Kommentar: Butterfahrt mit Polen-Böller - DER SPIEGEL
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Kommentar Butterfahrt mit Polen-Böller

Vor der deutsch-polnischen Ostseeküste liegen die Nerven blank. Schuld daran sind beide Seiten. Die nachbarschaftliche Verkrampfung wird sich erst lösen, wenn die Europa-Generation das Ruder in beiden Ländern übernimmt.
Von Claus Christian Malzahn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Im Sommer der Kartoffelkrieg zwischen "taz" und der polnischen Regierung, nun die Seeschlacht vor Stettin und Ahlbeck: Noch ist nicht klar, ob die polnische Grenzwacht wirklich geschossen hat, als ein deutscher Schnaps- und Tabakdampfer sich aus den Hoheitsgewässern des Landes davon machen wollte. Ob Leuchtmunition oder größere Kaliber: Eine Klärung des genauen Sachverhalts scheint im Moment kaum möglich. Die Polen werfen der Reederei Gesetzesverletzungen vor, die Schifffahrtslinie bezichtigt den polnischen Zoll des Diebstahls. Wer Recht hat, scheint hier ganz eine Frage des nationalen Standpunktes zu sein. Die Europäische Union mit ihren Zoll- und Grenzvereinbarungen liegt von Stettin und Ahlbeck offenbar sehr weit entfernt.

Der Vorfall zeigt exemplarisch, wie blank die Nerven im deutsch-polnischen Grenzregime liegen. Die kurzen Lunten glühen auf beiden Seiten. Die hysterische Episode an der Ostsee bestätigt den Verdacht: Die deutsch-polnische Freundschaft wird - anders als bei der Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland nach dem Krieg - nicht von oben befördert. Sie muss von unten wachsen. Gott sei Dank gibt es genügend Menschen in beiden Ländern, die sich beim Knüpfen von gegenseitigen Freundschaften nicht daran orientieren, wer in der deutsch-polnischen Seifenoper gerade wieder einen Böller losgelassen hat. Vor allem jüngere Polen und Deutsche wissen, dass die Zukunft beider Länder in Europa liegt - und nicht im nationalistisch aufgeladenen Dauerstreit. Sie werden diese überflüssigen, nervenden Zwischenfälle irgendwann hinter sich lassen wie ein Schmetterling seinen Kokon.

Doch die Verpuppung wird lange dauern. Im Grenzgebiet scheint die nachbarschaftliche Übung schon schwer genug. Misstrauisch beäugt man sich; gerade auf der Urlaubsinsel Usedom, von der ein Drittel in Polen liegt. Es gibt von Ahlbeck nicht einmal eine Autoverbindung ins polnische Stettin. Die Deutschen fürchten, dass dann die Kaufkraft der Touristen abwandern würde. Eigentlich, das spürt man auf dieser Seite der Insel immer wieder, will man mit Deutschlands größtem Nachbarn im Osten gar nichts zu tun haben.

Aber auch polnische Behörden blockieren Begegnungen im Alltag oft genug. Wer von Ahlbeck auf Usedom die polnische Nachbarinsel Wollin besuchen will, muss in Stettin umständlich auf ein anderes Boot umsteigen. Es ginge auch einfacher, nämlich direkt. Aber eine Passkontrolle im Badeort Misdroy (Miedzyzdroje) lehnen die Polen ab. Warum einfach, wenn es auch bürokratisch geht - und länger dauert.

So klagt jede Seite ihr Leid, keiner hört dem anderen zu. Auch in diesem Fall: Während man in Deutschland die Schüsse der Grenzwacht betont, hört man in Polen nur von den drei "entführten" Zollfahndern, die gegen ihren Willen mit dem Schiff zurück nach Deutschland sollten. So bleibt jeder bei seiner Version, man kommt sich nicht ins Gehege. Einvernehmen wird man so freilich nie erzielen.

Der Vorschlag, eine deutsch-polnische Untersuchungskommission einzusetzen, die den Fall klärt, wäre immerhin ein vernünftiger Schritt. Falls die deutsche Reederei regelmäßig am polnischen Zoll vorbei manövriert, sollten sich damit auch deutsche Behörden dringend befassen. Ebensowenig sollte es möglich sein, dass der polnische Zoll ganze Schiffsladungen konfisziert, ohne Quittungsbelege auszustellen.

Zur Beruhigung der Gemüter sollte man die "entführten" polnischen Zöllner in den Ahlbecker Hof einladen. Die Rechnung bitte zu gleichen Teilen an das Traumpaar der deutsch-polnischen Verständigung schicken: Erika Steinbach und Lech Kazcynski. In diesem Sinne: Na zdrowie!