Das mutlose Land - DER SPIEGEL
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INTELLEKTUELLE Das mutlose Land

Blick von außen nach innen oder Plädoyer für mehr Spielfreude / Von Peter Schneider
Von Peter Schneider
• aus DER SPIEGEL 46/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die deutsche Nachkriegs-Linke ist den USA von je- her in Haßliebe verbunden. Zu den Ausnahmen gehört der Berliner Schriftsteller ("Der Mauerspringer") Peter Schneider, 57, einst einer der Protagonisten der 68er. Im Sommer kehrte er von einem neunmonatigen Aufenthalt als Stipendiat am Woodrow Wilson Centre in Washington zurück - und schaut mit neuen Augen auf Deutschland in der Krise.

Das letzte, was ich vor meiner Abreise aus Washington D. C. über die deutschen Zustände hörte, war eine Zahl in der »Financial Times«. Ich holte meine Tochter von einer Good-bye-Party am Swimmingpool ab, und während ich wartete, bis sich das Kind die Haare getrocknet hatte, hielt mir der deutsche Hausherr, ein leitender Angestellter der Weltbank, das rosarote Fachblatt vor die Augen. Seine Stirn nahm zusehends die Farbe der Zeitung an, als er mit dem Finger auf den zweistelligen Grund seiner Aufregung zeigte. Aus der Statistik ging hervor, daß Deutschland in der Liste der wettbewerbsstärksten Länder in kurzer Zeit von Platz 9 auf Platz 25 abgerutscht war. »Wenn die Deutschen so weitermachen«, sagte er, »können sie bald den Anschluß an Afrika suchen.«

Als ich in Berlin aus dem Flugzeug stieg, hatte ich nicht den Eindruck, ein Land zu betreten, dem Versteppung drohte. Die deutsche Krise, die inzwischen auch international Schlagzeilen macht, war mit bloßem Auge nicht leicht zu erkennen. Auf der Stadtautobahn sah ich Kolonnen blankgeputzter Autos - hochzylindrige, spritzige Mordwerkzeuge, die höchstens fünf Jahre alt waren und keine Delle aufwiesen.

Auch die Berichte der Reisebranche, über die ich bei der Zeitungslektüre im Flugzeug gestolpert war, stimmten mich nicht auf einen Untergang ein. Im Reisesommer '97, las ich, wurden alle bisherigen Rekorde gebrochen, das Ergebnis des Reisesommers 1996, in dem die Deutschen bereits 75 Milliarden Mark für Reisen ausgegeben hatten, wurde noch einmal um fünf Prozent übertroffen. »Es wird erklärungsbedürftig«, sagte der Präsident des deutschen Reisebüro-Verbandes, Gerd Hesselmann, »wenn man nicht reist.«

Ich dachte nicht mehr an die Unheilszahl in der »Financial Times«, als ich mein unterbrochenes Leben in Deutschland wiederaufnahm. Andere Eindrücke, schon vergessene Verwunderungen beschäftigten mich. Am Abend meiner Ankunft verfolgte ich vom Bett aus, vom Jet-lag immer noch benommen, eine Live-Sendung über einen internationalen Leichtathletik-Wettkampf. Der deutsche Reporter interviewte einen Star aus Afrika, den Sieger des 3000-Meter-Laufs. Schweißtriefend und keuchend, kaum fähig zu sprechen, stand der glückliche Gewinner dem Mann mit dem Mikrofon gegenüber. Aber plötzlich gefror sein Lächeln, und es war nicht mehr zu unterscheiden, was ihm mehr den Atem nahm - der eben erst beendete 3000-Meter-Lauf oder die erste Frage des Reporters: »Sagen Sie«, fragte der Reporter den Mann, der auf dieser Strecke gerade den Jahresrekord und die drittbeste Zeit aller Zeiten erlaufen hatte, »was ist eigentlich schiefgelaufen? Eigentlich wollten Sie heute doch Ihren eigenen Weltrekord einstellen!« Da wußte ich, daß ich wieder zu Hause war.

Anderntags ging ich in einen Computer-Shop an der Ecke. Das Geschäft hatte eben erst geöffnet, es waren wenige Kunden da. Ich sah mehrere junge Männer in T-Shirts und Nike-Schuhen mit abweisenden Blicken an mir vorbeilaufen. Da sie nichts kauften, entschloß ich mich nach einer Weile, sie für Verkäufer zu halten. Sichtlich ungehalten wegen der Störung, blickte mich der angesprochene Hüne an. Ich fragte nach einem eher ungewöhnlichen Artikel in der unendlichen Kette des Computerzubehörs: nach einem externen CD-Rom-Laufwerk mit eingebauter Soundkarte. Noch bevor ich ausgeredet hatte, sah ich das zurechtweisende Kopfschütteln des Verkäufers: »Ham wa nich, jibt et nich!« Erst nachdem ich ihm fünf verschiedene Modelle des genannten Artikels aufgezählt hatte, mäßigte er sein Urteil zu »Ham wa nich!«

Man kann es den Berliner Charme nennen. Ich, noch nicht recht eingewöhnt, dachte in diesem Augenblick an die freundlichen Verkäufer bei Richards Computer in Washington und fragte mich: Wie will man mit dem hier angebotenen Mix aus Arroganz plus Inkompetenz bestehen? Wie soll das gutgehen, und soll es überhaupt?

Vermutlich rede ich von Irritationen, die jedes Jahr Millionen Deutsche anwandeln, wenn sie entspannt aus besser gelaunten und meist ärmeren Urlaubsländern zurückkehren und im Bus, in der U-Bahn oder im Supermarkt in die Gesichter ihrer (dagebliebenen oder bereits vor einer Woche zurückgekehrten) Mitbürger schauen. Woher die Anspannung, das konzentrierte Wegschauen? Warum wird ein neugieriger Blick als Zumutung abgewiesen, eine versehentliche Berührung gleich als Tätlichkeit empfunden? Woher rührt die rätselhafte Selbstverpflichtung zum Mißmut und zum Verdruß, die etwa dazu führt, daß einem auf die Frage nach dem Namen einer Straße, die man sucht, mit dem Hinweis auf das 20 Meter entfernte Straßenschild geantwortet wird: Keene Oochen im Kopf? Da oben steht's doch!

Ausländische Besucher, die meist erst nach artigen Komplimenten ihr Erstaunen über dieses Befragen bekunden, sind geneigt, darin ein Indiz für Ausländerfeindlichkeit zu sehen. Wie soll man ihnen bloß erklären, daß sie durchaus wie Einheimische behandelt werden? Oder um in der Logik des Arguments zu bleiben, daß die Einheimischen dazu neigen, sich gegenseitig wie Ausländer zu behandeln?

Früher habe ich diese ethnologische Besonderheit, die in Berlin besonders ausgeprägt ist - ich bin im Badischen aufgewachsen -, mit der Mauer zu erklären versucht. Da dieser Grund entfallen ist, neige ich dazu, diese Merkwürdigkeit damit zu erklären, daß es die Mauer nicht mehr gibt. Ein Rätsel bleibt.

Es ist, als würde jeder, der frisch zur Tür hereinkommt, mit einem Mißtrauensvorschuß begrüßt. Mit nichts kann man hierzulande so schockieren wie mit der Auskunft auf die Wie-geht-es-Frage: Wunderbar! Eine solche Antwort kommt, auch wenn sie nichts weiter als eine tollkühne Behauptung ist, einer Unhöflichkeit, ja einer Provokation gleich. In den USA, so habe ich gehört, erkenne man einen Deutschen daran, daß er auf die Frage: How are you today?« auf der Straße stehenbleibe und über eine gründliche Antwort nachdenke.

Das Stereotyp geschenkt - es trifft etwas, und vielleicht nicht nur das Mißverständnis einer Frage, sondern vielleicht des Lebens selbst. Denn die rituell optimistischen bis prahlerischen Auskünfte, die man in fast allen anderen Ländern auf diese Frage hört, haben nichts mit einem Lagebericht zu tun. Das amerikanische »I'm fine«, die beherzte italienische Lüge »non c'è male«, der emporgestreckte Daumen, den man selbst unter schlimmsten Umständen in ganz Lateinamerika zu sehen bekommt, stellen eher eine Wette auf die Zukunft dar, eine Ansage an die Welt und an sich selber, daß man die Probleme, die man selbstverständlich hat, lösen will.

Ich gestehe, daß mich in den ersten Tagen ein ungewohntes Gefühl des Erbarmens anwandelte, mit den Deutschen und wohl auch mit mir selbst. Das Fehlen jeder Spielfreude, jedes Werbens, jedes Ehrgeizes, sich dem (auch dem einheimischen) Fremden gegenüber durch Liebenswürdigkeit in ein gutes Licht zu setzen, ist erstaunlich. Fast hat man den Eindruck, die Deutschen hätten es darauf abgesehen, auf keinen Fall geliebt zu werden. Oder lieben sie sich selber nicht? Ist dieser Mangel an Selbstliebe eine Folge der Hitlerei oder umgekehrt, die Hitlerei eine Folge dieses Mangels?

Dabei ist es doch, immer noch von außen gesehen, eigentlich phantastisch, was in Berlin geschieht und was die Berliner auf sich nehmen und zustande bringen. Wer zwischen Bahnhof Zoo und Bahnhof Bellevue mit der S-Bahn fährt, sieht nichts als Bäume und Kräne, gewaltige Erdaushübe und gelbe, tadellos planierte Sandflächen, eine lange Küste ohne Meer, zu der man sich die Brandungswellen des Urstroms phantasieren kann. Näher dann zum Bahnhof Friedrichstraße, blickt man in schwindelnd tiefe ausbetonierte Baulöcher oder auf Grundwasserseen, auf denen schwimmende Kräne operieren. Nachdem die Mauer, das kalte Herz der Stadt, herausoperiert ist, herrscht an den Wundrändern fieberhafte Tätigkeit. Berlin, kein Zweifel, baut sich seine Pyramiden.

Wer in Berlin-Mitte spazierengeht, trifft auf Schritt und Tritt auf neue Gebäude oder wiederauferstandene Gebäudegeister, die zwei Jahre vorher nur in historischen Fotobänden zu besichtigen waren. Das Hotel Adlon unter den Linden, die Friedrichstraße fertig, ganze Straßenzüge in Friedrichshain und Prenzlauer Berg neu verputzt, überall neue Büropaläste, darunter durchaus erstaunliche, bewundernswerte, und solche, die man nach einem Augenblick der Irritation als Plattenbauten in Marmorausführung erkennt.

Am Potsdamer Platz ist in atemraubendem Tempo eine neue Stadt entstanden. Gelungen oder nicht, das Ganze ist ein pharaonisches, so noch nie dagewesenes Vorhaben: Eine 760 Jahre alte Stadt erschafft sich eine neue Mitte. Das alles suggeriert den Eindruck einer ungeheuren Energie und Kraft und macht neugierig auf das Kraftzentrum. Soviel Aufbruch war zu meiner Lebzeit nie, aber wo ist die Aufbruchsstimmung? Warum sprechen die Zeitungen nur vom Mißglückten, nicht genauso laut vom Gelungenen? Warum loben und ermutigen sich die Deutschen nicht, wenigstens ein bißchen? Ratlos stehen die Bürger vor den neuen Riesenwerken und schütteln behutsam ihre Köpfe.

Pessimismus ist wahrscheinlich ein Zeitvertreib für gute Zeiten, man muß ihn sich leisten können. Plötzlich zeigt sich, daß die geheimnisvolle Disposition der Deutschen zur Krisenstimmung, die fast unabhängig von der Haushaltslage ist, zu einem aktiven Krisenfaktor wird, wenn die Krise eingetroffen ist.

Das auf Krisen eingestimmte Volk ist offenbar unfähig oder weigert sich, die Krise wahrzunehmen und sich gegen sie zu wehren. Ein seltsam träumerischer Umgang mit dem Offensichtlichen fällt auf, eine kollektive Weigerung, den überall veröffentlichten Tatsachen zu begegnen. Fast ist es, als hielte man die tägliche Beschwörung des Niedergangs für das geeignete Mittel, ihn aufzuhalten.

Bei der Einschulung meiner Tochter in ein Gymnasium in Charlottenburg hielt der Direktor eine kleine Rede, deren Einleitung neugierig machte. Noch nie in seiner 30jährigen Laufbahn, sagte er, habe er eine derartige Ankündigung machen müssen. Der Englisch-Unterricht sei zwar vorgesehen, aber nicht gesichert, das Geld für die neuen Englisch-Lehrwerke sei noch nicht bewilligt, und auch die Stelle des Mathematiklehrers stehe bisher nur auf dem Papier. Ein Hauch von Dritter Welt wehte plötzlich durch die Aula des ehrwürdigen Gymnasiums. Eine Mutter stellte die Frage, was die Bücher kosteten. Ob die Eltern nicht beschließen könnten, die 24,50 Mark auszulegen oder notfalls auch zu bezahlen, um den Unterricht zu gewährleisten. Erbittertes Schweigen war die Antwort.

Ich glaube, es war nicht Geiz, der die Runde lähmte, sondern das Festhalten an einem eigentlich schönen Prinzip: Der Staat ist für die Schulbücher zuständig. Die Idee, daß sie, die Eltern, einstweilen selber einspringen müßten, wenn der Staat versagte, ja, daß sie und niemand sonst die Herren des Staates sind, kam irgendwie nicht auf.

Eine solche Episode ist in den USA schwer vorstellbar, schon deswegen, weil die Amerikaner aus historischen Gründen eher sich selber als ihrem Staat vertrauen. In gewisser Weise sind die Deutschen natürlich auch Opfer ihres zu Recht weltweit beneideten, viel effizienteren Staates und erst einmal stumm vor Schreck, wenn dieser Staat ihren Kindern die Schulbücher nicht mehr auf den Tisch legt.

Das Problem, so scheint es mir, dem Wiederkehrenden, ist in erster Linie ein mentales. Mit dem tatsächlichen Verlust an Kaufkraft und an Arbeitsplätzen scheint nicht die Tatkraft, sondern der Wirklichkeitsverlust zuzunehmen. Es bildet sich ein Zirkel: Das panische Festhalten am erreichten, aber nicht mehr haltbaren sozialen Status führt zu noch größeren tatsächlichen Verlusten, die ihrerseits zu noch größeren Ängsten und zu noch größerer Unbeweglichkeit führen. Nicht die objektiven Probleme sind unlösbar; sie werden allmählich unlösbar, weil sie so lang geleugnet und verschleppt werden, bis sie tatsächlich kaum mehr zu bewältigen sind.

Es ist natürlich ein Unterschied, ob eine Gesellschaft sich beim Stand von zwei oder drei Millionen Arbeitslosen auf die Globalisierung der Märkte umstellt - die zunächst unvermeidlich noch mehr Arbeitslose produziert - oder ob sie sich auf diese Aufgabe einläßt, wenn sie bereits sechs Millionen Arbeitslose zu versorgen hat. Seit Jahren konnte man zum Beispiel in den Zeitungen lesen, daß die Kosten einer Arbeitsstunde in der Industrie in Westdeutschland rund um ein Drittel höher sind als in den meisten vergleichbaren Industrieländern und daß sie in Ostdeutschland, bei etwa 60 Prozent der westdeutschen Produktivität, immer noch höher sind als fast überall auf der Welt.

Alle Fachleute nennen diesen Umstand als einen der Hauptgründe für die anhaltende Abwanderung von Arbeitsplätzen aus Deutschland. Seit langem war das Problem und seine Ursache erkannt, was machten die Deutschen? Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich auch nur eine Kleinigkeit wie die Reform der Lohnfortzahlung durchsetzen ließ. Es war schon phantastisch, was sich die Gewerkschaftsführer alles einfallen ließen, um die besondere Anfälligkeit der Deutschen für Eintagekrankheiten zu erklären. Der Versuch, die Regelung per Gesetz zu ändern, führte fast zum Generalstreik. Erst wenige Gewerkschaften haben eingelenkt - die Diskussion hatte das Ergebnis, daß sich der Gesundheitszustand der Deutschen innerhalb eines Jahres dem europäischen Mittel angenähert hat. Ist es ein Wunder, daß viele Arbeitslose die Gewerkschaften als ein Bollwerk ansehen, das die Rechte der Arbeitenden gegen die der Arbeitslosen verteidigt?

Die Debatte um die anderen, viel wichtigeren Reformen - Steuern und Pensionen - läßt einstweilen nur weitere Debatten erwarten. Wenn es gar um den Intimbereich des Staates geht - Öffentlicher Dienst und Beamtenwesen -, werden die Reformen in einem Tempo und mit einem Zartgefühl angegangen, als herrschte »draußen«, wie man das Land in Bonn gern nennt, Vollbeschäftigung.

Nur ein Philister wird den Deutschen ihre sozialen Errungenschaften und Luxusartikel mißgönnen. Was ist dagegen einzuwenden, daß sie in den zurückliegenden Jahrzehnten mehr verdienten, öfter krank feierten, sich länger in südlichen Sonnen bräunten als fast alle anderen - solange ihr wirtschaftlicher Erfolg ihnen solche Annehmlichkeiten gestattete? Die einzig realitätstüchtige Frage ist doch, ob sie sich all diese erfreulichen Dinge weiterhin leisten können - und wenn nicht, was sie tun und lassen müssen, um den Trend zu noch mehr Arbeitslosen umzukehren.

Auf das behütete Links-Rechts-Schema ist in diesem Punkt kein Verlaß: Wer auf Kosten nachfolgender Generationen Schuldenberge aufhäuft, um den Sozialstaat zu erhalten, hat sich damit noch nicht als Linker ausgewiesen. Wer erst die Wirtschaft flottmachen will, damit es überhaupt wieder etwas zu verteilen gibt, ist deswegen noch kein Rechter.

Von den USA aus gesehen herrscht in der Bundesrepublik fast realer Sozialismus. Das vereinigte Deutschland ist aus dieser Sicht sozusagen die geglücktere, inzwischen ebenfalls bedrohte Version der DDR. Die greifbarste Lehre aus dem Bankrott der sozialistischen Länder ist in europäischen Kernländern wie Deutschland, Frankreich und Italien nur zögernd wahrgenommen worden: Monopole, vor allem staatliche Monopole, führen offenbar gesetzmäßig zu bürokratischen Delirien, zu Schwerfälligkeit, Ineffizienz und kostenintensiver Erstarrung.

Jener amerikanische Richter, der das Monopol der Telefongesellschaft AT&T durch eine Reihe bahnbrechender Entscheidungen zerschlagen und dem Ansturm junger Konkurrenzgesellschaften ausgesetzt hat, genießt in den USA die Popularität eines Pop-Stars. Als ich jetzt die deutschen Postler für die Aufrechterhaltung der verbliebenen Post-Monopole demonstrieren sah, dachte ich: Wer kann es ihnen verübeln? Aber die Zukunft ist es nicht, für die sie auf die Straße gehen.

In den USA fragt man zuerst, ob ein Satz stimmt, gleichgültig, aus welchem Mund er kommt. Hierzulande beherrscht immer noch eine Art Vereinszwang das Denken und die Phantasie. Bevor man nach der Wahrheit eines Satzes fragt, will man wissen, in wessen Gesellschaft man mit ihm gerät; wenn der politische Feind denselben Satz sagt oder sagen könnte, dann kann er eigentlich nur falsch sein. Ich glaube nicht, daß sich der historische Gegensatz zwischen »links« und »rechts« erledigt hat. Aber in vielen Anwendungsfällen lassen sich diese Etikette leider ganz einfach durch die Wörter »falsch« und »richtig« ersetzen.

Zu lange haben die deutschen Politiker nicht wahrhaben wollen, daß die Globalisierung ein wirtschaftliches Erdbeben ist, das man nicht einfach abwählen kann wie eine ungeliebte Regierung. Nur diejenigen Völker werden sie beeinflussen und zivilisieren können, die dieses Zwangsschicksal erst einmal angenommen haben.

Vielleicht hat nichts den Aufbruchswillen so behindert wie Helmut Kohls Versäumnis, die Deutschen auf die Chancen und Verzichte vorzubereiten, die die Riesenaufgabe der Vereinigung bot und abverlangte. Bekanntlich wurden die westdeutschen Beamten anfangs mit einem »Buschgeld« von 2000 Mark netto dazu überredet, ihre beeideten »besonderen Treuepflichten gegenüber Staat und Verfassung« in den sogenannten neuen Ländern wahrzunehmen. Dieses Beispiel für Pioniergeist hat natürlich Maßstäbe gesetzt. Ich erinnere mich an eine Umfrage kurz nach der Einführung des Solidaritätszuschlags. Dazu befragt, wie viele Opfer sie für die Vereinigung noch zu erbringen bereit seien, antworteten die Westdeutschen damals, als die erste Rate anfiel, das Ende der Fahnenstange sei erreicht, man könne schlicht und einfach nicht mehr. Inzwischen sind die Kosten der Vereinigung zu über einer Billion aufgelaufen, aber immer noch wurde den Bürgern die Dimension der Aufgabe nicht benannt. Statt dessen jeden Tag und hinterrücks ein kleiner Schmerz - hier eine kleine Beitragserhöhung, dort eine neue, hübsch verpackte Steuer, statt Vereinfachung immer mehr Komplikation, statt einer globalen Ansage immer nur Kosmetik.

Warum sagt man den Deutschen nicht, was sie längst ahnen: daß die bevorstehenden Jahre noch schwieriger sein werden als die zurückliegenden und daß der Grund längst nicht mehr in den Kosten der Vereinigung zu suchen ist, sondern in verpaßten Strukturreformen, die in anderen Ländern bereits vor zehn Jahren eingeleitet worden sind, kurz, daß alle Deutschen - nicht nur die in den sogenannten neuen Bundesländern - vor existentiellen Veränderungen stehen?

Statt deutlich zu machen, daß eine Gesellschaft auf Dauer nichts verteilen kann, was sie nicht erwirtschaftet, suchen die Politiker nach Schuldigen. Je nach politischer Ausrichtung und Klientel konzentrieren sich die einen auf »Sozialbetrüger«, Asylanten, auf ausländische Schwarzarbeiter, die anderen auf die Gewinne der Unternehmen und auf die Einkommensmillionäre, die keine Steuern zahlen - als ließe sich der Status quo durch Mahnbescheide und Polizeikontrollen retten. Es ist ja wahr: Der Beitrag der Einkommensmillionäre zum Gesamtsteueraufkommen hat sich auf wunderbare Weise in derselben Zeit in ähnlichem Umfang reduziert, wie sich die Anzahl der Millionäre vermehrt hat, und sicher gibt es auch Sozialbetrüger. Aber die Sozialausgaben aller öffentlichen Hände liegen bei einer Billion. Jedes Kind kann ausrechnen, daß sich die Haushaltslöcher auch dann, wenn man alle wirklichen oder vermeintlichen Sündenböcke zur Kasse bittet, nicht stopfen lassen.

Zukunftsfreudigere Völker, die die Umstellung auf die Globalisierung als eine nationale Aufgabe erkannt und angepackt haben, haben inzwischen neue Jobs und neue Reichtümer geschaffen, die selbstverständlich neue Verteilungskämpfe auslösen werden. Hierzulande krallt sich jede Gruppe panisch an ihren sinkenden Privilegien fest. Jeder verteidigt seine Frühpension, sein 13. Monatsgehalt, seine unkündbare Stellung, seine Umzugshilfe, seine Trennungszulage, sein Steuerschlupfloch, als wären es heilige Menschenrechte.

Auch die gute alte Klassenanalyse in »die da oben und wir da unten« bedarf der Innovation. »Die Ausbeuter« sind nicht nur die Millionäre, es sind Millionen: tüchtige, hochorganisierte Minoritäten, die stur auf ihre inzwischen unbezahlbaren Privilegien pochen und sich allesamt als Opfer aufführen. Die wirklichen Opfer, die das Drama der nationalen Starre auszubaden haben, sind die Millionen Arbeitslosen. Sie haben keine Funktionäre und Lobby. Es sind die Millionen Arbeitslosen.

Aber es reicht längst nicht mehr aus, die Politiker zu kritisieren. Der Wähler ist der neue Gott, vor ihm liegen alle auf dem Bauch, übrigens auch der Wähler selbst.

Die Frage ist doch: Würden die Bürger einen Politiker, der ihnen eine ungefähre Gesamtrechnung über die notwendigen Einschnitte vorlegen und die Lasten - so gerecht wie möglich - allen gesellschaftlichen Gruppen abverlangen würde, auch nur einen Tag lang regieren lassen? Vielleicht besteht das wichtigste Kriterium für die Qualität eines Politikers heute darin, daß er das Risiko eingeht, nicht gewählt zu werden, weil er die Wahrheit sagt. Vielleicht würde er sogar gewählt.

Es sieht so aus, als seien die Deutschen zur Zeit von vielen guten Geistern verlassen. Die Intellektuellen scheinen weitgehend mit Selbstverteidigung beschäftigt zu sein. Viele hatten Utopien angehangen, die dem Test der Geschichte nicht standgehalten haben - was keine Schande ist. Die meisten ihrer guten Ratschläge - gegen die Wiedervereinigung, für einen besseren, demokratischen Sozialismus - sind vom Gang der Ereignisse nicht beherzigt worden. Statt sich nun dafür zu interessieren, warum sie so gewaltig ins Unrecht gesetzt worden sind, tragen sie ihre erschütterten Meinungen in leicht justierten Positionen weiter vor und versuchen nachzuweisen, daß sie recht hatten und die Geschichte sich geirrt hat.

Auch ein solcher Versuch kann zu verblüffenden intellektuellen Leistungen führen. Es kommt aber eher selten vor, daß aus dem Impuls der Begradigung und des Rechtbehaltenwollens geistige Entdeckungen hervorgehen. Fast vergessen scheint zu sein, daß nicht nur das Warnen und Mahnen, sondern auch das Entwerfen und Vorausdenken zu den Kapazitäten des Denkens gehören. Das einzige Thema, das wahrhaft leidenschaftliche Debatten auslöste, war die Rechtschreibreform. Zu allen anderen Erschütterungen des deutschen Nachkriegskonsenses - zur Frage einer Intervention im ethnischen Krieg in Bosnien, zum Ende des Sozialstaates, zur Massenarbeitslosigkeit - war kaum etwas zu hören. Es mutet seltsam an, wenn Günter Grass ausgerechnet in einem Augenblick, da der »Wirtschaftsstandort Deutschland« tatsächlich bedrohlich abwärtstrudelt, mahnt, Deutschland sei zu einem bloßen »Wirtschaftsstandort verkommen«. Es ist ein Donnersatz, aus planetarischer Entfernung gesprochen.

Das vorläufige Ergebnis all dieser komplizierten Befindlichkeiten ist jedenfalls, daß der epochale, bisher nicht vorgedachte Vorgang der Umwandlung eines kommunistischen Systems in ein kapitalistisches praktisch ohne intellektuelle Begleitung stattfindet.

Man muß den Sieg des Kapitalismus und dessen Globalisierung nicht für die letzte Antwort der Geschichte halten. Auch liegt es mir fern, mit meinen Hinweisen auf die Zuversicht und die Erfolge in den USA das amerikanische Modell zur Nachahmung zu empfehlen. Mir ist nur aufgefallen, daß die meisten Nachrichten, die hierzulande über den Aufschwung in den USA zu lesen sind, nur dessen negativen Aspekte ins Licht stellen. Etwa: Ja, die Amerikaner haben zwar Millionen neue Jobs geschaffen, aber die Löhne liegen im Bereich unserer Sozialhilfe. Daß auch Millionen gut oder hochbezahlter Jobs entstanden sind, teilt sich irgendwie nicht mit. Die Berichte lesen sich wie eine Materialsammlung zu der Botschaft: Was immer wir machen, auf keinen Fall wollen wir es so machen wie die in den USA. Anzumerken bleibt, daß die Amerikaner die Nachrichten über Deutschland genauso resolut in den Dienst der amerikanischen Selbstbestätigung und ihrer Stereotypen stellen.

Es ist eine Illusion zu glauben, daß mit den elektronischen Datenautobahnen auch das Tempo des Verstehens zwischen den Völkern wächst. Nachrichten über andere Länder befriedigen wohl viel weniger, als man glaubt, das Informationsbedürfnis; sie dienen immer auch der Selbstbestätigung und -vergewisserung der Einheimischen. So wie die US-Bürger sich immer wieder ihrer historischen Mission versichern, wenn sie jeden Abend in irgendeinem Fernsehkanal einen blonden, blauäugigen Deutschen mit Heil-Hitler-Gruß durchs Bild laufen sehen, so erbauen sich die Deutschen an den zahlreichen Dokumentarfilmen über die Indianerreservate, in denen ihnen etwa erklärt wird, daß US-Regierungen zu Beginn des Jahrhunderts »regelrechte KZs« für die Indianer errichten ließen.

Auf dem Dach eines Eckhauses in der Karl-Liebknecht-Straße, an dessen Fassade in DDR-Zeiten in Neon-Lettern die unvergessene Einladung »Gastmahl des Meeres« geleuchtet hatte, entdeckte ich eine neue Botschaft: »Pioneer«. Ich brauchte eine Weile, bis mir klar wurde, daß es sich nur um ein neues Firmenzeichen handelte. Aber plötzlich schien es mir, daß die Neonschrift den Namen für etwas in den Abendhimmel schrieb, dessen überwältigende Abwesenheit ich spürte, und eine fast verbotene Frage kam mir in den Sinn. Wo ist eigentlich die Genialität der Deutschen geblieben? Ihr Mut, ihre Kühnheit, ihr Entdecker- und Erfindergeist? Haben sie ganz vergessen, daß sie einmal Auto, Telefon, Fax, Fernsehen, horribile dictu: die Raketentechnik und den Computer miterfunden haben, daß sie wissenschaftliche Abenteurer wie Alexander von Humboldt hervorgebracht und »das Zukunftsland USA« mitgestaltet haben? Sollen diese positiven Energien und Talente der Deutschen - im Namen einer eher gehorsamen als genauen Vergangenheitsbewältigung - als Nazitugenden verdächtigt bleiben?

Und wenn wir denn dabei sind: Warum sind die feigen Täter, deren Antriebe und deren Umfeld Daniel Goldhagen auf ebenso eindrucksvolle wie verrannte Art beschrieben hat, hierzulande so ungleich bekannter, fast möchte man sagen: populärer als die »stillen Helden«, denen Inge Deutschkron in ihrem gleichnamigen, eben erschienenen und völlig unbeachteten Buch »Sie blieben im Schatten« ein Denkmal setzt?

Schätzungsweise 10 000 Familien haben in Berlin Juden vor den Nazischergen versteckt. Warum gibt es keinen Platz, keine Straße, keine Schule, die ihren Namen trägt, keine Fernsehserie? Warum sind die Glatzköpfe der Neonazis im Fernsehen präsenter als die Gesichter der mutigen Einzelgänger, die ihnen bei ihren Attacken in den Weg getreten sind? Ich glaube nicht an eine Nation, die sich, wahrscheinlich aus Rücksicht auf die riesige Überzahl der Mitläufer, in einem kommoden Mißtrauen gegen sich selbst und die Welt eingerichtet hat und sich keine Vorbilder gönnt.

Wer, wenn auch nur notgedrungen, eine große Aufgabe anpackt, und der Bau einer neuen Hauptstadt ist zum Beispiel etwas Großes, muß auch etwas Großes wagen. Dazu bedarf es keines Stolzes und keines Größenwahns. Etwas viel Einfacheres ist gefragt, das vielleicht schwerer als alles andere zu haben ist: Spielfreude, Schönheitssinn und - ein verträgliches Maß - Liebe zu sich selbst. Wer sich selbst nicht liebt, kann wohl auch niemand anderen lieben.

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