MEMOIREN Deckname »Star«
Es ist die Frage der Fragen, und die ehemalige Mitarbeiterin des ehemaligen Wismut-Werkes in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt trägt sie zusammengefaltet unter dem Arm. Die Frage steht knallig in einer zerlesenen Ausgabe der SUPER ILLU und sie lautet: »Markus Wolf - Dreckskerl oder Ehrenmann?«
Ja, was nun? Die Frau überlegt kurz. Dann sagt sie salomonisch: »Wahrscheinlich ein Drecksmann«, was, feministisch gesehen, die politisch korrekteste aller Antworten ist. Aber wer ist er wirklich?
Markus Wolf liest in Chemnitz, der letzten Station seiner Lesetour, aus seinem Bestseller »Spionagechef im geheimen Krieg«, und er ist allen alles an diesem Abend: ein roter James Bond, ein kulinarischer Marxist, die einzige wirkliche Erfolgsstory der DDR, Idol, Erzfeind. Nur eines ist er nicht: Markus Wolf. Er ist ein VIP, öffentliches Eigentum, eine Medienpersona und er fühlt sich wohl damit, denn er weiß, daß der Star-Rummel die beste aller Tarnungen ist, perfekter als jede Decknamen-Existenz. Eine Tarnung vor allem vor sich selber.
Im Garten der »Jugendbegegnungsstätte Pavillon« strömen die Menschen zusammen wie zu einem friedlichen Liederabend. Über den rostbraunen Plattenbau-Fassaden geht die Sonne unter, und auf einer Fassade leuchtet die Reklame der FREIEN PRESSE, die schon zu DDR-Zeiten so hieß, und auf der anderen das Coca-Cola-Zeichen.
Drinnen im Atrium sitzt Wolf, trotz des niedrigen Sofas aufrecht und elegant in grauem Flanell, blauem Blazer, tadelloser Krawatte, signiert Bücher und schüttelt Hände mit links, weil die rechte mittlerweile Arthrose-lädiert ist. »Hier mußt du XFür Manfred'' schreiben«, sagt seine Frau Andrea, und reicht ihm ein Buch. Wolf nickt. Schon zwei Bücher später unterschreibt er selber mit »Manfred« und schüttelt amüsiert den Kopf, als er seinen Fehler bemerkt. Aber was sind Identitäten schon anderes als schnellebige Konstrukte?
Eigentlich sollte die Veranstaltung wegen des großen Andrangs in der Uni-Mensa stattfinden, doch das wurde, flüstert die veranstaltende Buchhändlerin, in letzter Minute auf Intervention des Kultusministeriums verhindert. Ihr Kollege spricht es kurz darauf ins Mikrofon: »Die Uni, der Ort der freien Rede, hat es nicht geschafft, daß diese Lesung dort stattfindet.«
Unversehens hat Wolf, der ehemalige Geheimdienstchef, eine neue Rolle: die des Freiheitskämpfers, des Autors unbequemer Wahrheiten, gegen den die irritierte Macht nur mit Verboten vorzugehen weiß. Das ist eine erneute Irreführung, ein politischer Houdini-Trick im vollen Scheinwerferlicht: Es gibt nichts an diesen Erinnerungen,was politisch überraschend oder provokant wäre.
Ja, er hat an die Sache geglaubt, hat spät erkannt, daß sie vor den Baum geht, und findet nach wie vor, daß es »eine Alternative zum Kapitalismus geben« müsse - jeder Wetterbericht ist aufregender.
Es scheint, als ergänze jeder für sich, was Wolf verschweigt, weshalb jeder ein anderes Buch liest. Was unnötig ist, denn Wolfs Erinnerungen sind farbig und interessant genug. Jeder wußte etwa, daß Herbert Wehner schaukelte und intrigierte, und Wolf schildert durchaus packend, wie er es tat.
Wolfs Memoiren bilden die Dummheiten, Fehleinschätzungen und Eitelkeiten der politischen Arena mit unterkühltem Vergnügen ab. Da ist die Geschwätzigkeit von Strauß, die eisige Entschlossenheit Honeckers beim Putsch gegen Ulbricht, aber auch die Absurdität der Geheimdienstwelt. Etwa der Slapstik einer ungewollten Zwischenlandung in New York, wo chinesische Geheimkuriere ihre Akten aufaßen, um sie nicht dem Feind in die Hände fallenzulassen.
Natürlich weiß Wolf bei seinem Publikum zu punkten. Ihm gehe es, sagt er, um Inventur auf beiden Seiten. Klartext: Nicht nur wir sollen die Hosen runterlassen müssen, sondern auch die anderen. So was kommt an. Jeder hier in Chemnitz hat es satt, in immer neuen Versuchen die eigene Biographie rechtfertigen zu müssen, und natürlich tun alle zusammen nichts anderes an diesem Abend, so lange, bis eine tragbare Version daraus wird, sozusagen Maßgeschneidertes von der Stange.
Eben das Modell Wolf. Markus Wolf ist der Erfolgstyp mit Grips und Geschmack, der die Wende, die Wenden mit Würde nahm, der Haltung bewahrte selbst bei seiner Festnahme, der seine paar Tage U-Haft mittlerweile als literarisches Material genießt, der jeden Prozeß überstand und jede Talkshow, und das oft besser als alle brüllenden Böllings und schwitzenden Mertes zusammen.
An diesem Abend spüren sie alle, daß es nicht darum geht, sich bis auf die Knochen zur Wahrheit abzuschälen - wer tut das schon? - , sondern darum, weiterzuleben.
Natürlich ist Wolf umstritten, und daß er das ist, ist ein Segen für die Pressedame des List Verlages und auch für Wolf selber. Mittlerweile sind 90 000 Exemplare seines Buches gedruckt. Die Querelen um das Buch, etwa mit der britischen Mitarbeiterin Anne McElvoy, haben nicht geschadet, sondern genützt. Auch in den USA gibt es solide Absätze, und eine Lesetour dort wäre ein Traum. Noch verweigern ihm die Amerikaner das Visum. »Aber irgendwann werde ich es dorthin schaffen«, sagt Wolf. Nach Amerika, zum Klassenfeind, ins Sehnsuchtsland.
In 3 von 27 Städten dieser Fünf-Wochen-Tour waren Wolf-Veranstaltungen mit anonymen Drohungen und offenen Protesten gekippt worden. Die meisten Gegner
schimpften ihn einen Verräter: an der
Menschlichkeit, an politischen oder moralischen Prinzipien, an schwarzen, roten oder bunten Positionen, und der einzige, der diese Ironie auf eine stille, schmallächelnde Weise zu genießen scheint, ist Wolf selber: Verrat war sein Geschäft, und er war der Beste.
Dennoch hat es den Eindruck, als suche Wolf die Konfrontation, die Überprüfung seiner Rolle durch ein ablehnendes Publikum, die moralische Erdung, nicht um Buße zu tun, sondern um zu siegen mit der eigenen Vita, eine Art Seelen-Sparring, ein Biographie-Training, bis auch die letzten Schwächen daraus getilgt sind. Er ist Perfektionist.
Mittlerweile beherrscht er seine Verteidigungslinien im Schlaf. Die meisten Zwischenrufer, die seine lange Vasallentreue für ein Unrechtsregime beharken, macht er als Antikommunisten aus. Etwa die in Heidelberg, die von Gerhard Löwenthal gegen ihn »aufgehetzt« wurden. »Ich wußte gar nicht, daß es den noch gibt.«
Doch auch die womöglich gefährlichere Kritik aus den eigenen Reihen federt er lässig ab. Da ist dieser ältere, korpulente Mann mit Lederweste, den es so oder ähnlich auf fast jeder seiner Lesungen gibt, einer, der aufspringt und ruft: »Wie kommen Sie dazu, mit solchen Lesungen Geld zu machen, wo Tausende Ihrer ehemaligen Mitarbeiter arbeitslos sind?"Die simple Antwort wäre: Weil ich ein anderes Kaliber bin, du Knalltüte. Die geschmeidige, die politisch korrekte Wolf-Parade sieht so aus: »Ich denke oft an die Mitarbeiter, vor allem auch die im Westen, die jetzt im Gefängnis sitzen. Ich glaube, ihnen wäre durch mein Schweigen nicht geholfen. Im Gegenteil. Sie fühlen sich durch mich moralisch gestärkt und haben das Gefühl, nicht umsonst gelebt und gekämpft zu haben.«
Eine wasserdichte Weltmeisterantwort, die jedem zu kurz gekommenen Neidtrampel das Maul stopft und alle letzten Aufrechten mit dem altgewohnten Kampf-Pathos für die gerechte Sache versorgt, das ihnen an diesem Abend gereicht wird wie Manna in der Wüste.
Viele Fragen, die in Chemnitz gestellt werden, sind gar keine, sondern nur laut geführte Selbstgespräche, geteilte Erinnerungen, Einverständnis-Sentenzen. Etwa, wenn die Rede auf Erich Mielke kommt, »das blödeste Schwein, wo gibt« - so was laut sagen zu dürfen, hat selbst acht Jahre nach dem Fall der Mauer noch erleichternde Magie.
Anschließend drängen sie sich an den Signiertisch, um Wolf, diesen Elégant von einem anderen Stern, den man sich so gar nicht auf DDR reimen kann, zu berühren, ja: ihm zu schmeicheln, ihn aufzumuntern, als streichele man sich selber dabei. Ein Fallschirmspringer schiebt ihm eine Dokumentation der Auflösung des Luftsturmregiments der NVA zu. Wolf bedankt sich würdevoll. Später überreicht ihm ein Junge, der das T-Shirt »Meine Heimat - die DDR« trägt, rote Nelken. Und lobt ihn ergriffen mit dem wohl einzigen Kompliment, das man einem Geheimdienstchef nie machen sollte: »Er ist eine ehrliche Haut.«
Die Tour war ein Erfolg, darüber ist sich Markus Wolf mit Ehefrau und Pressedame beim anschließenden Essen einig. Er ist aufgekratzt und doch von einer gewissen Melancholie. »Er vermißt es schon jetzt«, sagt seine Frau. Wolf protestiert.
Aber was kommt als nächstes? Radfahren in Grünau? Ein Leben ohne Flucht ins Blitzlicht, ohne Wirbel, ohne öffentliche Persona? Ein Leben ohne Tarnung vor sich selber?
Wolf schüttelt sich, als müsse er einen bösen Schatten loswerden. Dann hebt er fröhlich das Glas und freut sich auf das kommende Wochenende in London, wo er auf Einladung seines englischen Verlegers Interviews geben wird.
Und irgendwann, setzt er sehnsüchtig hinzu, »irgendwann werde ich schon noch nach Amerika kommen«.
* Mit Walter Ulbricht, Erich Honecker, Erich Mielke.