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USA / JOHNSON Der 36.

• aus DER SPIEGEL 49/1963
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Ich bin ein freier Mann, ein Amerikaner, ein US-Senator und ein Demokrat - in dieser Reihenfolge. Aber Ich bin auch ein Liberaler, ein Konservativer, ein Texaner, ein Steuerzahler, ein Rancher, ein Geschäftsmann, ein Konsument, ein Vater, ein Wähler - und das in keiner festgelegten Reihenfolge.

Lyndon B. Johnson, 1960

Der Mörder beugte sich vor und musterte noch einmal das Gesicht des Präsidenten, das er immer und immer wieder studiert hatte. Dann gab er sich einen Ruck. Er spannte den Abzugshahn seiner Schußwaffe und drückte ab. Wenige Sekunden später brach der Präsident zusammen.

Als der Staatschef im Sterben lag, rief er seinen verfassungsmäßigen Stellvertreter, den Vizepräsidenten Johnson. Kaum ein Wort entrang sich seinen Lippen. Der Vizepräsident verstand die Botschaft auch ohne Worte: Er solle, so interpretierte er das Vermächtnis des Toten, die von Bürgerkriegs-Erinnerungen und Negerfrage zwischen Nord und Süd tief gespaltene US-Nation wieder einigen.

Präsident Johnson handelte im Geist des großen Toten. Er, der Südstaatler, dessen Sympathien stets auf seiten des Nordens und der Rassenverständigung gelegen hatten, begann ein Versöhnungswerk, das den Süden mit dem Norden wieder vereinigen sollte. Doch seine Friedenspolitik stieß auf den Widerstand der Kongreßmehrheit, die keine Versöhnung wünschte; bald war der Präsident der meistgehaßte Mann im Lager der extremen Liberalen des Nordens.

Sie nannten den Südstaatler-Präsidenten Johnson einen »ausländischen Feind, den Bürger eines ausländischen Staates« und begeiferten ihn als »unverschämten, dem Trunke ergebenen Rohling«. Mehr noch: Sie verdächtigten ihn, an der Ermordung seines Vorgängers mitgewirkt zu haben.

Die Gegner wagten schließlich, was noch kein Kongreß einem Präsidenten angetan hatte: Dem Staatschef Johnson wurde wegen »schwerer Verbrechen und Amtsvergehen« der Prozeß gemacht. Nur eine Stimme fehlte für das ersehnte Verdammungsurteil - aber auch der qualvolle Freispruch reichte, den gedemütigten Präsidenten zu diskreditieren.

Was dem Südstaatler Andrew Johnson, dem Nachfolger Abraham Lincolns und 17. Präsidenten der Vereinigten Staaten, zwischen 1865 und 1869 mißlang, will ein knappes Jahrhundert später ein anderer Johnson, ein anderer Südstaatler, ein anderer Nachfolger eines ermordeten Präsidenten vollbringen: Der 55jährige Texaner Lyndon Baines Johnson, durch das tragische Ende John F. Kennedys zum 36. US -Staatschef aufgerückt, fühlt sich vom Schicksal dazu aufgerufen, die noch immer gespaltene amerikanische Nation zu einigen.

Auch darin spiegelt sich die Zerrissenheit des amerikanischen Volkes wider: Es hat erst der sinnlosesten Mordtat der Nachkriegszeit bedurft, um einen Südstaatler an die Spitze des Staates zu bringen. Nicht eigenes Gewicht, die Mordkugeln eines Fanatikers haben Johnson die Tür zum Weißen Haus aufgestoßen.

Lyndon Johnson ist damit nach hundert Jahren der erste Mann aus den Südstaaten der USA, der wieder ins Weiße Haus - ziehen durftet. Seit dem Bürgerkrieg (1861 bis 1865) und seit Lincoln-Nachfolger Johnson galt das ungeschriebene Gesetz, kein Südstaatler dürfe Präsident werden.

Noch 1958 prophezeite Lyndon Johnson, zu seinen Lebzeiten werde kein Südstaatler Eingang ins Weiße Haus finden. Und als ihm Staatschef Eisenhower bei einem Empfang im Weißen Haus voraussagte: »Eines Tages werden Sie auf meinem Stuhl sitzen!«, winkte Johnson ab: »Nein, das ist der Stuhl, auf dem ich niemals sitzen werde.«

Seine Südstaaten-Vergangenheit irritierte den ehrgeizigen Texaner derart, daß er, wie »Time« schrieb, »alles in Bewegung gesetzt hat bis auf den Versuch, den Staat Texas in die Rocky Mountains zu verlegen«. Zweimal beantragte Demokratenführer Johnson, die Texas-Delegation in die für die Weststaaten der USA zuständige Parteikonferenz aufzunehmen.

Er ließ umfangreiche Listen anfertigen, um den mißtrauischen Liberalen des Nordens zu beweisen, daß er - anders als die meisten Vertreter des Südens - im Kongreß stets für die Gleichberechtigung der Neger gestimmt hatte. Er nutzte jede Rede dazu, seine südstaatliche Herkunft hinwegzudisputieren.

»Wo immer ich auch hinkommen mag«, tönte er mit den langgezogenen Vokalen südstaatlichen Singsangs, »werde ich niemals als Südstaatler zu Südstaatlern sprechen oder als Weißer zu Weißen. Ich werde nur als Amerikaner zu Amerikanern sprechen.«

Die Mimikry des Südstaatlers Johnson gelang nur unvollkommen; der Mann aus Texas konnte sich seiner Vergangenheit nicht entledigen. Aber was Jahre hindurch als Belastung erschien, könnte sich nach dem Mord von Dallas als eine Wohltat für die Nation erweisen: Geschichtliche Ironie will, daß es einem Südstaatler in die Hand gegeben ist, Amerika aus der Vertrauenskrise zu befreien, die das Land erschüttert, seit sich der Schatten des Negerproblems immer bedrohlicher auf die westliche Führungsmacht herniedersenkt.

Nicht einmal der Schock des Kennedy -Mordes vereinigte alle Amerikaner an der Bahre des toten Präsidenten. Mochte auch die erdrückende Mehrheit um John F. Kennedy trauern - aus mancher Bar, aus manchem Fenster des Südens flakkerte der Freudenschein fanatischer Rassentrenner, die den Mord von Dallas feierten.

»Kurz nach Bekanntwerden des Attentats«, berichtete Ralph McGill, Herausgeber der »Atlanta Constitution«, »haben einige Zeitungen in den Südstaaten anonyme Anrufe von weißen Rassenfanatikern erhalten. Einer dieser Anrufer - typisch für alle anderen - sagte: 'Na, endlich haben sie den Niggerfreund erwischt. Ich weiß nicht, wer's war, aber er hat es sauber hinbekommen.'«

Mit so abartigen Stimmen reagiert ein Teil des weißen Südens auf den historischen Aufbruch des selbstbewußt gewordenen US-Negertums und jenes Reformprogramm, durch das John F. Kennedy die rebellische Stimmung unter den Farbigen abzufangen und die Gleichberechtigung der Neger in den Südstaaten zu sichern versuchte.

Der Widerstand der Weißen ist nicht auf die Zirkel fanatisierter Rassentrenner beschränkt. Die Wahlstatistiker der demokratischen Regierungspartei rechneten bereits aus, das im Sommer dieses Jahres dem Kongreß vorgelegte Negerprogramm Kennedys habe der Partei den Verlust von 4,5 Millionen weißer Wählerstimmen (gegenüber einem Gewinn von einer Million Negerstimmen) eingebracht.

In diesen Zahlen deutet sich ein inneramerikanischer Zwiespalt an, den nur ein Mann allmählich aufweichen kann, der in dem vom Trauma der Negerherrschaft besessenen Süden Vertrauen besitzt. Ein solcher Mann sitzt seit dem Mord von Dallas im Weißen Haus: Lyndon Baines Johnson.

Mögen auch die Rassenfanatiker in Dixieland ihn als »Verräter der Südstaaten« beschimpfen, mögen ihn extreme Negerführer und Liberale als verkappten Stoßtruppführer der weißen Vorherrschaft verdächtigen - Amerikas neuer Präsident steuert seit Jahrzehnten einen mittleren Kurs, der allein den Rassenfrieden gewährleisten kann.

Schon im Jahre 1957, als der damalige Senator Johnson nach achtzigjährigem Stillstand im Kongreß den ersten Gesetzesvorschlag für die Gleichberechtigung der Neger einbrachte, formulierte er sein Glaubensbekenntnis: »Die Gleichberechtigung der Neger ist ein Problem, das unser Land spaltet. Wir können es dazu benutzen, die Spaltung unseres Landes fortzusetzen, oder wir können darüber als verständige Männer argumentieren, die die große Aufgabe haben, eine Lösung zu finden.«

Und 1963, auf dem Bürgerkriegs -Schlachtfeld von Gettysburg: »Die Neger sagen: 'Jetzt.' Andere sagen: 'Nie.' Die Stimme der verantwortungsbewußten Amerikaner, die Stimme jener, die hier ihr Leben gelassen haben, die Stimme des großen Mannes (Lincoln), der hier gesprochen hat - diese Stimmen sagen: 'Wir alle zusammen.' Es gibt keinen anderen Weg.«

Johnsons Rhetorik würde freilich hohl klingen wie das Goodwill-Pathos seines Vorgängers Eisenhower, wüßte er sie nicht mit den Qualitäten eines ebenso erfolgreichen wie professionellen Politikers anzureichern: mit Mut, etwas Verschlagenheit, Sinn für politischen Pferdehandel und der Fähigkeit, anderen Menschen auf die Schulter zu klopfen.

Zivilcourage gestehen selbst die schärfsten Kritiker dem im Pferdesattel aufgewachsenen 190-Zentimeter-Mann zu, der einst einer Geheimorganisation angehörte, die den Terror der rassentrennerischen Gruselbande des Ku -Klux-Klan mit Gegenterror bekämpfte, und der sich als fliegender Korvettenkapitän im Pazifik 1942 Amerikas zweithöchste Tapferkeitsmedaille (Silver Star) holte.

Als ihn im Wahlkampf von 1960 eine Rotte Nixon-treuer Randalierer ("Nieder mit L. B. J., dem Texas-Verräter") unweit der Stelle, an der Präsident Kennedy drei Jahre später ermordet wurde, in einer Hotelhalle überfiel, breitete der baumlange Mann die Arme schützend vor seiner erschrockenen Ehefrau aus und lehnte ab, die Polizei zu rufen.

Fauchte Johnson: »Wenn wir schon soweit sind, daß ich mit meiner Lady nicht mehr ungeschützt durch die Halle eines Dallas-Hotels gehen kann, dann will ich's endlich wissen.« In wenigen Minuten war der Spuk der Nixon -Rowdys verflogen.

Aber Johnson hat nicht nur den Mut, sondern auch manche Kriegslist aus der Pionierzeit des Wilden Westens in die amerikanische Politik des 20. Jahrhunderts übertragen.

Er hält geringere Distanz zu korruptionsverdächtigen Freunden als andere Mitglieder der Kennedy-Administration. Der ihm befreundete Marineminister Fred Korth mußte wegen seiner undurchsichtigen Geschäfte das Pentagon räumen. Johnson rückte nicht von ihm ab. Der Fraktionssekretär der Demokratischen Partei im Senat, Robert G. Baker, ein Günstling Johnsons, wurde in den größten Korruptionsskandal dieses Jahres verwickelt. Johnson ließ kein Wort der Mißbilligung laut werden.

Auch die ihm vorgeworfenen wahlpolitischen Tricks halten nicht immer die Lackmusprobe demokratischerMoral aus. »Wäre der Staatsanwalt in Form«, behauptete einer seiner gehässigsten Gegner, der ehemalige Texas-Gouverneur Moody, »dann säße Johnson statt im Kongreß der Vereinigten Staaten im Bundesgefängnis.«

Bei den Vorwahlen zur Bestimmung des demokratischen Kandidaten für einen der beiden texanischen Senatssitze in Washington führte Johnson 1948 einen harten Feldzug gegen den Exgouverneur Coke R. Stevenson. Am Tage nach der Wahl lag Stevenson mit 1894 Stimmen vor Johnson. Als jedoch in den darauffolgenden Tagen eine Nachzählung stattfand, kehrte sich das Stärkeverhältnis um: Johnson war seinem Rivalen um 87 Stimmen voraus.

Wahlverlierer Stevenson wurde mißtrauisch und veranlaßte zwei ehemalige Detektive der Bundeskriminalpolizei, nachzuforschen, ob Wahlschiebungen vorlagen. Die beiden Detektive fanden manche Ungereimtheiten; besonders verdächtig erschienen ihnen die Vorgänge im Wahlbezirk 13 des Jim-Wells -Landkreises.

Dort waren drei Tage nach der Wahl 200 zusätzliche Stimmen zugunsten Johnsons in die Wahllisten eingetragen worden. Berichtete einer der Detektive: »Wir stellten fest, daß die Namen der letzten 200 Wähler sich in Tinte und Handschrift von den anderen unterschieden. Viele der neuen Namen wurden außerdem in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt, eine seltsame Sache, da ja Wähler im allgemeinen nicht alphabetisch im Wahllokal erscheinen.«

Stevensons Detektive überprüften zehn der 200 verdächtigen Spätwähler. Ergebnis: Keiner von ihnen hatte an der Vorwahl teilgenommen, jeder war bereit, darauf einen Eid zu schwören.

Nun erwirkte Stevenson bei einem Bundesbezirksgericht eine Einstweilige Verfügung und erreichte, daß Johnson nicht auf die Kandidatenliste gesetzt wurde. Daraufhin rief Johnson höhere Gerichte an und hatte Glück: Die verdächtigen Wahllisten verschwanden spurlos rechtzeitig genug, um dem Obersten Bundesgericht die Entscheidung zu erlauben, die Einstweilige Verfügung sei nicht Rechtens und Johnson könne an der Senatswahl teilnehmen.

Die Gegner konnten Lyndon Johnson niemals nachweisen, daß er an den Vorgängen im Jim-Wells-Landkreis beteiligt war, dennoch besaß er von Stund an einen Spitznamen: »Senator des 13. Wahlbezirks«. Eine Unzahl politischer Johnson-Witze schoß aus dem Boden, etwa dieser:

Ein Amerikaner mexikanischer Abstammung schlendert durch die Straßen von Texas und stößt plötzlich auf seinen alten Freund Paco, der am Straßenrand kauert und bitterlich weint. Der Freund fragt Paco nach dem Grund seines Trübsinns.

Paco: »Ach, am Sonnabend war mein alter Vater hier, aber er ist nicht bei mir vorbeigekommen. Er hat mich nicht besucht.«

Der Freund: »Nun hör mal zu, dein Vater ist doch seit zehn Jahren tot!«

Paco: »Mag ja sein. Aber er war doch am Sonntag hier, und er hat für Lyndon Johnson gestimmt, und er ist nicht bei mir vorbeigekommen.«

Außer mit seiner Kriegslist weiß Johnson texanische Gemüter auch durch seinen persönlichen Stil zu beeindrukken. Eine Mischung aus Eitelkeit, politischem Sendungsbewußtsein und dem Besitzerstolz des reich gewordenen Selfmademan bestimmt das Erscheinungsbild von Lyndon Johnson.

Es spiegelt sich vor allem in dem Kult wider, den Amerikas neuer Präsident mit den drei Anfangsbuchstaben seines Namens - LBJ - treibt.

LBJ ist eingestickt auf der blauen, fünfsternigen Hausstandarte, die Johnson am Mast seiner Farm im westlichen Texas führt. LBJ prangt in großformatigen Buchstaben auf den Propagandaschriften des Hauses Johnson, die von den Erfolgen des größten lebenden Texaners künden. LBJ heißen die Brandzeichen der Rinder, die den Ruhm des Ranchers Johnson durch Texas tragen.

Auch das letzte Familienmitglied steht im Banne der drei Buchstaben: Ehefrau Claudia Alta Johnson muß aus Gründen der Hauspolitik ihren von einer Negeramme verliehenen Kosenamen »Lady Bird« (Marienkäferchen) weiterhin tragen, die Töchter Lynda Bird, 19, und Lucy Baines, 16, erweisen LBJ ihre Reverenz, und selbst »Little Beagle«, der Hund der Familie, weiß sich als wertvollerPublicity-Gehilfe von seinem Herrn geschätzt.

Der Boß unterwirft sich ebenfalls bis zum intimsten Kleidungsstück dem LBJ -Kult. Vom Oberhemd bis zum Taschentuch, vom Juwelenring bis zum Anzug ("Time": »Johnson würde lieber tot aufgefunden werden als in einem Anzug, der weniger als 200 Dollar gekostet hat")

- überall prangen die Initialen des

großen Mannes.

Als er, der 1963 vom Amerikanischen Modeinstitut zum »bestgekleideten Politiker« gewählt wurde, vor Jahren nach einem schweren Herzanfall mit dem Tode rechnen mußte, fragte sein Schneider besorgt an, ob er die in Auftrag gegebenen Anzüge, einen braunen und einen blauen, fertigstellen solle. Johnson entschied: »Er soll am blauen Anzug weitermachen. Den kann man in jedem Falle gebrauchen.«

Diese Kombination von Selbstironie und Großmannssucht hat viele Johnson -Biographen verleitet, in dem Nachfolger Kennedys nichts weiter als einen echten Sohn seiner texanischen Heimat zu sehen, deren sprichwörtliche Gigantomanie sich schon in dem »Almanach von Texas« niederschlägt: »Texas füllt den ganzen nordamerikanischen Kontinent aus, mit Ausnahme eines kleinen Bruchteiles, den es Mexiko, den Vereinigten Staaten und Kanada überläßt*.«

Tatsächlich aber entstammt Johnson keineswegs dem Texas der konservativen Multimillionäre, Ölindustriellen und kriegerischen Traditionen. Seine Wiege stand vielmehr in einem Landstrich, den man das liberale Texas nennen kann: in Südtexas, dem Land der Siedler, Cowboys und Prediger.

Lyndon Baines Johnson wurde am 27. August 1908 in einem armseligen Blockhaus am Ufer des Pedernales River nahe der südtexanischen Stadt Stonewall geboren. Flugs sattelte Vater Sam Ealy Johnson, Rancher und Viehzüchter, sein Pferd und galoppierte von Nachbar zu Nachbar mit dem Ruf: »Heute ist ein US-Senator geboren worden!«

Die Nachbarn waren zumeist deutsche Kleinbauern, die Mitte des 19. Jahrhunderts die sklavenhaltenden Südstaaten verlassen und sich im Hügelland des südlichen Texas angesiedelt hatten. Sie mochten die Johnsons gern, die schon in sechster Generation Vieh züchteten und Land rodeten.

Des Präsidenten Großmutter hatte sich noch in einer Mehltonne verstekken müssen, um den Tomahawks heranheulender Indianer zu entgehen. Ein Großvater mütterlicherseits, der Prediger Baines, galt als einer der Großen von Texas, weil er die erste texanische Universität mitgegründet hatte; ein anderer Vorfahr überredete den ersten Präsidenten der Texas-Republik, Sam Houston, sich von dessen indianischer Squaw und vom Alkohol zu trennen.

Auch die Johnsons hielten zu den deutschen Nachbarn. Sie teilten mit den Deutschen die Furcht vor Indianern und Viehdieben, aber auch eine gemeinsame politische Ideologie: Sie waren sämtlich Anhänger der populistischen Bewegung, einer um die Jahrhundertwende mächtigen Partei, die mit sozialrevolutionärem Pathos das agrarische Amerika gegen den verderblichen Einfluß kapitalistischer Raubritter und Trusts verteidigte.

Vater Sam Ealy saß im Repräsentantenhaus von Texas als populistischer Abgeordneter und wahrte die Interessen seiner Siedler. Als das Texas-Parlament im Ersten Weltkrieg die Verbreitung der deutschen Sprache verbieten wollte, zog er mit seinen Freunden gegen die antideutschen Parlamentarier zu Felde.

Aus dieser Zeit hat sich Amerikas 36. Präsident die Sympathie für die Deutschen inner- und außerhalb der USA bewahrt.

Noch im April 1961 erinnerte er sich bei einem Besuch des von ihm verehrten Konrad Adenauer ("Einer der echten Giganten unserer Zeit") vor dem Texas -Parlament: »Die Deutschen, die für Texas so viel bedeutet haben, kamen hierher auf der Suche nach Freiheit und Frieden. Während all der Jahre, in denen Texas ein . . . Staat wurde, haben diese Leute einen großen Beitrag zu diesem Staat, zu unserer Nation und zu der Sache geleistet, die wir heute zusammen mit allen freien Menschen vertreten.«

Zunächst freilich schien der junge Lyndon keineswegs aufgelegt, die ihm vom Vater in der ersten Lebensstunde prophezeite Politkarriere einzuschlagen. Uninteressiert lümmelte er auf den Farmkoppeln herum und schloß sich Freunden an, die nach Kalifornien trampten und sich als Straßenarbeiter und Liftboys verdingten.

Doch so hatte sich Mutter Rebekah Johnson die Karriere ihres Jungen nicht vorgestellt. Johnson erinnert sich noch heute seiner Mutter, die eines. Sonntagmorgens am Rand seines Bettes saß und auf ihn einredete: »Wenn man denkt, daß mein Ältester mit einem solchen Leben zufrieden ist...«

Lyndon gab seiner Mutter nach, kratzte 75 Dollar zusammen und ging nach San Marcos, um die dortige Lehrerbildungsanstalt zu besuchen. 1930 bestand er sein Lehrerexamen und ging an eine Oberschule in Houston, wo er unter anderem Trainer des Debattierklubs war.

Als Vater Sam Ealy hörte, daß sein Sohn rednerische Begabung habe, kam er auf eine Idee. Er wandte sich an seinen Freund Sam Rayburn, der mit ihm zusammen im texanischen Repräsentantenhaus gesessen hatte und inzwischen in den Washingtoner Kongreß übergewechselt war.

»Mr. Sam«, wie später die Amerikaner den mächtigen Sprecher des Repräsentantenhauses nannten, interessierte sich für den Sohn seines alten Freundes und bat, er möge Lyndon einmal nach Washington schicken.

Die Chance ergab sich bald. Lehrer Lyndon B. Johnson hatte 1932 dem texanischen Kongreßabgeordneten Kleberg bei dessen Wahl in das Washingtoner Repräsentantenhaus geholfen, der ihn daraufhin als Sekretär in die Bundeshauptstadt mitnahm.

Sam Rayburn half dem erfolgversprechenden Landsmann weiter. Dank Rayburns Vermittlung wurde Johnson zum Leiter der Nationalen Jugend-Verwaltung in Texas ernannt, einer der vielen Wohlfahrtsorganisationen des Rooseveltschen New-Deal-Programms in den Tagen der großen Depression.

Doch noch ehe der junge Texaner in die Heimat zurückkehrte, konnte er seine materielle Basis auf ungeahnte Weise verbreitern. Lyndon Johnson lernte die reiche texanische Rancherstochter Claudia Alta Taylor kennen und machte ihr schon bei der ersten Begegnung einen Heiratsantrag. Zehn Wochen später standen die beiden vor dem Altar.

»Meine Tante erhob Bedenken«, berichtete die First Lady, »aber mein Daddy sagte, manchmal würden die besten Geschäfte in Windeseile abgeschlossen.«

Und während Roosevelts texanischer Jugend-Administrator vor allem Negern und mexikanischen Einwanderern - seit jener Zeit seine treuesten Wähler - Arbeitsstellen und (manchmal aus eigener Tasche) Unterstützungsbeiträge verschaffte, machte sich die geschäftskundige Farmerstochter daran, den Besitz der Familie zu erweitern.

Als später bekannt wurde, die Johnsons besäßen außer ihrer 200-Morgen -Ranch und drei weiteren Rinderfarmen Fernseh- und Rundfunkstationen in Austin und Weslaco sowie Anteile von Rundfunkgesellschaften in Waco und Bryan (Nettovermögen: 20 Millionen Mark), kam der Verdacht der Korruption auf. Johnson-Gegner Moody: »Er hat sich im Amt bereichert.«

Die Kritiker Johnsons stützten sich auf den Umstand, daß Lady Birds väterliche Ranch niemals genügend Geld erbracht haben konnte, um ins Rundfunk- und Fernsehgeschäft einzusteigen. Erst 1959 konnte Johnson den Korruptionsverdacht entkräften: Das Geld seiner Frau stammte nicht von Lady Birds Vater, sondern von der frühverstorbenen Mutter - insgesamt 67 000 Dollar.

Das in die Ehe mitgebrachte Geld katapultierte den Texaner auf die Washingtoner Szene. Lady Bird machte 3000 Dollar eigener Ersparnisse und 10 000 Dollar bei ihrem Vater locker, als 1937 der texanische Abgeordnete Buchanan starb und Johnson sich entschloß, dessen Platz im Bundesparlament zu erobern.

Die Dollars von Lady Bird hätten jedoch für den Sieg nicht ausgereicht, wäre nicht Lyndon Johnson zu einem Wagnis bereit gewesen, das im damaligen Texas als politischer Selbstmord galt: Er focht als einziger unter zehn Kandidaten für Roosevelts sozialreformerisches New-Deal-Programm, zog damit das Feuer seiner Rivalen auf sich und war wochenlang der meistgenannte Mann in Texas.

Als er den Sieg über die Rivalen erfochten hatte; schickte Präsident Roosevelt, der gerade mit seiner Jacht im Golf von Mexiko kreuzte« nach dem neuen Abgeordneten. Der Staatschef ließ seinen Sonderzug anrollen, mit dem Sieger Johnson in Washington einziehen durfte.

Die Begegnung im Golf von Mexiko begründete eine Freundschaft zwischen Roosevelt und Johnson, die über den Tod des Präsidenten im April 1945 hinaus währte. Johnson: »Er war wie ein Väter zu mir.«

Fast jeden Sonntag fand sich Lehrling Johnson bei seinem Meister im Weißen Haus ein, und noch heute haftet ihm an, daß er einst zur jungen Garde Roosevelts gehörte. Zwei seiner engsten Berater - der Außenpolitiker Dean Acheson und der Sozialpolitiker Benjamin Cohen - sind denn auch ehemalige Roosevelt-Gardisten.

Was Roosevelt und Johnson miteinander verband, war mehr als die Sozialphilosophie des New Deal. In ihnen begegneten sich zwei wesensgleiche Politiker, die - so verschieden ihr Niveau

- übertriebenem Intellektualismus in

der Politik abhold waren, fremd jedem hohen Gedankenflug des politischen Idealismus, aber Meister des politischen Tagesgeschäfts, des Ausbalancierens widerstreitender Interessen.

»Politik ist die Wissenschaft des Möglichen«, sagt Lyndon Johnson. »Mein Daddy hat mich gelehrt, aus der Schußlinie zu bleiben, wenn ich nicht angeschossen werden will. Das ist Politik.«

Und: »Das einzige, was die politischen Kreuzzügler können, ist kämpfen, kämpfen und kämpfen. Und dann bekommen sie doch nur 15 Stimmen im Senat. Ich dagegen würde lieber einen Freund als einen Streit gewinnen.«

Sein nüchtern-praktischer Politverstand trieb ihn immer stärker in die vordersten Ränge der Demokratischen Partei. 1948 eroberte er einen der beiden Senatssitze für Texas, liierte sich mit den konservativen Ölindustriellen ("Man kann kein Staatsmann sein, wenn man nicht wiedergewählt wird") und schloß das Jahr 1953 mit einem Rekordereignis ab: Er wurde der jüngste Fraktionschef in der Geschichte des US-Kongresses.

»Er ist nicht der beste Kopf der demokratischen Senatsfraktion«, lobte ihn der Südstaaten-Senator Richard Russell, der ihn auf den Posten gelotst hatte. »Er ist nicht der beste Redner, und er ist auch nicht der beste Parlamentarier. Aber er ist die beste Kombination aller dieser Qualitäten.«

Der neue demokratische Fraktionschef im Senat bewies bald, daß in ihm ein Meister parlamentarischer Winkelzüge steckte, ein Künstler der Menschenbehandlung, ein Stratege des politischen Kompromisses.

Lyndon Johnson scharte junge Senatoren um sich, denen er - wider alle Tradition - die einflußreichsten Posten in den Senatsausschüssen zuschanzte. Für jeden neuen Senator gab er eine prächtige Willkommparty, er kannte die Sorgen jedes Kollegen. Keine Reise war ihm zu weit, um einen in Wahlnöten steckenden Senator durch Redeeinsatz herauszupauken.

Wurde ein Senator krank, so ließ er sich täglich über den Fortgang der Gesundung berichten. Glaubte ein Kollege, die Chancen seiner Wiederwahl seien von der Annahme einer Gesetzesvorlage abhängig, die dem Heimatstaat eine neue Brücke oder neue Rüstungsaufträge sicherte - stets stand Johnson zur Stelle, Gesetzesvorlagen vorzuziehen (oder hinauszuzögern).

Galt es aber, eine demokratische Vorlage sicher durchzubringen, dann begann er, was die Kollegen ironisch und neidisch »the treatment« nannten: das Einreden auf die Senatoren. Ein kleiner verständnisvoller Wink, ein kräftiger Texanerschlag auf die Schultern, ein Locken mit winzigen Gegengeschäften oder größeren Konzessionen - nie ging ihm die Phantasie aus, die Lage zu retten.

Schier pausenlos saß er in seinem Senatsbüro und zog die Drähte des parlamentarischen Betriebes.

Täglich war er 18 Stunden auf den Beinen, das Telephon unermüdlich in der Hand, pro Tag drei Zigarettenpackungen konsumierend. Staunend sahen die Kollegen, daß Johnson bewirkte, was es seit einem Menschenalter nicht mehr gegeben hatte: die Einheit der zwischen Nord und Süd gespaltenen Demokratenpartei im Senat.

Und doch begehrte der kritikempfindliche Mann auf, wenn ihn die Presse den Machiavell des Senats nannte: »Würde es Ihnen gefallen, wenn Ihre kleine Tochter lesen würde, Sie seien ein 'Hinterzimmer-Manipulant' oder ein 'Drahtzieher'?« Lady Bird besänftigte: »Er ist der komplizierteste und doch der einfachste Mann und manchmal ein ganz trauriger Geselle.«

Seine Melancholie entstammte seiner

südstaatlichen Herkunft, die noch höherer Karriere Schranken setzte. Er hatte

ungeahnte Höhen erklommen, er galt an der Spitze der demokratischen Mehrheitspartei als eine Art Gegenpräsident der Eisenhower-Ära, ohne dessen Zustimmung keine Gesetzesvorlage der republikanischen Administration den Senat passieren konnte.

Schon tippten im Sommer 1960 von 220 Mitgliedern des Kongresses 54 Prozent auf Johnson als den wahrscheinlichsten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, schon prophezeite Johnson-Adlatus Mike Mansfield: »Der Senat ist sozusagen der Führersitz des Wahlkampfes. Von hier kommt unser nächster Präsident. Und wer ist der Führer des Senats?« Antwort: Lyndon Johnson.

Doch der Texaner wußte es besser. Er erkannte, daß er sich seiner Südstaaten-Herkunft entledigen und vom Öldunst texanischer Provinzialität befreien mußte, ehe er hoffen konnte, das Zutrauen der Liberalen im Norden der Union zu gewinnen. Dahin aber führte nur ein Weg: Er mußte die brennendste Frage amerikanischer Innenpolitik aufgreifen - das Rassenproblem.

Als Manipulator und Garant demokratischer Partei-Einheit konnte er damit rechnen, selbst die Südstaaten -Senatoren für ein vorsichtiges Emanzipationsprogramm zu gewinnen. Der erste Anlauf gelang: 1957 präsentierte er dem Senat eine. Gesetzesvorlage, die den Bundesbehörden eine begrenzte Intervention bei der Sicherung des Wahlrechts farbiger US-Bürger zusicherte.

Das Gesetz war als ein erster Schritt gedacht. Insgeheim präparierte Johnson für die Schlußsession des Kongresses vor den Präsidentschaftswahlen von 1960 eine großangelegte Negerschutzvorlage, die seinen Namen tragen sollte. Mit ihr gedachte er vor dem demokratischen Parteikonvent - endlich bar des südstaatlichen Stigmas - die Präsidentschaftskandidatur für sich zu fordern.

Nikita Chruschtschows überraschend angesetzter Amerika-Besuch vereitelte den Johnson-Plan. Der Kongreß kürzte das Sitzungsprogramm ab, Johnson sah keine weitere Chance für sein Geheimprojekt.

Senatsführer Johnson hatte außerdem zu spät erkannt, daß längst am Horizont demokratischer Präsidentschaftshoffnungen ein Stern aufgegangen war, der in kürzester Zeit die langgeübte Star -Rolle des Texaners in den Schatten stellen sollte: John Fitzgerald Kennedy erhob Anspruch auf das höchste Amt im Staate.

Angesichts der Ausstrahlung des jugendlichen Helden versagte der praktische Sinn des Berufspolitikers Johnson. Der junge Senator aus Boston hatte nie zum Club« gehört, zum innersten Kreis des Senats. Er entzog sich der Hinterzimmer-Politik, die Johnson so meisterhaft beherrschte, und überschaute von höherer Warte das allzu alltägliche Spiel der Politikaster um Wiederwahl, Senatsposten und Einfluß.

Immer wieder warf Johnson - dem »jungen Jack« vor, daß er oft bei entscheidenden Abstimmungen im Senat fehlte. Der um acht Jahre ältere Fraktionschef rügte: »Jack war draußen im Lande und küßte Babys, während ich die Gesetze durchbringen mußte.«

Die beiden Männer schienen verschiedenen Generationen und verschiedenen Welten zu entstammen. Es gab kaum grellere Gegensätze als den kühl-zurückhaltenden, stets konservativ gekleideten Neuengländer und den mit schreienden Krawatten und allzu farbenprächtigen Anzügen demonstrierenden Texaner.

Hier stießen zwei Archetypen der Politik aufeinander: Kennedy verkörperte den amerikanischen Traum, Johnson die amerikanische Wirklichkeit. Der eine las Bücher und lange Memoranden, der andere Magazine und kurzgefaßte Notizen; der eine besaß die Liebe zum Detail, dem anderen genügten Faustregeln, Common sense.

Schon ihr Gang enthüllte den Unterschied: Kennedy schritt steif, mit hochgezogenen Schultern und ein wenig nachdenklich - Johnson aber marschiert zielbewußt mit festem Schritt über die Szene.

Ebenso unterschied sich ihr Patriotismus. Kennedys Nationalgefühl war dank der Berührung mit dem Ausland »sophisticated«, intellektuell verfeinert - Johnsons auslandsunerfahrener Patriotismus stammt aus Texas, dem Land der Superpatrioten, die Amerika (wenn nicht gar Texas) für die wahre Mutter aller Kultur halten.

Dabei hatten sie politisch manches gemeinsam: Johnson erhob bereits als Fraktionschef die national- und militärpolitischen Forderungen, die später zum Programm des Kandidaten Kennedy gehörten - stärkere Anstrengungen in der Verteidigung ohne Rücksicht auf die Budgetbalance, eine ausgewogenere Militärstrategie, erhöhte Auslandshilfe, Verbesserung des Schulwesens.

Noch am Vortag des Abstimmungskampfes im Parteikonvent gestand Kennedy: »Ich werde nicht mit ihm debattieren, weil ich nicht glaube, daß Senator Johnson und ich in den großen Fragen verschiedener Meinung sind.«

Nur in den liberaleren Passagen des Kennedy-Programms konnten sie sich nicht einigen; der gemäßigte Johnson warnte, etwa in der Rassenfrage den Liberalen des Nordens die Zügel zu überlassen, Auch mahnte er, der Präsident dürfe nicht ein Gefangener der Gewerkschaften werden.

Dennoch unterschätzte der Texaner die Präsidentschaftschancen Kennedys. Und dieses Fehlurteil verführte ihn zu einem argen Mißgriff: Er ließ sich von den Alten der Partei, von Expräsident Truman und Familienfreund Sam Rayburn, als Rammbock gegen den angeblich unreifen Kennedy benutzen.

»Mr. Sam« gab das Startzeichen zu einer »Johnson-for-President«-Kampagne, die den Senator in einen immer heftigeren Gegensatz zu dem Kollegen Kennedy hineintrieb.

Johnson warf dem jungen Mann aus Boston vor; er habe nicht an dem entscheidenden Tadelsantrag gegen den antikomniunistischen Hexenjäger Mc-Carthy, teilgenommen, ihm fehle das »graue Haar«, und er sei mithin für die Präsidentschaft ungeeignet.

Er verschonte nicht einmal Kennedys Vater, der vor dem Zweiten Weltkrieg als US-Botschafter in London die Appeasementpolitik unterstützt hatte: »Ich war niemals ein Anhänger von Regenschirm-Chamberlain. Ich habe nie geglaubt, daß Hitler recht hatte.«

Mit gleicher Härte gab Kennedy zurück: »Vor einigen Tagen hat ein anderer Kandidat gesagt, wir bedürften eines Mannes mit etwas Grau in seinem Haar. Wir werden ihm dieses Grau schon ins Haar bringen und nicht mehr damit aufhören.«

Kennedy ging noch weiter. Er kündigte an, als Präsident werde er dafür Sorge tragen, daß sein schärfster Rivale den Posten des demokratischen Senatsführers verliere.

Nur wenige aber - Johnson gehörte nicht zu ihnen - ahnten, daß Kennedy damals bereits entschlossen war, seinen Nebenbuhler als Vizepräsidenten mit ins Amt zu nehmen. Er sprach es später aus: »Lyndon Johnson ist der einzige andere Mann, von dem ich mir vorstellen kann, daß er die Eignung für das Präsidentenamt besitzt.«

Und kaum hatte John F. Kennedy am 13. Juli 1960 auf dem demokratischen Parteikonvent in Los Angeles mit 806 Stimmen über seinen halb so starken Rivalen Johnson (409 Stimmen) triumphiert, da offenbarte er seinen Freunden, er wolle gemeinsam mit dem unterlegenen Texaner in den Wahlkampf gehen.

Bobby Kennedy, Jacks Bruder und Wahlmanager, war entsetzt. Er hielt dem Sieger entgegen, Johnson sei viel zu konservativ und habe dem Ansehen Jacks schwer geschadet. Mennen Williams, heute Unterstaatssekretär im State Department: »Eine schreckliche Wahl.«

John F. Kennedy ließ sich jedoch nicht beirren: Nur mit Johnson - so argumentierte er - könne er hoffen, die von dem liberalen Wahlprogramm ohnehin schockierten Südstaaten bei der Parteistange zu halten und vor einem Überlaufen zu den Republikanern Richard Nixons zu bewahren.

Am Morgen des 14. Juli 1960 um genau 7.55 Uhr fiel die Entscheidung. Kandidat Kennedy ließ sich mit Lyndon Johnson im siebten Stockwerk des Biltmore-Hotels in Los Angeles verbinden. Lady Bird nahm schlaftrunken den Telephonhörer auf und weckte sofort ihren Mann: »It's Jack, dear.« Die beiden Rivalen verabredeten sich für zehn Uhr, dann drehte sich der Texaner auf die andere Seite.

Das Angebot Kennedys, an seiner Seite für die Vizepräsidentschaft zu kandidieren, verlockte und verschreckte zugleich den in seinem Selbstbewußtsein hart getroffenen Johnson.

Einerseits: Amerikas zweiter Präsident, John Adams, hatte einst die Vizepräsidentschaft »das unwichtigste Amt« genannt, »das menschliche Erfindungskraft je geschaffen und menschliche Phantasie sich je vorzustellen vermocht haben«. Gewiß, Dick Nixon war gelungen, dem Amt neue Bedeutung zu geben, aber er hatte einen bequemlichen und kränkelnden Präsidenten gehabt - und Kennedy wollte allein regieren.

Andererseits: Nur die Vizepräsidentschaft, die um einen Herzschlag - den Herzschlag des Präsidenten - von der Macht entfernt ist, konnte Johnson die Möglichkeit bieten, zu einer nationalen Figur zu werden, die südstaatliche Herkunft zu verlieren und das Ziel seiner Wünsche zu erreichen: die Präsidentschaftskandidatur 1968.

Lyndon Baines Johnson nahm das Angebot Kennedys an. Er stürzte sich als getreuer Gefolgsmann Kennedys ("Sie sind der Boß") in den Wahlkampf, führte die Südstaaten sicher durch das Rennen und garantierte damit den Sieg des jungen Mannes aus Massachusetts.

Der Präsident revanchierte sich für diese Dienste und stattete seinen Vize mit manchen Vollmachten aus, die bisher kein Vorgänger, nicht einmal Nixon, genossen hatte: Johnson erhielt die Oberaufsicht über das amerikanische Weltraumprogramm, wurde mit der Bekämpfung rassischer Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt betraut und erhielt für Auslandsreisen das Recht, aus eigener Machtvollkommenheit mit fremden Regierungen zu verhandeln.

Als Senator war er nur zweimal ins Ausland gereist, jetzt flog er den Globus ab. Von Südvietnam bis nach Pakistan, von Westberlin bis nach Formosa - wann immer es der Auftrag des Präsidenten wollte, verließ der Vizepräsident das Land und besänftigte irritierte Verbündete.

Wenige Tage nach dem Bau der Ulbricht-Mauer klingelte im Washingtoner Haus des Sam Rayburn das Telephon. Der anwesende Vizepräsident wurde in ein separates Zimmer gebeten, am Telephon war John F. Kennedy. Er fragte kurz: »Lyndon, können Sie nach Berlin fahren?« 24 Stunden später reiste Johnson in die bedrängte Frontstadt ab.

»Ich habe die Seele einer Stadt gesehen und ein Volk, das sich der Eroberung niemals unterwerfen wird«, rief er Hunderttausenden erlöster Berliner zu. Bewegt streifte er seine goldene Armbanduhr ab und drückte sie Willy Brandt in die Hand: »Das ist bei uns in Texas so Sitte.«

Doch auf dem Heimflug harrte seiner eine bittere Enttäuschung. Als Johnson

- fortgerissen von der Dramatik seiner

Mission - den Präsidenten per Funk bat, ihn sofort in dessen privater Residenz in Hyannisport zur Berichterstattung zu empfangen, verweigerte ihm Kennedys Sekretariat die Landung. Verärgert flog Johnson nach Washington weiter.

Der kleine Zwischenfall offenbarte ihm, daß einige Männer im Kennedy -Stab darauf bedacht waren, den Vizepräsidenten Johnson nicht allzusehr ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu lassen.

Bobby Kennedy, der sich ebenfalls für 1968 Präsidentenhoffnungen macht, hörte nicht ungern, daß die Berufsdiplomaten immer wieder an den texanischen Umgangsformen des Weltreisenden Anstoß nahmen. Bei einem Indien-Besuch hatte Johnson indische Gefühle verletzt, als er seine Lady Bird öffentlich küßte, und in Pakistan den Kameltreiber Baschir Ahmad zum Schweineschlachten auf seine Farm eingeladen, ohne zu bedenken, daß den Moslems nichts widerwärtiger ist als der Anblick von Schweinefleisch.

Dem Formosa-Marschall Tschiang Kai-schek machte er mehr Versprechungen, als das State Department für nützlich hielt, und seinen niederländischen Gastgebern trat er durch die Verteilung von 5000 Kugelschreibern und Feuerzeugen zu nahe. Hollands »Volkskrant« erregte sich: »Dachte Vizepräsident Johnson, er müsse den Eingeborenen Perlenketten und Taschenspiegel schenken?«

Die Berufsdiplomaten stießen sich auch an den oft unvorsichtigen Formulierungen seiner Reden im Ausland. Als ihm ein Assistent den Text einer präparierten, vom US-Außenamt durchgesehenen Rede reichte, sagte er: »Gib mir nicht so was. Gib mir etwas, was sie von ihren Sitzen reißt, bereit, nach Wassereimern zu greifen und das Feuer der Hölle zu löschen.«

Johnson klagte seinem Präsidenten: »Manchmal kommt mir der Verdacht, daß mich diese Burschen vom State Department durch ein unsichtbares Monokel beobachten.«

Zu solcher Klage war um so mehr Anlaß, als Johnson wiederholt von wichtigen außenpolitischen Beratungen ausgeschaltet wurde. Die kubanische Schweinebucht-Tragödie rollte ohne ihn ab, an den Entscheidungen über die Lateinamerika-Politik konnte er sich erst nach einem Protest einschalten, und sein öffentlich bekannter Part in der kubanischen Raketenkrise vom Oktober 1962 beschränkte sich auf die Mitteilung der »New York Times«, er sei bei den Beratungen »auch anwesend« gewesen.

Mehr als solche Scharmützel in der Außenpolitik aber mußte dem einstigen Dompteur des Senats mißfallen, daß ihn die junge Mannschaft Kennedys nicht zu der Vorbereitung der innenpolitischen Gesetzesvorlagen heranzog. Johnson resignierte: »Ich gebe legislativen Rat nur, wenn ich danach gefragt werde.« Meistens wurde er nicht gefragt.

Er saß noch immer im Senat - Vizepräsidenten präsidieren der amerikanischen Staatenkammer -, aber seine frühere Macht war auf einen kläglichen Rest zusammengeschrumpft. Die ehemaligen Kollegen sahen nicht ohne Rührung, wie der hagere Mann im Zeremonienstuhl des US-Senats hockte und immer wieder die zu seiner Linken stehende Büste des Lincoln-Vize Andrew Johnson anstarrte.

In seinem Sessel auf der Rednerbühne des Senats sah Johnson den Zug der großen Reformvorlagen des Präsidenten an sich vorüberziehen, ein melancholischer, ein gespenstischer Reigen: Vom Krankenversicherungsgesetz (Medicare) bis zum Projekt eines Städtebauministeriums, von der Steuersenkungsvorlage bis zu Antidiskriminierungsgesetzen - keine der großen Ideen Kennedys fand die Billigung der Kongreßmehrheit.

Nach Johnsons Weggang als Senatsführer war die Partei wieder in zwei Teile - Liberale und Süddemokraten - zerfallen. Der farblose Nachfolger Johnsons, Mike Mansfield, konnte nicht verhindern, daß sich die demokratischen Heerlager gegenseitig befehdeten und ihre Sache mit Hilfe der gleichgesinnten Flügel der Republikanischen Partei vorantrieben.

Am Schicksal des Kennedy-Programms für die Gleichberechtigung der Neger ließ sich der Zerstörungskampf deutlich ablesen: Erst beschnitten die Südstaaten-Senatoren das Gesetz, dann formulierten die Nord-Liberalen ein radikaleres Programm, das der Gesetzesvorlage des Präsidenten vollends ein Ende zu machen drohte.

Da erinnerten sich endlich die jungen Männer im Weißen Haus an den einstigen Meister des Senats, der es früher immer geschafft hatte, Gesetze durchzubringen. Lyndon B. Johnson kehrte in die Innenpolitik zurück.

Nicht zuletzt seinem Einfluß war es zu verdanken, daß die Nord-Liberalen auf ihr extremes Programm verzichteten. Von nun an war Johnson entschlossen, sich nicht mehr von der Macht abdrängen zu lassen. Er gab seiner Intervention höchste Dringlichkeit: »Nicht unsere beiden Rassen stehen auf dem Spiel, sondern unsere Nation.«

Präsident Kennedy konnte wieder hoffen, das große Programm für den Rassenfrieden durchzusetzen - mit Hilfe Johnsons. Als Ende Oktober das Gerücht aufkam, Kennedy werde Johnson nicht ein zweites Mal als Vizepräsidenten wählen, dementierte der Präsident sofort. Zweimal hörte die Nation aus dem Munde John F. Kennedys: »Er ist unersetzlich. Er ist unersetzlich.«

Seit dem Mordmittag des 22. November 1963 wissen 180 Millionen Amerikaner, daß es prophetische Worte waren.

»Was John F. Kennedy uns vorlebte«, durfte Präsident Lyndon Baines Johnson am Mittwoch vergangener Woche seinen Landsleuten zurufen, »das wird uns durch seinen Tod zum Gebot: Amerika muß voranschreiten. Für die Amerikaner aller Rassen ist die Zeit gekommen, einander zu verstehen und einander zu achten.«

* Der in Virginia geborene Präsident Woodrow Wilson (1912 bis 1920) und der gebürtige Texaner Dwight D: Eisenhower (1952 bis 1960) spielten in der Politik Ihrer engeren Heimat keine Rolle. Die US-Historiographie erkennt sie daher nicht als echte Südstaatler an.

* Texas ist größer als Deutschland und Polen zusammen und umfaßt drei Zehntel des Gesamtgebietes der Vereinigten Staaten.

Kennedy-Nachfolger Johnson auf der Fahrt ins Weiße Haus: Vom amerikanischen Traum zur amerikanischen Wirklichkeit

Präsident Andrew Johnson (1865)

Als Rohling angeklagt

Johnson-Gattin Lady Bird (M.), Töchter Lucy Baines (l.), Linda Bird: Dreimal LBJ

Johnson-Ranch in Texas: 67 000 Dollar von der Gattin

Rancher Johnson, Besucher: Lob für deutsche Nachbarn

Texaner Johnson

»Heute wurde uns...

Demokrat Johnson

... ein Senator geboren«

Johnson-Mentor Rayburn: Für den Sieger aus dem Süden...

... einen Sonderzug vom Präsidenten: Johnson-Mentor Roosevelt, Johnson (1937)

Auf Hawaii 1961

In Indien 1961

In Pakistan 1961

Auf Jamaika 1963

In Finnland 1963

Küsse und Kugelschreiber

Johnson in Berlin nach dem Mauerbau: Ich habe die Seele...

... einer Stadt gesehen«

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