Dehler
Konrad Adenauers Pressechef Felix von Eckardt trug sein Scherflein bei, um die ungemütliche Lage nach Thomas Dehlers oratorischen Kapriolen in Göttingen ("Die schwarz-rote Koalition mästet sich in Österreich am deutschen Eigentum") noch zu verschärfen. Vor der Presse erklärte er am letzten Mittwoch: »Der österreichische Bevollmächtigte, Gesandter Schöner,
hat eine Protestnote überreicht, die gegenwärtig geprüft wird«. Eckardt-Mitarbeiter erklären diesen falschen Zungenschlag mit einer Verwechslung: Der Pressechef habe die österreichische Demarche mit der ägyptischen Protestnote gegen das Israel-Abkommen in Gedanken durcheinandergebracht. *
Mitarbeiter des österreichischen Bevollmächtigten, Gesandten Schöner, erklärten nach Dehlers kühl aufgenommenem Entschuldigungsbesuch, der Gesandte habe »pflichtgemäß« nach Wien berichtet. »Die Entscheidung liegt in Wien.« Dehlers Göttinger Auftritt ist um so unglücklicher, als unter allen Häuptern freier europäischer Staaten nur der österreichische Bundespräsident immer noch keinen Botschafter oder Bevollmächtigten Minister und Gesandten bei Bundespräsident Heuss akkreditiert hat, weil das Mißtrauen des österreichischen Außenamtes unter dem 1938er Emigranten Dr. Karl Gruber noch immer stark ist. *
Wegen Dehlers lockerer Zunge entspann sich bereits im Januar 1950 ein Briefwechsel zwischen Konrad Adenauer und Hochkommissar
François-Poncet über den »schockierenden Charakter« einer Dehler-Rede auf dem Landesparteitag der FDP in Hamburg. Dehler hatte gesagt: »Wir haben das Recht, die These zu widerlegen, nach welcher Deutschland eine überwiegende Verantwortung für den ersten Weltkrieg gehabt haben soll. Deutschlands Verantwortung für den ersten Weltkrieg war nicht größer als diejenige Frankreichs ...« *
Im September 1950 forderte Thomas Dehler die Kritik der amerikanischen Hochkommission durch eine Rede in Erlangen heraus, in der er sagte, in der Bundesrepublik könne es keine Demokratie geben, solange die »Heiligen drei Könige vom Petersberg« (gemeint waren die Hochkommissare) die Macht in Händen hätten. *
Im November 1950 sagte Thomas Dehler in einem Münchner Bierkeller, die Bayernpartei schaffe »denselben Morast in Bayern, aus dem die Giftpflanze des Nationalsozialismus gewachsen ist. Die schlechteste Auswahl an Menschen, die als Abgeordnete nach Bonn geschickt wurden, hat Bayern gesandt.« *
Im März 1951 mußte sich Thomas Dehler zu Protokoll des Landgerichtes Bonn verpflichten, nicht wieder zu behaupten, Dr. Schumacher habe in England geäußert: man könne in Deutschland nur über eine Diktatur zur Demokratie kommen. Dr. Schumacher hatte zuvor den Bundesjustizminister in einem Zivilprozeß verklagt und beantragt, daß Dr. Dehler verurteilt werden solle, diese Behauptung nicht wiederholen zu dürfen. *
Ebenfalls im März 1951 beantragte der Oberstaatsanwalt in Amberg (Oberpfalz) die
Aufhebung der Immunität Dehlers. Die SPD-Fraktion teilte dazu mit, Dehler habe in einer Wahlversammlung dem Landtagsabgeordneten Falb zugerufen: »Halten Sie Ihren dummen Mund!« Er habe behauptet, Frau Falb müsse sich für ihren Mann schämen. *
Auf einer Wahlrede in Uslar sagte Thomas Dehler im April 1951, wie dem Nationalsozialismus sei auch der Sozialdemokratie das Recht nur Mittel zum Zweck. Wenn das Recht anfange, sie zu hindern, werde es hemmungslos gebrochen. *
Im Oktober 1951 mußte Thomas Dehler die bereits ausgearbeitete und im Manuskript verteilte Fassung einer Rundfunkrede zurückziehen, in der er als Antwort auf einen Angriff des bayerischen Gewerkschaftsfunktionärs Max Wönner sagen wollte: »Es ist eben manches faul, und darum geht es mir bei der Auseinandersetzung mit der Bürokratie des Deutschen Gewerkschaftsbundes, zu verhindern, daß sich ein bösartiges Geschwulst im deutschen Volkskörper bildet, an ihm schwärt und ihn verdirbt ... Ihre (der Gewerkschaften) ganze Weisheit bestand in der Übersteigerung der wahnwitzigen hitlerschen Zwangswirtschaft« Die Zurückziehung und Neufassung der Rede erfolgte auf Wunsch des Bundeskanzlers, nachdem der Deutsche Gewerkschaftsbund aus Protest gegen die Dehler-Rede die Teilnahme an einer Besprechung im Bundeswirtschaftsministerium abgesagt hatte. *
Im März 1952 forderte Thomas Dehler Protestkundgebungen des Verbandes der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen
und Sozialrentnern heraus, weil er in einer Rede in Fürth gesagt habe, ein Drittel aller Renten werde zu Unrecht bezogen. *
Im Juli 1952 hat Bundesminister Dehler gegen Herausgeber und Redakteure der sozialdemokratischen Wochenschrift »Neuer Vorwärts« bei der Zivilkammer des Landgerichtes Bonn ein Urteil auf Unterlassung erwirkt, wonach er nicht, wie es im »Neuen Vorwärts« geschehen war, »Amokredner« genannt werden darf. *
In der Debatte des Bundestages über das Strafrechts-Änderungsgesetz hat der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Arndt im März 1950 den Zwischenruf gemacht: »Wenn Herr Minister Dehler spricht, ist es jedes Mal ein nationales Unglück.«