DAS SCHWEIGEN - DER SPIEGEL
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Briefe

DAS SCHWEIGEN
• aus DER SPIEGEL 6/1966
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DAS SCHWEIGEN

Nicht Anstiftung zum Mord durch ein Deutschland-hassendes Weltjudentum, sondern homosexuelle Beziehungen zwischen dem Juden Herschel Grünspan und dem deutschen Legationsrat vom Rath sind also das Motiv für die Ermordung vom Raths durch Grünspan in Paris und der wahre Anlaß für die »Reichskristallnacht« 1938. Und Wolfgang Diewerge, damaliger Sachbearbeiter des Falles im Reichspropagandaministerium, wußte es und schwieg, während Deutsche in blödsinnigem Haß Synagogen anzündeten. Wen soll man mehr anklagen, die propagandaverdummten Deutschen oder den allzu schweigsamen und gehorsamen Diewerge?

München GERHARD OERTLER

Sie schreiben unter der Überschrift: »Was man auch von Dr. Goebbels sagen mag« zum Diewerge-Meineidsprozeß das folgende: Ich hätte 1952 über »eine der größten Lügen der Weltgeschichte« berichtet, nämlich über das »ängstlich gehütete Geheimnis Grünspan«, das angeblich mir zufolge darin bestanden habe, daß Täter (Grünspan) und Opfer (Ernst vom Rath) in einer homosexuellen Beziehung zueinander gestanden halten.

Der im SPIEGEL genannte Artikel hat nicht mich zum Verfasser, sondern den Redakteur Dr. Na.

Ich hatte seiner Redaktion im Jahre 1952 ein völlig anderes Manuskript über den Fall Grünspan/vom Rath eingereicht, das eine Synopsis enthielt und in dem Ich die Lesart von Dr. Goebbels (von der angeblichen Mordanstiftung durch das Weltjudentum) der Lesart von Grünspan (von den homosexuellen Beziehungen) gegenüberstellte.

In meinem Manuskript war Ich zu dem Schluß gekommen, daß ich mir die Lesart des Grünspan nicht zu eigen mache, sondern dem Leser die Beurteilung überließ.

Als dann die Redaktion beziehungsweise der Redakteur Herr Dr. Na. mein Manuskript sinnstörend abändern wollten, habe ich schon vor Erscheinen des Artikels 1952 meinen Namen zurückgezogen und auf mein Autoren-Honorar verzichtet. Der Artikel, der somit nicht mehr mich zum Verfasser hat, ist daher auch nicht etwa damals unter meinem Namen erschienen. Die Synopsis beziehungsweise Gegenüberstellung aller widersprechenden Punkte der Lesart von Dr. Goebbels und von Grünspan war gestrichen.

Zu dieser Erkenntnis ist nach zwölf Jahren das Landgericht Augsburg gekommen, indem es das Dauerverfahren gegen mich aufgrund dieses Beweisergebnisses zu meinen Gunsten einstellte

- unter Überbürdung aller Kosten auf

die Staatskasse und auf den Nebenkläger und Anzeiger Rechtsanwalt Günter vom Rath.

Richtig ist allerdings, daß ich schon im Jahre 1952 nicht weniger als 60 beweisbare Tatsachen auf einer Indizienliste zusammengestellt habe, die alle miteinander für die Lesart des Herschel Grünspan vom homosexuellen Tatmotiv sprachen, eine Liste, die in den zwölf Jahren auf über 100 Indizien angewachsen ist.

München DR. JUR. MICHAEL GRAF SOLTIKOW

Was soll dieser Meineidsprozeß gegen Wolfgang Diewerge in einer Sache, die doch nicht wiedergutzumachen ist? Es versöhnt die Juden auch nicht, wenn sie wissen, weshalb ihre Geschäfte, Häuser und Synagogen zerstört worden sind. Eine Lüge des Propagandaministers und seiner Helfer mehr oder weniger - es wäre doch nicht anders gekommen.

Karlsruhe JOACHIM KLIEM

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