* 1. Medizin von morgen * 1.3. Der (fast) unsterbliche Mensch - lässt sich das Altern hinausschieben DEN GÖTTERN GLEICH
Als er zum Sterben kam, bat Benedikt von Nursia seineKlosterbrüder um einen letzten Gefallen. Der Vater desabendländischen Mönchtums wollte stehend sterben, das Gesicht derMorgensonne zugewandt.
So geschah es. Bis zum letzten Atemzug, mit dem er seine Seeleaushauchte (am 27. März 547), hielt man ihn aufrecht - Ausdruck desRespekts vor Gottvater und seinen himmlischen Heerscharen, die denfrommen Mann zu sich holten.
Benedikt und die Seinen waren sicher, dass Sterben nicht dasEnde, sondern der Anfang des Eigentlichen - der Unsterblichkeit -sei. Beginn einer niemals endenden Glückseligkeit im Paradies, ohneSchmerzen oder Atemnot, ohne Hunger und Durst, in Gemeinschaft mitJesus und den Engeln.
Der Tod galt nicht nur dem heiligen Benedikt als Episode aufdem Weg zum ewigen Leben. Alle großen Religionen dieser Erdeverheißen dem Gläubigen Unsterblichkeit, denn der Mensch trägtschwer an seinem Wissen von der Endlichkeit alles Irdischen.
Doch die Versprechungen - Auferstehung, Wiedergeburt, ewigesLeben - schenken immer weniger Menschen Trost. Sie fürchten den Todals Ende, nicht als Verwandlung. Selbst den Heiligen Vätern in Romwird die eigene Krebsdiagnose verheimlicht.
Unsterblichkeit, wenn möglich eine garantierte, gehört zu denUr-Wünschen des Menschen. Sie würde ja nicht nur das Sterbenabschaffen - selbst Jesus von Nazareth starb nicht heiter undgelassen, vielmehr mit »lautem Schreien und Tränen«, wie es imHebräerbrief heißt -, sondern den Homo sapiens endlich seinenGöttern gleichstellen. Götter sterben nicht.
Ist es bald so weit? »Der bedeutendste Wandel in der Geschichteder Menschheit hat begonnen«, verkündet Michael Fossel, Professorfür klinische Medizin an der Michigan State University, »in 20Jahren können wir das Altern aufhalten und unsere biologische Uhrzurückstellen lassen.«
Der Amerikaner ist ein Giga-Optimist, aber er ist nicht allein.Immer mehr Naturwissenschaftler - Ärzte, Biologen, Physiker -erwarten einen evolutionären Sprung nach vorn: ganz langes,womöglich ewiges Leben auf Erden.
»In wenigen Jahren«, prophezeit Philipp Lee Miller vomLongevity Institute in Los Gatos, USA, »werden sich 80-Jährige wie20 fühlen und Sport treiben wie junge Leute.«
Wem das als Lebensperspektive zu strapaziös ist, der solltesich den Vorhersagen des New Yorker Professors Michio Kakuanvertrauen. Der erwartet eine Verdreifachung der Lebenserwartungund, schönernoch, einen Stillstand des Alterns. Wer will, der kann »vieleJahrzehnte als 30-Jähriger herumschweben«.
Möglich werde das alles, so orakeln die Prognostiker, durch dieepochalen Fortschritte der Gentechnik und der Reproduktionsmedizin,durch Keimbahnchirurgie, Jungbrunnen-Cocktails, Heilkunst in undaus der Retorte.
Unbestritten boomt dieser Zweig der Medizin. Die Beschäftigungmit den ersten und letzten Fragen des Mensch-Seins ist keineblutleere akademische Diskussionswissenschaft mehr - schon garnicht Theologie -, sondern profitables Business. Es wird viel Geldhineingesteckt, und noch mehr soll (und wird) herauskommen.
»Gentechnik eröffnet uns die tiefreichende Macht, unsere Kinderund die Zukunft unserer Art zu formen«, verkündet Gregory Stock,einer der Großen der Zunft, Direktor des Programms Science,Technology and Society an der University of California in LosAngeles.
In den Vereinigten Staaten seien, sagt Stock, Manipulationender menschlichen Keimbahn »unaufhaltbar«. Der Biophysiker weiß, wasdas bedeutet: »In vielen Bereichen beginnen wir Gott zu spielen...« - Gedankenpause - »... und wir können nicht zurück.«
Alles dreht sich um die Gene. Diese mikroskopisch kleinenErbeinheiten in den Zellkernen sind der Schlüssel zu Gesundheit undKrankheit, kurzem oder langem
Leben, Altern und Tod. Logischerweise
sind sie auch das biologische Substrat der Unsterblichkeit.
Der Mensch besteht aus gut 100 Billionen Zellen, dasPantoffeltierchen nur aus einer einzigen, die fehlerlosreproduziert wird. Deshalb ist das Pantoffeltierchen potenziellunsterblich. Warum die menschlichen Zellen altern, ist strittig.Kann sein, dass die »Verschleißtheorie« zutrifft - dann sterben dieZellen am Ende durch Abfallprodukte der biochemischen Reaktionen.Gut möglich auch, dass die Lebensspanne genetisch vorbestimmt ist -nach dieser »Programmtheorie« läuft im Erbgut eine Uhr, die dieZahl der Zellteilungen begrenzt.
Ob nun Verschleiß- oder Programmtheorie: Beide Mechanismenlassen sich manipulieren. Die Evolution tut nichts anderes. Sieschenkt der Eintagsfliege nur einen Morgen, der Riesenschildkröte150 Jahre, dem Elefanten sechsmal Backenzähne. Wenn deren letzteGarnitur, vier Stück à 40 Zentimeter, abgeschliffen ist, ist dergroße Pflanzenfresser am Ende. Unfähig, seine normale Nahrung zukauen, verendet er oder versinkt auf der Suche nach weichenWasserpflanzen klagend im Morast.
Wenn es gelingt, beim Menschen die Gene zu orten und zuverändern, die das Altern steuern, wenn es möglich wird, dieReproduktionsfehler bei der Zellteilung zu korrigieren, dann istdie visionäre schöne neue Welt nicht fern: Wer die Zellalterungbeherrscht, der realisiert den Jungbrunnen; wer die Kopierfehlerausmerzt, der nähert sich der Perfektion des Pantoffeltierchens.
Und das alles noch in diesem Jahrhundert? Sicher ist, dassnichts sicher ist, selbst das nicht. Dieses melancholische Fazitwird dem unsterblichen Humoristen Karl Valentin zugeschrieben. DieLeser der »Technology Review« werden heutzutage anders eingestimmt:auf das »Schatzhaus der Möglichkeiten«. In ihm, so heißt es, laufedas »spannendste, umstrittenste und verschwiegenste allerwissenschaftlichen Unterfangen«, die Jagd nach den embryonalenmenschlichen Stammzellen.
Wer sie in der Retorte zu kultivieren lernt, der kann neueOrgane nachwachsen lassen - Herzen, Nieren, Knochen, ganz nachBelieben. Auf dem Weg zum ewigen Leben sind das womöglich dieBausteine, nach denen sich nicht nur Transplantationschirurgensehnen.
Wer die Stammzellen des ungeborenen Menschen in seine kundigen,notwendigerweise skrupellosen Finger bekommt, der ist auch dem Klonnicht fern. Warum soll, was beim Schaf Dolly und beim SchweinDotcom geklappt hat, beim Menschen nicht funktionieren? Weil esverboten ist?
Der menschliche Klon, die Dublette des Individuums aufBestellung, ist das Substrat der Unsterblichkeit - er besiegt denTod, so wie früher der Glaube. HANS HALTER
* Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, 1530.