ISRAEL Davids Auge
Mit 20 Minuten Verspätung zischte um 11 Uhr 32 die Rakete aus den goldgelben Dünen bei Palmachim in den wolkenlosen Himmel. Am nahen Strand badende Bürger applaudierten begeistert: »Mit dem Ding sind wir wieder ganz oben.«
Der gelungene Start des Satelliten »Ofek 1« (Horizont 1) machte das kleine
Israel, das seit dem Palästinenseraufstand von Selbstzweifeln geplagt wird, am Montag voriger Woche zur achten Weltraummacht - der ersten im Nahen Osten.
Der pyramidenartige, 156 Kilogramm schwere Satellit zieht seitdem in 98,86 Minuten eine elliptische Bahn 245 bis 1115 Kilometer hoch um die Erde. Er ist der einzige Satellit, der gegen die Erdrotation durchs All rast: Die Israelis wollten vermeiden, daß ihr Flugkörper bei einem Fehlschuß über arabischem Territorium abstürzt, und ließen die Rakete übers Mittelmeer nach Westen starten, trotz des Mehraufwands an Leistung.
Doch »Israels Adler« (Außenminister Schimon Peres) enttäuschte nicht. Premier Jizchak Schamir frohlockte, das Land stehe »an der Schwelle einer neuen Welt«, und Peres rühmte: »Wir wurden Mitglied eines exklusiven Klubs.«
Zugleich spielten die beiden Führer der zerstrittenen Regierungskoaliton die militärische Bedeutung des Unternehmens herunter. »Ofek 1« sei nur ein »kleiner Versuchssatellit«, der rein wissenschaftlichen Zwecken diene.
Tatsächlich wird »Ofek 1« schon etwa in einem Monat in der Erdatmosphäre verglühen. Aber noch vor Jahresende soll ein zweiter Satellit hochgeschossen werden; kompliziertere Modelle werden folgen. Sie sollen für mindestens zwei Jahre im Weltraum bleiben und die arabischen Nachbarn von Marokko bis zum Persischen Golf ausspähen. »Natürlich stärkt jeder wissenschaftliche Fortschritt unsere Sicherheit«, räumt Premier Schamir ein.
Israels Vorstoß ins Weltall hat vor über 25 Jahren mit einer »Shavit 2«-Sonde begonnen: Sie wurde am 5. Juli 1961 über 80 Kilometer hochgeschossen. In den folgenden Jahren entwickelten die israelischen Wissenschaftler hauptsächlich militärische Raketen - Gabriel-Antischiffsraketen, Shafrir- und Python-Raketen für die Luftwaffe und schließlich Jericho-Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von über 800 Kilometern. Eine modernisierte Version, Jericho 2, soll sogar bis zu 1500 Kilometer weit fliegen.
Israel beteiligt sich auch an Amerikas Star-Wars-Plänen: Für die Entwicklung einer Abfangrakete ("Pfeil") übernimmt Washington 80 Prozent der Kosten von 120 Millionen Dollar. Der erste Start soll in zweieinhalb Jahren erfolgen.
Zwar warnten US-Experten ihre israelischen Kollegen, die enormen Kosten für die Stationierung eines eigenen israelischen Frühwarnsystems im Weltraum seien »nicht zu rechtfertigen«, so Paul Stares von der Brookings Institution. Doch trotz seiner ohnehin schon immensen Militärausgaben hält Israel das Auge im Weltall für unverzichtbar, um künftig in möglichen militärischen Konflikten mit den hochgerüsteten arabischen Nachbarn zu bestehen. Die zwei Milliarden Dollar, die das Satellitenprogramm in den kommenden zehn Jahren verschlingen könnte, sind deshalb für Jerusalem gut angelegt.
Die Notwendigkeit eines eigenen Frühwarnsystems war schon nach dem ägyptischen Überraschungsangriff im Jom-Kippur-Krieg (1973) deutlich geworden. Zwar halfen die USA mit Aufklärungsphotos ihrer Beobachtungssatelliten aus, aber »wir wurden ständig zu spät und nicht ausreichend informiert«, bedauerte ein hoher Abwehroffizier. Die Militärs sind überzeugt, daß sie damals mit einem eigenen Aufklärungssatelliten den Aufmarsch der Araber frühzeitig entdeckt und die Beinahe-Niederlage vermieden hätten.
Die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Schutzmacht wurde durch den Angriff der israelischen Luftwaffe auf den irakischen Atomreaktor »Osirak« bei Bagdad 1981 weiter gestört. Washington war über den Einsatz so entrüstet, daß es lange Zeit nur noch gesiebte Informationen über arabische Militärentwicklungen lieferte.
Jerusalem beschaffte sich Ersatz auf wenig feine Art - über einen Geheimagenten in Amerika. Doch der Spion Jonathan Jay Pollard, ein ziviler Abwehr-Analytiker der US-Marine, flog 1985 auf; die Geheimdienst-Kooperation zwischen den beiden Ländern lag in Scherben.
Die Raketen-Aufrüstung arabischer Staaten machte Israels Wunsch nach unabhängiger Feindaufklärung noch dringlicher. Der Irak etwa verfügt neben Kurzstreckenraketen über mindestens 24 Batterien sowjetischer Mittelstreckenraketen und über eine unbekannte Anzahl weitreichender Al-Husayn-Geschosse. Gemeinsam mit Ägypten und Argentinien arbeitet Bagdad zudem seit mehreren Jahren an der Entwicklung der Condor 2, einer Rakete mit einer Reichweite von mehreren tausend Kilometern.
Auch Syrien besitzt Kurzstreckenraketen sowjetischer Herkunft, die mit chemischen Gefechtsköpfen ausgerüstet werden könnten - für Israels dicht besiedelte Küste eine tödliche Gefahr. Damaskus hat bisher vergebens versucht, von Moskau einen eigenen Spähsatelliten zu erhalten.
Und in der saudischen Sulajjil-Oase, 470 Kilometer südlich von Riad, stehen mindestens zwölf Batterien chinesischer CSS-2-Raketen mit einer Reichweite von etwa 3000 Kilometern.
Da soll »Ofek 1« den arabischen Herrschern wohl eine Warnung sein, daß Israels technologische Überlegenheit auf absehbare Zeit nicht wettzumachen ist. Mit eigenen Beobachtungssatelliten könnte Jerusalem sofort Informationen über bedrohliche Truppenkonzentrationen der arabischen Streitkräfte bekommen und womöglich zu einem Präventivschlag ausholen.
Und die Zweistufenrakete, die »Ofek 1« auf seine Umlaufbahn schoß, könnte auch als treffsichere Mittelstreckenrakete eingesetzt werden. »Israel ist fähig, Raketen mit atomaren Sprengköpfen zu bauen, die fast jeden Punkt der Erde erreichen würden«, vermutet die US-Fernsehgesellschaft NBC.
... denn dasselbe macht sich Flügel wie ein Adler und fliegt gen
Himmel. Sprüche 23, 5