Kommentar: Ein Hauch von Frankreich - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kommentar Ein Hauch von Frankreich

Die Grünen sind im Aufwind, doch der könnte sich rasch drehen.
Von Gerd Rosenkranz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nie zuvor sind die Bündnisgrünen geschlossener in eine Wahlauseinandersetzung gezogen, nie haben sie ein konsistenteres Wahlprogramm verabschiedet, nie mit vorzeigbarerem Personal um die Stimmen der Wählerinnen und Wähler geworben. Immerhin 550 Änderungsanträge integrierte eine Parteitagsregie von fast beängstigender Professionalität in die Wahlaussagen - ohne quälende Richtungskämpfe, ohne erkennbare Einfallstore für Kampagnen des politischen Gegners.

Das alles gäbe reichlich Anlass, sich selbst zu feiern. Doch die inszenierte Aufbruchstimmung in Wiesbaden wirkte merkwürdig gedämpft, trotz eines fulminanten Schlussakkords, mit dem der zum Spitzenkandidaten mutierte Außenminister den Parteitag noch einmal aufzumöbeln suchte. Auf das grüne Gemüt drücken die Demoskopen, die die eigene Partei zwar seit Wochen stabil mit einer Tendenz nach oben notieren, den großen Koalitionspartner aber im fast freien Fall sehen. Zwischen Oppositionsrolle und Fortsetzung grüner Regierungstätigkeit klafft mittlerweile eine Kluft von dreizehn Prozent. Die schwindende Machtperspektive lag wie Mehltau über der harmonischen Veranstaltung. Die Zahl derjenigen, die mit Inbrunst an den Sieg glauben, schrumpft von Tag zu Tag. Es ist paradox: Kaum scheint die Häutung von der eingefleischten Oppositions- zur Regierungspartei ohne die von vielen Beobachtern prophezeite Spaltung vollzogen, da müssen sich die Grünen an den Gedanken eines erneuten Rollenwechsels gewöhnen.

Seit Fischer und Co im Bund regieren werden sie von ihren Wählern mit gnadenloser Konsequenz abgestraft, zumeist aus Enttäuschung über die in den Augen der grünen Klientel unzureichenden Ergebnisse ihrer Regierungsarbeit. Man hoffte auf grün pur und erhielt, was zu erwarten war: rot mit grünen Tupfern. Die Erwartungen der Wähler waren von Anfang an illusionär, weil sie von der unpolitischen Weltsicht ausgingen, als müsste nur eine 6,7-Prozent-Partei in der Regierung ankommen, damit eine immer noch industriell geprägte Volkswirtschaft plötzlich anders tickt. Keine andere Wählerklientel lebte, was die Realisierungschancen ihrer Vorstellungen und Visionen angeht, derart im Wolkenkuckucksheim wie die der Grünen.

Aktuell steigende Umfragewerte legen die Vermutung nahe, dass mit Annäherung an den Wahltermin und im Angesicht der politischen Alternativen immer mehr Ex-Wähler der Grünen ihren Irrtum wahrnehmen. Es war ausgerechnet der Altsozi Erhard Eppler, der in Wiesbaden die Ergebnisse grüner Regierungstätigkeit über den grünen Klee lobte und die grüne Seele damit in Kurzzeit-Euphorie versetzte.

Und jetzt? Jetzt könnte eine erneute, dieses mal taktische Volte der gerade erst bekehrten Wählerschaft die Blütenträume von "Acht plus x Prozent" zerstören. Vier Jahre lang nahm die grüne Klientel ihren Matadoren deren Regierungstätigkeit übel. Jetzt nicht mehr. Jetzt will sie, dass die Grünen weiter regieren, aber - falls sich Option eins bei Annäherung an den Wahltermin als unrealistisch erweist - wenigstens Stoiber verhindern. Eine für die grünen Strategen ungemütliche Perspektive. In der Oppositionsrolle interessiert die Partei nun weniger. Wenn sich in den Umfragen die Lücke zur Macht für Grün nicht bald schließt, werden viele aus dem rot-grünen Milieu mit zusammen gebissenen Zähnen zu Schröder überlaufen, um die bayerische Gefahr zu bannen. Ein Hauch von Frankreich liegt über Deutschland.

Mehr lesen über