Das Leichteste - DER SPIEGEL
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Luxemburg Das Leichteste

Die Europäer einigten sich auf einen gemeinsamen Kandidaten für den Vorsitz der diesjährigen Uno-Vollversammlung: Luxemburgs liberalen Premier Thorn.
• aus DER SPIEGEL 38/1975
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Politik beschreibt er gern mit musikalischen Vergleichen, auf der politischen Bühne sieht er sich selbst am liebsten als Orchesterleiter. Dennoch aber hat sich Luxemburgs Regierungschef Gaston Thorn, 47, auf der europäischen Szene bisher nur als Ein-Mann-Band einen Namen gemacht.

Der junge Anwalt mit einem französischen Staatsexamen wollte schon 1959 lieber bei den damals noch bedeutungslosen Luxemburger Liberalen Erster sein, als sich erst mühsam bei den seit Jahrzehnten in der Regierung etablierten Christsozialen hochzudienen. 1969 holten die Christsozialen die Liberalen in die Regierung. Thorn wurde Außenminister.

Bald fürchteten in den sonst eher trockenen Außenministerräten der EG besonders die Emissäre aus Paris Europabekenntnisse und Scharfzüngigkeit des Luxemburgers. Pompidous Außenminister Maurice Schuman, von seinem Chef auf Europa-feindlichen Kurs vergattert, mußte sich von seinen Kollegen auslachen lassen, als er dem turnusmäßigen Ratspräsidenten Thorn das »Verbot« auferlegen wollte, ein Ratsdokument in der Öffentlichkeit »zu verlesen«. Thorn: »Ich werde es keinesfalls verlesen, denn ich kann es schon längst auswendig.«

Auch Pompidous nächster Außenamtschef, Jobert, war nach einiger Zeit von den zynischen Zwischenbemerkungen des Luxemburgers derart entnervt« daß er selbst dann eine Ratsrede unterbrach, wenn er Thorn nur mit dessen Nachbarn flüstern sah.

Zum Zynismus sieht sich Thorn angesichts der schleppenden europäischen Entwicklung berechtigt, die nach seiner Ansicht in krassem Gegensatz zu den »Sonntagsreden« der Regierenden in Europas Hauptstädten steht. Tatsache sei, daß die Pläne für eine politische europäische Gemeinschaft »zu einer Scheckgemeinschaft« degeneriert seien.

Im Mai vergangenen Jahres gelang Thorn daheim der große Durchbruch. Bei den Parlamentswahlen erlitten die Christsozialen große Einbußen. Der geschlagene Premier Pierre Werner forderte Thorn auf, »die Verantwortung zu übernehmen

Thorn bildete mit den Sozialisten eine linksliberale Koalition. Erstmals seit 1918 kamen die Konservativen nicht mehr in die Regierung.

Dafür gab es jetzt die Regierung Thorn. Der Premier ist gleichzeitig Außenminister, Außenhandelsminister und Leiter des Ressorts für Sport und Kultur. Trotz dieser Ämterfülle ist er bei Kabinettssitzungen nicht allein. Von den sieben übrigen luxemburgischen Ministern hat fast jeder die Verantwortung für mindestens zwei Ressorts.

Die Linksliberalen begannen mit Reformen, vor allem in der Verwaltung und der Justiz, die noch von Gesetzen und Bestimmungen des letzten Jahrhunderts geregelt wurden. Sie schlugen eine Änderung des Abtreibungsparagraphen vor und brachten Gesetze für eine stärkere Stellung der Frau ein. Vor zwei Wochen schaffte die Thorn-Regierung die Todesstrafe ab. Thorn: »Die Mannschaft ist eingespielt.«

Weniger Freude hat Thorn hingegen mit seinem internationalen Steckenpferd, der europäischen Integration. »Der Laden geht nicht«, klagt er, nicht zuletzt auch deswegen, weil niemand wisse, »wer der Boß ist«. Doch auch Thorn muß einräumen, daß das Europageschäft selbst in der Baisse ohne die schrillen Tone der Vergangenheit abgewickelt wird. Thorn: »Die Kakophonie ist diskreter geworden.«

Immerhin, erstmals wollen die neun EG-Europäer auf einem internationalen Forum »mit einer Stimme sprechen«. Tonträger europäischer Wünsche: Gaston Thorn, der jetzt für das Amt des Präsidenten der diesjährigen Uno-Vollversammlung kandidiert. Doch auch die europäische Einigung auf seine Person will er relativiert wissen: »Das war noch das Leichteste.«

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