Das Kälte-Experiment - DER SPIEGEL
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Briefe

Das Kälte-Experiment
• aus DER SPIEGEL 5/1947
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Das Kälte-Experiment

Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Ihr Bericht über den unheilvollen Deportiertentransport aus Schlesien der Wahrheit entspricht. Dennoch halte ich den Artikel für unvollständig, denn er geht mit keinem einzigen Wort auf die Vorgeschichte ein, die den psychologischen Zustand bei den Polen verursachte, der es denen wahrscheinlich fast gleichgültig erscheinen läßt, unter welchen Bedingungen die Deportierten abgeschoben werden.

Die Vorgeschichte zu schildern würde zu viel Platz in Anspruch nehmen, aber wenn man sich daran erinnert, daß am 1. September 1939 die deutsche Luftwaffe Warschau ohne Kriegserklärung mit Bomben belegte und daß im Laufe der nächsten 5 1/2 Jahre in Polen sechs Millionen Menschen auf mehr oder minder grausame Art umgekommen sind und daß der Gesamtschaden, den Polen erlitten hat, auf 110 000 Millionen Mark geschätzt wird, dann kann man Einiges verstehen.

Sie unterlassen es auch ferner in Ihrem Bericht, darauf hinzuweisen, daß die britische Einheit, die in Kohlfurt (der Grenzstation zwischen dem polnisch verwalteten Gebiet und der russischen Zone) diese Transporte übernehmen muß, alles was in ihren Kräften stand, getan hat, um den Passagieren zu helfen. Sie konnte zwölf der erkrankten Flüchtlinge im kleinen örtlichen Krankenhaus unterbringen und zusätzliche Kohle für die acht Oefen des Zuges beschaffen.

Ueberhaupt verstehen Sie es bei der Besprechung aller deutschen Schwierigkeiten den Eindruck zu geben, daß an dem ganzen Unglück einzig und allein die alliierten Mächte schuldig sind und nicht der von den Nazis begonnene und von den Nazis verlorene Krieg auch etwas mit Schuld hätte. Sie erweisen damit Ihrem Publikum keinen guten Dienst, denn es wird nach wie vor eine moralische Vogel-Strauß-Politik betrieben und im Ausland - von dem Deutschland doch nur abhängig ist - könnte vielleicht ein Eindruck von einer deutschen Einstellung entstehen, den Sie bestimmt vermieden haben möchten.

B. A. O. R.

H. B.

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