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»Das wird jetzt eingeklagt«

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über den baden-württembergischen FDP-Chef Jürgen Morlok *
Von Hans-Joachim Noack
• aus DER SPIEGEL 12/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Derart angetan von Person und Programm des baden-württembergischen FDP-Landesvorsitzenden Jürgen Morlok ist in der »Scheffellinde« von Blumberg-Achdorf der Gustav Freiherr von Gemmingen-Hornberg, daß er sich erlauben möchte, »Ihnen das Du anzubieten«.

»Also, seitdem du hier Politik machst, macht die Sache wieder Spaß, da lohnt sich''s wieder«, lobt der Adelsmann, ein Nachfahre des Götz von Berlichingen, und legt ihm eine Kopie der Eisenhand auf die Schulter.

Fast ein Ritterschlag, so darf es »der Jürgen« empfinden, und er dankt für »die Ehre«. Er werde sich ihrer würdig zu erweisen versuchen.

Bewegt nennt er den Vorgang »auch ein Stück Familienzusammenführung«. Ob in Blumberg-Achdorf nahe der Schweizer Grenze der Freiherr oder in Schwäbisch Hall ein Zahnarzt oder in Neckarwestheim der dortige Bürgermeister - immer sind es »diese aus der inneren Emigration sich zurückmeldenden Freunde des Liberalismus« (Morlok), die den Spitzenkandidaten der FDP im baden-württembergischen Landtagswahlkampf in Stimmung bringen.

Ein Hoch auf die Heimgekehrten. Morlok weiß, was er ihnen schuldig ist und daß er ohne sie nicht gut abschneiden kann. Er preist die wiedergeborene FDP, den neu entdeckten Geist der Remstaler Altliberalen a la Reinhold Maier, den Freisinn, wie er hierzulande nun wieder auflebe und als dessen Sachwalter er sich empfindet.

Vorbei sind die fruchtlosen Experimente mit den Sozialisten, die unter dem Dach einer dreizehnjährigen sozialliberalen Koalition in Bonn ja auch in Stuttgart zu zwei (allerdings vergeblichen) Anläufen geführt hatten, gemeinsame Sache zu machen.

Nicht mehr darüber reden. Diese FDP nach der großen Wende ist eine andere geworden. Eine Partei, die, wie der 38jährige promovierte Diplom-Volkswirt aus Karlsruhe nicht müde wird zu beteuern, zur »bewährten Politik der früheren Jahre« zurückgefunden hat.

Eine Politik und ein Mann im Wandel der Zeitläufte. In der Retrospektive beinahe unvorstellbar ist, daß Morlok, als er in Stuttgart 1976 den Fraktionsvorsitz und zwei Jahre später die Partei übernahm, unter latentem Linksverdacht stand.

Leicht skurril, aber zutreffend, daß er als Student der Freien Universität in Berlin an der Seite Rudi Dutschkes auf die Straße ging, gegen den Krieg in Vietnam aufbegehrte und Schriftstücke verfaßte, die er mit dem Schlachtruf »Venceremos« revolutionär garnierte.

Doch in Wahrheit war das wohl damals schon nur eine Spielart, die ihn im Kern kaum erfaßte. Dauerhafter prägten ihn andere Vorbilder: Thomas Dehler, John F. Kennedy, sein Lehrer im Gemeinschaftskunde-Unterricht - das sind »die Wurzeln meines liberalen Grundverständnisses«; diese Begegnungen führten ihn zielstrebig, mit achtzehn, zu den Freidemokraten. Schon als Schüler fühlte sich der seltsam früh erwachsene Morlok aufgerufen, »der Demokratie zu dienen, indem ich Politik mitgestalte«. Immer galten dem Sohn eines Durlacher Schuhhaus-Inhabers »Vernunft, Maß und Mitte« als die entscheidenden Orientierungsmarken.

Dehnbare Leitlinien, die ihm erlaubten, 1976 als aufstrebender Parlamentarier im Stuttgarter Landtag selbst dem SPD-Linken Erhard Eppler ein Bündnis in Aussicht zu stellen. Hehre Maximen wiederum, nach denen er im Sommer 1982 - früher als alle anderen in der FDP - erkannt haben will, daß die Bonner Koalition »aus ihren Sünden wider den Geist der Marktwirtschaft nicht mehr herausfand, daß sie am Ende war«.

Angeblich keiner, der den verunsicherten, zögernden Parteichef Hans-Dietrich Genscher seinerzeit entschiedener bedrängte als er - auch wenn er sich »das Trennungsverfahren« schließlich »ein bißchen eleganter« gewünscht hätte.

Das muß jetzt offenbar gemacht werden, da wird jetzt nichts mehr beschönigt, denn das kann ja nur noch seiner Glaubwürdigkeit dienen. Geradezu beschwörend hält der sonst so nüchtern auftretende, eher langweilige badenwürttembergische Chefliberale seinen Zuhörern vor Augen, wie das in Bonn mit dem Wechsel damals vonstatten ging - »wie wir das vorgeturnt haben«.

Wer hat die Wende am Ende bewerkstelligt? »Wir!« Wir, die FDP und allen voran er, weshalb er sich nun wohl auch herausnehmen darf, bei seiner Klientel, dem Mittelstand, Handwerk, Handel und Gewerbe, um deren Dankesschuld einzukommen.

Diese Wählergruppe, drängt der Wirtschaftsliberale ungeniert wie ein Kreditgeber, der an die überfälligen Raten gemahnt, trage »nun auch eine Verantwortung gegenüber der FDP: Das wird jetzt eingeklagt«. Die Zuhörer in Sinsheim verstehen: »Nicht Beifall klatschen, uns in die Regierung bringen.«

So kann er hinlangen und, »wenn es sein muß, knallhart« an den 25. März, den Wahltag, als Zahltag erinnern. Schließlich haben sich Männer wie er nicht gescheut, um wieder reine Mittelstandspolitik durchpauken zu können, beim Bruch in Bonn »die halbe Partei zu ruinieren«.

Wo immer Morlok in diesen Tagen aufkreuzt, ganz gleich in welcher Funktion,

ob als stellvertretender Bundesvorsitzender, Landesvorsitzender, Fraktionschef oder Karlsruher Stadtrat, trägt er straffes Selbstbewußtsein zur Schau. Zuweilen gibt er sich burschikos, lockert auch schon mal den Schlips, zieht das Jackett aus, wenn zum Abschluß der von ihm bevorzugten »Zielgruppengespräche« das eine oder andere Viertele kredenzt wird. Stets hält er aber auch dann auf Distanz; er kennt die Mentalität seiner Landsleute.

Man hat ihm mitgeteilt, daß er populär ist, nach den CDU-Größen Lothar Späth und Manfred Rommel in einer jüngst erst wieder bestätigten Bekanntheitsskala unter den baden-württembergischen Landespolitikern an dritter Stelle liegt.

Was braucht er also »Kriegselephanten« aus Bonn, die ihn etwa auf den Wahlkampfplakaten umsäumen? Er macht das allein, »ohne parasitäre Publicity«. Er scheint sich seiner Zugkraft so sicher, daß er der gewendeten FDP - 1980: 8,3 Prozent - gar ein »zweistelliges Resultat« zutraut.

Unumstritten ist der »Oldtimer und junge Spritzer in einem«, wie er sich selber nennt, in Stuttgart die Nummer eins. In allen FDP-Gliederungen verweisen die Funktionäre respektvoll auf seinen Fleiß, seine Integrationsfähigkeit, mit der er die über Jahre hinweg zerstrittenen Liberalen im bundesdeutschen Südwesten auf strammen Bürgerblock-Kurs getrimmt hat. Lautlos, aber hellwach hat er da auf Zusammenhalt geachtet - »wie der Schäferhund« ("Stuttgarter Zeitung") seine Herde umkreist.

Der Bundesvorsitzende Hans-Dietrich Genscher streicht ihn im Wahlkampf als »das neue Gesicht der nachgewachsenen Führungsgeneration in der FDP« heraus. Jürgen Morlok schon »Genschers Kronprinz«? Das hört und liest der Aufsteiger ersichtlich nicht ungern. Er beeilt sich, die vom Tratschblatt »praline« verfaßte Schlagzeile in einem Sonderdruck unter das Volk zu streuen.

Andererseits will er »relaxed« bleiben, sich nicht in Karriereträume verlieren. Zumal er erfahren hat, »daß der Genscher nun nicht mehr müde ist«. Und überhaupt: Wer sagt denn, daß er »das unbedingt werden muß«?

Ebensogut, wenn man ihm da folgen darf, gefiele dem ehemaligen Direktionsassistenten und PR-Berater einer Karlsruher Bierbrauerei ein gehobener Job in einem »mittelgroßen Unternehmen«, in dessen Marketing- oder Werbeabteilung. Oder »auch der Bankbereich« könnte ihn durchaus zu einem Umstieg veranlassen.

Daß ihm dieser zweite Weg grundsätzlich offensteht, hält er für seine Stärke. Die ermöglicht ihm, dem Wähler gegenüber Unabhängigkeit vorzuführen: »Gott, ich treibe Politik doch nicht um des Geldes willen.« Solche Ambitionen, wie ernst die immer gemeint sein mögen, prägen aber auch zugleich seine Wahlkampfkonzeption auf bedrückende Weise. Inhaltlich ausgeblutet, verengt nahezu ausschließlich auf den Blickwinkel der Ökonomie und ihrer vermeintlichen Gesetzmäßigkeit, zieht er durchs Land, »die liberale Sache« an den Mann zu bringen.

Bedient wird die Klientel mit der Süßspeise »Steuererleichterung«. Leistung _(Im baden-württembergischen ) _(Oberderdingen. )

soll sich wieder lohnen, Investitionslust soll angefacht werden. Thematisch ist die FDP, wie Morlok sie repräsentiert, zu einer reinen Wirtschaftspartei heruntergekommen. Der programmatische Rest, den der Parteiführer am jeweiligen Ende seiner Wahlreden rasch noch nachreicht - ein bißchen Datenschutz, ein bißchen Ausländerrecht -, wirkt wie Petersilie. Man kann sie dazutun, aber man kann es auch lassen.

Weder beschäftigen diesen FDP-Spitzendarsteller die Grünen, denen er allenfalls aufgrund »schrecklicher Irrtümer in wenigen Jahren schwere seelische Schäden« prognostiziert, noch die Roten, die er zumindest in Baden-Württemberg für »ziemlich gestorben« ansieht.

Unverblümt, und zwar von rechts, attackiert er statt dessen den »Späth-Absolutismus«. Dem Störenfried der Bonner Koalition, »der die Spendierhosen anhat und soziale Wohltaten unter das Volk streut«, sollen endlich Zügel angelegt werden.

Der christdemokratische Ministerpräsident, verbreitet Morlok mit Anzeichen schieren Entsetzens, fange nun allmählich so an, wie ihn das fatal an die schlimmsten Zeiten der Bonner sozialliberalen Verbindung erinnere.

Hier beginnt seine Botschaft, sein Anliegen als Oppositioneller: Diese »profilneurotischen Prestigeübungen eines Landesfürsten« sind »zu brechen«, die auf Konsolidierung bedachte Etatpolitik des Kabinetts Kohl/Genscher ist »sicherzustellen«.

Was solle wohl aus der großen Erneuerung werden, gibt der Wahlkämpfer allerorten zu bedenken, wenn am 25. März in Baden-Württemberg die »einmalige Chance« verpaßt werde, über eine gleichgeschaltete Landesregierung die Bonner Politik zu stützen.

Aufgedonnerte, konstruiert wirkende Argumente und Scheingefechte. Klamauk, der nur dazu herhalten soll, einem angeblich »der Arroganz der Macht verfallenen« Regierungschef Lothar Späth und dessen CDU die absolute Mehrheit abzujagen.

Denn daß die Christenpartei in Baden-Württemberg die »führende Kraft« ist, bleibt auch für den Freidemokraten »ein Faktum«, mit dem zu leben er keine Schwierigkeiten hat. Er will halt nur »Machtteilhabe«.

Und in der Tat steht ja auch keine Entscheidung an, die sich mit den üblichen bombastischen Schicksalsprädikaten befrachten ließe. Selbst Morlok räumt ein, daß sich hier »zwei ziemlich unverrückbare Blöcke« gegenüberstehen - einerseits »60 Prozent Bürgerblock«, andererseits »40 Prozent grünsozialistischen Potentials«. Was er anstrebt, ist folglich bloß »eine Verschiebung in der Binnenstruktur«.

Wenn sich da was machen läßt: gut. Wenn nicht, wird er auch so mit »Duzfreund Lothar« demnächst wieder einen trinken gehen.

Im baden-württembergischen Oberderdingen.

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