TRUPPEN-ENTSENDUNG Das wird geschehen
Seit die großdeutsche Wehrmacht am 8. Mai 1945 kapitulierte, ist die Welt vom Einsatz deutscher Soldaten verschont geblieben. Die Führungsmacht der freien Welt ist damit offenkundig nicht länger zufrieden.
Amerika kämpft in Vietnam, britische Einheiten verteidigen die Unabhängigkeit Malaysias, französische Truppen sind in West-Afrika stationiert. Thailand und die Türkei, die schon im Korea-Krieg kämpften, unterhalten noch heute Kontingente auf der geteilten Halbinsel, und selbst so kleine Länder wie Österreich, Dänemark, Finnland und Irland entsandten - genau wie Kanada - im Rahmen der Uno Soldaten zur Befriedung Zyperns.
Grenadiere des Bundes aber sind bisher nur zum Manöver ins Ausland gezogen. Das würde sich ändern, falls US-Verteidigungsminister Robert McNamara seinen Willen durchsetzt.
Ende Januar/Anfang Februar wurde McNamara in geheimer Sitzung auf dem Washingtoner Kapitolshügel von Amerikas Senatoren über den Vietnam-Konflikt befragt. Die aus Sicherheitsgründen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Protokolle sind erst jetzt veröffentlicht worden.
Danach hat der mächtige Minister Präsident Johnsons erklärt: »Ich denke, wir können nach einer angemessenen Frist erwarten, daß die westeuropäischen Nationen, besonders Deutschland, außerhalb Westeuropas eine viel größere Rolle als bisher spielen werden; und ich denke, wir können nach einer angemessenen Frist erwarten, daß Deutschland eine wichtigere militärische Rolle als bisher bei der Verteidigung der freien Welt übernehmen wird.«
Der Senator John O. Pastore wollte es genau wissen: »Warum fordern wir Deutschland nicht zu einem Beitrag in Vietnam auf?«
McNamaras Antwort wurde von der Zensur gestrichen. Der deutsche Bundeskanzler aber antwortete dem SPIEGEL dazu am letzten Freitag: »Es ist uns kein militärischer Beitrag abverlangt worden. Sosehr wir bestrebt sind, mit humanitärer Hilfe hinter der Nation zu stehen, die auch in diesem Teil der Welt die Freiheit verteidigt, kommt ein deutscher militärischer Beitrag nicht in Frage.«
Tatsächlich ist ein direkter militärischer Beitrag von Deutschland bisher nicht verlangt worden. Die Frage eines paramilitärischen Einsatzes von Deutschen in Vietnam aber wurde bereits offiziell im Dezember letzten Jahres von US-Seite angeschnitten.
Als Kanzler Erhard sowie die Minister Schröder und von Hassel in Washington Besuch machten, sagten sowohl Präsident Johnson als auch Verteidigungsminister McNamara in vorsichtiger Form, daß Amerika die Unterstützung seiner Alliierten benötige, um sich vor der US-Öffentlichkeit und der Welt auch in Südostasien als Verteidiger der Freiheit behaupten zu können und nicht als Staat mit neo-imperialistischen Absichten dazustehen.
Zunächst wurde nicht deutlich, was die Deutschen tun sollten. McNamara sagte, man erwarte nicht »nur Geld und Medikamente«, sondern auch »deutsche Menschen«. Aber nach des Kanzlers Abreise und dem deutschen Beschluß, ein Lazarettschiff nach Vietnam zu entsenden, erklärte Verteidigungsminister McNamara in Gesprächen mit deutschen -Botschaftsmitgliedern und durchreisenden deutschen Politikern mehrmals, die USA hätten eigentlich erwartet, daß die Bundesrepublik zur Wiederherstellung zerstörter Brücken und Straßen deutsche Bau-Einheiten schicken würde. Diese Einheiten müßten nicht unbedingt aus Soldaten bestehen; es sollten aber halbmilitärische Verbände sein, die notfalls in der Lage wären, sich gegen Angriffe von Partisanen zu verteidigen.
Auf Weisung des Auswärtigen Amts vertraten deutsche Diplomaten in Amerika den Standpunkt, daß die Bundesrepublik wegen ihrer Lage im Ost-West-Konflikt und wegen ihres Wunsches, irgendwann einmal mit der Sowjet-Union über die deutsche Wiedervereinigung zu verhandeln, US-Forderungen nach dem Einsatz organisierter deutscher Männer nicht erfüllen könne.
Präsident Johnson und Außenminister Rusk haben dem deutschen Argument Verständnis entgegengebracht. Verteidigungsminister McNamara und sein Generalstab aber, die sich direkt für den Blutzoll verantwortlich fühlen, den Amerika in Vietnam täglich entrichtet, sind der Ansicht, daß die Zeit vorbei sei, da die USA auf deutsche Sicherheits-Interessen in Europa Rücksicht nehmen müssen, wenn sich die Bundesrepublik nicht auch ihrerseits an der Erfüllung amerikanischer Verteidigungspflichten in Südostasien beteilige. McNamara argwöhnt, die Deutschen wollten sich nur drücken.
Auf dem Kapitol wurde der Verteidigungsminister deshalb deutlich. Senator Thurmond hatte den Minister gefragt: »Ich nehme doch an, daß Sie Ihre Bemühungen fortsetzen werden, die Deutschen dazu zu bewegen, sich in genügender Stärke zu beteiligen und in Vietnam wirklich zu helfen?«
McNamara versicherte: »Das wird in der Tat geschehen.«
Kein Zweifel: Die »angemessene Frist«, von der McNamara so nachdrücklich gesprochen hatte, war angebrochen. An ihrem Ende kann nur die amerikanische Forderung nach deutschen Grenadieren stehen.
US-Verteidigungsminister McNamara, Verbündete: Deutsche Grenadiere nach Vietnam?