ENGLAND / RAKETEN Das rentable Risiko
Am Ende dieses Jahres werden auf der britischen Insel so viele Atomwaffen wie nirgends sonst auf der Erde geballt sein.
Gemäß einem Ende Februar unterzeichneten britisch-amerikanischen Vertrag werden die USA noch in diesem Jahr damit beginnen, auf der Insel 60 Mittelstreckenraketen (Reichweite 2500 Kilometer) mit den dazugehörigen atomaren Sprengköpfen zu lagern (England verpflichtete sich, die für den Abschuß dieser Raketen notwendigen Rampen - vermutlich vier zu bauen).
Diese 60 Atom-Sprengsätze vervollständigen das auf der britischen Insel schon vorhandene Sortiment von Atomwaffen
- Die H- und A-Bomben, die Amerika
für seine in England stationierte Fernbomberwaffe gelagert hat, und
- die H- und A-Bomben, die England
selbst baute und für seine eigenen Fernbomber bereithält.
Mit dieser Massierung von Atomgraus ist die britische Insel offenkundig auch zu dem riskantesten Aufenthaltsort der Erde geworden - eine Tatsache, die von den meisten Engländern zwar mit wachsendem Unbehagen empfunden, von Macmillan und insbesondere dessen Verteidigungsminister Sandys aber als der unerläßliche Einsatz für Englands künftiges Wohlergehen angesehen wird.
Solange Amerika keine Fernraketen hat, mit denen es vom eigenen Territorium sowjetische Ziele erreichen kann, ist die amerikanische Verteidigung in hohem Maße von dem Wohlwollen der Briten abhängig. Die auf der englischen Insel gelagerten Raketen dürfen nämlich laut Vertrag nur mit britischer Genehmigung abgeschossen werden.
Wahrscheinlich mit Recht macht man sich in London Hoffnung, daß aus einer so engen Waffenbrüderschaft von Briten und Amerikanern für England auch bemerkenswerte wirtschaftliche Vorteile herausspringen. Es liegt auf der Hand, daß die USA von nun an noch mehr als bisher daran interessiert sein müssen, jede Gefahr für die Stabilität der englischen Wirtschaft abzuwenden.
Eine solche Gefahr könnte entstehen, wenn zum Beispiel der seit Anfang dieses Jahres existierende Gemeinsame Markt der festländischen Staaten Bundesrepublik, Frankreich, Italien und Benelux sich durch hohe Zollmauern gegen britische Importe schützen und die von London gewünschte Freihandelszone ablehnen wollte. In diesem Streit hat England nunmehr - so meint man jedenfalls in London - den entscheidenden Trumpf in der Hand, nämlich den Einfluß Amerikas.
In der Tat muß Amerika in den nächsten Jahren bemüht sein, eine britische Wirtschafts- und Sozialkrise zu verhindern, weil sich daraus zwangsläufig ein Linksruck der britischen Wählermassen ergeben würde. Eine, sehr stark links stehende Labour-Regierung wäre zumindest geneigt, den Raketenvertrag vorfristig zu kündigen.
Unter diesen wirtschaftlichen Gesichtspunkten hat man in London nicht ohne stille Genugtuung vernommen, daß Englands größter Konkurrent in Europa - die Bundesrepublik - vermutlich keine Raketenrampen erhalten wird.
Vor Weihnachten hatte der Oberbefehlshaber der Nato in Europa, US-General Norstad, erklärt, man werde abgesehen von den englischen Rampen erst einmal sechs bis zehn Raketen-Einheiten (ausgerüstet mit je 15 Mittelstreckenraketen) in Europa stationieren. Es war daran gedacht, Europa von der Türkei bis nach Schottland mit maximal 14 Rampen (zehn festländischen und vier britischen) zu bestücken.
In der letzten Woche revidierte Norstad seine vorweihnachtliche Äußerung insofern, als er in einem Interview des deutschen Fernsehens erklärte, die Zahlenangabe »sechs bis zehn« werde möglicherweise die vier britischen Rampen mit einschließen. Norstad plant also nur mehr maximal zehn und nicht 14 Rampen.
Die Differenz von vier Rampen ergibt sich nach Ansicht Londoner Beobachter daraus, daß Norstad inzwischen darauf verzichtet hat, auf deutschem Boden Rampen zu bauen.
Geht man von Norstads Zahlenangabe »sechs bis zehn« aus und stellt in Rechnung, daß England vier Rampen bauen wird, so verbleiben für den Kontinent maximal noch sechs oder minimal zwei Rampen. Als Anwärter für diese Rampen kommen vor allem die Türkei, Italien, Holland und Frankreich in Frage.
Im Unterschied zur Bundesrepublik sind diese vier Länder - so meint man in London - keine wirtschaftlichen Konkurrenten Englands und auch keine Rivalen im Kampf um das spezielle Wohlwollen Washingtons.
Englands Verteidigungsminister Sandys
Raketen bringen Wohlstand