USA / WAHLKAMPF Das Millionärs-Duell
Während Präsident Eisenhower auch in diesem Spätsommer wieder das einstige Ferienlager der New Yorker Multimillionäre, den Ort Newport im Staate Rhode Island, zu seiner Urlaubsresidenz erwählte, haben sich zwei Sprößlinge des New Yorker Geld-Adels der politischen Geschicke Amerikas angenommen. Selbst den ärmsten unter den Wählern des Staates New York, die am 4. November einen neuen Gouverneur bestimmen sollen, wird nichts übrigbleiben, als zwischen zwei Multimillionären zu wählen: zwischen
- dem Republikaner Nelson A. Rockefeller, einem Enkel des legendären Gründers des Standard-Oil-Konzerns, und
- dem Demokraten und bisherigen Gouverneur W. Averell Harriman, Sohn eines kaum weniger sagenumwobenen Eisenbahnkönigs.
Noch vor einem halben Jahrhundert wäre den Amerikanern ein solcher Wettstreit der Millionäre als eine Ausgeburt krankhafter Phantasie erschienen. Damals gehörte es zum guten Ton der Politiker, Demokraten wie Republikaner, gegen die wirtschaftliche Machtstellung der Industriebarone zu wettern und ihnen den Eintritt in die Politik zu verbarrikadieren.
So rief beispielsweise im Jahre 1908 der republikanische Präsident »Teddy« Roosevelt das Land zum gemeinsamen Kampf gegen die »Räuber-Barone« auf. Roosevelt zürnte öffentlich den »Verbrechern mit den großen Vermögen«, die »Eisenbahnen, Öl und Bergwerke besitzen ... und sogar Parlamente, Gouverneure und Richter besessen haben«. Obwohl der Präsident keine Namen nannte, wußte doch das ganze Land, wer gemeint war: die Wirtschafts-Dynastien Rockefeller und Harriman.
Edward Henry Harriman, Sohn eines armen Predigers, galt in jenen Jahren als einer der rücksichtslosesten und erfolgreichsten Eisenbahn-Pioniere Amerikas. Mit 14 Jahren hatte er als Botenjunge in Wallstreet begonnen; um die Jahrhundertwende herrschte er über ein Schienen -Imperium von 120 000 Kilometern im Werte von fünf Milliarden Dollar. Harriman wollte sogar eine erdumspannende Transportlinie bauen, scheiterte jedoch im Fernen Osten am Widerstand Japans, das in dein millionenschweren Pionier einen Vorreiter des amerikanischen Imperialismus witterte.
Das andere Opfer Rooseveltschen Zornes, der Ölkapitalist John D. Rockefeller, repräsentierte den gleichen Unternehmertyp: Mit 31 Jahren hatte der ehemalige Buchhalter-Gehilfe die Standard Oil Company gegründet, war zum ersten Milliardär Amerikas geworden und galt als der reichste Mann der Welt.
Indes: Wie groß auch die wirtschaftliche Macht der Harrimans und Rockefellers sein mochte, die politische Macht blieb ihnen verwehrt. Sie konnten wohl aus dem Hintergrund die Politik beeinflussen; sie durften jedoch niemals wagen, die Hand nach öffentlichen Ämtern auszustrecken. Das blieb erst ihren politisch interessierten Sprößlingen vorbehalten, dem Harriman -Sohn W. Averell Harriman und dem Rockefeller-Enkel Nelson A. Rockefeller.
Beide Nachkommen nutzten den ererbten Reichtum zum Aufstieg in die Politik. Harriman erwarb sich als Parteifinanzier der Demokraten und als Botschafter in Moskau politischen Kredit, während Rockefeller seine Dollars in die Kasse der Republikanischen Partei fließen ließ und als Wirtschaftsberater dreier Präsidenten Statur bekam. Der 68jährige Demokrat Harriman konnte bereits 1954 den New Yorker Gouverneursposten erobern, der 50jährige Republikaner Rockefeller will ihn seinem Rivalen im November abjagen.
Der politische Aufstieg der beiden Multimillionäre wäre freilich nicht denkbar, würde sich nicht gleichzeitig eine hundertjährige Periode amerikanischer Demokratie ihrem Ende zuneigen, die Amerikas Historiker die »Zeit des Blockhaus-Mythos« nennen. Die Nominierung Harrimans und Rockefellers für die New Yorker Wahlen macht deutlich, daß erst jetzt die soziale Umwandlung Amerikas vom Agrar- zum Industriestaat politisch bewältigt wird.
Am Ende des 18. Jahrhunderts, als in den Vereinigten Staaten nur Amerikaner mit Grundbesitz wählen durften und die Nation von der Landwirtschaft lebte, waren Großgrundbesitzer, wie die Demokraten Thomas Jefferson und Andrew Jackson, nationale Vorbilder und wurden zu Präsidenten gewählt. In den ersten Jahrzehnten des folgenden Jahrhunderts entstand den Großagrariern jedoch ein gefährlicher Gegner: die Whigs, Vertreter von Handel und Industrie und Vorläufer der Republikanischen Partei.
Die Whigs hatten erkannt, daß sie den demokratischen Großagrariern das Wasser nur dann abgraben könnten, wenn es ihnen gelänge, Farmer und Mittelstand von ihrer echt amerikanischen Rechtschaffenheit zu überzeugen. So entstand der »Blockhaus -Mythos«, die Legende vom rechtschaffenen Mann, der in einem Blockhaus geboren wurde und im Weißen Haus starb. Abraham Lincoln ist die reinste Verkörperung dieser nationalen Legende; noch heute muß jedes amerikanische Schulkind das Geburtshaus Lincolns, eine Blockhütte in Kentucky, nachzeichnen.
Nach dem Bürgerkrieg (1861 bis 1865), der mit dem Zusammenbruch des Plantagenregimes der Südstaaten endete, verkehrten sich die parteipolitischen Fronten. Aus der Großgrundbesitzer-Partei der Demokraten wurde eine Partei der Habenichtse und kleinen Leute, während die Republikaner im Zeichen der Industrialisierung die neue Besitzerklasse repräsentierten: Finanz und Industrie.
Um sich jedoch nicht potentieller Wählerschichten zu begeben, griffen beide Parteien zu einer seltsamen Taktik: Sie stellten bei entscheidenden Wahlen immer gerade die Kandidaten heraus, die der sozialen Struktur der jeweiligen Partei am wenigsten entsprachen. So sitzen zum Beispiel heute im Parlament mehr demokratische als republikanische Millionäre. Als Präsidentschaftskandidaten präsentierten die Demokraten oft wohlhabende Politiker, wie die Millionäre Franklin D. Roosevelt und Adlai Stevenson, die Republikaner dagegen Männer aus kleinen Verhältnissen, wie die Generale Grant und Eisenhower.
Mit dem New Yorker Duell der Multimillionäre Rockefeller und Harriman ist nun offenbar eine neue Phase der amerikanischen Politik angebrochen. Anscheinend spekulieren beide Parteien darauf, daß die Millionäre auf den kleinen Mann der modernen Industriegesellschaft eine starke Anziehungskraft ausüben: Nicht selten selbst Aktionär und Wertpapierbesitzer, sieht er in Millionären seine Vorbilder. Bei der Propagierung der beiden Millionärs-Kandidaten durfte zudem die Überlegung mitspielen, daß die von den Gewerkschaften erstrittenen Pensionen und Löhne für die Arbeiterschaft nur noch vom Big Business und nicht mehr von mittleren oder kleinen Betrieben aufgebracht werden können.
Einen noch tieferen Grund für die überraschende Popularität der Millionäre in Amerika glauben die »New York Times« entdeckt zu haben, »einen Grund, den wir in uns selbst erkennen, wenn das englische Königtum Amerika einen Besuch abstattet. Wir lieben dieses Königtum«. Philosophierte die Zeitung: »Und warum sollten wir das Königtum nicht noch mehr lieben, wenn ein Harriman oder ein Rockefeller, Vertreter unseres eigenen Königtums, an unsere Tür pocht und mit ausgestreckter Hand bittet: 'Stimme für mich. Ich bin ein guter Bursche!'«
Mag auch Nikita Chruschtschew im Kreml die New Yorker bedauern, daß sie nur die Wahl haben zwischen »einem nackten Monopolisten wie Harriman« und »einem Mann, dessen Wohltätigkeitsmillionen lediglich die räuberische Natur des Kapitalismus verdecken sollen": Die New Yorker selbst genießen es offenbar in vollen Zügen, daß zwei reiche Männer um ihre Gunst buhlen und mit den Stimmen New Yorks gewählt oder abgelehnt werden können.
Im Licht der aufgedeckten Korruptionsfälle unter den Regierungen der Demokraten (Truman) und der Republikaner (Eisenhower) hat das bevorstehende Regime der Millionäre endlich noch eine besondere Anziehungskraft erhalten. »Eines muß man zugunsten dieses Rockefeller sagen«, so zitierte die Millionen-Illustrierte »Life« einen New Yorker Politiker: »Er hat alles, was er braucht. Um ihn brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Er benötigt weder einen Vicuna-Mantel noch einen Kühlschrank.«
Gouverneurs-Kandidat Rockefeller
Braucht weder einen Kühlschrank ...
Gouverneurs-Kandidat Harriman
... noch einen Vicuna-Mantel