Essay: Der politische Nachwuchs lahmt - DER SPIEGEL
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Essay Der politische Nachwuchs lahmt

Auf die Euphorie folgte die Ernüchterung: Seit dem Ende des Mitgliederbooms in den 70er Jahren haben die Parteien immer mehr an Anziehungskraft für politische Talente verloren. Die Politik hätte frisches Blut dringend nötig, doch statt Kreativität zu zeigen, ordnet sich der Nachwuchs lieber unter.
Von Franz Walter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist wohl so eine Art Zyklus: Nach der großen Überfülle kommt regelmäßig die Zeit des Mangels. Die 70er Jahre waren das große Jahrzehnt der Parteibeitritte. Hunderttausende junger Leute strömten in der Ära Brandt in die SPD; etwa ebenso viele Menschen schlossen sich der CDU an, die auf diese Weise den Wandel von der Honoratiorenpartei zur Massenpartei vollzog. Und am Ende dieses glorreichen Jahrzehnts der Parteiendemokratie gründete die junge Kohorte der Bildungsexpansion noch eine neue, eigene Partei: Die Grünen.

Doch nicht nur quantitativ dehnten sich die Parteien aus. Auch die Diskussions- und Partizipationsqualität wuchs kräftig an. Munterer als in diesem Jahrzehnt ging es wohl selten in den Parteien zu. Programmatische Diskussionen gehörten zum guten Ton; auf Parteitagen erlebte man hitzige Kontroversen; die Kraftnaturen der jüngeren und mittleren bundesdeutschen Generation hatten ihr Terrain gefunden, auf dem sie sich prächtig austoben durften.

Auf den Rausch folgt bekanntlich der Katzenjammer. So erlebte man es auch nach der euphorischen Phase der Parteienstaatlichkeit. Seit den frühen 1980er Jahren schwand die Hoffnung auf weiteichende Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten durch Politik oder Parteien. In der Generation, die den Trittins und Kuhns, den Wulffs und Kochs folgte, galt das Politische mit seinen ständigen Arrangements, Verhandlungen und Kompromissen nicht mehr als Ferment weitreichender gesellschaftlicher Veränderungen. So wandten sich die Draufgänger und Ambitionierten der postgrünen Generation von der Politik ab.

Macht macht Politik attraktiv

Zurück blieb - und das in allen Parteien – der Typus des folgsamen, nur gemäßigt ehrgeizigen und wenig kreativen Kofferträgers, Praktikanten und Referenten der etablierten Bundestagsabgeordneten. Die Attraktivität von Politik lebt von substanzieller Macht. Allein wenn der politische Sektor als die Zentralachse für die großen und gezielt eingeleiteten Transformationen der Gesellschaft angesehen wird, zieht er die Kraft- und Kampfnaturen, die Ehrgeizigen und Entschlossenen an. Zwischen 1950 und 1983 war das in einigen Intervallen so, danach nicht mehr.

Seither wurden etliche Erwartungen an Politik enttäuscht, wurden gar zu hybride Ansprüche frustriert. Politik galt infolgedessen nicht mehr als großer Hebel und als entscheidendes Instrument, um etwas in Bewegung zu setzen. Dadurch wandten sich die energischen und talentierten Figuren der nachwachsenden Generationen von der Politik ab und der Ökonomie zu. Und das galt nicht nur für die puren Karrieristen und Pragmatiker, die das schnelle Geld machen wollten. Auch die Visionäre entdeckten die Wirtschaft. Und so transferierten sich die typischen Allegorien aus der utopischen Zeit der Politik nunmehr in die Ökonomie.

Vom Neuen Markt, neuer Ära, New Economy war bekanntlich die Rede. Der "neue Mensch" aller Reformbewegungen hatte die Politik verlassen und sich der Welt des Business zugewandt - was mittlerweile ebenfalls zu den bekannten Enttäuschungen und Ernüchterungen geführt hat, ohne dass die Politik indes dadurch an neuer Ausstrahlung hinzu- oder rückgewonnen hätte.

Individualisten ohne Chance

Denn die Politik und das Parlament sind gerade für eigenständige Begabungen und gerade in den letzten zwei Jahrzehnten ein denkbar schwieriges Gelände geworden. Das hat viel mit der Mediengesellschaft zu tun, durch welche die Politik gleichsam entkernt wurde. Denn die hochmoderne Mediengesellschaft fördert einen neoautoritären Zug in der politischen Arena. Parteien und Fraktionen müssen heute strikt geschlossen agieren, alle inneren Auseinandersetzungen und Zwistigkeiten schon im Entstehungsstadium eliminieren. Sonst gelten sie in der schrillen Kommentarlage der Journaille und der Nachrichtenmagazine des Fernsehens als chaotisch, zerstritten, nicht regierungsfähig. Infolgedessen verstummen Parteien und Fraktionen. Exzentriker werden gar nicht erst aufgestellt; Individualisten sind ohne Chance; Frondeure werden konsequent geächtet.

Und so dominiert gerade im parlamentarischen Nachwuchs eine selbstgenügsame Subalternität. Auch in diesen Wochen, in dieser Zeit des beklemmenden Niedergangs der beiden Volksparteien hat man partout nicht den Eindruck, dass die sozialdemokratischen und christdemokratischen Jungparlamentarier aufgewühlt, erregt, voll Tatendrang und neuer Ideen für originäre Zukunftsallianzen unterwegs wären.

Den Jungabgeordneten reicht offenkundig, dass sie in aller Ruhe durchbilanzieren können, wer vor ihnen steht und wer von hinten drängt. Kaum jemand natürlich. Und so werden sie bald mindestens in ihrer Fraktion ein gutes Stück nach vorn rücken, ohne je auf bitterharte innerparteiliche Schlachten und leidenschaftliche parlamentarische Kontroversen gestoßen zu sein. Doch ist dieser Spießrutenlauf, ist die Erfahrung harter Obstruktion, virtuoser Gegenattacken und intrigengestählter Boshaftigkeiten, ist die Fähigkeit, sich argumentativ brillant und durchsetzungsfähig in Szene setzen zu können, ganz unverzichtbar für Führungsqualitäten.

Wer kreativ sein will, ist manchmal einsam

Natürlich pochen Kanzler, Fraktionschef und Parlamentarische Geschäftsführer in der neoautoritären Mediengesellschaft auf unbedingte Geschlossenheit, auf straffe Zentralisierung, auf widerspruchslose Einfügung. Sie schätzen es nicht, wenn jemand aus der Reihe tanzt, seine eigenen Lieder singt. Es ist daher in der Tat ungeheuer schwierig, Gegenpositionen einzunehmen, Eigensinn zu zeigen, abweichende Pfade zu gehen.

Indes: Kreative Eliten müssen solche Wege von Fall zu Fall nehmen. Sie müssen auch große Kontroversen und Kräche aushalten, müssen sich vom Mainstream unterscheiden, auch einmal einsam und bedrückend isoliert dastehen, sich in einigen Fragen neu exponieren und profilieren, selbst wenn der Rest der Mannschaft und ihr Mannschaftsführer vor Empörung schäumen. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass die farbigsten Gestalten der letzten Jahre - etwa die Herren Schily, Fischer, Biedenkopf und auch Schröder, Lafontaine, Seehofer - als störrische Rebellen reüssierten, am Ende vieler Kabalen, Undiszipliniertheiten und Eigenwilligkeiten nach vorne kamen, nicht aber als Ausfluss von Ein- und Unterordnung, berechenbarer Subordination und verlässlicher Gleichförmigkeit. Ein bisschen Mut und Verwegenheit sollten daher junge Abgeordnete in den nächsten Jahren schon gelegentlich zeigen.

Natürlich: Einst hatte sich die Kraft der parlamentarischen und politischen Anführer der klassischen Milieu- und Volksparteien aus den Aufstiegsenergien benachteiligter Schichten gespeist. Sowohl sozialdemokratische Facharbeiter als auch katholische kleine Leute aus der Provinz wollten über hundert Jahre nach oben; sie drängten nach Bildung und Aufstieg – wurden dabei indes durch das protestantische Bürgertum zäh blockiert.

Die einstigen Volksparteien verdorren

Eben diese Blockade mobilisierte den typischen Eifer begabter Zukurzgekommener, entfachte den brennenden Ehrgeiz von Emporkömmlingen nach Aufstieg, Einfluss, Macht. Erst erreichte das katholische Deutschland das Ziel, dann die Spitzengruppe der sozialdemokratisch orientierten Arbeiterklasse. Die zuvor über ein Jahrhundert randständigen katholischen Kleinbürger und sozialdemokratischen Facharbeiterfamilien avancierten im Zyklus des Generationswechsels während der 60er und 70er Jahre durch Aufstieg über Bildung zu einen "neuen Mitte". Sie kamen dort an, wohin es sie stets gedrängt hatte. Der (sozial)politische Eifer der Neu-Arrivierten erlahmte daraufhin, der (macht)politische Ehrgeiz brannte nicht mehr.

Diejenigen, die es nicht geschafften hatten, die zurückblieben und fortan eine Art Subproletariat bildeten; koppelten sich seither resigniert von aller politischen Repräsentanz ab. Bei ihnen, den nunmehr sozial und kulturell Obdachlosen der Gesellschaft, sind Aufstiegsenergien, ist der Drang nach gesellschaftlicher Partizipation nicht mehr zu finden. Auch darum verdorren die früheren Volksparteien; deswegen fehlt ihnen der kraftvolle, zielorientierte, ja: ebenso brutal wie einfallsreich nach vorne drängende Nachwuchs von unten.

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