Das Problem wird verlagert
(Nr. 52/1980, SPIEGEL-Titel: Jugendkrawalle; SPIEGEL-Gespräch mit Zürcher Jugendlichen)
Treue ist doof, Eltern sind »out«, die Schule ein Streß, die Armee eine Zumutung, Politiker korrupt, Vorbilder suspekt, Polizisten sadistische Schläger, alle Konzerne »ausbeuterisch«, die Religion Opium für ein paar kindische Idioten und die Umwelt restlos und für alle Ewigkeiten versaut. Kernkraftwerke sind unmenschlich, Energie schlecht, der Planet wird »geplündert«, die Armen werden ärmer, und »schuld« daran sind auf jeden Fall nur wir.
Zu den Propagandisten dieses Schwachsinns gesellen sich wichtigtuerisch die Totengräber der Zukunft, die Maedows, Jungks, Traubes, Gruhls und wie die verirrten Weichmacher alle heißen.
Wir haben der Jugend die Hoffnung geklaut, die Zukunft weggeschwindelt, sie ohne Netz im Vakuum gegart. Wen wundert's, wenn Werte zerstört werden, die für einen Teil der Jugend keine sind?
Feldbrunnen (Schweiz) ERICH VON DÄNIKEN
Bei den meisten Jugendlichen, die sich an Krawallen und Gewalttätigkeiten beteiligen, dürfte die Wurzel für ihr nihilistisches Verhalten in der Irreligiosität zu suchen sein. In sie muß sich ein junger Mensch beinahe zwangsläufig verirren, wenn sein kritischer Verstand die ihm in Elternhaus und Schule aufoktroyierte Glaubenslehre für unglaubwürdig zu halten beginnt und er keinen Wegweiser zu einer Alternativ-Religiosität findet.
Grünkraut (Bad.-Württ.) MATTHÄUS WESTNER
Die Brüder nach Ost-Berlin abschieben, wo sie in dem »volksdemokratischen-republikanischen System« sofort einen festen Platz zugewiesen bekämen, oder wie ein alter Herr zu mir sagte: »In den Steinbruch mit ihnen, wo sie Arbeit und Leben kennenlernen.«
Baden-Baden TIBOR KISS
Als Ergänzung vielleicht einige Zitate aus den »Thesen zu den Jugendunruhen 1980«, aufgestellt von der Eidgenössischen Kommission für Jugendfragen, einem Beratungsorgan des Schweizerischen Bundesrates: »Es trifft zu, daß radikale Minderheiten die Jugendunruhen ausgelöst haben ... Aber die Probleme dieser Minderheit sind nicht isoliert von den Problemen der Mehrheit -- und zwar einer Mehrheit nicht nur der Jugendlichen.«
Bonn ERICH DEDERICHS Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Unsere Politiker haben aus der Entwicklung der letzten Jahre nichts hinzugelernt.
Wissen (Rhld.-Pf.) FRANK HASSELBACH
Vor zehn Jahren stürmten Jugendliche unter Führung von Horst Mahler das Springer-Verlagsgebäude. Heute stürmen sie Kaufhäuser (um zu plündern). S.8 Mit den politisch motivierten Jugendlichen von damals konnte man diskutieren. Und heute?
Dilsberg-Neuhof (Bad.-Württ.) DR. GÖTZ HOHENSTEIN
Es geht auch um die einfache Existenz, denn in Zürich kann kein Rentner oder Student oder Arbeiter 2000 Franken und in Berlin keine 400 Mark und mehr für eine Zwei-Zimmer-Wohnung bezahlen.
Berlin ROLF EICHENAUER
Im deutschsprachigen Raum scheint einzig eure Zeitschrift gewillt und befähigt zu sein, über den Hintergrund der langwierigen Krawalle in Zürich zu berichten und diese wiederum in die gesamteuropäische Szene zu rücken. Hierzulande wird alles losgelöst vom Gesamtzusammenhang bearbeitet.
Zürich ROGER BEAUD
Die Krawalle in Berlin dürften erst der Anfang sein.
Bochum HANS MILKE
Die da oben dürfen sich nicht wundern, wenn die Krawalle in bürgerkriegsähnliche Zustände eskalieren. Schließlich hat der Berliner Senat bewiesen, daß er sich nur mit Gewalt überzeugen läßt: Erst nachdem der Ku'damm zum Schlachtfeld wurde, begann man, ernsthaft über das Problem Instandbesetzung nachzudenken, begann man, öffentlich über die Legalisierung der Besetzer zu reden.
Berlin FRANK P. BÖHMERT
Instandbesetzungen leerstehender Wohnungen markieren nur die Spitze des Eisbergs einer verfehlten Sanierungs- und Wohnungspolitik. Hervorstechendes Merkmal dieser Politik ist die Belohnung eines privaten Hausbesitzes, der in Berlin (West) in besonderem Maße seine gesetzlichen und vertraglichen Pflichten zur Instandhaltung verletzt, mit hohen Subventionen aus Steuergeldern für Sanierung und Modernisierung. Statt die Hausbesitzer durch konsequente Anwendung der bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten zur Instandsetzung und Vermietung leerstehender Wohnungen zu zwingen, meint der Senat von Berlin dies durch Geldgeschenke und Mieterhöhungsmöglichkeiten erreichen zu können.
Berlin HARTMANN VETTER Berliner Mieterverein e. V.
Für mich gibt es nur eine Lösung: Eine der beiden verfeindeten Parteien muß aufhören, die Polizei oder die Jugendlichen. Wie wäre es denn, wenn einmal bei einer Demonstration keine Polizei hingeschickt wird? Das Ganze ist doch wie bei kleinen Kindern, man ärgert nur den gerne, der sich auch darüber aufregt, und wenn ihn das Ganze nicht juckt, verliert man den Spaß daran, ihn zu ärgern.
Groß-Umstadt (Hessen) ULRIKE SCHÄFER Schülerin S.9
Der Spruch »Gemeinsam sind wir unausstehlich« ist von seinem Inhalt nur allzu richtig, wobei man diese Worte sowohl für die Jugendlichen als auch für die etablierte Schicht verwenden kann. Er signalisiert eigentlich, daß wir uns im Dialog wieder finden müssen, damit wir uns nicht mehr so fremd sind.
Reinach (Schweiz) JÜRG JUFER
Echt alternativ wäre wahrscheinlich: erst mal notariell auf Vaters Erbe verzichten, dann darauf verzichten, daß man den Blinddarm auf Kosten Dritter rausgenommen bekommt, wenn's sein muß auf Altersrenten und so weiter verzichten. Ihre Gesprächspartner gaben denn auch zu, daß sie alternative Lösungen nur suchen, keine Lösungen wissen. Ich auch nicht. Mangels Alternative arbeite ich also und füge mich den Zwängen, die ich übrigens gar nicht spüre, sondern nur aus dem Mund Dritter und Aufklärer erfahre.
Mailand (Italien) HANS SCHWINN
Ganz gewiß gehöre ich nicht zu den Befürwortern der Gewalt, aber es tut gut zu wissen, daß diesen Wohlstandsspießern in Freiburg und Zürich der Arsch auf Grundeis geht.
Püttlingen (Saar) KARL-HEINZ WOLLERMANN
Ich sehe keine Besserung der Lage darin, indem man wie zum Beispiel in Zürich versuchen will, den »harten Kern« von 150 Personen aus der Bewegung abzusondern, um die Bewegung auszutrocknen. Dies ist kein Weg, sondern nur Oberflächenkosmetik. Das Problem wird in die Zukunft verlagert, nicht aber gelöst.
Buxtehude (Nieders.) JÖRG BUSCH
Daß diese Gesellschaft von vielen als inhuman und perspektivlos angesehen wird, daß menschlicher Geist mehr und mehr nur noch dazu dient, den eigenen Gewinn zu erhöhen und andere Menschen möglichst schnell umzubringen, ist wohl der Hauptgrund für die steigende Militanz der Auseinandersetzung. Und den staatlichen Behörden fällt auch nichts Besseres ein, als die Polizei zu immer härterem Vorgehen zu ermutigen, anstatt die Ursachen anzugehen.
München DR. ALFRED SCHREMPF
Das, was Ihr Korrespondent in der Schweiz, Jürgen Bürgi, über die Krawalle in Zürich und ihre Hintergründe schreibt, hat mit den wirklichen Verhältnissen nichts, aber auch gar nichts zu tun.
Zürich THOMAS DÄHLER
So zeigt man also, daß in Zürich Pack zu Hause ist, und die Jugendlichen und ihre dummen Erzieher stellen dieses Pack dar.
Lübeck LUISE KREMPEL-BORCHARDT
Die SPIEGEL-Interviewer hatten einen Tick, und die Gesprächspartner tickten S.10 sowieso nicht richtig. Wir warten auch nicht, bis der Staat von diesen armseligen Flaschen unterwandert ist. Wir schlagen sofort zurück.
Wangen (Schweiz) DR. WALTER STÜDELI