EHMKE Das noch
Die scheuen Geheimdienste, stets auf Diskretion und Anonymität bedacht, wähnten sich ihrem Berufswunsch nahe. Ein Fehltritt von BND-Chef Horst Ehmke -- so streuten traditions- und CDU-treue Detektive -- habe eine rote Agentin in das Netz der Bonner Sicherheitsbehörde getrieben.
Bauers »Quick« spielte mit. »Abwehragenten«, so kolportierte die Illustrierte in ihrer jüngsten Ausgabe, seien besorgt, daß die neue Ehmke-Ehefrau, CSSR-Flüchtling Maria Hlavacova, »auf Geheiß eines kommunistischen Nachrichtendienstes zu uns gekommen ist, um hier Informationen zu sammeln«.
Die konspirative Legende -- dem rechten Bilderblatt von ehemaligen V-Männern des BND zugespielt -- ist Kernstück einer liebevoll betriebenen Kampagne, mit der die rechte Opposition versucht, die Heirat des sozialdemokratischen Kanzlergehilfen Horst Ehmke zur Staats- und Wahlkampfaffäre herauszuputzen. Die zweite Ehe des Juraprofessors -- so bohrten die wackeren Wahlkämpfer -- sei von Anbeginn eine Fehlentscheidung gewesen. da die zugereiste Ministergattin die Sicherheit der Republik gefährde.
Bereits am vorletzten Dienstag, zehn Wochen nach Ehmkes Trennung von seiner ersten Ehefrau Theda und seinen drei Kindern und vier Tage nach dem Trauakt auf dem Kölner Standesamt, hatte CDU-Hinterbänkler Karl Gatzen für sich und die Seinen eine Chance ausgemacht. In einer kleinen Anfrage begehrte er von der Bundesregierung Auskunft darüber, ob der BND-Chef »ein mögliches Sicherheitsrisiko« geworden sei, »weil nächste Angehörige von ihm in der CSSR leben«. Schon ein privater Briefwechsel der prominenten Ehefrau mit Eltern oder Geschwistern werde vom Feind mißbraucht werden: »Der Absenderort gibt dem Geheimdienst drüben Aufschluß.«
Bonner Gesinnungsfreunde aus der Oppositionsfraktion leisteten ihrem Hinterbänkler Beihilfe. In den Tresoren von »Quick« so verbreiteten sie in Bonn. habe die Staatsanwaltschaft bei ihrer Suche nach Bestechungsbelegen und Schmiergeld-Empfängern auch Belastungsmaterial gegen den Jungvermählten gefunden: einen Briefwechsel zwischen BND-Aufseher Ehmke und BND-General Gerhard Wessel. In dieser angeblichen Fundsache habe der Minister seinen Geheimdienstlern den delikaten Auftrag erteilt, seine Schwiegereltern in einer »operativen Aktion« aus dem Ostblock zu kidnappen.
Das ging selbst »Quick«-Redaktionsleiter Heinz van Nouhuys zu weit: »Da ist nichts dran.«
Doch so leicht ließen sich die Unionshelfer nicht entmutigen. Als der Kanzleramts-Staatssekretär Egon Bahr am letzten Dienstag das für die Geheimdienste zuständige parlamentarische Kontrollgremium zu einer Routinesitzung für diesen Montag lud, erschien Springers »Welt« mit der Schlagzeile: »Vertrauensmänner des Bundestages prüfen Ehmkes Situation.«
Victor Kirst, FDP-Emissär im Klub der Vertrauensleute, ist denn auch sicher, daß die Unionskollegen ihren Fall Ehmke auf die von Bahr vorgeschlagene Tagesordnung bringen werden: »Unter Verschiedenes kann man natürlich alles zur Sprache bringen.«
Sollten die CDU/CSU-Vertrauensmänner in dieser Woche ihr Wahlkampf-Anliegen vorbringen, müssen sie sich jedoch auf eine unergiebige Aussprache einrichten. Aus Furcht vor politischer Erpressung haben sich die Abgeordneten gegen geheime amtliche Schnüffler abgeschirmt.
Nach den geltenden Bestimmungen dürfen Bonns V-Männer zwar Staatstreue und Intimleben beamteter Geheimnisträger durchleuchten. Parlamentarier jedoch sind tabu -- auch wenn sie neben ihren Abgeordneten-Diäten noch Ministergehalt beziehen.
Und selbst für Staatsangestellte gilt die Geheimdienst-Faustregel: Je höher der Rang, desto geringer die Chance. daß östliche Agenten sie anlaufen -- nicht zuletzt, um einen politischen Eklat zu vermeiden. So erhielt etwa Ulrich de Maizière, bis Frühjahr als Generalinspekteur der Bundeswehr Bonns wichtigster militärischer Geheimnisträger. selbst von den peniblen Nato-Sicherheitsbeauftragten einen Persilschein obwohl sein Bruder als Rechtsanwalt in der DDR lebt.
Um der Bonner Opposition das Ehe-Thema gründlich zu vergällen, griff Bonns Verfassungshüter, Innenminister Hans-Dietrich Genscher. persönlich ein: Im Namen der Bundesregierung teilte er Hinterbänkler Gatzen mit, die Tschechin Maria Hlavacova sei schon vor dem Hochzeitstag des Kanzleramtsministers überprüft worden.
Ergebnis der Genscher-Recherchen: Weder Ehmkes Ehe noch seine tschechische Verwandtschaft gäben zu ernsthaften Sicherheitsbedenken Anlaß.
FDP-Generalsekretär Karl-Hermann Flach ist freilich nicht sicher, daß Genschers Entlastung bei den eigentlichen Adressaten. den westdeutschen Wahlbürgern, richtig ankommt: »Die sagen, erst hat er Frau und Kinder sitzenlassen und dann das noch.«