Debatte: Warum ich kein 68er bin - DER SPIEGEL
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Debatte Warum ich kein 68er bin

Wahrscheinlich liegt es an den strubbeligen Resthaaren. Jedenfalls gelte ich für viele als ein typischer "68er". Immer wieder erhalte ich auf publizistische Meinungsäußerungen abfällige Mails und ganz regelmäßig werde ich eben darin als lernunfähiger, verbohrter "68er" geschmäht.
Von Franz Walter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich muss es gestehen: Der 68er-Vorwurf trifft mich ziemlich hart. Schließlich lebte und liebte ich nie auf Matratzen in einer Kommune, warf mir nie LSD ein, schwärmte auch nicht für Woodstock, fuhr keine "Ente", skandierte in keiner Sekunde jemals Ho-Ho-Ho-Chi Minh. Nichts davon wäre mir jemals in den Sinn gekommen.

Die 68er waren mir stets fremd, schon von Herkunft und Diktion. Als umso bitterer empfinde ich es daher, ausgerechnet dieser Truppe gehätschelter Bourgeoiszöglinge zugerechnet zu werden. Schließlich konnte ich deren merkwürdige Melange aus Moralismus und Zynismus niemals ausstehen. Stets war mir suspekt, wie sie sich als gleichsam zweite Staatsgründer einer erst mit ihnen zum Ende der sechziger Jahre liberal geworden bundesdeutschen Republik feiern ließen, als großartige Schrittmacher der postrestaurativen Modernität in Szene setzten.

Diese Interpretation von der vermeintlichen historischen Funktion der 68er ist zwar mittlerweile wohlfeil, aber deswegen muss man ihr noch keineswegs folgen. Denn die sogenannte APO war nicht mehr als bloßer Ausstoß der Modernisierung, keineswegs ihr Anstoß und Treibstoff. Schlimmer noch: in mancher Hinsicht haben die rebellierenden 68er den Modernisierungsprozess der sechziger Jahre eher gebremst, haben den laufenden Liberalisierung- und Reformprozess der Gesellschaft gar unterbrochen, zumindest verwirrt.

Moderner, urbaner und liberaler wurde die Republik jedenfalls längst vor 1968. Und entscheidend für den Wandel des Landes waren nicht die unendlich albernen Happenings der Kommune II, auch nicht die deprimierend konfusen Traktate der Dutschkes, konstitutiv waren vielmehr die großen gesellschaftlichen Transformationen in den Jahren zuvor.

Das begann schon in den vermeintlich restaurativen Fünfzigern. In diesem Jahrzehnt sank das agrarische Deutschland in einer historisch beispiellosen Dynamik dahin. Die Entagrarisierung aber zerstörte die Reservate deutschnationaler-konservativer Mentalitäten in ungleich höherem Maße als alle trunkenen Teach-ins, lärmenden Demos und übermütigen Rektoratsbesetzungen 22-jähriger Studenten einer trostlosen Soziologie.

Die Entprovinzialisierung sorgte für die Enttraditionalisierung der Gesellschaft, bewirkte vor allem die Entklerikalisierung der Republik. In den frühen sechziger Jahren begann die lange Krise des Katholizismus. Das katholische Volk folgte jetzt nicht mehr in allem und jedem seinen bischöflichen Hirten. Die Cousine nahm die Pille, die Tante ließ sich scheiden, der Onkel aß Freitag so plötzlich wie trotzig Wurst und Fleisch. Selbst feierte man als Kind nun Geburtstag, statt des früher ganz selbstverständlich weit höherwertigen Namenstag. Das alles passierte so um 1965/66, ohne dass irgendwer von uns etwas von Rudi Dutschke, Tilmann Fichter, Daniel Cohn-Bendit wusste und wissen wollte.

Doch ging in den frühen sechziger Jahren nicht nur das vormoderne-ländliche-klerikale Deutschland unter. Auch die industriegesellschaftlichen Strukturen gerieten ab 1965 gegenüber den neuen und stetig wachsenden dienstleistenden Sektoren peu à peu in die Defensive.

Treibstoff Bildungsexpansion

Der Treibstoff dieser Entwicklung war die Bildungsexpansion, die aber nicht erst nach 1968 einsetzte, sondern schon in den frühen sechziger Jahren kräftig begonnen hatte. Alle Pläne für die späteren Reformuniversitäten wurden in diesen Jahren ausgetüftelt und verabschiedet. Schon zwischen 1960 und 1965 verdoppelte sich das wissenschaftliche Personal an den deutschen Hochschulen. Und ab Mitte der sechziger Jahre fiel das zäh überlieferte Bildungsprivileg des protestantischen Bürgertums, da jetzt auch sozialdemokratische Facharbeiterkinder sowie katholische Bauernsöhne und -töchter in erheblicher Zahl zum Gymnasium drängten.

Eben das hat mich – Sohn eines Schlachthofarbeiters aus einer katholischen Kleinstadt im ländlichen Ostwestfalen – zutiefst geprägt. Jahr für Jahr ging in unserem Städtchen jeweils allein ein Sohn oder eine Tochter der reichen Bauern in die 20 km entlegene größere Stadt auf die Oberschule. Der Wandel vollzog sich 1966. Und ich wurde wie zahlreiche andere Arbeiterkinder ihr Nutznießer. Denn 1966 kamen die Sozialdemokraten in Düsseldorf – wie kurz darauf auch in Bonn - an die Regierung. Fortan wurden die Kosten für Lehrmittel und für die Bahnfahrt zum Schulort erstattet. Und so trauten sich auch bei uns erstmals mehrere Eltern aus der Arbeiterschaft, wenngleich nach wie vor ängstlich und verzagt, ihre zehnjährigen Kinder zur Oberschule zu schicken. Mit irgendeiner Kulturrevolution von '68 hatte das alles nichts zu tun, sondern mit ganz klassischen, nüchtern reformistischen, etatistischen Bildungsreformen. Und bis heute stößt die Soziastaatskritik von links bis rechts bei mir auf heftige Gegenwehr.

Ich habe den Sozialstaat in meiner Lebensgeschichte weder als bequeme Hängematte noch als bourgeoises Manipulationsinstrument erlebt, sondern als handfestes – für mich und meinesgleichen unverzichtbares - Unterstützungsmedium der sozialen Emanzipation und Freiheitsmehrung. Dagegen habe ich die dann auch an unserem Gymnasium folgende Kultur mit dem raunenden, esoterischen, labyrinthischen Jargon der "Frankfurter Schule" zunächst als mir ganz und gar fremde, zutiefst bildungsbürgerliche, ja verängstigende Sprachmauer wahrgenommen.

Verklemmte Berliner Kommunarden

Gleichwohl: Der kulturelle Wechsel hatte längst vor 1968 seinen Anfang genommen, hatte die Lebensweisen der Republik schon neu geprägt. Das "Yeah,Yeah, Yeah" der Pilzköpfe aus Liverpool tönte bereits ein halbes Jahrzehnt vor 1968 aus den Radiogeräten der jungen Deutschen, die im gleichen Jahr ebenfalls für den jungen amerikanischen Reformpräsidenten Kennedy schwärmten. Die Literaten fochten schon 1961 für einen politischen Machtwechsel; die jungen Filmemacher formulierten ein Jahr später ihr "Oberhausener Manifest". Auch die ersten Miniröcke waren auf den Straßen früher als die Demonstrationszüge der bärtigen SDS-Agitatoren zu sehen. Und das zweifelhafte Vergnügen der Sexwelle leitete gewiss eher Oswalt Kolle als die im Grunde ganz verklemmten Berliner Kommunarden ein.

In diesen gesellschaftlichen Auflockerungsprozess brachen dann die 68er ein. Die 68er attackierten, was eh nicht mehr zu halten war; sie provozierten gegen Konventionen, die auch so bereits erodierten. Sie stürmten mit großer Geste Tore, die längst sperrangelweit offen standen. Politisch sorgte die martialische, klammheimlich an Carl Schmitt geschulte Feind- und Kampfrhetorik, die kalte Sprache, die aggressive Militanz schließlich für ungeheure Verwirrung.

Geburtshelfer der bürgerlichen CDU

Die Sozialdemokraten und Freien Demokraten wurden in ihrer Entwicklung zurückgeworfen, die Union durch die 68er gewissermaßen gestärkt. Die Parteibildung der Union vollzog sich erst nach 1968 und in Reaktion darauf. Die Furcht vor Konfliktpädagogen und Sozialisierungstheoretikern aus der 68er-Kohorte trieb die bis dahin assoziationsunwilligen bürgerlichen Honoratiorenschichten während der siebziger Jahre in Scharen in die CDU des obersten Organisationsoffiziers Kurt Biedenkopf.

Erst in diesem Jahrzehnt wurde die Union zur Sammelpartei des Bürgertums rechts von der Mitte; in diesem Jahrzehnt wuchsen politisch die Kampf- und Kadertruppen der Jungen Union heran, die heute flächendeckend die Ministerpräsidenten der Republik stellen, von Koch bis Wulff, von Rüttgers bis Oettinger, von Müller bis zu von Beust. In den Bundesländern holte die Union während der siebziger Jahre fulminante Mehrheiten wie niemals zuvor und danach. Es wurden die triumphalen Jahre für die rüden Rechtsausleger Filbinger, Dregger und Strauß, die ohne '68 ihre polarisierende Kontrastparole "Freiheit oder Sozialismus" nicht unter das verängstigte bürgerliche Volk hätten bringen können. Ohne '68 wäre auch Kohl als Kanzler wahrscheinlich nur schwer möglich gewesen.

Weithin übersehen wurde indes, wie sehr sie gerade damit den Boden für den nachfolgenden "Neoliberalismus" bereiteten. Guido Westerwelle ist erheblich mehr Kind von 68, als ihm das selbst bewusst und lieb sein dürfte. Denn das politische Instrument dieser Generation war die Provokation und die Regelverletzung, von den Puddingbomben und Orgasmusdefizitbekenntnissen der Kommunarden bis zu den punktuellen innerparteilichen Tabubrüchen der Lafontaines und auch Schröders.

Natürlich: eine politische Generation waren die 68er nie. Im Grunde charakterisieren sich wohl die bekannten, markanten, geschichtsträchtigen "Generationen" in erster Linie kulturell. Das war schon bei den Akteuren der Wandervogelbewegung um 1900 so, dann auch bei den Aktivisten der Bündischen Jugend 30 Jahre später. All die großen, oft genug literarisch verklärten Generationen hatten einige auffällige Defekte: Es gab in ihren Reihen und Organisationen stets unzählige Spaltungen und erbitterte Gruppenkämpfe. Immer wieder rutschten sie in exaltierte Dogmatismen und Sektierereien ab. Ihre Anführer waren häufig genug bizarre, weltfremde und verstiegene Sonderlinge. Bedeutende Politiker brachten sie kaum einmal hervor. Eben das ist mein Problem mit den 68ern: Ihr Defizit an Politik; ihr Mangel an einem ernsthaften, klugen, lebensnahen, realistischen, zäh und konstant betriebenen, dabei volkstümlichen, listigen, strategischen und zielorientierten Radikalreformismus.

Ich mag zottelig aussehen, ausgefranste T-Shirts tragen. Aber mit "68" habe ich nichts, aber auch gar nichts am Hut.