Uno: Bushs Mann fürs Grobe - DER SPIEGEL
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Uno Bushs Mann fürs Grobe

John Bolton kann die Uno nicht ausstehen. Er kritisiert sie, wo er nur kann. Vielleicht ist aber genau das die größte Chance der Weltorganisation, die sie je hatte.
Von Claus Christian Malzahn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Der neue Uno-Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, John Bolton, kann sein neues Wirkungsfeld nicht ausstehen. Vermutlich pflegt er zu Kofi Annan keine besonders intensive Freundschaft. Vor zehn Jahren hat er die Uno öffentlich in Grund und Boden verdammt, er hat sie für überflüssig erklärt und sich über sie lustig gemacht. Nein, John Bolton, der rechte Republikaner, ist kein Sympaticus.

Das Dumme ist nur: John Bolton hat in vielem Recht. Wäre die Uno ein Unternehmen, hätte sie spätestens vor zehn Jahren Bankrott müssen, ihre Manager wären vermutlich wegen Konkursverschleppung und unterlassener Hilfeleistung in den Knast gewandert. Von den Korruptionsskandalen der letzten Zeit ganz zu schweigen. Das klägliche Versagen der Vereinten Nationen kostete in Ruanda und auf dem Balkan etwa eine Million Menschen das Leben. In Srebrenica ließ sich die Organisation öffentlich auch noch demütigen, als ein serbischer General mit einem holländischen Uno-Militär zur Feier eines bevorstehenden Massakers Sektflaschen entkorkte. Nein, natürlich, der Uno-Mann hat nichts gewusst, er war unschuldig, wie immer. Nicht die Uno-Führung ist später deshalb zurückgetreten, sondern eine holländische Regierung, weil sie die Verantwortung für den Skandal übernahm. Für 8000 bosnische Männer kam die Geste zu spät.

Es gibt kaum eine Uno-Intervention in ein Krisengebiet, die man in den letzten Jahren erfolgreich nennen könnte. Selbst im vergleichsweise überschaubaren Kosovo hat die Weltorganisation versagt. In den ersten Monaten nach dem Einmarsch der Kfor-Truppen im Sommer 1999 liefen viele wichtige Uno-Beamte durch Pristina, mit bunten Plastikausweisen um den Hals und einem vollen Terminplan im Filofax. Den rund 2000 Serben und Roma, die in dieser Zeit von albanischen Extremisten umgebracht wurden, haben die bedeutenden Auftritte der Uno-Funktionäre in ihren weißen Toyotas nicht geholfen.

Nun hört man, die Ernennung Boltons sei nicht nur eine Ohrfeige für die Demokraten, sondern auch für Europa. Das ist naiv. Die Demokraten und der US-Kongress haben sicher jedes Recht, gegen den ihrer Meinung nach reaktionären Schnauzbart zu agieren. Es wäre nachgerade verrückt, wenn sie diesen vom US-Präsidenten in Marsch gesetzten Choleriker gelassen durchwinken würden.

Doch eine Beleidigung "Europas" lässt sich gegen Bushs Entscheidung schon deshalb nicht ins Feld führen, weil es "Europa" in dieser Frage sowenig gibt wie "Afrika" oder "Amerika". Die Reaktionen auf Boltons Ernennung fallen in Warschau ganz anders aus als in Berlin, in London anders als in Madrid. Das Märchen, Old Europe sei für die Uno und die USA und New Europe gegen diese Institution glauben inzwischen übrigens nicht mal mehr diejenigen, die es einst in die Welt gesetzt haben.

Wenn die Uno nicht von Grund auf reformiert wird, macht sie sich in rasender Geschwindigkeit überflüssig. Die Uno muss ihre gefährliche, energieraubende Bürokratie radikal beschneiden, sie braucht auch nicht unbedingt mehr Geld, sondern im Krisenfall vor allem ein robustes Mandat. Die Uno muss ihr harmloses Prinzip der Gießkannenhilfe ebenso aufgeben wie die romantische Idee stumpf berechneter multinationaler Polizeiaktionen, die in der Regel dazu führen, dass ein Teil der Einsatzkräfte die Arbeit erledigt und ein anderer Teil in der Kasernenhängematte liegt und die großzügig bemessenen Tantiemen kassiert. Mag sein, dass irgendwo noch das romantische Bild einer homogenen Weltorganisation existiert, die Gutes tut und Böses verhindert - mit der Wirklichkeit hat das schon lange nichts mehr zu tun.

Wer eine starke Uno will - und keinen Wurmfortsatz der USA oder eine lahme Ente mit hellblauen Federn - der sollte sich an den Gedanken gewöhnen, dass vielleicht gerade John Bolton der richtige Mann für den Job sein könnte. Vielleicht braucht es einen Uno-Skeptiker, um die Uno endlich zu einem handlungsfähigen Apparat zu machen. Vielleicht kann nur ein rechter, cholerischer Republikaner diesen träumenden Koloss aufwecken. Die Uno-Reformer sollten versuchen, die bisweilen destruktiven Energien dieses Mannes jetzt konstruktiv für ihre Ziele zu nutzen - und ihn, falls dieses dialektische Experiment scheitern sollte, in zwei Jahren einfach wieder mit Hilfe des US-Kongresses vor die Tür setzen.