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MAHNMAL Denk mal

Die Bonner Parteien mühen sich um eine »zentrale Mahn- und Gedenkstätte« - in einem deutschen Trauerspiel. *
• aus DER SPIEGEL 16/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Fläche so groß wie sechs Fußballfelder, im Herzen des Bonner Regierungsviertels. Mitten aus dem grünen Rasen erhebt sich eine riesige Halle, darinnen Wandflächen mit »künstlerischer Darstellung der Opfer«. Am Boden, nicht zu betreten, Flächen mit Mosaiksteinen bedeckt, Sinnbild für die Toten, deren Gräber unauffindbar sind.

Und dann - lieber Gott: »Als verbindliches Zeichen wäre eine maßstäblich überzogene Dornenkrone, schwebend oder bodennahe, denkbar.«

Keine Szene aus einer Satire über die Bundeshauptstadt. Auch nicht ein Projekt aus dem Skizzenbuch von Hitlers Architekten Albert Speer.

Die schaurige Totenhalle, gekrönt von christlicher Symbolik, wurde im Auftrag Helmut Kohls vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge entworfen, und zwar nach dem Proporz-System: »Umfang und Größe müssen in einem angemessenen und würdigen Verhältnis zu dem unserem Volke in zwei Weltkriegen abverlangten Opfer stehen« - so die offizielle, unsägliche Begründung.

Kohls Plan einer Mahnhalle markiert den Beginn peinlicher Bemühungen der in Bonn Regierenden um eine zentrale Mahn- und Gedenkstätte. Und das ständige Drängen rechtskonservativer Flügelleute vom Rand der Union, der Opfer deutscher Geschichte angeblich würdig zu gedenken, zeigt das deutsche Unvermögen, Vergangenheit zu bewältigen - wer ist Opfer? Wer Täter? Schon vor dem Besuch von US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof Bitburg hatten Kohl und seine Gesinnungsfreunde Antworten darauf nicht gefunden.

Das Plenum des Bundestags versucht es jetzt, nachdem das Thema bisher nur intern erörtert wurde. Doch die Chancen stehen schlecht, wenigstens diesmal ein würdiges Verhältnis der Regierenden zur eigenen Geschichte zu gewinnen.

Ursprünglich stammt die Idee für eine neue Toten-Kultstätte von Helmut Schmidt. Beeindruckt von dem Denkmal für die Gefallenen des Vietnamkrieges in Washington - in schwarze Granitmauern sind 58000 Namen eingraviert -, beschloß der damalige SPD-Kanzler: »So etwas brauchen wir auch.«

Die Idee war den Protokollbeamten des Auswärtigen Amtes recht. Früher mußten sich ausländische Staatsoberhäupter, wenn sie von der Ehrenwache einen Kranz für die Toten des Gastlandes niederlegen ließen und in »gichtiger

Geste« ("Die Zeit") an den Kranzschleifen zupften, in den Bonner Hofgarten vor eine schlichte Ehrentafel bemühen. Da entstanden bei den Staatsgästen gelegentlich Zweifel, ob sie ihr Ritual am rechten Ort ableisteten.

Dann wurde die Tafel in den Nordfriedhof unter ein Kreuz verfrachtet - auch kein idealer Ort. Denn der Gottesacker liegt in trister Umgebung, zwischen Garagen und Kleinbetrieben. Beim Zeremoniell werden schon mal benachbarte Gräber zertrampelt.

Auch Schmidt hatte das Problem nicht lösen können, welche Helden geehrt werden sollen. Die Opfer des deutschen Volkes, es sind ja nicht nur die Gefallenen und von Bomben Getöteten, sondern auch jene, die von Deutschen zu Opfern gemacht wurden: Juden, Zigeuner, Homosexuelle, ein zentrales Mahnmal konnte nur Opfern und Geopferten zugleich gewidmet sein.

Mit solchen diffizilen Unterscheidungen mochte sich Schmidts Nachfolger nicht lange aufhalten. Bald nach Amtsübernahme rief der spätgeborene Enkel Adenauers ein Kuratorium zur Errichtung einer nationalen Mahn- und Gedenkstätte ins Leben, die an »Gefallene, Vermißte, verstorbene Kriegsgefangene, Opfer der Flucht und Vertreibung, Opfer der Gewalt und Opfer in der Heimat« erinnern sollte.

Mitglieder des Kuratoriums waren überwiegend Verbände, die dem rechten Erbe verpflichtet sind - Heimkehrer, Kriegsversehrte, Bundeswehrverband und Vertriebene. Außer der dornengekrönten Halle entwarfen die Verbandsfunktionäre von der Kriegsgräberfürsorge in einem »Aide-memoire« einen ganzen Schwall salbungsvoller Sentenzen im Sinne ihres Auftraggebers: _____« Ein Denkmal mit diesem Anspruch und dieser Aussage » _____« gehört zu den geistigen Richtlinien, die unser Volk auch » _____« heute benötigt... Die zu schaffende nationale » _____« Gedenkstätte soll daher Opfer und Geopferte in einem » _____« versöhnenden Gedenken vereinen, da nur mit dem Willen zur » _____« Versöhnung untereinander die Voraussetzungen für den » _____« inneren Frieden in unserem Volke geschaffen werden » _____« können. »

Vertreter jüdischer Organisationen waren weder im Kuratorium noch zu den Planungen eingeladen. Der Bund Deutscher Architekten und der Deutsche Kulturrat machten die hinter verschlossenen Türen ausgeheckten Pläne in einem Forum 1984 öffentlich. Der Hamburger Kunstprofessor Bazon Brock: »Das Kalkül der nach Würde lechzenden Nationaldenker darf nicht aufgehen.«

So schien es; die Pläne für die Totenhalle verschwanden in der Versenkung. Doch der Empfehlung von Architekten, man solle von allen Plänen lassen, weil die Zeit dafür noch nicht reif sei, mochten die Politiker nicht folgen.

Das Bundestagspräsident forderte die Fraktionen in einer »Informations- und Sachstandsunterlage« auf, des Mahnmals weiter zu gedenken: dies verlange schon das Staatsprotokoll.

Die SPD suchte dem Thema per Hearing mit Überlebenden aus Konzentrationslagern im letzten Juli beizukommen. Die Antworten derer, die für die Opfer deutscher Gewalt sprachen, stärkten _(Mit den Ex-Generälen Steinhoff (2. v. ) _(l.), Ridgeway (r.), im Mai 1985. )

die Zweifel der Genossen. So erklärte Herbert Birkenfelder vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, es sei »undenkbar, daß an ein und derselben Stelle der Opfer von Sinti und Roma gedacht werden soll und gleichzeitig derer, die für die Opfer zumindest Teilschuld tragen«. Gemeint waren auch die deutschen Soldaten.

Doch wenig später wurde, wenigstens im kleinen Kreis von Abgesandten aus CDU/CSU, FDP und SPD bei Bundestagspräsident Philipp Jenninger, eine gemeinsame Basis gefunden: Grundlage der Diskussion über das Mahnmal solle der Nekrolog sein, den der Bundespräsident jedes Jahr im Volkstrauertag spricht, plus seiner Rede vom 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation.

Der Katalog dieser Texte beläßt es nicht bei der unverbindlichen Phrase, man gedenke »in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft«, sondern nennt Opfer: Sinti und Roma, Homosexuelle und ermordete Geisteskranke.

Daß alte Kameraden neben Schwulen und Zigeunern geehrt werden könnten, erschreckte andererseits den Stahlhelmflügel. Jenninger mußte jetzt im Vorfeld der Plenardebatte den Sozialdemokraten mitteilen, der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Alfred Dregger sehe Richard von Weizsäckers Gedenkrede vom 8. Mai nicht mehr als Grundlage für künftige Beratungen an.

Die kurze Einigkeit war dahin: jetzt werden getrennte Vorlagen im Bundestag beraten. CDU/CSU und FDP begrüßen in ihrem Antrag eine würdige Gedenkstätte in der Bundeshauptstadt, gewidmet den »Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft, insbesondere den Toten unseres Volkes«. Sie scheinen entschlossen, so der SPD-Abgeordnete Peter Conradi, »die Sache alleine mit Mehrheit durchzuziehen«.

Conradi: »Ich wünsche denen gute Reise, ich kann mir nicht vorstellen, daß der Bundespräsident mitmacht.«

Gegen eine Totenehrung a la Stahlhelm wollen auch die Grünen mobil machen. Falls die Pläne für ein Mahnmal konkreter werden, wollen sie mit den Angehörigen von Nazi-Opfern in Bonn gegen das Mahnmal demonstrieren.

Noch ein Bitburg.

Mit den Ex-Generälen Steinhoff (2. v. l.), Ridgeway (r.), im Mai1985.

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