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KANZLER »Das ist so in Ordnung«

Trotz mieser Stimmung und schlechter Umfragewerte: Bei symbolträchtigen Ausflügen fühlt sich Gerhard Schröder in seinem wahren Wert erkannt. Von Jürgen Leinemann
Von Jürgen Leinemann
• aus DER SPIEGEL 34/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer durchhält, den belohnt zuweilen das Leben, in der Politik wie beim Bücherlesen. 929 Seiten in dem Wälzer »Die Vernunft der Nationen« hatte Gerhard Schröder während seines Urlaubs am sonnigen Strand seines hannöverschen Badeteichs schon hinter sich gebracht, da stieß er in Henry Kissingers Standardwerk über »das Wesen der Außenpolitik« auf den letzten, entscheidenden Satz. »Reisender«, zitiert der frühere US-Außenminister ein spanisches Sprichwort, »es gibt keine Straßen. Sie entstehen beim Gehen.«

Das ist eine Sentenz so recht nach dem Geschmack des deutschen Bundeskanzlers: Straßen entstehen beim Gehen, Gedanken beim Reden, der Appetit kommt beim Essen, Politik ergibt sich aus den Umständen, und der Zustand der Bundesregierung aus den Umfragen.

Oder ist es umgekehrt?

»Die Bundesregierung ist in einem Zustand, der gut ist«, versichert der Kanzler der »Tagesthemen«-Moderatorin Anne Will am Mittwoch vergangener Woche, seinem ersten Arbeitstag nach der Sommerpause. »Und ich bin es auch«, fügt er hinzu.

Tatsächlich trifft das zum Sendezeitpunkt dieses am Nachmittag aufgezeichneten Interviews in einem erstaunlichen Maße zu. Gerhard Schröder sitzt am späten Abend zusammen mit seiner Justizministerin Brigitte Zypries und seinem Umweltminister Jürgen Trittin in einem Straßenrestaurant nahe dem Berliner Gendarmenmarkt und blickt zufrieden zurück auf den Tag.

Die Bundesrepublik rutscht in eine Rezession? Die Stimmung ist verzagt und nörgelig? Die Leute glauben nicht, dass er seine Reformen durchsetzen kann? Sie halten die Politik der rot-grünen Regierung für verworren und sprunghaft? Gerhard Schröder kann darüber nur abschätzig lachen.

Eine wegwischende Handbewegung, wie man sie von Helmut Kohl in Erinnerung hat, unterstreicht sein Missfallen. Ein paar Stunden zuvor hat er im sächsischen Städtchen Grimma Hunderte Hände dankbarer Bürger geschüttelt, hat auf Schultern gehauen und ist umarmt und getätschelt worden. »Da könnt ihr Presseleute schreiben, was ihr wollt. Ob ich Erfolg habe oder nicht, das entscheidet allein das Volk«, sagt er. Triumph schwingt in seiner Stimme mit, auch Erleichterung.

Keine Frage, es gibt Momente, da fühlt sich Gerhard Schröder so wohl gelaunt, wie er vorgibt. Am Wochenende davor hatten ihn in Locarno Schweizer Politikerkollegen - darunter Bundespräsident Pascal Couchepin und Außenministerin Micheline Calmy-Rey - sowie Wirtschaftsgrößen, Künstler und Publizisten geradezu ehrfürchtig nach den Quellen seines Durchhaltevermögens gefragt. Wie hält er das aus, der deutsche Bundeskanzler, wenn die eigene Partei und die Opposition, die Länder und die Kommunen, die Wirtschaft und die Gewerkschaften, die Medien und der amerikanische Präsident - eigentlich die ganze Welt - gegen ihn sind?

Schon diese Frage gibt Kraft. Gerhard Schröder schwadroniert nicht, stapelt auch nicht tief. Er wirkt entspannt in diesem Kreis, zu dem ihn der Schweizer Journalist Frank A. Meyer geladen hat, den der »negative mediale Erregungszustand in Deutschland« irritiert. »Sie regieren mit einer Offenheit Ihrer Projekte, wie es das vor Ihnen nicht gab«, begrüßte er den Kanzler. »Das ist Regieren als Prozess.«

Meyer meint das so positiv wie Schröder selbst. Der pflegt inzwischen routiniert seine Zweifel vorzutragen, ob eine wirklich vorausschauende, konzeptionelle Politik angesichts der enormen Beschleunigung des Geschehens, der Komplexität der Vorgänge und des permanenten Wahlkampfs überhaupt noch möglich ist.

Wahr ist freilich auch, dass Schröder alles andere als ein Mann der großen Würfe ist. Er liebt schnelle, pragmatische Erfolge, entscheidet oft aus dem Bauch. Als Instinktpolitiker weiß er natürlich, dass im Ernstfall er selbst »seine eigene strategische Reserve« ist, wie es einer seiner Mitarbeiter ausgedrückt hat.

Nein, aus der Sicht eines sozialen und politischen Senkrechtaufsteigers wie Gerhard Schröder bedarf es nicht viel, um der Welt zu trotzen: eines friedvollen, harmonischen Zuhauses und der Erfahrung, dass er das Unmögliche bisher noch immer gewuppt hat - zuletzt am 22. September vergangenen Jahres mit seinem Wahlsieg.

Dass der Bundeskanzler dieser Tage mit ostwestfälischem Überschwang seinen sonnigen Urlaub an der Maschsee-Riviera preist, ist Politik. Natürlich musste er seinen spontanen Affront gegen Italien, den er inzwischen in die Kategorie der politischen Notwendigkeiten erhoben hat, nachträglich rechtfertigen. Das Wetter half ihm dabei.

Wahr ist aber auch, dass der Kanzler - dessen Fähigkeit zum entspannten Faulenzen, wie man von früheren Urlauben weiß, nicht besonders hoch entwickelt ist - vergangene Woche viel erholter und lockerer an seinen Schreibtisch zurückkehrte als in manchen Jahren zuvor. Gewiss, er hat eine Krisensitzung geleitet in Hannover, eine Pressekonferenz abgehalten, Akten gelesen und natürlich dauertelefoniert. Aber verbunden mit der Laubenpieper-Atmosphäre der verbliebenen Freizeit, mit Holzhacken und Haustierfüttern, bei Familie, Freunden und Fernsehen, ergab das offenbar ein Ambiente bürgerlichen Behagens, das den Träumen des jugendlichen Dorfaußenseiters Schröder nahe kommt.

An die unvergessenen frühen Jahre erinnert auch ein Satz, der den zweiten - gewichtigeren - Teil seiner Kraftquelle beschreibt: »Sie können mich nicht mehr vom Hof jagen«, sagt Schröder zufrieden, wenn er auf seinen Wahlsieg zu sprechen kommt. Je größer der Abstand zum 22. September 2002 wird, desto unverhohlener redet der Kanzler davon, dass der Wettbewerb mit Edmund Stoiber parteipolitisch bereits klar verloren war, bevor er ihn in der Personenkonkurrenz doch noch für sich entschied.

Hätte das einer geglaubt? Na siehste.

»Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind« - diese Losung aus Psalm 146, die dem Dankgottesdienst in der Frauenkirche von Grimma vorangestellt wurde, wirkt fast, als wäre sie auch auf Gerhard Schröder persönlich zugeschnitten. Der sitzt versunken in der ersten Reihe der Gemeinde, überwältigt von dem überaus herzlichen Empfang in der von den Fluten geschundenen Stadt und vibrierend vor Genugtuung - ein Gefühl, das er kurz vorher in der Bundespressekonferenz noch als ihm wesensfremd bezeichnet hatte.

Aber nun mal ganz ehrlich, wie er in den letzten Wochen wieder und wieder zu sagen pflegte, hätte ihm das einer zugetraut? Dass er überhaupt Kanzler geworden ist? Dass er auch die Wiederwahl schaffte? Und dass er sich sogar gegen den US-Präsidenten behaupten würde? Wo sind sie denn alle geblieben, seine Konkurrenten von einst - Björn und Rudolf und Oskar, und wer weiß, wer sich noch alles Hoffnungen gemacht hat?

Nein, wer solche Erfolge hinter sich hat, der muss nichts mehr beweisen. Sagt er. Gerhard Schröder hat erreicht, was er wollte - und mehr. Er könnte, wenn es sein müsste, sogar aufhören. Sagt er. So wie Kurt Biedenkopf, dem der Kanzler bei der Einweihung der erneuerten Hängebrücke liebenswürdig auf das Rednerpodest hilft, nur früher. Ein Leben, sagt er, wie das von Hans-Dietrich Genscher würde ihm nicht schlecht gefallen: ein bisschen Anwalt, ein bisschen Politik und viel Familie.

Kurz - wenn es nicht unbedingt sein müsste, würde Gerhard Schröder am liebsten nicht noch einmal antreten als Kanzlerkandidat, einerseits. Andererseits: Wer denn sonst? Natürlich will Schröder Erfolg, auch hier und jetzt. Nie hat er in seinem Leben etwas anderes gewollt.

Und deshalb ist er natürlich doch nervös, wenn er darüber nachdenkt, was aus seinen Reformen werden wird. Ihn ärgert, wie schnell der gute Geist von Neuhardenberg verflogen ist. Es wurmt ihn, dass er am Ende als ein Kanzler in die Geschichtsbücher eingehen könnte, der die Geschäfte seines Regierungsalltags nicht kann.

Umso wichtiger ist es ihm deshalb, seine relativ bescheidene Körpergröße von 1,74 Meter vor den Fernsehkameras unter die Hochwasser-Messlatte am Rande der Altstadt zu postieren, um sich und der Welt zu vergegenwärtigen, wie hoch einem das Wasser über den Kopf wachsen kann, und man überlebt es doch.

SPD 30 Prozent, CDU/ CSU 45 Prozent? »Wenn man so lange aktiv Politik betreibt, an vorderster Stelle, relativieren sich Umfragen gelegentlich«, hat Schröder vor seinem Abflug nach Grimma gesagt. »Die Situation, die wir, was Umfragen angeht, jetzt haben, unterscheidet sich nicht signifikant von der im letzten Jahr.« Außerdem sind seine persönlichen Sympathiewerte noch immer doppelt so hoch wie die der SPD.

Und genau deshalb, um sich selbst noch einmal zu bestätigen, wie schnell sich das Blatt wenden kann, hat der Kanzler keinen Augenblick gezögert, auf den Tag genau ein Jahr nach der Flut die Einladung des jungen, resoluten Bürgermeisters Matthias Berger nach Grimma anzunehmen - zumal dieser symbolträchtige 13. August jetzt auch noch der Tag ist, an dem er sich mit seinem Kabinett »eine der größten Anstrengungen« zugemutet hat, »die in der Sozialgeschichte der Bundesrepublik je gemacht worden ist«.

Die Anspannung, für die dieser Kraftakt gesorgt hat, zittert zunächst noch in seiner Stimme, als er ihn in einer zweistündigen Pressekonferenz zu verkaufen versucht.

Doch je länger diese Veranstaltung dauert, desto deutlicher wird, wie sich Schröders persönliche Sicherheit, seine politischen Erfolgserlebnisse und das Amt des Regierungschefs zu einer Deutungsmacht verdichten, die dem Kanzler eine elitäre und schwer anfechtbare Position in der Mediengesellschaft verschafft.

Wie einst Helmut Kohl bestimmt jetzt Gerhard Schröder ziemlich selbstherrlich, was »vernünftig« ist und »notwendig« und »naturgemäß«. Seine Rede ist gespickt mit Formeln, die seinen subjektiven Blick auf die Welt zur allein gültigen Sichtweise erheben: »So ist das nun mal.« »Alles hat seine Zeit.« »Alles hängt mit allem zusammen.« »Das ist so in Ordnung.«

Gerhard Schröder ist gewiss kein Mann, der zur Einsamkeit neigt oder zum hochnäsigen Rückzug von seinen Mitmenschen. Er liebt es auch, über wichtige Themen mit vielen zu sprechen und ein breites Meinungsspektrum einzubeziehen. Doch bringen es sein Amt, inzwischen auch seine Jahre und seine Erfolgsbilanz in der Politik mit sich, dass er nicht nur in der Sache entscheidet und verantwortet, sondern dass er auch so gut wie jede Kommunikation beherrscht.

Der Kanzler redet, wann und worüber und wie lange er Lust hat. Er bestimmt das Thema, erteilt das Wort, unterbricht, hört zu und demonstriert, dass er zuhört. Das kann mitunter sehr schroff geschehen, manchmal auch subtil und taktvoll. Wer, wie Gerhard Schröder, mit einer besonderen Sensibilität für Nuancen, Tonfälle und atmosphärische Schwingungen ausgestattet ist, verfügt auch über eine breite Skala möglicher Interventionen - Wortführerschaft ist ein Machtinstrument.

Bisweilen staunt, wer Gerhard Schröder lange kennt, über seine Fähigkeit, sich in kleinen Kreisen unaufdringlich und liebenswürdig zu bewegen. Er erschrickt aber auch, wie herrisch und rücksichtslos sich derselbe Mann - wie ein Ritter, der sein Visier herunterklappt - zu einer geschlossenen Veranstaltung verhärten kann, sobald er sich durchsetzen will.

Dass Schröder in solchen Augenblicken zunehmend an seine Vorgänger erinnert, hat nichts mit einer wachsenden Zuneigung zu Helmut Schmidt oder Helmut Kohl zu tun. »Die Verwandlung des Amtes durch den Menschen«, hat Joschka Fischer einmal gesagt, »dauert etwas länger als die Verwandlung des Menschen durch das Amt.«

* Mit dem Schweizer Bundespräsidenten Pascal Couchepin (l.) undMarco Solari, dem Präsidenten des Filmfestivals, am vorvergangenenSonnabend.* Auf einem Wochenmarkt in Hannover.

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