Finanzkrise Rückkehr der Rituale
Was Neues in Sachen Krise? US-Präsident Barack Obama hält weiter grandiose Reden und hat viel vor. Aber hier, in Europa, in Deutschland? Nicht viel. Doch halt, da ist etwas Neues: ein Vorschlag. Ken Livingstone, der frühere Bürgermeister von London, Europas Bankenhauptstadt, hat ihn gemacht:
"Honestly, we should shoot one banker a week until the others improve."
Jede Woche einen Banker erschießen, bis die anderen sich besinnen - Livingstone sagte das dem "Evening Standard", einem Londoner Blatt, dem er noch etwas schuldig war. Einem jüdischen Reporter des Standard hat er mal bescheinigt, dieser lege Züge eines Wächters in einem Nazi-Konzentrationslager an den Tag.
Britischer Premier Brown, Frankreichs Präsident Sarkozy: Wer ist der Erste, Größte und Wichtigste?
Foto: Getty ImagesDrastisch, der Vorschlag des roten Ken, aber ein konkreter Vorschlag, immerhin. Ansonsten ist leider zu beobachten, dass auf dem alten Kontinent die Lösung der großen Krise erhebliche Gefahr läuft, hinter den kleinkarierten Ritualen und Egos der Handelnden zu verschwinden.
Gerangel vor den Scheinwerfern, Scheinheiligkeit und Wichtigtuerei im Gewand der Expertise, wohin man schaut. Zu Beginn der Krise hatte der Wirtschaftsforscher Klaus Zimmermann vorgeschlagen, angesichts der Lage das alberne Wettrennen der Prognosen vorläufig einzustellen. Dazu kam es leider nicht. Die Herren - immerhin - hielten ihre Eitelkeit eine Weile jedoch in ungewohntem Zaum.
Jahrmarkt der Eitelkeiten
Aber dann hat es Norbert Walter nicht mehr ausgehalten. Ausgerechnet der sogenannte Chefvolkswirt von Josef Ackermanns Deutscher Bank, die einst 25 Prozent Rendite wollte und mit diesem obszönen Gewinnstreben den Ballon mit aufblies, der jetzt platzte, der Hof-Ökonom dieser Bank also orakelt nun von fünf Prozent Minuswachstum - und sichert sich den ersten Platz.
Norbert Walter, Krisengewinnler der selbstverursachten Krise. Der Ball lag sozusagen auf dem Elfmeterpunkt, kein Torwart im Kasten, da hat er draufgehalten, der Walter. Seine fünf Prozent Abschwung sind seither Rekord, aber es wird sich einer finden, der weniger prognostiziert. Da ist noch Luft nach unten. Sechs Prozent? Wer will, wer mag? Herr Sinn, Herr Rürup? Zum ersten, zum zweiten...
So wie die Experten wieder um die Pole Position der düstersten Prognose rangeln, dreht sich auch in der Politik wieder alles darum, der Erste, Größte und Wichtigste zu sein. Der Brite Gordon Brown und nicht Angela Merkel oder Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy also darf sich freuen, Barack Obama im Amt als erster Europäer die Hand zu schütteln und mit ihm über die Krise zu reden.
Nach Tony Blair natürlich, aber der lief außer Konkurrenz. Sarkozys Komplex als kleiner Mann wiederum ist so groß, dass sich Angela Merkel bei einem Berliner EU-G-20-Vortreffen in der abschließenden Pressekonferenz einen Trick einfallen lassen musste - um zu vermeiden, dass er sich zurückgestuft fühlt hinter den EU-Ratspräsidenten aus Tschechien. Die Tschechen werden als amtierende Ratspräsidentschaft in diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten ohnehin komplett an die Wand gedrückt. Krise ist jetzt Chefsache, egal, wem der Kalender gerade den Vorsitz in der Europäischen Union zuweist.
Deutschlands falscher Hochmut
Nur: Wer ist der Chef? Nicolas Sarkozy und Gordon Brown sehen sich beide in der Rolle der wahren Weltenretter. Brown hat im Unterhaus den schönen Versprecher getan, er sei dabei, die Welt zu retten. Und auch von Sarkozy gibt es ein Zitat, das besagt, dass dafür eigentlich nur er in Frage komme.
Nicht was man tut, steht im Mittelpunkt, sondern wer was tut. Oder wer so tut, als ob er was tut. Brown will zwar gar nicht, dass den Finanzjongleuren in der Londoner City auf die Finger gehauen wird, behauptet in Berlin bei Merkels Vorbereitungstreffen vergangene Woche dennoch das glatte Gegenteil und am Wochenende in Brüssel beim EU-Treffen ebenso. "Will the real Gordon Brown please stand up?" höhnt der Guardian. Aber den G-20-Gipfel im April, den hat Brown sich gesichert und möchte am liebsten, dass jenes Treffen gleich als neues Bretton Woods in die Geschichte eingeht.
Die Vernunft hat schon in der Frühphase der Krise nicht ausgereicht, Eigeninteressen und Eitelkeiten beiseite zu lassen und eine konzertierte Aktion in Europa gegen die Krise auf die Beine zu stellen - vornehmlich, weil die deutsche Regierung Angst hatte, für den Schlamassel der kollabierenden Finanzindustrie und des einbrechenden Immobilienmarktes auf den britischen Inseln zur Kasse gebeten zu werden. Jeder war sich selbst der Nächste, oder sah sich wie Deutschland in einer besseren Position.
Das war falscher Hochmut. Inzwischen steckt die Schlote-Industrie in Deutschland ebenso tief in der Krise wie die Geldindustrie an der Themse, und viel Zeit ist ungenutzt verstrichen. Das hätte man wissen können.
Vertrauliches Tuscheln und verdeckte Tritte
Und Deutschland? Wir haben eine Angela Merkel, der man zugute halten darf, dass sie die Buben-Spielchen ihrer Kollegen nicht mitmacht. Sie hält sich aber auch sonst sehr zurück. Wir haben einen Außenminister und eine Kanzlerin, die auf der Kabinettsbank einig tuscheln und sich hinterher in die Kniekehlen treten. Beide versuchen erkennbar, aus der Krise politisches Kapital zu schlagen, Steinmeier als Gewerkschaftsführer vor den Fabriktoren, Merkel als besonnene Mutter der Nation.
Diese Woche ist Koalitionsausschuss in Berlin, da soll es um mehr Regulierung und mehr Aufsicht der Finanzmärkte gehen, gemeinsam. Also - fast gemeinsam. Die SPD hat vor der Veranstaltung schon einmal Ende vergangener Woche klar gemacht, dass sie noch mehr als die CDU entschlossen ist, die entfesselte Finanzindustrie an die Leine zu legen. Jene SPD übrigens, die in rot-grüner Regierungszeit Hedgefonds in Deutschland zuließ und mehrere Gesetze zur Finanzmarktderegulierung verabschiedete, weil sie den Eindruck hatte, das biedere Sparkassen-Deutschland habe das Nachsehen in der modernen Finanzwelt von Wall Street und Londoner City. Die Sparkassen, sagte damals Bundeskanzler Gerhard Schröder, müssten "endlich in die Strümpfe kommen".
Daran will keiner mehr zurückdenken, genauso wenig wie sich jemand in der Großen Koalition daran erinnern will, wie denn der Passus auf Seite 86/87 des aktuellen (!) Koalitionsvertrages geraten konnte . Dort steht zu den Zielen der Legislaturperiode, nachzulesen auf der Homepage der Bundesregierung, man müsse auf den Finanzmärkten "überflüssige Regulierungen" weiter abbauen, "Produktinnovationen" "nachdrücklich unterstützen" und den "Ausbau des Verbriefungsmarktes" vorantreiben.
Die Weisheit des Clowns in der Krise
Heute heißen Produktinnovationen "toxische Papiere", die biedere Sparkasse wird von Finanzminister Peer Steinbrück als vorbildlich gepriesen, und der Koalitionsausschuss überlegt, wie man das bekämpft und eindämmt, was man sich als Zukunftsaufgabe in den Arbeitsvertrag geschrieben hat.
Kullern einem die Tränen jetzt vor Lachen oder Weinen über die Backen? Man weiß es nicht so genau. Tragik, Komik, die Krise und das Leben. Vielleicht sollte man sich einfach angewöhnen, ganz anderen Leuten Gehör zu schenken.
Möglicherweise liegt darin die Lehre der Krise, ihre pädagogische Kraft. Der Deutschlandfunk hat Ende vergangener Woche angefangen damit. Er hat mit den beiden Clowns Antoschka und Olli Hauenstein über das Leben, seinen Sinn und die Krise gesprochen, morgens in der politischen Frühsendung, nicht im Feuilleton.
Im Witz des Clowns liegt seit jeher die Weisheit des Lebens. Was die beiden zur Wirtschaftskrise gesagt haben, war das Klügste, Originellste und Weiseste, was man hierzulande seit langem zum Thema gehört hat. Über den Sinn des Lebens, das Lachen, das falsche Streben nach Geld, die Menschlichkeit. Man sollte es am Stück nachlesen im Internet.
Das Interview wurde geführt, weil in Dresden das Weltparlament der Clowns tagte. Vielleicht sollte man den Clowns dieses Parlaments mehr zuhören als jenen in anderen Parlamenten oder politischen Grundsatzabteilungen.