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BIDAULT Deckname Max

• aus DER SPIEGEL 12/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beiläufig, als zöge er in jedem Quartal einen ausgedienten französischen Ministerpräsidenten aus oberbayrischem Untergrund, verkündete Bayerns neuer Innenminister, Diplomingenieur Heinrich Junker, auf einer CSU-Kreisversammlung in Aichach, daß seine Landpolizisten den Chef des anti-gaullistischen »Nationalen Widerstandsrats«, Georges Bidault, entdeckt hatten.

Mit dieser Triumphmeldung kam Junker am vorvergangenen Sonntag der Sicherungsgruppe Bonn, die Bidaults Unterschlupf seit Tagen kannte, um 24 Stunden zuvor. Junker störte empfindlich das diplomatische Quiz im Bundeskanzleramt: wie Konrad Adenauer mit seinem Ex-Kollegen und früheren Chef der französischen CDU-Schwesterpartei MRP verfahren solle.

Junker nahm auf dieses Bonner Dilemma keine Rücksicht. Er suchte mit der Bidault-Sondermeldung zu kompensieren, daß am Rosenmontag der OAS-Häuptling Argoud mitten aus der Münchner City, 200 Meter vom Justiz-Palast entfernt, gekidnappt worden war.

Vor dem Bayrischen Landtag kam der Minister in seiner Haushaltsrede am vergangenen Dienstag wieder auf die OAS zu sprechen. Er wunderte sich, daß die Presse im Fall Argoud »offenbar mehr zu wissen (schien) als die Polizei«.

Junker verschwieg, daß auch in Sachen Bidault bayrische Journalisten früher am Mann waren als bayrische Polizisten: Der bisherige Chefredakteur der Münchner Illustrierten »Revue«, Oscar Stammler, hatte den französischen Ex -Ministerpräsidenten in Steinebach am Wörthsee, eine halbe Autostunde von München entfernt, in dem Haus Sonnenwinkel 1 bei dem Illustrierten-Autor Heinz Losecaat van Nouhuys, 33, in Verwahrung gegeben.

Stammler hatte Bidault im September 1962 kennengelernt, als er den französischen Untergrundpolitiker für die »Revue« interviewte. Anlaß für das Gespräch waren nicht extreme politische Neigungen, sondern der Hang des MG -Fahrers Stammler zu schneller Fortbewegung. Stammler hatte seinen Flugschein gemacht und charterte eine Bölkow F 207, um Bidault in dem italienischen Ort Civittanova bei Ancona anzufliegen.

Stammlers erste Alpenüberquerung - inzwischen hat er für 12 000 Mark selbst eine gebrauchte Bücker 181 erworben - am Steuerknüppel einer Privatmaschine blieb nicht ohne Konsequenzen; sie endete in diesem Monat schließlich mit seiner fristlosen Entlassung. »Revue«-Verleger Kindler verzichtete auf seinen OAS-verdächtigen Chefredakteur, obschon dessen Bruder - als evangelischer Pfarrer zugleich Herausgeber der kirchlichen Zeitschrift »Junge Stimmen« - Vorsitzender des Beirates der Freiwilligen Selbstkontrolle der Illustrierten war.

Kurz nach den ersten Gesprächen mit Stammler war Bidault im Spätherbst 1962 von der italienischen Polizei verhaftet und ausgewiesen worden. Bald darauf meldete sich der Ungar Josef Ferenczy (SPIEGEL 8/1962), der in München-Schwabing Romane an Illustrierte vermakelt und sich von Stammler einen Draht zu Bidault versprach. Ferenczy, der bevorzugt Stammlers »Revue« mit Fortsetzungslesestoff versorgte, witterte frühzeitig in Bidault einen Bestseller-Autor. Er bedrängte Stammler, Bidault zu einem 60-Seiten -Manuskript für ein Taschenbuch zu veranlassen (Vorabdruck: »Revue"), das Ferenczy in seiner Züricher Filiale herausbringen wollte.

Stammler akzeptierte diesen Vorschlag. Zugleich intensivierte er seine Beziehungen zu dem französischen Bildreporter Paul Ribeaud, den er aus dem Illustrierten-Geschäft seit einigen Jahren kannte und der ihm das Interview mit Bidault vermittelt hatte: Pauls Bruder, Guy Ribeaud, diente Bidault als Sekretär.

Angeblich um den französischen Journalisten gefällig zu sein, unterzeichnete Stammler im Oktober den Mietvertrag über ein Appartement in der Münchner Prinzregentenstraße 145, in dem Ribeaud das Pressebüro »Teamstar« aufmachte.

Aus Gründen, die der Schwabe Stammler heute mit seiner »abgrundtiefen Wurstigkeit gegenüber Formalitäten« umschreibt, gab er seinen Namen auch für ein Konto bei der Bayrischen Hypotheken- und Wechselbank her, über das Ribeaud seine journalistischen Geschäfte abwickelte.

Dazu Stammler heute: »Für mich war nicht ein Prozent drin.« Tatsächlich war Ferenczys Vertragspartner für das Bidault-Manuskript das Pressebüro Teamstar.

Der umworbene Autor war nach seiner Ausweisung aus Italien und einem Zwischenaufenthalt in der Schweiz Mitte Oktober 1962 nach München gekommen, wo Stammler ihn mit dem Buchprojekt bekannt machte. Stammler brachte Bidault für vierzehn Tage in der Nähe Münchens unter, bis Bidault im November zu einem OAS-Treffen mit Soustelle, Argoud und anderen nach Lissabon reiste.

Stammler flog zu Bidault nach Lissabon - die Flugkarte bezahlte Teamstar - und brachte Mitte November die ersten Manuskript-Seiten Bidaults mit nach München.

Hier gab er ein drittes Mal seinen Namen her und mietete in Schwabings Unertlstraße 16 für Bidault eine Parterre-Wohnung.

Auf Intervention des »Revue«-Verlegers Kindler will Stammler am 28. Dezember - bei flambierter Ente - seine Kontakte zu Bidault und dem Pressebüro Teamstar, in dem OAS-Führer wie Argoud verkehrten, aufgegeben haben. Bidault blieb nach wie vor in München.

Ende Januar flog der Chef des »Nationalen Widerstandsrats« von München -Riem nach England, wobei ein Sturm die Maschine fast zu einer Zwischenlandung in Frankreich gezwungen hätte.

Bidault stieg in dem unscheinbaren Hotel Bailey's in Kensington ab und versuchte alte politische Beziehungen zu erneuern. Nach einem Fernseh -Interview mit BBC kehrte er nach Oberbayern zurück.

Am 6. Februar traf er unter dem Decknamen Professor Maurice Berger mit

seinem Sekretär Guy Ribeaud alias Carlo Pontani in dem Gasthaus »Seeblick« des Gustav Grünert in Hopfen am See bei Füssen ein. Bidault schloß dort sein Memoiren-Manuskript ab.

Frankreichs Staatsfeind Nr. 1 hatte darin über ein bewegtes Leben zu berichten. Der einstige, heute 64 Jahre alte Gymnasialprofessor aus dem französischen Städtchen Moulins war im besiegten Frankreich der Führer des Widerstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht gewesen.

Doch der einstige Heros der Résistance, der später zu einem der prominentesten Politiker der IV. Republik wurde, ist schließlich an seinem Widerstand gegen Charles de Gaulle, den Staatschef der V. Republik, zerbrochen.

Nach seiner Entlassung aus deutscher Kriegsgefangenschaft im Juli 1941 - Bidault war als Infanteriefeldwebel freiwillig gegen die Deutschen zu Felde gezogen - hatte er sich zunächst in Lyon in der Widerstandsbewegung betätigt.

Dreimal wöchentlich erschien ein von ihm redigiertes illegales »Bulletin de la France combattante«. Wiederholt reiste er insgeheim als Verbindungsmann zwischen der Resistance in Frankreich und dem von de Gaulle dirigierten Londoner Komitee »Freies Frankreich« bei Nacht und Nebel über den Kanal.

Im Sommer 1943 floh er aus der Haft der Vichy-Polizei nach Paris, wo er als protestantischer Theologiestudent getarnt - von einem möblierten Zimmer aus die Sabotagekommandos der Resistance leitete.

Bidault, inzwischen an die Spitze der zentralen Widerstandsorganisation »Conseil National de la Résistance« (CNR) berufen, erlebte am 19. August 1944 seine große Stunde: Auf sein Kommando begannen die Partisaneneinheiten der Resistance den offenen Kampf gegen die deutschen Truppen in Paris. Wenige Tage später nahm CNR-Chef Bidault (Deckname »Max") die Kapitulation der deutschen Wehrmachtskommandantur in Paris entgegen.

An diesem Tag, dem 28. August 1944, galt der Jubel der Hunderttausende an den Pariser Champs Elysées dem Widerstandsführer Bidault ebenso wie dem Befreiergeneral Charles de Gaulle.

Zwei Wochen danach holte der General sich Georges Bidault, den er »mon cher ami« (mein lieber Freund) nannte, als Außenminister in seine provisorische Regierung, da er - wie de Gaulle diesen Entschluß in seinen Memoiren begründete - »in überaus hohem Maße den Sinn und die Gabe für die politische Sache besitzt«.

Engster Mitarbeiter des neuen Außenministers wurde der erste weibliche Botschaftsrat in der Geschichte der französischen Diplomatie, Suzanne Borel, die spätere Madame Bidault.

Wenige Monate darauf, im Dezember 1944, agierten der 1,92 Meter lange General und sein um 22 Zentimeter kleinerer Außenminister zum erstenmal gemeinsam auf diplomatischer Bühne: Das ungleiche Paar unterzeichnete im Kreml einen französisch-sowjetischen Beistandspakt und setzte Frankreichs Beteiligung am Alliierten Kontrollrat für das besiegte Deutschland durch.

Damals verfolgten General und Minister außenpolitisch das gleiche Ziel: die Teilung des einstigen Deutschen Reiches.

Bidault hat sich freilich die deutsche Spaltung anders vorgestellt als sie schließlich mit der Bildung der Bonner Bundesrepublik und der Gründung des SED-Staats vollzogen wurde. Er wollte nicht nur die Abspaltung des Saargebiets, über die er noch neun Jahre später, im Dezember 1953, mit Konrad Adenauer unter dem Stichwort »Europäisierung« verhandelte, er drängte auch auf Internationalisierung der Ruhr.

Als sich de Gaulle im Januar 1946 aus Groll über die Intrigen der Parteipolitiker in die innere Emigration zurückzog, blieb sein »cher ami« Minister.

Bidault diente der IV. Republik in insgesamt elf Kabinetten, war Außenminister unter Robert Schuman der mit der Montan-Union den Grundstein zum Zusammenschluß Westeuropas legte, und saß als Verteidigungsminister im Kabinett Pleven, als der Gedanke einer Europa-Armee geboren wurde.

Nicht weniger als achtmal amtierte Bidault als Außenminister am Qual d'Orsay, zweimal war er Verteidigungsminister und zweimal lenkte er als Ministerpräsident die Geschicke der Republik.

In der katholischen Republikanischen Volkspartei (MRP) hatte sich Bidault bereits 1944 eine eigene politische Plattform geschaffen. Mit 137 MRP-Abgeordneten zog er 1945 zum erstenmal in die Nationalversammlung ein und wurde 1949 Parteivorsitzender.

Doch zehn Jahre später, im Februar 1959, verstieß ihn die gleiche MRP aus ihren Reihen, weil Bidault seinen einstigen Dienstherrn Charles de Gaulle bei dessen Rückkehr an die Macht im Mai 1958 allzu vehement unterstützt hatte. De Gaulle belohnte damals diese Treue mit dem Befreiungskreuz.

Noch zweimal betätigte sich Bidault als Parteigründer. Der MRP-Abtrünnige rief im Juli 1958 die »Christlichdemokratische Bewegung« ins Leben, für die er im Herbst jenes Jahres in die Nationalversammlung einzog. Doch löste sich diese französische CDU bereits wenige Monate später wieder auf.

Am 19. September 1959 gründete Bidault eine »Sammlungsbewegung für das französische Algerien«, nachdem Staatschef de Gaulle wenige Tage zuvor auf einer Pressekonferenz den Algeriern das Recht auf Selbstbestimmung zugestanden und einen Volksentscheid angekündigt hatte.

Mit einem programmatischen Manifest begann Bidault an jenem Tage seinen offenen Kampf gegen de Gaulle. »Die Nation wird keinen weiteren Verzicht dulden«, erklärte er. »Es geht für sie um eine Frage von Leben oder Tod. Es ist für die Armee eine Frage der Ehre, dem totalitären Kommunismus nicht alle auszuliefern, die Frankreich vertrauen.«

Damit war der einstige Führer der antifaschistischen Résistance zum Sprecher der algerischen Ultras geworden, die sich bald danach in den Terrorkommandos der OAS zusammenfanden.

Dem blendenden Aufstieg des Politikers und Diplomaten Bidault folgte nun mit unheimlicher Konsequenz der Sturz in Illegalität, Exil und Verbrechen. Aufstieg und Fall haben jedoch dieselbe Ursache: einen ungezügelten Nationalismus, der für den Katholiken Bidault alle Politik zu einem weltanschaulichen Engagement werden ließ.

Anfang April 1962 verschwand Georges Bidault spurlos aus Paris. In einem an die Pariser Tageszeitungen verschickten Flugblatt kündigte er an, er habe einen neuen »Conseil National de la Resistance« (CNR) gegründet. Sein Ziel: Europa von de Gaulle und dem Kommunismus zu befreien.

Am 5. Juli 1962 hob die französische Nationalversammlung nach erbitterter Debatte mit 241 gegen 71 Stimmen die parlamentarische Immunität des Anti -Gaullisten Bidault auf. Seitdem wird der einstige Regierungschef der IV. Republik steckbrieflich gesucht - wegen »subversiver Tätigkeit gegen den Staat«.

Von nun an irrte Bidault von Land zu Land. Aus Portugal, Spanien, Italien, aus der Schweiz und der Bundesrepublik, aus Belgien und Holland trafen von ihm unterzeichnete Flugblätter und Briefe in Frankreich ein. Mehreren ausländischen Zeitungen gab er Interviews. Immer wieder bekräftigte er sein Ziel: den Sturz de Gaulles.

Da traf ihn am Faschingsdienstag ein schwerer Schock. Sein Mitverschwörer, OAS-Oberst Antoine Argoud, war der französischen Polizei, zum Postpaket verschnürt, von München frei Haus nach Paris geliefert worden. Georges Bidault, der prominenteste Anti-Gaullist, mußte fürchten, daß er das nächste Opfer sein werde.

Fünf Tage nach der Entführung Argouds kam dafür die Bestätigung. Am Nachmittag des 2. März rief der französische Journalist Rolland, ein ehemaliger Fallschirmjäger, den »Revue« -Chefredakteur Oscar Stammler in das italienische Espresso »Bei Carlo« in der Nähe der »Revue«-Redaktion: die Barbouzes seien auch auf der Spur von Bidault.

Rolland gab Stammler die Telephonnummer des Dorfgasthauses »Seeblick«, dessen Telephonleitung jedoch an diesem Tage gestört war. Das Freizeichen blieb aus, und die Störungsstelle teilte mit, daß der Defekt heute nicht mehr behoben werden könne.

Stammler witterte Geheimdienste in der Leitung und fuhr mit einem grauen Mercedes 190 Diesel und seinem Freund, dem Verfertiger von Fortsetzungsberichten Nouhuys, nach Hopfen am See. Die beiden übernachteten im nahegelegenen »Alpenblick«, und am Sonntagnachmittag wurde Bidault nebst den beiden Brüdern Ribeaud von Hopfen nach Steinebach in die Mietvilla des Nouhuys evakuiert.

Am Montag, dem 4. März, lud die Sicherungsgruppe Bonn Stammler zu einer polizeilichen Vernehmung. Gegen Ende der Woche gab Stammler den Beamten der Sicherungsgruppe, die inzwischen wußten, an welchem Ort sich Bidault aufhielt, sein Wort, daß er Bidaut bis Montag, den 11. März, 12 Uhr, unter Verschluß halten wolle. Bis dahin brauche er den Autor noch.

Stammler versprach im übrigen, Bidault zu bewegen, seinen Aufenthalt in Oberbayern zu legalisieren. Tatsächlich schrieb Bidault am Freitagabend an Kanzler Konrad Adenauer in wohlgesetztem Französisch einen Brief, in dem er an die alten Beziehungen erinnerte und die Bitte aussprach, seinen Fall im Lichte jener gemeinsamen Erinnerungen zu sehen.

Diesen Brief mit dem handschriftlich signierten Absender »Georges Bidault« brachte ein Sonderkurier, nämlich Nouhuysens Mitarbeiter Uwe Gravenholdt, per Flugzeug an den Rhein, Kriminalobermeister Bauhaus von Adenauers »Sonderwache Rhöndorf« bestätigte schriftlich den Empfang des unerbetenen Schreibens »zwecks Weiterleitung«.

Der Bundeskanzler ließ Bidaults Brief ungeöffnet der Bundesanwaltschaft zuleiten, die gegen Bidault und seine OAS-Verschworenen bereits wegen Geheimbündelei ermittelte, jedoch keinerlei strafbare Handlungen Bidaults in der Bundesrepublik feststellen konnte.

Ein Asylbegehren Bidaults erschien der Bundesregierung freilich äußerst delikat. Es schien die Beziehungen zu Frankreich zu trüben, zumal bekannt wurde, daß Adenauer auf dem Höhepunkt der Algerienkrise, als ein Sturz de Gaulles möglich schien, brieflich mit dem Anti-Gaullisten Bidault Verbindung aufgenommen hatte.

Als die Bonner Ministerien sicher waren, daß der französische Alliierte keinen Auslieferungsantrag stellen würde, diskutierte man den Artikel 16 des Grundgesetzes, der in Absatz 2 bestimmt: »Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden. Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.«

Das Auslieferungsverbot bezieht sich zwar ausschließlich auf Deutsche, da aber Bidault völkerrechtlich zu den »politisch Verfolgten« gerechnet werden muß, stände ihm unbeschränktes Asyl nach Artikel 16 zu.

Dieses Asylrecht, das auch Nichtdeutsche vor Auslieferung und Ausweisung schützt, wäre nur dann verwirkt, wenn es zum Kampf gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht wird (Artikel 18 des Grundgesetzes). Die Verwirkung hat das Bundesverfassungsgericht auszusprechen.

Unbeschwert von solchen verfassungsrechtlichen Überlegungen hatte jedoch die bayrische Polizei schon am Sonnabend, dem 9. März, begonnen, Steinebach zu sondieren, und am Sonntagmorgen, kurz nach sechs Uhr, wurde die Mietvilla des Nouhuys von bewaffneten Polizisten umstellt.

Die bayrischen Gendarmen in Uniform und Zivil hatten, offenbar in der Annahme, es käme zu Kampfhandlungen mit OAS-Terroristen, auf Hausdurchsuchungsbefehl und Dolmetscher verzichtet. Sie waren erstaunt, in der Villa plötzlich Bidault gegenüberzustehen, der sich mit einem echten Paß legitimierte.

Die Beamten trauten dem Frieden noch immer nicht und stiegen mit gezogenen Pistolen ins Dachgeschoß empor, wo ihnen alte Wäsche in die Hände fiel.

Gegen sieben Uhr war die Durchsuchung beendet, und der Leiter des Polizeikommandos erstattete dem bayrischen Innenminister telephonisch Bericht.

Fortan waren Stammler und Nouhuys, zu denen »Revue«-Verleger Kindler kurz zuvor die Beziehungen abgebrochen hatte, in einer einmaligen Monopolstellung: Sie hatten den Mann der Woche in Besitz, und oberbayrische Polizisten, die sogar noch durch einen Polizeihund verstärkt wurden, hinderten die Korrespondenten der Weltpresse, mit der Beute der Illustrierten -Menschen Stammler und Nouhuys Kontakt aufzunehmen.

Von Nouhuysens Büro im ersten Stock aus nahmen die beiden Journalisten per Telephon und privatem Fernschreiber Kontakt mit der Weltpresse auf; die Exklusiv-Berichte von Stammler und Nouhuys gingen bis nach Australien. Ihr Tenor: »Ich war Bidaults Gastgeber.«

Nachrichtenagenturen wie Reuter, DPA und das Frankfurter UPI-Büro bestürmten die Eingeschlossenen von Steinebach, die mit detaillierten Meldungen das Interesse der Zeitungsleser wachhielten.

Diese Auskünfte und ihre Pressekonferenzen in der Bahnhofswirtschaft Steinebach gaben die bewachten Bidault-Bewacher gratis; ihr Interesse galt Veröffentlichungen in den großen illustrierten Wochenblättern.

Der einzige, der unter dem Ticken des Fernschreibers und dem Läuten des Telephons litt, war Georges Bidault. Für ihn war das Nachtquartier in einem Nebenraum, Wand an Wand mit dem Büro, aufgeschlagen. Zwischen Brettergestellen, auf denen Nouhuys sein Archiv aufbewahrt, suchte Georges Bidault, aufgewärmt durch einen Ölofen, ein wenig Ruhe.

Bidault, dessen Gesundheit durch die stundenlangen Vernehmungen angegriffen war, trug im Reisekoffer - neben steifen Kragen und einem »Larousse de Poche« seine Hausapotheke bei sich. Die Medikamente waren durchweg französischer Herkunft.

Zigarillo-Raucher Bidault war im Unterschied zu Argoud elegant gekleidet, auch wenn an seinem einreihigen Überzieher der unterste Knopf fehlte. Sein Hut stammt aus der Rue de Romont in Fribourg, sein seidener Morgenrock aus der römischen Bazarstraße Via Condotti 77.

Den bisher anstrengendsten Tag seines bayrischen Exils erlebte der CNR -Chef am vergangenen Dienstag, als er tagsüber im Münchner Polizeipräsidium verhört wurde und ab 21 Uhr im bayrischen Innenministerium über die Form seines Verbleibs in Deutschland verhandelte. Bidault erklärte schließlich, er wolle ein Gesuch um Genehmigung des Aufenthalts In Bayern vorlegen.

Die bayrischen Behörden wollen jedoch in jedem Fall auf einem Verbot der politischen Betätigung bestehen. Bidault aber kämpft um die Möglichkeit, in der Bundesrepublik zu bleiben, ohne völlig auf seine politische Tätigkeit verzichten zu müssen.

Seine Chancen, in die Illustrierten -Weltliteratur einzugehen, sind freilich noch geringer als die, von München aus de Gaulle bekriegen zu können.

Romanvertreiber Ferenczy verlor am 4. März sein Interesse ah dem Stoff, nachdem ihm, wie er behauptet, zwei Franzosen ihre Aufwartung gemacht hatten. Seither besitzt Stammler die Weitrechte.

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Bidault-Versteck Sonnenwinkel

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Christdemokrat Bidault, Freunde (1944, 1953)1 »Mon cher ami«

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