Daud und die Schüler von Zhob - DER SPIEGEL
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PAKISTAN Daud und die Schüler von Zhob

Der Guerillakrieg der Taliban gegen die US-Armee wird heftiger. Die Dschihadis ziehen sich nach ihren Attacken oft nach Pakistan zurück. In den Stammesgebieten der Paschtunen werden immer neue Krieger für den Kampf in Afghanistan rekrutiert, Islamabad sieht tatenlos zu.
Von Claus Christian Malzahn
• aus DER SPIEGEL 49/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Durch das verschwommene Blickfeld des Soldaten Daud laufen Kamele, spazieren verschleierte Frauen, düsen Motorradfahrer in wehenden Gewändern, rattern Turbanträger in ihren Toyota-Pick-ups.

Der 28-jährige Afghane soll die Grenze bewachen. Es ist sechs Uhr morgens, und obwohl die Durand-Linie, die Pakistan und Afghanistan hier voneinander trennt, vor 110 Jahren mit einem britischen Lineal gezogen wurde, dreht sich bei Daud schon alles im Kreis.

Haschisch ist hier so billig wie sonst nirgends auf der Welt; eine bleistiftdicke, 25 Zentimeter lange schwarze Rolle kostet etwa einen Dollar. Die kleinen Fluchten aus dem Krisengebiet kann sich sogar ein afghanischer Soldat leisten, der etwa hundert Dollar im Monat verdient und ein Land bewachen soll, das wie sein Geist in Auflösung begriffen ist.

Gleich hinter der Grenze, die Daud mit einer alten Kalaschnikow bewachen soll, beginnt der Basar von Chaman. Gehäutete Schafe hängen an Fleischerhaken von einer Bretterbude, davor waten zwei weitere Tiere durch das Blut ihrer geschlachteten Artgenossen. Lammfromm warten sie darauf, dass ihnen der Schächter die Kehle durchschneidet. Der Markt wirkt chaotisch, doch hat hier alles seine geheime Ordnung.

Nur ein paar Dutzend Kilometer von Chaman entfernt wird gekämpft. Hinter den Bergen im Norden verwandeln sich manche verschleierte Frauen, Turbanträger und Motorradfahrer in Guerillakämpfer.

Die Taliban verstecken sich in Höhlen oder hinter schlammfarbenen Lehmmauern, die sich von der Wüstenei kaum abheben. Sie attackieren Amerikaner und Afghanen, die dem Präsidenten Hamid Karzai in Kabul die Treue halten. Ganze Landstriche hat der von amerikanischen Leibwächtern behütete Paschtune schon an die islamistischen Kämpfer verloren. Der Vizegouverneur von Zabul klagte jetzt, er habe über vier Distrikte seiner Provinz keine Kontrolle mehr, selbst die Provinzhauptstadt Kalat werde von den Taliban schwer bedrängt.

Mehrere tausend Taliban-Kämpfer halten sich in dem bergigen, schwer zugänglichen Grenzgürtel zu Pakistan versteckt. Sie tauchen aus dem Nichts auf, schlagen zu, verschwinden wieder. Die Amerikaner kommen fast immer zu spät.

Nördlich der afghanischen Grenzstadt Shkin, etwa 300 Kilometer von Chaman entfernt, schlitzten die Taliban vor kurzer Zeit einem proamerikanischen Polizeichef am helllichten Tag auf dem Basar die Kehle durch. Sieben seiner Männer erlitten das gleiche Schicksal. Die US-Soldaten, nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt in einem Fort stationiert, konnten nur noch die Leichen einsammeln.

Ob lateinamerikanische Mitarbeiter des Roten Kreuzes, türkische Ingenieure oder amerikanische Journalisten: Niemand ist vor den Guerilleros sicher. Ausländern und Afghanen, die mit Kabul im Bunde sind, droht Entführung oder Tod. Die Spirale in Afghanistan dreht sich nach unten, und Soldat Daud ist froh, dass sein Posten im Auge des Orkans liegt, wo es bekanntlich am sichersten ist.

In Chaman ist es tatsächlich ruhig. Seine Kalaschnikow benutzt Daud hier nur als Stütze. So verharrt er den ganzen Tag auf seinem Plastikstuhl, bis die Sonne untergeht.

Er weiß, was das Leben im Grenzgebiet verlängern hilft: schön still bleiben, nicht einmischen. Alles andere besorgen die pakistanischen Kollegen.

Hauptmann Mohammed Tariq, Anfang dreißig, ist stolz auf seinen Checkpoint. Exakt 41 Kilometer Grenze liegen in seinem Beritt. Ein acht Fuß hoher Erdwall trennt die Staaten voneinander, alle 1000 Meter ragt ein bemannter Wachturm aus dem Sand.

Tariqs Soldaten, die zum »Frontier Corps« Pakistans gehören, tragen schmucke, blaue Uniformen, sie besitzen nagelneue Schnellfeuerwaffen und betrachten nach Sonnenuntergang das verdächtige Gelände durch teure Nachtsichtgeräte. »Wir haben hier alles im Griff«, versichert Hauptmann Tariq und wirft einen verächtlichen Blick auf Daud, dessen Uniform schief geknöpft ist. »Der ist süchtig. So einer ist kein Soldat!«, sagt der Hauptmann.

Wie gut, dass es die pakistanische Armee gibt, wenn drüben nicht einmal die Grenzer bei Sinnen sind. »Ohne unsere Erlaubnis kommt hier niemand durch«, behauptet Tariq und präsentiert stolz seinen Passkontrollposten.

Tariq verweigert heute jedem Afghanen, der einen ungültigen Ausweis besitzt, die Einreise. Ein hagerer Nomade nähert sich den Kontrolleuren, sieben Kinder und drei Frauen hat der Mann im Schlepptau. »Ihr lasst mich doch sonst immer durch«, fragt er ungläubig und breitet klagend seine Arme aus, »warum denn heute nicht?«

Wahrscheinlich hat Tariqs rigide Einreisepolitik etwas mit der Anwesenheit von Journalisten in Chaman zu tun. Denn die pakistanische Regierung steht wegen der anhaltenden Attacken auf Amerikaner und Karzai-treue Truppen unter erheblichem Druck.

Seit einem Jahr schon klagen US-Soldaten darüber, dass sich die Taliban nach ihren Angriffen in Afghanistan auf pakistanisches Terrain zurückziehen, sich dort neu formieren und wieder zuschlagen.

Die islamistische Guerilla wird vom »Frontier Corps« nur selten an ihren Operationen gehindert. In Angur Ada bei Shkin beschossen die Taliban afghanische und amerikanische Truppen sogar mitten am Tag - unter den Augen pakistanischer Soldaten.

Ganz in der Nähe feuerten Ende September pakistanische Milizen mit Granaten auf US-Truppen. Ein 19-jähriger amerikanischer Soldat der 10. Gebirgsdivision kam dabei ums Leben. Alles nur ein bedauerliches Missverständnis, wie die pakistanische Seite später erklärte?

Afghanische Politiker in Kabul gehen davon aus, dass die Taliban von Pakistan in ihrem Kampf gegen die Regierung Karzai unterstützt werden. »Das Regime in Islamabad hat kein Interesse daran, dass sich Afghanistan zu einem friedlichen, demokratischen Land entwickelt«, glaubt ein Vertrauter Karzais.

Hauptmann Tariq will solche Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. »Wir bekämpfen hier alle Terroristen. Egal, ob es Taliban oder Kämpfer der Nordallianz sind.«

Die Armee führt in Pakistan, das vom Putschistengeneral Pervez Musharraf nun schon im fünften Jahr regiert wird, ein undurchsichtiges Eigenleben.

In den Offiziershäusern von Chaman lebt es sich mit Strom und Wasser und Satellitenschüsseln auf dem Dach sehr bequem. Auf dem Kasernenhof gibt es sogar eine Schule für die Kinder der Korpssoldaten; man lehrt unter anderem Geschichte und Englisch, Biologie und Sport.

In der Schule von Zhob, einer um eine alte Festung angelegten Stadt in Belutschistan, teilt man das Weltwissen nicht in verschiedene Disziplinen auf. »Es gibt nur den Koran, alles andere führt zu Pornografie!«, sagt Maulana Abdul Hayee, der Leiter der Schule.

Als die Briten den Subkontinent eroberten, verlief hier die Kolonisationsgrenze. Doch im Schatten des mächtigen, auf einem Hügel gelegenen Fort Sandeman, das die Eroberer vor mehr als hundert Jahren errichteten, führen die Paschtunen noch immer ein für den Westen fremdes, bisweilen feindliches Eigenleben.

Musik ist in den Religionsschulen von Zhob, wie früher bei den Taliban in Kabul, strengstens verboten. Auch Bilder, auf denen Menschen abgebildet sind, wird man in der Lehranstalt von Imam Maulana Hayee nicht finden.

Die einzige Melodie, die der alte, hagere Mann mit dem grauen Bart in den dunklen Klassenzimmern der Medresse zulässt, ist ein dunkler arabischer Singsang, den die Schüler, manche erst fünf Jahre alt, an jedem Tag außer dem heiligen Freitag aus ihren kleinen Kehlen stoßen.

Die Köpfe der Jungen sind geschoren, ihre bedeckten Häupter wiegen im Takt. Sie rezitieren den Koran; heute lernen die Schüler den dritten Vers der fünften Sure. »Helfet einander zur Rechtschaffenheit und Gottesfurcht, und helfet einander nicht zur Sünde und Feindschaft. Und fürchtet Allah, denn Allah ist streng im Strafen.«

Doch für die Schüler machen die Worte, die sie vor sich her leiern, gar keinen Sinn. Sie verstehen kein Arabisch. Was es mit den Sünden, der Rechtschaffenheit und der Frömmigkeit auf sich hat, wird ihnen Hayee eines Tages erklären. Hier wird Gehorsamkeit gelehrt, nicht etwa eigenes Denken.

Mit einer stummen Geste fegt Hayee etwa 40 Schüler und einige Lehrer aus dem Raum. Nur einige Erwählte dürfen bleiben und den Worten des Weltdeuters von Zhob lauschen. »Es gibt keinen Beweis, dass Osama hinter den Attacken des 11. September steckt«, sagt er. In der Medresse glaubt man, was man glauben will.

Der so genannte Religionsgelehrte ist weniger Theologe als vielmehr Spiritus Rector der Heiligen Kriege.

Denn die Schüler, die hier ausgebildet werden, sollen eines Tages nicht etwa als Derwirsche übers Land ziehen, sondern Soldaten des Glaubens werden. Die älteren Semester der Medresse kämpfen in Kaschmir gegen die indische Besatzung - oder jenseits der Grenze gegen das verhasste Regime von Hamid Karzai. In Hayees Schule wird der Geist gedrillt, im Hause von Mauli Allah Dad Kahar verteilt man die Rekruten Allahs dann an die verschiedenen Fronten des Islam.

Kahar, 68, hat selbst gegen die Sowjets gekämpft und später mit den Taliban die Mudschahidin aus Kabul vertrieben. Mit Mullah Omar, dem Führer der Bewegung, ist er befreundet.

Kahars linkes Auge tränt fortwährend, doch wer die Zähren dem Verlust zweier Söhne im Dschihad zuschreibt - sie starben bei Gefechten auf Seiten der Taliban gegen die Nordallianz -, liegt falsch. Denn Opfer gehören zum Heiligen Krieg wie das Fasten zum Ramadan.

»Im Moment ist es nicht leicht, in Afghanistan zu kämpfen«, sagt er. Gern würde er ein paar Dutzend junger Männer in den Kampf gegen Karzai schicken, aber wohin? »Wir haben da drüben zu wenig Ausbildungslager. Zurzeit können wir nur einen Guerillakrieg führen«, bedauert er.

Kahar stellt in Zhob die Dschihad-Pässe aus; wer für den Islam kämpfen will, braucht seinen Stempel auf einem Dokument. Jeder im Ort weiß das, niemand hindert diesen Beamten des Terrors an seinen Taten.

Er vermittelt die Jungen aus den Religionsschulen an die Front. Aber im Moment ist in Afghanistan eben »alles schlecht organisiert. Die Amerikaner sind stark. Sie schicken sofort ihre Bomber, wenn wir irgendwo auftauchen«.

Kahar seufzt. »Niemand unterstützt uns«, sagt er. Goldene Zeiten waren das, als die Amerikaner und Saudis Millionen Dollar in das Medressen-System pumpten, um Heilige Krieger gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan zu züchten.

Doch die Dschihad-Maschinerie läuft immer noch - fünf Religionsschulen gibt es allein in Zhob, 3000 Schüler füllen in dieser Stadt ihre Säle. Die pakistanische Regierung in Islamabad tut wenig, um das System der Gotteskrieger zu stoppen. In zwei Grenzprovinzen zu Afghanistan stellen islamistische Wahlbündnisse seit einem Jahr die Regierungen. Im Nordwesten wurde gar das Recht des Islam, die Scharia, eingeführt.

Diese Entwicklung gefällt Hayee natürlich. Auch in Belutschistan sitzen inzwischen Politiker in der Regierung, die offen mit den Taliban sympathisieren. Hier, an der Grenze, wird ihn niemand an seinen Taten hindern oder zur Rechenschaft ziehen. Trotzdem jammert der alte Krieger.

»Wir sind in der Defensive. Alles, was wir tun können, ist, den Amerikanern das Leben zur Hölle zu machen. Vielleicht ziehen sie dann ab. Inschallah!«

Belutschistan ist das Hinterland der Heiligen Krieger; kein Soldat Daud, kein pakistanischer Offizier, kein Amerikaner wird den kleinen Grenzverkehr des Terrors stoppen. Mit der Zentralmacht in Islamabad und ihrem Präsidenten Pervez Musharraf verbindet diese Region ohnehin nicht mehr viel - außer einem 295 Kilometer langen Schienenstrang, den die Briten vor fast 90 Jahren von Quetta nach Zhob zogen.

Lokomotiven sind auf der Strecke schon lange nicht mehr im Einsatz, doch der Stahl aus Sheffield glänzt noch immer in der Sonne. Den Tod seiner Söhne hat Kahar, dieser Vollzugsbeamte der Taliban, ganz gut verkraftet. Aber wenn der alte Mann die Gleise sieht, wird er sentimental. »Als die Briten noch hier waren, hatte alles seine Ordnung«, seufzt er.

Doch die Sehnsucht nach vermeintlich besseren Zeiten verfliegt so schnell, wie sie gekommen ist. Zum Abschied sagt Kahar: »Osama geht es gut, soweit ich höre.« CLAUS CHRISTIAN MALZAHN

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