Kanzlerhelfer: Sherpas im Schatten der Macht - DER SPIEGEL
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Kanzlerhelfer Sherpas im Schatten der Macht

Die Leitung der Kanzleramts ist ein Knochenjob. Kanzleramtsminister müssen Alleskönner sein - und ihren politischen Ehrgeiz auf die Rolle einer grauen Eminenz im Schatten ihrer Kanzler zu beschränken wissen. Ihr effektiver Arbeitsstil ohne Visionen prägt das gegenwärtige Kabinett.
Von Franz Walter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie eigentlich heißt der Chef des Bundeskanzleramts? Man darf vermuten, dass nicht allzu viele Menschen in Deutschland auf den richtigen Namen kommen. Wir könnten auch anders herum fragen: Wer ist und was macht eigentlich Thomas de Maizière? Auch hier dürfte wohl eine Mehrheit der Bundesbürger hilflos mit den Achseln zucken. Merkel kennt jeder, Müntefering auch, Steinbrück wohl ebenfalls noch – aber de Maizière?

Die Namen und Gesichter der Kanzleramtschefs waren – mit Ausnahme des Tausendsassas Horst Ehmke in der Ära Brandt - nie sonderlich präsent. Ein wenig merkwürdig ist das schon. Es ist auch ein bisschen ungerecht. Denn die Leitung des Kanzleramts ist ein Knochenjob. Es gibt nicht wenige erfahrene Beobachter des Regierungshandelns, die felsenfest davon überzeugt sind, dass die Geschäftsführung des Kanzleramts der schwierigste Posten ist, den eine Regierung überhaupt zu vergeben hat.

In der Tat: Eine Bundesregierung kann sich drei oder vier schwache Minister leisten. Wahrscheinlich ist das sogar die Regel; und möglicherweise sind es gar noch mehr Ausfälle, die da zusammenkommen. All das ist nicht weiter spektakulär. Aber ein Kanzleramtschef, der seine Sache nicht versteht, wird die Regierung rasch in schweres Gewässer bringen.

Der Chef des Kanzleramts ist Libero...

Denn der Kanzleramtschef ist für das Management, vor allem für das Krisenmanagement der Regierung zuständig. Er hat früher als alle anderen Differenzen und Spannungen zwischen den Ressorts zu erkennen und zu glätten; er muss verschiedene Interessen zwischen den Ministerien, zwischen den Koalitionsparteien, zwischen den politischen Flügeln der Kanzlerpartei, zwischen den Primadonnen des Kabinetts aufspüren und dem Kanzler rechtzeitig signalisieren. Er hat dafür zu sorgen, dass die Kabinettsmaschinerie reibungslos funktioniert.

Der Kanzleramtschef spielt in der Politik – um im unvermeidlichen Fußballerjargon dieser Tage zu bleiben - noch den klassischen Part des Liberos: Er sichert die Defensive, soll zugleich aber aus einer sattelfesten Abwehr mit ein paar klugen Pässen das Spiel strategisch aufbauen, ohne dabei indessen dem eigentlichen Spielmacher - hier: dem Kanzler - die Show zu stehlen.

Mehr noch: Kanzleramtschefs müssen gewissermaßen politische Alleswisser sein. Sie müssen ihren Kanzler mit den entscheidenden Informationen über alle Politikfelder, über die Ergebnisse neuer demoskopischer Erhebungen, über die aktuelle Kommentarlage in den Medien und noch über einige Dutzend anderer Dinge versorgen. Sie müssen die Personalpolitik im Amt und in den Ressorts im Auge haben. Sie müssen die Kabinettssitzungen vorbereiten; und sie müssen präjudizieren, was an Gesetzesvorhaben aus den Ministerien "kabinettsreif" ist. Sie wählen aus, was den Kanzler an Korrespondenz und Papieren erreicht und was nicht. Kanzleramtschefs sind Breitbandbegabungen: Sie sind Seismographen, Koordinatoren, Krisenmanager, Informationsträger, Personal- und Projektplaner, bei allem aber in erster Linie: Administratoren.

... graue Eminenz...

Im Grunde ist es verwunderlich, dass diese Menschen mit einem 16- bis 18-Stunden-Tag überhaupt auskommen. Viel Zeit für ihre Familien haben Kanzleramtschefs jedenfalls nicht. Und mehrere von ihnen haben sich im Amt auch gesundheitlich schier zugrunde gerichtet. Dabei winkte ihnen zur Entschädigung nie die Prämie, nach der gerade Politiker sonst mehrheitlich gieren: Bekanntheit, öffentliche Aufmerksamkeit, Ruhm. Nirgendwo anders sind die Differenzen zwischen tatsächlicher politischer Macht und geringer öffentlicher Beachtung so groß wie bei ihnen: Kanzleramtschefs übertreffen die meisten Minister an politischem Einfluss um Längen, aber kaum jemand im bundesdeutschen Volk hat ein Bild, eine Vorstellung, eine "Story" von ihnen. Ist es einmal anders, sucht der Kanzleramtschef die öffentliche Pose, dann bekommt er - wer erinnert sich nicht an Bodo Hombach? - rasch Ärger, mit seinem Kanzler und mit einigen eifersüchtigen Ministern.

Und er wird scheitern. Es ist diese Nicht-Öffentlichkeit, die um die Kanzleramtschefs die Aura der „grauen Eminenzen“, der Strippenzieher hinter den Kulissen entstehen lässt. Und die guten Kanzleramtschefs der bundesdeutschen Republik haben eben diese Aura genossen und sich darauf beschränkt: Das Erlebnis wirklicher Macht - verborgen, versteckt, ein bisschen geheim, aber dafür um so realer, viel gewichtiger jedenfalls als die rhetorische Kraftmeierei der unzähligen politischen Selbstdarsteller vor den Kameras.

... und Frühwarnsystem des Kanzlers

Ein Kanzler, der Erfolg haben will, benötigt diesen Typus. Der Kanzleramtschef muss graue Eminenz bleiben. Aber als Eminenz müssen ihn die relevanten politischen Zirkel der Macht schon wahrnehmen, achten und ein bisschen fürchten. Ein guter Kanzleramtschef verfügt über beträchtliches Insiderwissen und exzellente Verbindungen, die den Respekt begründen, den man vor ihm haben sollte, damit er das schwierige Regierungsgeschäft in einer Arena voll von Interessensgegensätzen, Rivalitäten, Eifersüchteleien und Eitelkeiten erfolgreich managen kann. Dabei helfen personelle Netze, die sich über die verschiedenen Zentren der zersplitterten Macht im bundesdeutschen Parlamentarismus spannen. Mittels dieser personellen Flechtwerke kann der Kanzleramtschef die politischen Stimmungen erhorchen, kann zum Frühwarnsystem des Kanzlers werden. Leise hat das zu geschehen, unauffällig, behutsam.

Der Kanzleramtschef sollte das komplementäre Pendant zum Kanzler sein, sollte dessen Schwächen durch eigene Stärken ausgleichen. Am besten fügt es sich, wenn ein konzeptionell und medial kraftvoller Kanzler mit einem Meister der Administration zusammenkommt. Jedenfalls muss ein Kanzleramtschef die Klaviatur der Bürokratie souverän beherrschen. Kanzleramtschefs sind die Handwerker der Politik und Verwaltung. Das zeichnet sie aus.

Bemerkenswert ist, dass im Kabinett der Großen Koalition, mit Schäuble und Steinmeier, gleich zwei frühere Kanzleramtchefs (und mit Steinbrück ein früherer Referent des Hauses) zu Ministern in klassischen Ressorts avanciert sind. Es sagt viel über die Substanz der gegenwärtigen Regierung, auch über den administratorischen Zug in der deutschen Politik der letzten Jahre. Die Regierung Merkel-Müntefering ist eben kein Kabinett der originellen Vordenker, kühnen Gestalter und phantasiereichen Konzeptionalisten oder einfach nur: der genuin politischen Handlungsnaturen. Sie ist eine Mannschaft der gelernten Maschinisten, Organisatoren und Sherpas staatlicher Macht. Darin liegt ihre Qualität, darin liegt aber auch ihre Begrenzung, derzeit: ihr evidentes Defizit an kreativer Politik.

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