der Bühne. Ich sehe mich im Kampf gegen den Goliath WAZ als David. Aber die Wiener sagen: Es san scho Hausherrn gstorbn.

SPIEGEL: Sie lachen. Macht Ihnen dieser Kampf am Ende Spaß?

Dichand: Das hat mich mein Anwalt auch schon gefragt. Aber das ist nicht so. Oft wache ich nachts auf und denke darüber nach, ob ich das richtig mache. Nein, für unsere Familie ist das eine Existenzfrage.

SPIEGEL: Wieso? Sie kassieren bislang einen garantierten Vorabgewinn von rund 713 000 Euro monatlich. Verarmen werden Sie wohl kaum mehr.

Dichand: Stimmt schon: Selbst wenn ich meine 50 Prozent an der Zeitung verlieren würde, müssten die mir um die 500 Millionen Euro zahlen. Vielleicht wäre das ja sogar der Haupttreffer.

SPIEGEL: Das glaubt Ihnen niemand. Sie kommen immer noch täglich ins Büro, sind immer noch Blattmacher Nummer eins ...

Dichand: ... und ich nehme mir sogar noch Arbeit mit nach Hause. Aber ich habe auch nicht vor, als ältester Herausgeber ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen. Ich sitze gern in meiner Bibliothek zu Hause und lese, das füllt mich ganz aus. Oder mein Haus auf Sardinien, da kann man im Mai schon baden. Vielleicht schreibe ich auch noch das WAZ-Enthüllungsbuch: »Der Krieg um die 'Krone'«.

INTERVIEW: JÜRGEN KREMB, MARCEL ROSENBACH

Die »Kronen-Zeitung«

wird von 43,1 Prozent der Österreicher ab 14 Jahre gelesen. Gemessen an der Bevölkerungszahl, ist das Blatt, das Hans Dichand unter recht filzigen Umständen in der Wiener Nachkriegszeit gründete, die erfolgreichste Zeitung der Welt. Sie machte Dichand, der sich aus ärmlichen Grazer Verhältnissen hocharbeitete, zum mächtigsten Mann des Landes. Kaum ein Politiker der Zweiten Republik wagt es, sich mit dem bekennenden Tier-Fan, Atomkraftgegner und langjährigen Haider-Unterstützer anzulegen. Trotz der mitunter arg fremdenfeindlichen Kampagnen seines Blattes bezeichnet sich Dichand als »liberalen Menschen«. 1987 zerstritt er sich mit seinem Co-Gründer, seitdem hält die WAZ 50 Prozent an der »Krone«. Seit Januar tobt zwischen Dichand, 82, und den Deutschen ein Kampf um Geld und Personalien.

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