PDS Das letzte Aufgebot
Sie heißt Rosina Neumann. Sie ist Psychologin und voller Zuversicht. Umfragen interessieren sie nicht. Als ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der Universität kann sich die Rostockerin, das glaubt sie zumindest, gut in die Menschen im Bundestagswahlkreis 14 hineinversetzen, den sie der SPD abjagen will. »Die Leute wollen hier ein neues Gesicht«, doziert PDS-Kandidatin Neumann, 46, selbstbewusst, »und Edmund Stoiber in Berlin verhindern.« Und für beides könne sie garantieren.
So siegessicher ist Rosina Neumann, dass sie fast ("Man kann sich ja auch anders bekannt machen") auf Wahlwerbung verzichtet hätte, um den Etat für einen guten Zweck zu spenden. Wahlkampf? So gut wie gewonnen, winkt sie ab. »Wo ist das Problem?«
Drei Autostunden weiter südlich, im Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick, lastet die Hoffnung der PDS auf den Schultern des vollbärtigen Konfektmachers Ernst Welters, 58. Der Mann, einst bei Sarotti beschäftigt und später Personalratschef der Freien Universität, hat eine eigentümliche Parteikarriere hinter sich: erst SPD, dann Sozialistische Einheitspartei Westberlin (SEW), jetzt PDS. Sich selbst hält er für »kantig und bodenständig«. Parteiarbeit ist er gewohnt. Aber diesmal sei doch alles etwas anders, gesteht er. Da habe er »den Gedanken im Hinterkopf«, dass der Aus-
gang in einem Wahlkreis wie seinem über den Einzug der PDS in den Bundestag entscheiden könnte - ja mehr noch, dass es von ihm oder einer Genossin abhängen könnte, ob Gerhard Schröder Kanzler bleibt oder Edmund Stoiber es wird.
Das Schicksal der Republik in der Hand eines früheren SEW-Mannes oder einer Psychologin aus Rostock?
Was nach Größenwahn der Genossen klingt, ist Realismus pur. Irgendwann am späten Abend des 22. September, wenn die Zweitstimmen der Bundestagswahl so gut wie ausgezählt sind, könnten sich tatsächlich die Blicke der Wahlbeobachter von den Größen der Bundespolitik abwenden. Plötzlich stünden nicht mehr Schröder und Stoiber im Rampenlicht - sondern No-Names wie Neumann und Welters.
Das Szenario für den Fall der Fälle ist längst in allen Parteizentralen durchgespielt: Bleiben etwa Union und FDP nur knapp unter der absoluten Mehrheit der Stimmen - und erreichen damit ein Ergebnis, das viele Wahlforscher voraussagen -, so könnte die Regierungsbildung vom Einzug der PDS in den Bundestag abhängen. Schafft sie es, gingen dem konservativen Lager die womöglich entscheidenden Sitze im Parlament verloren.
Doch der erneute Sprung der PDS über die Fünfprozenthürde ist nach dem Rücktritt Gregor Gysis als Wirtschaftssenator in Berlin und dem Auftritt Schröders als oberstem Fluthelfer in Ostdeutschland ungewiss. Unerreichbar erscheint das Wahlziel acht Prozent, in Umfragen rutschte die PDS jüngst gar von sechs auf vier Prozent. So hinge die Zukunft des Landes davon ab, ob die Sozialisten mindestens drei Direktmandate erringen - dann gäbe es Plätze im Parlament, auch wenn die Partei die Fünfprozenthürde reißt.
Die PDS hat diesen deutschen Sonderweg bereits genommen. 1994 kam sie auf nur 4,4 Prozent; in vier Ost-Berliner Wahlkreisen konnte sie jedoch mit prominenten Kandidaten die Konkurrenz bezwingen: Gregor Gysi schaffte es, der Schriftsteller Stefan Heym, die frühere DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft und der Berliner Gewerkschaftsfunktionär Manfred Müller.
Die Chancen für einen solchen Coup sind diesmal aber schlechter als beim Urnengang 1998, als die PDS erneut in Ost-Berlin vier Kandidaten durchbrachte. Denn eine Verkleinerung des Bundestages führte zum Neuzuschnitt der Wahlkreise - was oft zu Lasten der PDS gehen könnte.
In der einstigen »Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik« wurde die PDS-Vorherrschaft jedenfalls so gebrochen. Der Ost-Berliner - und von der PDS dominierte - Stadtteil Friedrichshain wählt nun gemeinsam mit dem West-Stadtteil Kreuzberg. Auch Mitte-Prenzlauer Berg, wo sogar der SPD-Vize und Ober-Ossi Wolfgang Thierse zweimal PDS-Kandidaten unterlag, wurde zu Lasten der PDS neu zugeschnitten.
Wahlforscher halten die PDS nur noch in zwei Berliner Wahlkreisen für fast unschlagbar, in sechs weiteren im Osten könnte ihr ein Überraschungssieg gelingen; dazu gehören Wahlkreise wie Potsdam, Halle oder Rostock (siehe Grafik Seite 46). Mit 200 000 Euro zusätzlich, großflächigen Plakaten und Anzeigen stützt die PDS-Zentrale insgesamt sieben Direktkandidaten.
Doch alles Geld der Welt könnte nicht das Hauptproblem ausgleichen, das sich die Sozialisten selbst eingebrockt haben: Im Glauben, die Fünfprozenthürde souverän zu überspringen, nominierten die Genossen vielerorts das letzte Aufgebot: oft unbekannte und unprofilierte Kader.
So wirkten die Berliner Kandidatinnen Evrim Baba, Gesine Lötzsch, Sandra Brunner und Petra Pau nicht gerade wie die Vorhut, sondern eher wie die Nachhut der Arbeiterklasse, als sie vergangene Woche vor dem Roten Rathaus auf den hauptstädtischen Pressetross warteten - vergebens. Auch als die Turmuhr auf zehn rückte - geplanter Abmarsch für den »Frauenpolitischen Stadtspaziergang« - waren die Genossinnen noch fast unter sich. Von den Einheimischen so wenig beachtet wie von der Presse, spazierten sie dennoch tapfer zum Reichstag. »Das ist eben der Preis«, so der Chef der PDS-Bundestagsfraktion Roland Claus, den man zahlen müsse, »wenn man sich um die Erneuerung bemüht«.
Selbst in den Hochburgen und sicheren Wahlkreisen Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg-Hohenschönhausen würden sich »die astronomischen Ergebnisse« der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im Oktober vergangenen Jahres »garantiert nicht annähernd wiederholen«, meint der Chef des Privatinstituts für Angewandte Demografie, Harald Michel. Damals - mit Gysi an der Spitze - wählten 47,6 Prozent der Ost-Berliner PDS.
Hinzu kommt: In Berliner Neubausiedlungen verändert sich die Sozialstruktur inzwischen zu Ungunsten der Partei. »Wenn die Einkommen steigen«, so Michels »Faustregel«, könne die PDS nicht mehr so leicht Erfolg haben. Gysis Rückzug empfinden hier viele zudem als Verrat. Die Affäre habe »Erschütterungen ausgelöst«, gesteht Pau, die im einstigen Wahlkreis des PDS-Stars antritt. Die Folgen sind schon ablesbar: Wollten im Juli noch 13 Prozent der Hauptstädter die PDS wählen, sind es laut Forsa jetzt nur noch 8.
Die drei übrigen Ost-Berliner Wahlkreise stehen für die PDS auf der Kippe - allein schon wegen des Neuzuschnitts. Müsste sie nur die Wähler in Friedrichshain von sich überzeugen, würde die PDS-Kandidatin Bärbel Grygier gegen Hans-Christian Ströbele (Grüne) die Nase sicher vorn haben. Doch im vereinten Ost-West-Bezirk sehen ihre Chancen eher schlecht aus.
Die Neuregelung der Wahlkreise könnte allerdings Roland Claus helfen: Vor vier Jahren erhielt er in Halle nur halb so viele Erststimmen wie die SPD-Bundestagsabgeordnete Christel Riemann-Hanewinckel. Doch inzwischen ist dem Wahlkreis die Plattenbausiedlung Halle-Neustadt ("Hanoi") zugeschlagen worden - und damit die dortige PDS-Klientel. Wahlforscher prognostizieren diesmal ein knappes Rennen.
Für die PDS unkalkulierbar sei, glaubt Infratest-dimap-Chef Richard Hilmer, wie die Wähler »aus taktischen Gründen Erst- und Zweitstimme verteilen«. Bei der Abwahl Helmut Kohls 1998 hätten viele Ostdeutsche bewusst mit der Zweitstimme für den Wechsel votiert und SPD gewählt, mit der Erststimme jedoch einen PDS-Kandidaten durchgebracht. Das setze allerdings, so Hilmer, attraktive Kandidaten voraus. Die seien jetzt aber im Vergleich zu früher eher »etwas schwächlich«.
Helfen soll ausgerechnet der Mann, der seiner Partei die Umfragedelle bescherte. Wieder einmal soll Medienprofi Gysi den Blick der Wähler auf das blasse Personal verstellen, 40 Wahlkampftermine hat er zugesagt. Und für den Fall, dass er in einer der Talkshows gefragt werde, wie er ohne jedes Amt in die Sendung komme, hat er auch schon eine Pointe parat: »Da können Sie mal sehen, was ein einfaches Mitglied bei uns darf.« STEFAN BERG, IRINA REPKE,
CAROLINE SCHMIDT
* Beim »Frauenpolitischen Stadtspaziergang« am vergangenenDienstag in Berlin.