AM RANDE Deep Kohl
Seit feststeht, daß die Erde keine Scheibe, dafür aber der Mensch eigentlich ein Affe ist, hat nichts die Welt so sehr erschüttert wie die Erkenntnis, daß auch hochentwickelte Affen nicht gut genug Schach spielen können, um einen Haufen verkabeltes Silizium zu besiegen. Die Niederlage des Menschen gegen den Superrechner von IBM ist auch deshalb so beschämend, weil Deep Blue außer Schachspielen gar nichts kann, nicht mal Triumph verspüren oder hämisch blinken. Seine Schaltkreise haben nicht den Hauch einer Ahnung davon, daß er von Pfeifen und Flaschen umgeben ist. Das unterscheidet ihn von den Menschen, beispielsweise von Oskar Lafontaine.
Der hatte Bundestagsabgeordnete als Flaschen bezeichnet und in seiner Mai-Ansprache vorgeschlagen, ausländische Abgeordnete könnten gegen »Dumpingdiäten« die »Pfeifen im Deutschen Bundestag« ablösen. So interessant der Vorschlag auf den ersten Blick erscheint, er hat doch einen entscheidenden Haken: Angesichts der Tatsache, daß hierzulande nicht mal Lafontaines eigene Partei, die SPD, große Lust zeigt, Verantwortung zu übernehmen, dürfte sich kaum ein Ausländer finden, der den Karren aus dem Schotter zieht und sich dafür auch noch beschimpfen läßt.
Für diese Aufgabe braucht es jemanden, der keine Emotionen zeigt - IBM hat da bestimmt was im Angebot. Auf die Dauer wäre ein Superrechner als Regierungsersatz nicht nur billiger (für manche Minister könnte schon ein gebrauchter Taschenrechner einspringen), sondern auch effektiver: Die aktuelle Steuerschätzung würde bei Deep Kohl nicht mehr mehrere Tage, sondern nur noch drei Millisekunden dauern, und zwar inklusive der herzlosen Streichung diverser Sozialmaßnahmen.
Wahrscheinlich wäre sogar noch genügend Speicher vorhanden, um dem Rechner ein paar Extras zu verpassen, etwa die Soundkarte »Möllemann«. Das ist ein wunderbar sinnfreies Spielzeug, eine Art Bildschirmschoner für die Ohren: Immer, wenn sonst nicht viel los ist, wird »Möllemann« aktiviert und schnarrt beliebige Sätze in ein virtuelles Mikrofon.
Mit ein bißchen Programmierkunst wäre, wie gesagt, der Unterschied zur wahren Politik kaum zu bemerken: Kanzler Kohl kann ja auch nicht hämisch blinken.