Hausmitteilung Datum: 17. August 1964 »Das Reich«
Datum: 17. August 1964 Betr.: »Das Reich«
Im »bunten Garten« der Presse gibt es, nach Präsident Kluthe vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, »seltene Pflanzen von grossem Wert, eine grosse Fülle schlichter Feldblumen und auch einiges Unkraut«. Wesen und Inhalt der Publizistik hat Harry Pross, Chefredakteur von Radio Bremen, weniger geblümt formuliert: »Sie versucht, den überzeugenden Grund zu überblicken, den jeder Gegenstand hat.« Vergleicht man damit Selbstzeugnisse des Tuns und Wollens der einzelnen Zeitschrift, so ergibt sich, dass manch eine »Woche für Woche wetteifert um die Gunst ihrer rund zehn Millionen Leserinnen und Leser« ("Stern") oder »sich bemüht, einen angemessenen Rahmen zu schaffen für die Königin der Werbemittel: die Anzeige« ("Brigitte"). Publizistik mithin als Rahmen der Werbung, als Buhlen um die Gunst von Millionen - vom Überblick über den überzeugenden Grund der Gegenstände keine Rede. Bunt ist der Garten, wahrhaftig.
Eines der seltsamsten Gewächse, die es je in diesem Garten gab, war von 1940 bis 1945 »Das Reich«. Präsident Kluthe erinnerte auf seinem Verbandstag an die »Einförmigkeit, die von einer Geschmacksrichtung erzwungen wird - so etwas haben wir erlebt«. Harry Pross aber erinnert - im Vorwort zu einer Studie über »Das Reich«, aus der in diesem SPIEGEL Auszüge abgedruckt werden - an das »Reich« als eine Zeitschrift, deren »sprachlicher Tenor ungleich gepflegter erschien als der sonstiger Blätter« und an der »auch verdächtige und eigentlich unerwünschte Journalisten arbeiten durften«. Auch damals also gab es noch schillernde Kreuzungen im verwüsteten Garten; freilich: »Die Zeitung war ein Instrument der Verführung und dazu angetan, Illusionen zu nähren.« Sucht man nun heute nach denjenigen, die damals das letzte Gewächs einst bunter Fülle der Publizistik hegten und dadurch vielleicht um so wirksamer, wiewohl um so unschuldiger die Gebildeten täuschten - man findet sie als Autoren überall: bei der »Welt« (Heinz Barth, Fritz von Globig, Heinz Pentzlin), bei der »Frankfurter Allgemeinen« (Nikolas Benckiser, Margaret Boveri, Walter Henkels, Karl Korn, Hermann Poerzgen, Alfred Rapp, Eberhard Schulz), bei der »Süddeutschen Zeitung« (Hermann Proebst, Wilhelm
Emanuel Süskind), beim »Hamburger Abendblatt« (Wilhelm Backhaus), bei der »Zeit« (Josef Müller-Marein), bei »Quick« (Benno Wundshammer), bei der »Neuen Illustrierten« (Heinz Graupner), beim Springer-Konzern (Alfred Frankenfeld), beim »Constanze«-Verlag (Hans Huffzky), beim Rundfunk (Jürgen Petersen, Carl Linfert, Heinrich Strobel, Hans Otto Wesemann, John Brech), beim Fernsehen (Werner Höfer) - schlechthin überall. Überall gedeihen sie wieder im bunten Garten - dort, wo ein Rahmen für die Werbung
angefertigt, wo um die Gunst von Millionen gewetteifert, wie auch dort, wo ein Blick über den Grund
der Gegenstände riskiert wird. Sie sind, wenn man so will, gemeinsamer Nenner dieser wie jener, einstiger wie heutiger Journalistik. Dies erscheint als hinlänglicher Grund, die Geschichte des »Reich« von 1940 bis 1945 dem Nachrichtenstoff des Jahres 1964 zu adaptieren.
Von den Autoren des SPIEGEL schrieben im »Reich": Rezensentin Christa Rotzoll Reportagen; Herausgeber Rudolf Augstein einen Leserbrief und ein »amüsantes kleines Feuilleton«.