SPD Deckname »Eiche« ?
Womöglich schwante Oskar Lafontaine Unheil, als er vor zwei Wochen in Bonn seine neue Parteisprecherin präsentierte: 32 Jahre alt sei Dörte Caspary, Mutter von zwei Kindern, parteilos, ein Jahr habe sie in den USA zugebracht, und außerdem - unfreiwillig geriet der Vorsitzende ins Stocken - sei sie vier Jahre lang Mitglied der SED gewesen.
Mutig hatten sich die Genossen zur Vorneverteidigung entschieden: gar nicht erst den Versuch begehen, eine heikle biographische Episode der Kandidatin zu vertuschen. Nur keinen Hehl daraus machen, daß die neue Sprecherin dem DDR-System vor der Wende näher stand, als es die Political correctness heute erlaubt.
Die Parteispitze war erleichtert, nach wochenlangem Fahnden die Gesuchte endlich gefunden zu haben. Denn reichlich zäh war die Kandidatenkür gewesen. Michael Donnermeyer, der erfolgreiche Vorgänger, war mit Franz Müntefering ins Verkehrsministerium gezogen; die Vakanz fiel nur deshalb nicht auf, weil nicht die Partei, sondern Kanzleramt und Regierung seit dem Machtwechsel alle Aufmerksamkeit binden.
Zwei Kandidaten waren am Veto des Parteivorsitzenden gescheitert. Dann hatten der SPD nahestehende Bonner Medienleute Caspary ins Spiel gebracht: jung, dynamisch, charmant, aus dem Osten, zudem eine Frau und damit quotentauglich im SPD-Führungszirkel.
»Von mir aus hätte ich mich nicht beworben«, meinte sie. Doch dann lockten Neugier, Eitelkeit und die Nähe zur Macht, vielleicht auch ein gewisser Hang zum Bruch in der Biographie. Oder ist es eher jenes »Stück Naivität, zu der ich stehe«?
Ihre bunte Biographie, so glaubte sie, würde sie panzern. Sie besuchte die Erweiterte Oberschule in Wernigerode, fand im April 1985 Aufnahme in die SED, machte ein Volontariat, später dann ein Studium im Leipziger »Roten Kloster«, der Kaderschmiede des DDR-Journalismus.
Nach der Wende war sie Redakteurin beim »Berliner Rundfunk«, Moderatorin beim populären Jugendsender »DT 64«, leitete ab 1993 das Bonner Büro des ORB, ergatterte ein Stipendium in den USA, arbeitete als ARD-Korrespondentin in Moskau und kehrte 1997 zurück nach Bonn.
Leise Zweifel an ihrer Integrität, im Parteipräsidium vorgetragen von Wolfgang Thierse und Heidemarie Wieczorek-Zeul, zerstreute die Kandidatin mit einer Mischung aus Demut und Selbstbewußtsein. Für ihre SED-Mitgliedschaft empfinde sie heute Scham, bekannte sie bei der Vorstellung Anfang Januar: »Ich habe mir keine großen Fragen gestellt.«
Bis heute gehört Caspary, die ihren Job Mitte Februar antreten soll, der SPD nicht an, sie will aber »in nächster Zeit« die Aufnahme in die Partei beantragen.
Natürlich ist sie auch auf mögliche Stasi-Tätigkeit überprüft worden. Der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) hat schon 1993 in der Gauck-Behörde Erkundigungen eingezogen. Ergebnis: nicht erfaßt, nichts liegt vor. »Ich bin so oft gecheckt worden, ich weiß nicht, was da noch kommen soll.«
Doch im Harzer Vorland, wo Caspary aufwuchs, hat der jähe Aufstieg der Ost-Frau in bestimmten Kreisen Unruhe ausgelöst. Ehemalige Stasi-Offiziere erinnern sich, daß die hochbegabte Schülerin aus dem linientreuen Elternhaus über Jahre enge Stasi-Kontakte hielt.
Dörte Caspary, vom SPIEGEL in der vergangenen Woche mit dem Stasi-Verdacht konfrontiert, wiegelte ab: Ja, sie sei als Schülerin »durch einen Mitarbeiter des MfS« kontaktiert worden. »Ich war damals 16 Jahre alt und empfand es wohl als angenehm, umworben zu werden.« Nach Gesprächen mit ihren Eltern und Mitschülern, so Caspary, habe sie jedoch eine Zusammenarbeit strikt abgelehnt. Auch eine erneute Überprüfung in der Gauck-Behörde werde über sie nichts »Ehrenrühriges zu Tage fördern können«.
Die bisher unbekannte Episode aus Casparys Leben deckt sich nur zum Teil mit Informationen aus Stasi-Kreisen in ihrer Heimat. Danach habe sie keineswegs die Zusammenarbeit mit dem MfS abgelehnt, sondern sogar eine schriftliche Verpflichtungserklärung abgegeben. Als Deckname habe sie damals »Eiche« gewählt. Ihr Führungsoffizier sei ein Oberleutnant von der Hauptabteilung I beim Grenzkommando Nord, Abteilung Aufklärung, gewesen. Die Aufgabe der damals 19jährigen: »Politisch unzuverlässige« Mitschüler zu bespitzeln.
Am vorigen Freitag konfrontierte der SPIEGEL Caspary auch mit diesen Vorwürfen. Sie habe, beteuerte sie, nicht mit der Stasi zusammengearbeitet, sie sei sich sicher, von der Stasi nicht unter einem Decknamen geführt worden zu sein, und habe auch keine Verpflichtungserklärung unterzeichnet. Capary sagte wörtlich: »Ich habe nichts unterschrieben.«
Weiteren Überprüfungen, teilte Caspary dem SPIEGEL am vergangenen Freitag schriftlich mit, sehe sie »gelassen entgegen«. Der SPD-Vorstand sei über diesen Brief informiert und »begrüßt einen offenen Umgang mit Vergangenheit und Biographien«. HORAND KNAUP, WOLFGANG TIETZE