Handschrift der Qaida Die Puppe
Das Netzwerk von radikalen Islamisten, das international unter dem Namen "Al Qaida" gehandelt wird, ist zu einem wichtigen Element der Vorstellungswelt westlicher Medien geworden. Dieses ""Etwas" existiert in vielen Formen und auf vielen Ebenen im öffentlichen Bewußtsein: Manche leugnen seine Macht und sogar seine Existenz, halten die "Basis" aller Fundamentalisten für eine politische Phantasie; einige steigern das zu Verschwörungstheorien, in denen der Mossad oder die CIA Urheber der Anschläge des 11. September 2001 sein sollen; andere sehen in Al Qaida eine straff organisierte internationale Verschwörung, die es militärisch in ihren Zentren zu zerschlagen gilt; wieder andere tun sich schwer mit der einheitlichen Zuordnung der zahlreichen Videos und Fotografien, Interviews, Anschläge, Protestformen und Schriften, die mit Al Qaida in Zusammenhang gebracht werden. Nach dem Krieg im Irak fast totgesagt, hat sich nun doch wieder eine sehr einheitliche und groß angelegte Folge von Anschlägen mit Al Qaida verbunden.
Jüngst richteten sich parallel gesteuerte Attentate in der Türkei gegen jüdische und britische Einrichtungen. Am 16. Mai kam es zu Selbstmordattentaten in Marokko gegen ausländische und jüdische Brennpunkte. Am 12. Mai ging es in Riad gegen die Ausländerviertel, am 12. Oktober 2002 starben auf Bali 202 australische Touristen und Indonesier bei parallelen Attentaten in einer seit langem umstrittenen, zum Feriengebiet aufgebauten hinduistischen Enklave auf mehrheitlich muslimischem Gebiet. Anschläge in Afrika, Pakistan, Afghanistan sind dabei nicht mitgerechnet, weil sie sich direkter auf alliierte militärische Präsenz beziehen lassen, doch auch sie passen in der Wahl der Ziele oft zum generellen Schema. Urbild dieser nach dem 11. September begonnenen Serie ist das Attentat auf deutsche Touristen, welche die Synagoge "La Ghriba" auf Djerba besichtigten. Diese Attacke ist von den erwähnten nur durch die Tatsache zu trennen, daß sie noch nicht als Parallelschlag durchgeführt wurde.
Diese Anschläge, das hat sich langsam herumgesprochen, folgen einem einheitlichen Schema. Man wird nicht beweisen können, daß es eine zentral von Usama Bin Ladin oder anderen geleitete und international operierende Terrorsekte gibt, aber es steckt zumindest ein einheitlicher Mechanismus hinter den Angriffen. Es gibt eine "Handschrift".
Die Anschläge treffen mit Ausnahme der Ereignisse vom 11. September westliche, jüdische oder weitere "fremde" Enklaven in Gebieten, die sich als mehrheitlich muslimisch präsentieren. Sie sind als eine Art Säuberungsaktion zu sehen. Es sind immer bekannte lokale muslimische Gruppierungen oder zumindest lokale Täter beteiligt, das Geld zur Vorbereitung scheint jedoch von außen zu kommen.
Gleichzeitig durchgeführte und dann vielleicht noch im Lauf der folgenden Tage wiederholte Anschläge demonstrieren die überlegene Planung und Präzision der Attentäter, die den Verlust des eigenen Lebens nicht scheuen. Die lokalen Täter demonstrieren damit die globale Koordination. Die Spur der Anschläge läuft um Kerneuropa herum oder, in letzter Zeit, auf Europa zu. Das wird begleitet von verzweifelten Anstrengungen europäischer Rechtsradikaler und netzwerklicher Satelliten arabischer Länder in Europa, den Antisemitismus zu rehabilitieren.
Mit den Anschlägen auf Djerba, in Riad und in Marokko vor Augen, konnte man damit rechnen, daß es irgendwann in den folgenden Monaten in der Türkei zu einem ähnlichen Ereignis kommen mußte. Anscheinend wird versucht, vom Kurs des terroristischen Fundamentalismus abweichende muslimische Länder von westlichen, jüdischen und anderen nichtislamischen Einflüssen zu "reinigen". Man kann sich das zugrundeliegende Weltbild ähnlich vorstellen wie die beliebte russische Matrjoschka: als "Puppen in der Puppe". In mehrheitlich islamischen Gebieten sollen störende Teilpuppen entfernt und die umgebenden Gehäuse vor der Aufnahme des Fremden und vor dem Dialog mit ihm gewarnt werden. Modern wie ein Unternehmen, das um Marktsegmente kämpft, wird hier geradezu sozialdarwinistisch Nische um Nische "befreit".
So gesehen gehören auch die Anschläge auf Pentagon und Twin Towers in einer Art Umkehrverhältnis zu dieser Serie. In christlichen Gebieten wird versucht, das Zentrum der Puppe zu zerstören, um einen Erosionsprozeß in Gang zu setzen, der die gesamte Struktur trifft. Aber auch hier ist noch die Idee der Enklave nachweisbar: Im Falle des 11. September war es das "jüdische Finanzkapital der Wall Street". Frankreich, Deutschland und andere Länder Europas nehmen in dieser Perspektive eine besondere Stellung ein. Sie bilden eine Art potentielles "befreundetes Ausland"; selbst Italien scheint im Moment noch geschützt zu sein durch die Beherbergung des kriegsfeindlichen Vatikans. Andere europäische Staaten, zumal England mit seiner großen muslimischen Minderheit, scheinen dagegen sehr bedroht. Gibt es in England eine passende "Puppe in der Puppe", etwa eine Synagoge, die durch den Migrationsprozeß mittlerweile in einem muslimischen Wohngebiet liegt? Man sollte gut auf sie aufpassen: Am Donnerstagabend wurde in England ein mutmaßlicher Terrorist verhaftet. Fahnder, blair-freundliche Politiker und Militärs sind sicher, daß es zu großen Anschlägen kommen wird; über die Ziele besteht Unklarheit. Wenn man bedenkt, daß sich mit der "Enklaventheorie" die Anschläge in Istanbul vorhersehen ließen, sind "disbelief and anger" der kritischen und liberalen britischen Öffentlichkeit schwer verständlich.
Das Vorbild all dieser Verkapselungen von Fremdem und Eigenem scheint die Erfahrung der Verstrickung von En- und Exklaven in Israel und Palästina zu sein. Auch hier, so könnte man sich ausmalen, würde Al Qaida gerne zum Parallelschlag gegen die israelischen Institutionen und gegen jüdische Enklaven in von Palästinensern beanspruchten Gebieten ausholen - ausreichend lokale Hilfskräfte sollten vorhanden sein. Andererseits ist der einst gegen den Weihnachtsmarkt in Straßburg und gegen die dortige Kathedrale geplante Anschlag vielleicht auch deshalb gescheitert, weil er nicht in die Enklavenstrategie paßte.
Es geht also um ein internationales und zugleich lokal gut verankertes Netzwerk auf den "Märkten des Terrors", wie es der Berliner Ethnologe Georg Elwert treffend genannt hat. Das ersetzt aus der Sicht der Terroristen zur Zeit den ersehnten muslimischen Staat, der alle anderen Staaten islamisieren könnte, ganz im Sinne einer "Puppe", die am Ende all die anderen Puppen, Nationen und geographischen Nischen umfaßt. Das ist nicht eine "islamische Antwort auf die Modernisierung", und mit "islamischer Mentalität" oder ähnlichen Schreckensfiguren des westlichen Denkens hat es nichts zu tun. Es ist die Modernisierung des Islam auf dem Wege zu einer Staatsreligion und zu einem imperialen Kult. Die meist wortlose Botschaft über den vermeintlichen Graben zwischen Islam und Demokratie hinweg lautet Reinigung der Welt und Kampf bis zum Sieg.
Was macht es eigentlich so schwer für uns, das zu begreifen? Immer wieder zögern wir, die komplexe Struktur von Al Qaida, ihren Charakter als radikaler Flügel einer internationalen Jugendbewegung und ihren auch intellektuellen Anspruch zu erkennen. In Spanien wurden vor einigen Monaten Proteste aus der literarischen und akademischen Szene laut, als die Verhaftung eines der Residentenschaft für die "Basis" verdächtigten muslimischen Journalisten bekanntgegeben wurde. Erst als sich herumsprach, daß der spanische Korrespondent des Fernsehsenders kurz vor dem 11. September familiäre Bande zu den Attentätern geknüpft hatte, zogen sich die Kritiker stillschweigend zurück. Wie in den frühen siebziger Jahren wehren sich führende Exponenten des westlichen öffentlichen Lebens gegen "Panikmache". Aber hemmen sie damit nicht die Erkenntnis dessen, was uns die tief in den gebildeten Schichten und in den breiten Massen der islamischen Staaten verankerten Terroristen mitteilen wollen? Wenn man im Internet eine Analyse der Videos mit Bin Ladins Botschaften sucht oder auch nur eine Liste aller Anschläge, deren Al Qaida verdächtig ist, googelt man lange vergebens.
In Deutschland scheint man sich besonders schwer zu tun. Der von einem mit Al Qaida vernetzten Einzeltäter verübte Anschlag vom 11. April 2002 auf die Synagoge "La Ghriba" in der mehrheitlich jüdisch besiedelten Gemeinde Erriadh auf der tunesischen Insel Djerba hatte in Deutschland zunächst eine mit großer Vorsicht geführte Diskussion ausgelöst. Man rätselte, ob es sich hier nicht eher um einen bizarren Unglücksfall handeln könne. Als dann unwiderruflich feststand, daß es um einen gezielten Anschlag auf Deutsche und Juden ging, war die Empörung über Vertuschungsversuche seitens der tunesischen Autoritäten zunächst groß. Auswirkungen auf die diplomatischen Beziehungen und die Reiselust der Deutschen hatte das nicht. Nach kurzer Zeit wurde der Tod von 19 Deutschen auf Djerba überschattet vom Tod von 16 deutschen Schülern und Lehrern in Erfurt. Die Spendenaktion von "Bild" für die Opfer von Djerba erbrachte gerade mal 16.000 Euro. Danach wurden Millionen "für Erfurt" gespendet, und man führte eine intensive Debatte über das deutsche Bildungssystem. Die überlebenden Opfer von Djerba aber klagen über Vernachlässigung durch staatliche Stellen und Hilfsorganisationen.
Man kann nicht behaupten, daß die Deutschen noch mehrheitlich in aggressiver Weise fremdenfeindlich seien. Es ist eher so, daß sie die aus der Fremde gelegentlich drohenden Gefahren nicht wahrnehmen wollen. Das ist eine Mischung aus zivilgesellschaftlichem Mut und dem Gleichmut derer, die das Fremde tolerieren, aber nicht kennen wollen.
Um die Gesamtstrategie von Al Qaida zu entschlüsseln, lohnt es, das offen zugängliche ethnographische, historische und journalistische Material über die Motive des Anschlages vom 11. April 2002 auf Djerba noch einmal Revue passieren zu lassen. Erriadh, das die Synagoge "La Ghriba" umgebende djerbische Dorf, leitet seinen Namen von Haga Seghira ab, "kleines Getto". Dort, in der seit dem Untergang der Römerstadt Meninx (bei El Kantara) wohl ältesten befestigten Siedlung der Insel, lebt die letzte große jüdische Gemeinde der Insel, zumeist Silberschmiede und Juweliere, welche die Basare von Houmt Souk und auch des Festlandes beliefern.
Dieses festungsartig angelegte Getto hat im Kern auch noch eine wirkliche Festung, die weitläufige Anlage der Synagoge "La Ghriba", was die "Wundertätige" bedeutet, denn dem Pilger werden hier vielfältige Wunder verheißen. Eigens errichtete Nebengebäude nehmen sie auf, und ein Festplatz dient zum Volksfest nach dem Gottesdienst. Die Pilger kommen heute aus aller Welt, insbesondere aus der großen Gemeinde der aus Tunesien nach Frankreich übergesiedelten Juden. Sie kommen aber auch aus der unmittelbaren Umgebung, und es sind in geringem Maße immer noch djerbische Juden, Muslime und Christen, die zum Beispiel christliche Elemente in den Kult der "Ghriba" bringen, indem sie eine Art Ostereier im Keller der Synagoge reifen lassen und dann als Fruchtbarkeitszauber verwenden. Das Fest sollte Ende April stattfinden, drei Wochen nach dem christlichen Ostern, denn der Termin des heute in Israel von jüdischen Fundamentalisten gern politisierten Laghba-Omer ist wie der Termin des christlichen Ostern und des muslimischen Ramadan am Mondjahr orientiert.
Die Stiftungslegenden von "La Ghriba" sprechen von katastrophischen und synkretistischen Ursprüngen, ein Stein aus dem Tempel von Jerusalem soll in die Synagoge eingebaut sein, eine jüdische Heilige soll hier nach einem Blitzschlag verschmort sein, um nun muslimischen Frauen beizustehen. Sidhi Ghrib, ein ibaditisch-islamischer Hausgeist der umliegenden muslimischen Ortschaften, bringt am Freitag den Duft von Weihrauch in die Häuser. Muslime, die Juden tolerieren, Deutsche, die Juden in Tunesien besuchen: die Puppe in der Puppe. Die Warnung an die Deutschen ist deutlich: Laßt ab von eurer Freundschaft zu den Juden, kommt zurück ins Reich der antisemitischen Paranoia. Aber der Sprengsatz aus Gasbehältern traf, nach Absprache mit einem deutschen Staatsbürger, der heute an einem unbekannten Ort wegen seiner Mitgliedschaft in Al Qaida verhört wird, auch den Laghba-Omer, die Wallfahrt zu Ehren der Wunderrabbis Simon und Meijir, das Familienfest der djerbischen Juden in aller Welt.
Mediterraner Synkretismus und europäische Reiselust erzeugen jenen Belagerungszustand, der schon lange für Israel und Palästina typisch ist. Die djerbischen Juden wurden zur Abwanderung gedrängt, nachdem die PLO ihr Hauptquartier in Tunis eröffnete. Diese "Ausweitung der Kampfzone" führt nun immer näher an das geographische Europa heran und hat es schon zweimal erreicht: kürzlich in Istanbul und vor einigen Jahren auf dem Balkan. Letzterer ist im übrigen ein sehr wahrscheinlicher Schauplatz für die Fortsetzung der Strategie von der "Puppe in der Puppe".
Damit ist erreicht, was moderne multinationale Konzerne, internationale politische Strömungen und Staatengemeinschaften anstreben: die Durchdringung des Lokalen mit dem Globalen. Auf den "Märkten des Terrors" agiert eine Gruppe von Menschen, die sich auf der Graswurzelebene des Politischen ebenso rekrutieren lassen wie in der internationalen nomadischen Gemeinschaft der islamisch-fundamentalistischen Haßprediger und der sie heimlich oder fast offen fördernden Eliten einzelner Staaten. Ob sich dabei Synergien bilden, ob es eine Kommandostruktur gibt, ein Konkurrenzverhältnis oder ein Aufstreben immer neuer Eliten des Terrors aus dem Lokalen, ist letztendlich zweitrangig. Auffällig bleibt, wie schwer sich die westliche Öffentlichkeit, aber auch professionelle Dienste und Stäbe tun, diesen strukturellen und prozessualen Zusammenhang zu verstehen. Anscheinend verstellt der Exotismus den Blick oder aber auch das allzu Vertraute, das "Unheimliche" im Freudschen Sinne: Haben nicht vor dreißig Jahren die westlichen Demokratien eine ebensolche Verbindung von Eliten, modernen Gelehrten, jugendlichen Terroristen, globalen mafiosen Akteuren und am Rande profitierenden Diktaturen hervorgebracht? Die internationale Szene des Terrors, die sich am Rande der weltweiten Protestbewegung nach 1968 formierte, hat vielen heutigen Entscheidungsträgern und Multiplikatoren in Deutschland zu ersten Erfahrungen mit spontaner Bewegung wie mit heimlicher Lenkung verholfen. Wir wehrten uns heftig gegen den Vorwurf der Rädelsführerschaft und der Finanzierung durch die DDR, doch es gab sie.
Wie heute waren damals schon der Mittelmeerraum und der Mittlere Osten, der staatlich nicht klar geordnete Bereich zwischen Ägypten und Syrien, Quelle, Bezugspunkt und Fokus der von uns geduldeten oder geförderten terroristischen Argumentationen und Taten. Vielleicht ist es diese Nähe, die mitunter den Blick behindert. Wir sollten auf die damals gesammelten Erfahrungen sowohl der militärischen Zerschlagung des terroristischen Kerns wie der andauernden demokratischen Dialogbereitschaft gegenüber den Sympathisanten zurückgreifen, anstatt uns weiter mit Verschwörungstheorien zu betäuben oder über "fremde Mentalitäten" zu faseln. Auch Al Qaida ist nur eine Puppe in der Puppe.
Thomas Hauschild