Deckname Leon - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 6 / 67

DIPLOMATISCHES KORPS Deckname Leon

• aus DER SPIEGEL 32/1956
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Monat Juli hat das in Bonn akkreditierte diplomatische Korps seiner glanzvollsten Spitzen beraubt. Gleich drei der Stars auf diplomatischer Bühne wandten der Hauptstadt hinter den sieben Bergen den Rücken: Der Botschafter der UdSSR, Walerian Sorin, kehrte nach Moskau zurück. Der Botschafter Frankreichs, Louis Joxe, wurde abberufen. Der Botschafter der Vereinigten Staaten, James B. Conant, reiste nach Amerika ab.

Sir Frederick Hoyer-Millar, der Botschafter Großbritanniens, ist der einzige, der bisher von dem großen diplomatischen Revirement und den sich darum rankenden Gerüchten verschont blieb.

Im Gegensatz zu Walerian Sorin und Louis Joxe, die bereits ihre endgültige Abschiedsvorstellung auf dem Bonner Parkett gaben und in die Kulissen zurücktraten, ist zwar Amerikas Botschafter James B. Conant einstweilen nur in Urlaub gefahren. Er nahm Ferien und wird bestimmt noch einmal zurückkehren, denn sein Terminkalender sieht Verabredungen bis zum 19. Dezember vor. Doch es gibt mehr als ein Indiz dafür, daß er bei seiner Rückkehr über Washington erfahren wird, daß auch seineTage in Deutschland gezählt sind. Aus Rom kamen Informationen nach Bonn, die US-Ambassatrice Clare Boothe Luce spekuliere, falls Eisenhower wiedergewählt wird, auf den Bonner Posten.

Als wollten sie das Abrutschen Bonns in die Klasse des politischen Leichtgewichts noch zusätzlich dokumentieren, haben Paris und Moskau noch nicht bekanntgegeben, wann sie die vakanten Posten neu besetzen wollen. Wann Joxe-Nachfolger Couve

de Murville in der französischen Botschaft die Geschäfte übernehmen wird, ist vollkommen offen. Und die Sowjets schweigen sich stur und kalt nicht nur darüber aus, wann ein neuer Botschafter kommen wird, sondern auch darüber, ob überhaupt wieder einer kommen wird.

In ihrer Mission in Rolandseck führt einstweilen der mißtrauische Sergej Kudriawzew die Geschäfte. »Man weiß ja nicht einmal, ob der wirklich Kudriawzew heißt«, seufzte Bundeskanzler Konrad Adenauer kurz vor seiner Abreise in den Schwarzwälder Urlaub mit diplomatischem Feingefühl vor Teegästen im Palais Schaumburg: »Die ändern ja einfach ihre Namen.«

Geändert hat Sergej Kudriawzew, der schon vor zwanzig Jahren an der sowjetischen Botschaft in Berlin Dienst tat, seinen Namen zwar nicht. Wohl aber hat er zwischendurch einmal noch einen zweiten Namen geführt. In dem roten Spionage -Ring, der 1945 in Kanada durch den Übertritt des Leutnants der Roten Armee Igor Gusenko aufflog, spielte ein gewisser »Leon« eine Hauptrolle. Hinter diesem »Leon« verbarg sich der damalige erste Sekretär der sowjetischen Botschaft in Ottawa. Er hieß Sergej Kudriawzew.

Bundespressechef Felix von Eckardt hat dem Bundeskanzler inzwischen mitgeteilt, daß es sich nach Auskunft des kanadischen Botschafters in Bonn, Charles S. A. Ritchie, bei jenem Spionagefunktionär Sergeij Kudriawzew um den gleichen Sowjetmenschen mit dem unvergeßlichen Profil handelt, der heute in Bonn den Kreml repräsentiert.

Bonner Sowjetvertreter Kudriawzew

Unvergeßliches Profil

Zur Ausgabe
Artikel 6 / 67

Mehr lesen über