SOWJET-UNION / FUNKTIONÄRE Das Wunder
Der Genosse A. Mkrtschjan aus Armenien hat der Welt kürzlich bewiesen, daß demokratische Spielregeln auch in der Sowjet-Diktatur bisweilen mehr Gewicht haben können als Befehle von oben. Es gelang ihm, sich gegen den Willen der Moskauer Parteizentrale als Erster Parteisekretär des armenischen Distriktes Oktemberjan zu behaupten. Westliche Beobachter in Moskau nannten diese Leistung »ein politisches Wunder«.
Noch vor wenigen Wochen sah es so aus, als ob es mit der politischen Karriere des armenischen Parteisekretärs Mkrtschjan endgültig vorbei sei und er seinem Lande künftig bestenfalls als Feldarbeiter oder Baumwollpflücker werde dienen dürfen. Die »Prawda«, das offizielle Parteiorgan der sowjetischen Hauptstadt, hatte ihn nämlich als einen »kommunistischen Parteiführer wie er nicht sein soll«, gebrandmarkt und seine Absetzung gefordert.
Genosse Mkrtschjan, so wußte die »Prawda« zu berichten, habe alle guten Posten des Distrikts seinen Freunden zugeschanzt und seine Empfehlungen bei Parteiversammlungen auch dann durchgesetzt, wenn er von seinen Genossen überstimmt worden sei. Sein selbstherrliches Handeln wirke um so unverständlicher, als die Wein- und Baumwollernten seines Distriktes in letzter Zeit weit unter der Norm gelegen hätten. Die Berichte der Lokalzeitung über angebliche wirtschaftliche Erfolge des Distriktes Oktemberjan seien von Mkrtschjan gefälscht worden.
Um den armenischen Distriktschef endgültig zu desavouieren, spielte die »Prawda« einen weiteren Trumpf aus: Sie bezichtigte Mkrtschjan kapitalistischer Allüren. Im Kolchos Ordschönikidse habe er sich - auf Kosten seiner schwer arbeitenden Genossen - für sein Privatvergnügen eine zweistöckige Villa bauen und möblieren lassen. Es sei höchste Zeit, »die gegenwärtigen Zustände des Distriktes zu untersuchen.«
Bald nach Erscheinen des »Prawda«-Artikels trat das Parteikomitee des Distriktes Oktemberjan zusammen, um die Anschuldigungen zu prüfen und über die Neuwahl des Parteivorstandes zu beraten. Man verlas Berichte, zitierte Statistiken und prangerte vor allem die Mißerfolge in der Landwirtschaft an. Auch Parteichef Mkrtschjan hielt eine Rede, in der er in das allgemeine Lamento miteinstimmte und unter anderem ausführte, es gebe nicht genügend Kühe im Distrikt, was sehr bedenklich sei. Auch ständen die Rebstöcke so weit auseinander, daß man sich keine gute Weinernte erhoffen könne.
»An den schwerwiegenden Mängeln ist in erster Linie die unzulängliche Parteiführung schuld«, kommentierte die lokale Parteizeitung die Sitzung des Komitees. Der Erste Sekretär Mkrtschjan sei von zahlreichen Delegierten getadelt worden, weil er es nicht verstanden habe, die Mißstände rechtzeitig abzustellen.
Das Ergebnis der Abstimmung, in der ein neuer Parteivorstand gewählt wurde, sah allerdings anders aus, als die Leser der »Prawda« und der lokalen armenischen Parteizeitung vermutet hatten. Der zweite Sekretär des Distrikt-Komitees und der Leiter der Maschinen- und Traktoren-Verwaltung wurden ihrer Posten enthoben; Mkrtschjan hingegen blieb Erster Sekretär, nachdem ihm seine Genossen das Vertrauen ausgesprochen hatten.