USA / KENNEDY-FOLGEN Defcon 1
Genau 75 Sekunden dauerte der Beifall für den neuen Präsidenten. Langsam, als schritte er noch im Trauergeleit für seinen Vorgänger, ging Lyndon B. Johnson im Kapitol auf die Rednertribüne zu.
Mit getragener Stimme, die zuweilen zu einem Flüstern herabsank, hielt er seine Antrittsrede in einer gemeinsamen Sitzung des Senats und des Abgeordnetenhauses.
Es war ein verwandelter Lyndon B. Johnson, der vor die gewählten Vertreter des amerikanischen Volkes hintrat. Die »New York Times« schrieb über den Mann, der in seiner Jugend als Lehrer das Fach Rhetorik unterrichtet hatte: »Nicht das, was er sagte, sein Programm und seine Politik, gab vielen in Washington ein neues Vertrauen in ihn. Es war mehr die Art, in der der Präsident sprach, die dramatische Kraft seiner Rede, das sichere Begreifen der Stimmung und des Augenblicks, die eine Stadt beeindruckte, welche sich lange Zeit daran gewöhnt hatte, von Johnson als 'flamboyant' zu denken.«
Das Programm, das Johnson in seiner ersten Rede als Präsident der USA verkündete, unterschied sich in nichts von dem seines Vorgängers, abgesehen von einer stärkeren Betonung des innenpolitischen Teils; seine Ansprache war in den gleichen gehämmerten kurzen Sätzen verfaßt wie die Reden John F. Kennedys - sie war auch von demselben Mann geschrieben, der Kennedys Reden vorbereitete, von Ted Sorensen.
»Unser Land wird zu seinen Verpflichtungen stehen - von Südvietnam bis Westberlin«, sagte Johnson. »Wir werden in dem Streben nach Frieden unermüdlich sein. Wir werden in unserer Suche nach Gebieten der Übereinstimmung selbst mit den Menschen, mit denen wir verschiedener Meinung sind, ideenreich sein. Und wir werden großzügig und loyal zu denen stehen, die sich mit uns in der gemeinsamen Sache zusammenschließen.«
Mit diesen Worten verkündete Johnson die Kontinuität der amerikanischen Außenpolitik. Sie waren an die ganze Welt gerichtet. Sie sollten nicht nur die Verbündeten Amerikas, insbesondere die Deutschen, beruhigen, denen Johnson einen baldigen Berlin-Besuch versprach, sondern vielleicht mehr noch die Russen, die mit unerwarteter Erschütterung den Tod Präsident Kennedys aufgenommen hatten,
Als die Nachricht vom Attentat am 22. November in Washington eintraf, trat in den USA sofort die Notstandsplanung in Kraft. Die Vereinigten Stabschefs der US-Streitkräfte eilten ins Pentagon. An die amerikanischen Kommandozentralen von Korea bis Westberlin erging der Befehl zu erhöhter Alarmbereitschaft.
Nach einer geheimen Präsidenten -Direktive blieben die fünf Stabschefs* beisammen, um die Verteidigungsbereitschaft der USA notfalls binnen Minuten auf Defcon 1 (Defense Condition 1 = höchste Alarmstufe) zu erhöhen: Hätte ein Gegner den plötzlichen Tod des Führers der freien Welt zu einem Überraschungsangriff genützt, wäre dem Angreifer die volle nukleare Kapazität der USA entgegengeworfen worden.
Es gab keinen Angreifer. Es gab einen trauernden Hinterbliebenen: Nikita Chruschtschow. Der Sowjetpremier, dem die Nachricht in Kiew überbracht wurde, flog sofort in seine Hauptstadt zurück. Im Moskauer Rundfunk erklang Orgelmusik von Johann Sebastian Bach.
Schwarz gekleidet, kondolierte Chruschtschow am Sonnabend dem US-Botschafter Foy Kohler: »Der Tod des Präsidenten ist ein schwerer Schlag für alle, denen die Sache des Friedens und der sowjetisch-amerikanischen Zusammenarbeit am Herzen liegt.«
Selbst Außenminister Andrej Gromyko, oftmaliger und zuweilen unaufrichtiger Gesprächspartner Kennedys
- auf Weisung seines Regierungschefs
mußte er Präsident Kennedy am Vorabend der Kuba-Krise ins Gesicht lügen, daß die Sowjet-Union keine Raketen auf der Zuckerinsel stationiert habe -, hatte Tränen in den Augen, als er die US-Botschaft verließ. Und wie Persiens Kaiserin Farah, wie der Präsident von Tanganjika, Julius Nyerere, und wie Italiens Sozialistenchef Pietro Nenni, weinte auch Nina Chruschtschowa.
Chruschtschows Kummer und die Tränen seiner Frau galten dem Mann, den sie mit einer Politik personifizierten, deren Endziel auch Chruschtschow vertritt: dem friedlichen Ausgleich zwischen den beiden Weltmächten, um eine atomare Apokalypse zu verhindern.
Für Chruschtschow bedeutete der Mord an Kennedy den Verlust eines Kontrahenten; von dem er einmal sagte, daß »dies ein ebenbürtiger Partner ist«.
Im Gespräch mit dem amerikanischen Korrespondenten Cyrus L. Sulzberger zog Chruschtschow einst einen Vergleich zwischen Kennedy und Eisenhower: »Er hat einen größeren politischen Weitblick. Kennedy formuliert seine eigenen Ideen, das ist seine Überlegenheit gegenüber Eisenhower. Ich habe das Gefühl, er versteht die Dinge besser. Kennedy ist vielleicht zu jung, er hat nicht genug Autorität und Prestige. Aber er wünscht keinen Krieg; nur ein Idiot wünscht Krieg.«
Chruschtschow verlor in Kennedy einen Gesprächspartner, mit dem er weltpolitische Probleme in vertraulichen Briefen zu erörtern pflegte, den Atomteststopp abgeschlossen hatte und den der Kremlchef über den »heißen Draht« jederzeit in kritischen Situationen ansprechen konnte. .
Mit dem Auftrag, zu erkunden, ob und inwieweit der neue Präsident Lyndof B. Johnson willens sei, die Kennedy -Politik fortzusetzen, schickte Chruschtschow seinen Ersten Stellvertreter Mikojan nach Washington.
Bei der bisher einzigen Begegnung Chruschtschow- Johnson 1959 in Amerika hatte der Ukrainer dem Texaner gesagt: »Ich habe alle Ihre Reden gelesen, aber nicht eine hat mir gefallen.«
In der Tat mußten die Ansichten, die Johnson zur Ostpolitik geäußert hatte, in Moskau den Eindruck erwecken, als sei er der Vertreter einer wenig flexiblen Linie (siehe Auszug Seite 57). Dennoch hatte sich der Vizepräsident ohne Einschränkung mit der Politik Kennedys identifiziert, einen Ausgleich mit der Sowjet-Union zu suchen.
In der letzten Woche konferierte Johnson in Washington eine Stunde lang mit Mikojan, der anschließend erklärte: »Wir waren der Meinung, daß die Politik der USA und meines Landes bleiben sollte, wie sie ist.«
In seiner Rede vor dem Kongreß bekräftigte Johnson denn auch die Grundüberzeugung, die dieser Politik des Ausgleichs zugrunde liegt: »In diesem Zeitalter, in dem es keine Verlierer im Frieden und keine Sieger im Krieg geben kann, müssen wir die Verpflichtung erkennen, nationale Stärke mit nationaler Zurückhaltung aufzuwiegen, müssen wir gleichzeitig auf beides, auf die Konfrontation der Stärke und die Beschränkung der Stärke, vorbereitet sein.«
Trotzdem bedeutet ein neuer Mann an der Spitze der Vereinigten Staaten zugleich eine Änderung der weltpolitischen Konstellation, wenn nicht in Zielen und Hoffnungen, so doch zumindest in den politischen Methoden. So waren Johnsons Beziehungen zu dem schwungvoll-intellektuellen Beraterstab Kennedys nicht die besten, und ein personeller Wechsel wird in den unteren Rängen des Weißen Hauses und in den oberen Rängen des Außenministeriums in Washington für wahrscheinlich gehalten.
Eine Veränderung der Methodik, die nicht ohne Rückwirkung auf die Außenpolitik der USA bleiben wird, klang bereits in Johnsons Kongreßbotschaft an. Der neue Präsident, der viele Jahre lang an führender Stelle im Kongreß gewirkt hat, will sich mehr als sein Vorgänger um die Zustimmung der 100 Senatoren und 437 Abgeordneten zu seiner Politik bemühen: »In diesem neuen Geist des Handelns kann der Kongreß die volle Zusammenarbeit und Unterstützung der Exekutive erwarten. Als einer, der lange in beiden Häusern des Kongresses gedient hat, glaube ich fest an die Unabhängigkeit der Legislative.«
Enge Zusammenarbeit mit dem konservativ gestimmten Kongreß aber bedeutet Verzicht auf spektakuläre Aktionen und schnelle Ergebnisse.
Der Republikaner Hickenlooper, einflußreiches Mitglied des Außenpolitischen Senatsausschusses, prophezeite bereits: »Johnson wird in der Ost-West -Situation mit mehr Nachdruck auf Verfolgung seiner Ziele bestehen, und er wird angebliche Konzessionen der anderen Seite sehr genau besehen, bevor er sie akzeptiert.«
* Generalstabschef Maxwell Taylor, Armee -General Earl Wheeler, Luftwaffengeneral Curtis LeMay, Admiral David McDonald und der Generalmajor des Marinekorps, Wallace M. Greene.
Daily Express
Der Neue
Sowjetpremier Chruschtschow*
Den Partner verloren
* Beim Kondolenzbesuch in der Amerikanischen Botschaft in Moskau.