JENS DANIEL: Das Zwinkern mit dem Wunder
Der Streit um die Saar-Abmachung von Paris spielt sich nur sehr teilweise im politischen Raum ab. Niemand aus der Regierungskoalition, der wegen der Saar schilt, ist gesonnen, das gesamte Pariser Vertragswerk dieserhalb in Frage zu stellen. Die absolute Mehrheit der CDU im Bundestag gestattet es den anderen Parteien, sich mit einigen Extratänzen interessant zu machen. Namentlich die FDP hat sich wieder einmal so lautstark auf eine zur letzten Konsequenz nicht bereite Kapaunen-Opposition eingelassen, daß zwar nicht die Saar-Abmachung, wohl aber die Existenzberechtigung dieser Partei ernsthaft zur Debatte steht. Man wettet bereits, daß die FDP auch diesmal umfallen wird.
Was über die Saar verabredet wurde, wiegt nicht schwer genug, um das gesamte Ergebnis von Paris rückgängig zu machen. Aber es stellt alle Parteien im Bundestag erneut vor die Frage, ob und wie lange noch ein von Kenntnissen und zielbewußter Arbeit unbeschwerter Dilettantismus der deutschen Außenpolitik das Gepräge geben soll. Wer gesehen hat, wie Mendès-France in die Saar-Verhandlungen eingestiegen ist, wie seine Spezialisten präpariert waren, und wer dann den deutschen Delegations-Chef sagen hörte, er fahre ohne festes Konzept nach Paris, der wundert sich nicht über das Ergebnis. Der Staatssekretär Hallstein ist nun einmal kein politischer Kopf, noch weniger ein Behördenchef, und Herbert Blankenhorn, der ein hervorragender Chefadjutant wäre, kommt sich auf dem Sessel des Geheimrats Holstein und des Freiherrn Ago von Maltzahn wohl manchmal selber etwas unbehaglich vor.
Seit den Tagen Ribbentrops hat sich eines nicht geändert: Anstatt eines Auswärtigen Amtes haben wir ein Chefbüro, in dem die Intentionen der Nr. 1 oberstes Gesetz sind. Die Intentionen von Nr. 1 aber entspringen meistens nicht rationalem Denken, nicht sachlicher Unterrichtung, sondern sie sind Glaubenssache. Nicht die Phantasie, sondern der Wunsch zeichnet als der Vater dieses Glaubens, dessen liebstes Kind auch hier das Wunder ist, und sogleich wird klar, woher in den obersten Rängen aller unserer Parteien die vielen Wundergläubigen kommen. Die EVG wird nicht durchgehen? Sie muß durchgehen, sonst ist die freie Welt verloren. Die Wiedervereinigung kann unter obwaltenden Umständen nicht erreicht werden? Sie wird erreicht werden, zwangsläufig, in zwei Jahren. Wir lachen über jene bemitleidenswerten Volksgenossen, die im Februar 1945 noch an die Wunderwaffen glaubten ("Der Sieg ist wirklich ganz nahe"). Aber mit welcher Wunderwaffe wollen wir denn die deutsche Einheit erzwingen? Mit welcher Wunderwaffe wollte die FDP die Saar zurückerobern, nachdem sie sich auf Verhandlungen erst einmal eingelassen hatte? Welcher Teufel hat die Partei geritten, ihr ganzes Prestige gegen eine Saar-Regelung einzusetzen, die sie ständig nicht mit Worten, aber mit Werken unterstützt hat und die zu Fall zu bringen sie noch heute nicht entschlossen ist?
Das deutsche Wunder hat hierzulande die Köpfe gründlichst verwirrt. Das deutsche Wunder hat uns im ersten Weltkrieg einer Legion von Feinden standhalten lassen, es hat uns im zweiten Weltkrieg an die Wolga und an den Fuß der Pyramiden verschlagen, aber beide Kriege haben wir verloren. Im dritten deutschen Wunder sind wir mitten drin. Sie zwinkern nicht nur mit den Augen, wenn von 12, sie zwinkern auch noch, wenn von 24 deutschen Divisionen die Rede ist. Sie zwinkern, wenn sie von »unserem wirtschaftlichen Schwergewicht« reden, das sich an der Saar »zwangsläufig durchsetzen« müsse.
Wenn es einen unfehlbaren Weg gibt, die deutsch-französische Zwietracht zu verewigen, dann ist es der, unser wirtschaftliches
Schwergewicht an der Saar geltend zu machen. Der Schuman-Plan fußt auf der Voraussetzung, daß die Saar ökonomisch zu Frankreich und politisch nicht zu Deutschland gehört. Wir sind nicht die Leute, die Franzosen zu düpieren, dazu haben wir nicht den nötigen Grips. Wir produzieren tüchtig und exportieren wacker, aber wir sollten endlich erkennen, daß eine florierende Wirtschaft noch nicht gleichbedeutend ist mit guter Politik. Unsere Wirtschaft jedenfalls floriert nicht auf Grund unserer Außenpolitik. Im Gegenteil, die Großmannssucht auf Grund wirtschaftlicher Erfolge, die nach Bismarcks Tod Mode wurde, steckt uns schon wieder in den Knochen.
Die deutsch-alliierten Abkommen, begrüßenswert oder unumgänglich, je nachdem, können nicht wohl als außenpolitische Großtat gefeiert werden. Jeder deutsche Unterhändler, wie unbedeutend auch immer, hätte solche Texte erreicht. Die Autorität des Kanzlers ist kein einziges Mal eingesetzt worden, weder jetzt noch früher. Aber nicht an dem von den drei Alliierten geprägten Vertragswerk, sondern an der Behandlung der Saar-Frage all die Jahre hindurch konnten die außenpolitischen Fähigkeiten der Bundesrepublik abgelesen werden. Das Ergebnis stimmt trübe.
Nun mag man geneigt sein zu sagen, die Saar ist nicht so wichtig, und tatsächlich hat der Regierungschef dergleichen ja mehr als einmal gesagt. Aber abgesehen davon, daß jede Saar-Regelung auf unsere nun wirklich nicht ganz unwichtigen Ost-Probleme zurückwirkt - wozu haben wir den Riesenapparat des Auswärtigen Amtes, den Fünfzehn-Millionen-Neubau der Zentrale und 1500 Angestellte darin, wenn schon die Saar-Frage nicht wichtig genug ist, um hinlänglich vorbereitet zu werden? Im Auswärtigen Amt sitzen viele gute Leute, aber niemand bedient sich ihrer. Im Ausland sitzt mancher klarsichtige Botschaftsrat, aber seine Berichte gelangen, wenn es hochkommt, an Hallstein. Ein Mann wie Professor Grewe hätte ein derart leichtfertig zusammengeschustertes Saar-Abkommen nicht vorgelegt, in der selbstverständlichen Erkenntnis, daß jede Unklarheit sich zuungunsten des besiegten und unbeliebten Deutschland auswirken muß, das noch dazu keine Pfänder in der Hand hat. Und wenn der Kanzler seinen achten Doktorhut einen Tag später in Empfang genommen hätte, und wenn er nicht pünktlich bei Freund Dulles angekommen wäre - die Saarländer hätten immerhin ein Abkommen verdient, das die Saar nicht weiterhin zum Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland macht.
Es ist nicht populär, solche Dinge zu schreiben. Die Deutschen wollen eine Idealgestalt an ihrer Spitze, und sie sind dann gern bereit, den Feldmarschall Hindenburg für einen Staatsmann zu halten und den Staatsmann Adenauer für einen Außenpolitiker. Ein Stresemann würde verständnislos auf die Bonner Genie-Streiche starren, er, dessen Leitsatz es war, daß man Gegensätze erst überbrücken könne, nachdem man sie herausgearbeitet habe. Heute kann man in Bonn von ernsthaften Männern hören, das Saar-Abkommen, immerhin ein völkerrechtlich bindend unterzeichneter Vertrag, habe so unklar ausfallen müssen, weil man sich sonst in der kurzen Zeit nicht hätte einigen können. Wenn so der Gewerkschaftsbund argumentiert, wenn er in eine außenpolitische Entschließung offensichtlichen Widersinn hineinpackt, dann sagt man sich, na ja, dafür sind die Leute eben nicht da. Aber Verträge sind keine Resolutionen. Wo die Phantasie fehlt, ist auch die Improvisation von übel. Wir irren uns, wenn wir glauben, späteren Zeiten werde die Blitzdiplomatie des dritten deutschen Wunders einmal vorkommen wie die des Fürsten Bismarck.